„Gebt ihnen Daten!“

Im Gespräch Der Medienprofessor Hasan Elahi informiert die US-Geheimdienste seit 10 Jahren über alles, was er tut. Kann man der NSA einen Schritt voraus sein?
Christine Käppeler | Ausgabe 33/2013 4
„Gebt ihnen Daten!“
Hasan Elahi ist oft mit dem Flugzeug unterwegs. Also fotografiert er für das FBI, was er dort isst
Fotos: Hasan Elahi/ tracking transience

Einige Monate nach dem 11. September 2001 wurde Hasan Elahi angezeigt. Jemand behauptete damals, er würde in einem angemieteten Lagerraum Sprengstoff horten. Elahi ist Medienprofessor und Künstler und häufig unterwegs. In dem Raum lagerte er Winterkleidung ein. Nachdem er ein halbes Jahr immer wieder befragt worden war, glaubte ihm das auch das FBI. Seither macht Elahi auf seiner Webseite Trackingtransience.net jeden seiner Schritte öffentlich.

Der Freitag: Guten Morgen, Herr Elahi. Seit einer halben Stunde steht ein neues Foto auf Ihrer Seite. Ich sehe durch ein breites Fenster auf eine karge Landschaft mit Autobahn, dahinter erstreckt sich ein blassblauer Himmel. Ist das der Blick aus Ihrem Büro?

Hasan Elahi: Das Foto habe ich direkt nach dem Aufwachen gemacht. Wenn Sie die Karte unter dem Bild auszoomen, sehen Sie, dass ich im Westen der USA bin. Nicht an der Küste, sondern in der Wüste, unweit eines Sees. Sie können daraus schließen, dass ich in Las Vegas bin. Wenn Sie ranzoomen, sehen Sie einen Pool, der wie ein großer Tintenklecks aussieht. Ich muss also in einem Hotel sein. Ich bin diese Woche im Urlaub.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von den Überwachungsprogrammen der NSA hörten?

Ich war überhaupt nicht überrascht. Ich sehe mir regelmäßig die Serverprotokolle meiner Webseite an und weiß, wann die CIA, die NSA und die Geschäftsstelle des Präsidenten vorbeischauen. Wenn ich also seit Jahren beobachten kann, wer mich beobachtet, wäre es doch naiv zu denken, sie wüssten nicht alles über mich. Weil es technisch so einfach ist, diese Daten zu bekommen. Eine Gegenfrage: Löschen Sie regelmäßig E-Mails?

Ehrlich gesagt, nein.

Warum sollten Sie auch? Wir können heute alle unsere Mails behalten: weil Speicherplatz so billig geworden ist. Wir verlagern unser Gedächtnis auf externe Geräte und haben so perfekte Voraussetzungen für geheimdienstliche Aktivitäten geschaffen.

Vor zwei Jahren haben Sie in der New York Times geschrieben: „Womöglich wahren wir unsere Privatsphäre am besten, indem wir sie aufgeben“. Glauben Sie das tatsächlich noch?

Wir werden in naher Zukunft unweigerlich mehr mit unseren Datenkörpern als mit unseren physischen Körpern interagieren. Die Frage ist doch: Von wem sollen diese Informationen stammen? Will ich, dass mir die NSA eines Tages alles über mich erzählt – oder erzähle ich lieber selbst der NSA alles über mich? Wenn wir uns gläsern machen, werden die Informationen der NSA wertlos.

Sie argumentierten damals: Wenn es Ihnen 300 Millionen Menschen gleichtäten, müssten die Nachrichtendienste komplett umgebaut werden. Mittlerweile wissen wir, dass XKeystore in 30 Tagen 42 Milliarden Datensätze speichern kann.

Mir ist inzwischen auch klar, dass mein Projekt rein symbolischer Natur ist. Natürlich können die Geheimdienste Milliarden und Abermilliarden Daten scannen. Aber wie finden sie heraus, in welcher Stadt die Toilette mit dem blauen Klodeckel stand? Sie benötigen einen Übersetzer, um zu verstehen, was ich mache. Die Daten können sie bewältigen, die kulturelle Barriere nicht. Ich will sie zu einem anderen kulturellen Verständnis zwingen. Es ist immer möglich, inner-halb des Systems auf das System zu reagieren. Denken Sie an Francisco de Goya. Er malte den königlichen Hof, nutzte seine düsteren Bilder aber auch, um Massaker anzuklagen.

Was schlagen Sie also vor?

Geben wir ihnen Daten! Und zwar Daten, die sie mühevoll interpretieren müssen.

Sie machen das jetzt seit über zehn Jahren. Hatten Sie nie das Bedürfnis abzutauchen, und keiner weiß, wo Sie sind?

Ich denke nicht einmal daran. Wenn ich irgendwohin fliege, aktualisiere ich nach der Landung als erstes meinen Standort. Für mich ist das wie E-Mails beantworten oder ans Telefon gehen. Ich mache es einfach. Das Lustige ist ja: Als ich 2002 dieses Projekt begann, dachten die Leute, ich sei verrückt. Warum, wurde ich gefragt, sollte jemand alle Welt wissen lassen, was er tut, jedes private Detail? Heute finden Sie allein auf Facebook eine Milliarde Menschen, die genau das tun.

Anders als die meisten Facebook-Nutzer veröffentlichen Sie auf trackingtransience.net keine Fotos von sich oder anderen Personen.

Genau das unterscheidet mich als Künstler vom durchschnittlichen Facebook- oder Twitter-User: Ich filtere und interpretiere meine Daten. Ich veröffentliche sie in anderer Form. Ich gebe Sie Ihnen nicht direkt. Stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen meine Antworten in Form eines Gedichtes vortragen. Sie hätten vermutlich Mühe, zu entziffern, was ich sagen will. Ähnlich verhält es sich mit meiner Webseite: Sie können nicht einfach abrufen, was ich am 5. August 2011 gemacht habe.

Beeinflusst die NSA-Enthüllung Ihre Arbeit?

Mich interessiert im Moment an der Speicherung von Daten die Frage, was sie für das Erstellen von Archiven bedeutet. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie nichts vergessen muss? Ich vergleiche das etwa mit dem Konzept der Trauer. Man kann Tage, Wochen oder Jahre trauern, aber es ist kein endloser Prozess. Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn sie nichts vergisst? Vergessen kann sehr wertvoll sein. Könnte ich mich jederzeit an alles erinnern, würde ich mich sehr abnormal benehmen. Vielleicht passiert genau das gerade mit unseren Regierungen.

Hasan Elahi , 41, ist Professor für Digitalkulturen an der Universität von Maryland. Einen detaillierten Einblick in sein Projekt Tracking Transience gibt sein TED-Talk von 2011: ted.com/talks/ hasan _elahi. Hasan Elahi wohnt bei Washington in der Nähe des NSA-Hauptquartiers

 

06:00 15.08.2013

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community