Christine Käppeler
Ausgabe 0616 | 13.02.2016 | 06:00 2

„Ich misstraue der Nyborg“

Interview Der Theaterregisseur Nicolas Stemann nimmt der TV-Serie „Borgen“ den Wohlfühlfilter weg und fragt: Was kostet die Macht?

Bis auf die Probebühne in Berlin-Reinickendorf mag Nicolas Stemann die Journalistin nicht mitnehmen. Aber im Glaskasten nebenan, in dem früher ein Werkspförtner gesessen haben muss, will er gern über seine Arbeit an und mit der dänischen TV-Serie sprechen, die Politik so packend machte. Und das, obwohl es bei Borgen um die Kunst der Moderation ging und nicht um dreckige Geschäfte wie in der anderen Erfolgspolitserie House of Cards.

der Freitag: Herr Stemann, „Borgen“ beginnt damit, dass sich die Politikerin Birgitte Nyborg im Wahlkampf vor laufender Kamera gegen den einwandererfeindlichen Kurs ihres Koalitionspartners ausspricht. Aktueller geht es sechs Jahre später nun kaum.

Nicolas Stemann: Das fand ich frappierend. Wir haben uns vor dem August 2015 entschieden, dieses Projekt zu machen, bevor Angela Merkel den Schwenk in der Flüchtlingspolitik gemacht hat. Warum Merkel auf einmal diese Nyborg’schen Züge kriegte, kann ich mir nicht erklären.

Birgitte Nyborg wird vom Wähler belohnt. Gegen jede Erwartung wird sie Premierministerin.

Die Absicht der Drehbuchautoren ist es, Demokratie auf eine Art zu zeigen, die ein positives Bild abgibt: Menschen können in die Politik gehen und müssen ihre moralische Integrität nicht abgeben. Alle Probleme, die es gibt – der Einfluss von Lobbys, Rechtspopulismus, Korruption, Affären –, werden verhandelt und innerhalb der Serie gelöst. Das wird nicht naiv gezeigt, die Dilemmata sind sehr stark. Aber die Figuren gehen immer wieder unbeschadet daraus hervor und letztlich das System auch. Das auf dem Theater zu durchleuchten, fand ich interessant.

Sie misstrauen dieser Erzählung?

Wenn man den Wohlfühlfernsehserienfilter wegnimmt – was auf dem Theater automatisch passiert, zumindest bei der Form von Theater, die nicht psychologisch-realistische Oberflächen abbildet, sondern Systeme und die Herstellung von Realität thematisiert –, dann fällt auf, dass diese Probleme eigentlich nicht so einfach zu lösen sind. Die Frauenquote kriegt Birgitte Nyborg nur durch, indem sie die Umweltauflagen aufweicht. Es gibt fast immer einen Hinweis darauf, was diese scheinbaren Lösungen kosten. Im Fernsehen kriegt man das nicht so mit. Da sind die sympathischen Schauspieler, nette Figuren, die schöne Musik.

Borgen

Die dänische TV-Serie wurde ab 2010 in drei Staffeln ausgestrahlt, in Deutschland mit dem Beititel Gefährliche Seilschaften. Im Zentrum steht Birgitte Nyborg von der fiktiven linksliberalen Partei Die Moderaten, die überraschend Premierministerin wird. Fürs Grobe ist ihr Spindoktor Kasper Juul zuständig, für die Kontrolle ihrer Arbeit die Journalisten von TV1 und Ekspress. Parallel versucht sie (vergeblich), Amt und Familie zu vereinbaren

Das alles streichen Sie brutal?

Nein, wir nutzen das natürlich auch. Aber wir zeigen, dass damit etwas gezeigt wird. Die Geschichte ist ja so intelligent, dass sie den Geschichtenerzähler – den Spindoktor der Premierministerin – mit reinschreibt. Das interessante ist, dass die Serie selbst auch einem Spin folgt. Mit dieser Story soll etwas verkauft werden. Wenn wir TV-Serien schauen, sehen wir Menschen zu, die versuchen, Geschichten zu verkaufen. Ähnlich wie Politiker oder Spindoktoren, die eine hochkomplexe, zersplitterte Welt wieder in die kohärente Erzählung einfangen müssen. Das ist das Thema der Serie, und die Serie selbst macht es auch.

Gemessen am Erfolg sind Serienautoren im Moment die überzeugenderen Spindoktoren.

Es ist ja kein Zufall, dass Politikserien zu einem Zeitpunkt so erfolgreich sind, da man das Vertrauen in die Politik verloren hat. Wir haben das postdemokratische Bild verinnerlicht, dass Politiker nicht wirklich Macht haben, keine Integrität haben, keine Visionen. Also guckt man diese Serien und freut sich daran, als wäre das ein Ersatz dafür, dass die Bedeutung der wirklichen Politik verlorengeht.

Seehofer droht Merkel mit dem Bundesverfassungsgericht, Frauke Petry eröffnet verbal das Feuer auf Flüchtlinge. Der Plot der Serie, in der wir leben, wirkt im Moment etwas überspannt.

Unsere Situation ist ja: Wir sind umgeben von einer Welt, die gerade durchdreht und kollabiert, und wir sitzen auf einer Probebühne und beschäftigen uns mit einer Fernsehserie. Das finde ich ein gutes Bild für Demokratie.

Als Fan der Serie denkt man natürlich stumpfer: Was würde Birgitte Nyborg tun?

Ich misstraue dieser Figur. Man müsste mal aufzählen: Was hat Birgitte Nyborg an guten Dingen politisch bewirkt und was Frank Underwood aus House of Cards? Ich glaube, seine Bilanz ist besser. Nyborg, die mit Inhalten und Idealen angetreten ist, schafft vermutlich mehr Böses als Underwood, der nur das Böse will. Wenn man die Serie sieht, denkt man, eine Birgitte Nyborg könnte die Welt retten. Aber wenn man genau hinguckt, muss man das bezweifeln.

Zur Person

Nicolas Stemann, 47, arbeitet seit vielen Jahren mit Elfriede Jelinek, zuletzt inszenierte er ihren Text Die Schutzbefohlenen, in dem es um die Situation der Geflüchteten geht. Am 14. Februar hat seine Inszenierung von Borgen an der Berliner Schaubühne Premiere

Foto: dpa

2006 haben Sie Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ inszeniert, das die beiden prominentesten RAF-Frauen mit Elisabeth I. und Maria Stuart kurzschließt. Könnte Ihr neues Stück nun auch „Birgitte Angela Merkel“ heißen?

Natürlich ist Angela Merkel nicht Birgitte Nyborg, aber das mal zu überblenden, ist interessant. Als ich Ulrike Maria Stuart inszeniert habe, war Merkel gerade an der Macht. Da habe ich noch zu Elfriede Jelinek gesagt: „schreib doch was über Angela Merkel und Ursula von der Leyen als Königinnendrama.“ Jelinek meinte, es müsse sich erst mal erweisen, ob das historische Figuren werden, das sei noch zu nah dran. Den Eindruck habe ich auch jetzt bei Angela Merkel. Sensibilisiert durch Politserien, wo das, was an die Öffentlichkeit dringt, nie die eigentliche Motivation ist, denkt man: Was verbirgt sich hinter dieser Politik?

Welchem Spin folgt Merkel?

Man versteht’s ja nicht. Wie ist ihr Spin in der Flüchtlingspolitik entstanden? Vielleicht ist sie pragmatisch, im August war die Stimmung pro Refugees, vielleicht will sie Schwarz-Grün vorbereiten. Vielleicht folgt sie den Interessen der Wirtschaft, für die offene europäische Grenzen Voraussetzung sind für den Export und die dringenden Bedarf an Fachkräften hat. Oder sie hofft, dass sie als die Gute mit dem Selfie als Bild bestehen bleibt, während sie im Schatten des Gegenwinds eine relativ restriktive Politik macht, die den Kosovo zum sicheren Drittland erklärt und nach Afghanistan abschieben lässt. Wir merken auch auf den Proben, wie schwer es ist, solche politischen Spins zu erkennen und zu zeigen – also in theatralische Vorgänge und Bilder zu überführen. Da sind wir froh, dass wir mit der Serie Material haben, das anders ist. Wenn man die melodramatische Erzählung wegnimmt, ist Borgen ja fast wie ein Stück von Jelinek, wo es immer um alles geht. In diesen 30 Folgen gibt es kein Thema, das nicht verhandelt wird.

Schwer vorstellbar, dass Birgitte Nyborg bei Jelinek eine Staffel unbeschadet überstanden hätte.

Vielleicht sollte sie mal eine Fernsehserie machen, in der die Figuren reden, wie man bei Jelinek redet. Sie hat ja auch schon Drehbücher geschrieben. Außerdem ist sie ein extremer Serienjunkie.

Milo Rau, der parallel an der Schaubühne „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ inszeniert, sagt von sich selbst, er sei Philosoph, Künstler, Kriegsreporter. Sie haben „Die Schutzbefohlenen“ mit Flüchtlingen inszeniert und treten auch mal bei einer Demo gegen die Asylpolitik als Redner auf. Wie würden Sie Ihr Tätigkeitsprofil beschreiben: Regisseur und Aktivist?

Na ja. Ich komme eigentlich von der Musik. Und bei allem inhaltlichen Interesse und bei allem Anliegen, mich politisch zu äußern, ist es mir am wichtigsten, eine bestimmte Sinnlichkeit und eine bestimmte theatralische Energie zu erzeugen. Gerade wenn man sich mit politischen Themen beschäftigt, wird das missverstanden.

Inwiefern?

Ein Theaterabend von mir lässt sich nicht auf eine einfache Message runterdimmen. Ich finde es wichtig, dass man sich seiner politischen Wahrnehmungen und Überzeugungen bewusst ist, aber im Theater geht es um eine andere Art von Erkenntnis. Natürlich geht es um Inhalte, aber die vermitteln sich in einem sehr komplexen Prozess – indem die Widersprüche zu einer Spannung geführt werden, der man sich nicht verschließen kann. Das ist aber ein sinnlicher Vorgang, kein rein rationaler. Gerade bei politisch drängenden Themen muss man aufpassen, nicht davon vereinnahmt zu werden, lediglich irgendeine Bedeutung vermitteln zu wollen oder zu sollen – am besten auf der schlichtesten semantischen Ebene, damit es bloß nicht riskant ist oder wehtut. Es gibt eine moralische Verantwortung, aber auch eine künstlerische.

Eine Million Dänen schaute „Borgen“, 2015 wählten trotzdem 21,1 Prozent die rechtspopulistische Dänische Volkspartei. Die Realität hat die Serie eingeholt.

Ich glaube, das läuft anders. Nicht über eine Aussage, eine Message oder eine Parole. Sondern über Sinnlichkeit und Bereiche in den Köpfen, die man öffnet. Man kann als Künstler Dinge zeigen, die es nicht gibt in der Welt. Es geht darum, Menschen überhaupt in die Lage zu bringen, für so etwas wie Utopien bereit zu sein.

Okay, und wie kommt man an die Köpfe ran?

Mit Energie und Musik. Das Theater, das mich interessiert, steht mit einem Bein im Rationalen und mit dem anderen im extrem Irrationalen. So wie Elfriede Jelinek das mit dem Schreiben macht. Die hat das rationale Zeichensystem der Sprache und verwendet es wie Musik. Dadurch sind Dinge schreib- und sagbar, von denen man vorher nicht dachte, dass es sie gibt. Das gefällt mir auch bei der Arbeit mit Borgen, auch wenn man ackern muss, damit man sich der extrem logischen Narration der Serie nicht ergibt. Mir gefällt es, mit Themen, die uns ständig als harte Fakten begegnen, fast surrealistisch zu werden und das in eine Ordnung zu bringen, die eine völlig andere ist, als eine Zeitung das kann.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/16.

Kommentare (2)

Columbus 16.02.2016 | 01:57

Sehr erfrischendes Gespräch zur theatralischen "Hardcore"- Varianten der dänischen Serie "Borgen", Frau Käppeler, Herr Stemann,

das ist ganz im Sinne von Elfriede Jelinek, die uns regelmäßig auf unsere Wolkenheime hinweisen will.

Das Theater darf mehr, als die dänische Serie, die ja auch süchtig machende Unterhaltung bieten sollte, um auf einem internationalen Serienmarkt verkäuflich zu sein. Das hat ja z.B. bei uns und in GB gut funktioniert.

Tatsächlich sind auch im Original alle Figuren doppelbödig. Die Nyborg macht viele Kompromisse, nicht nur innerhalb des politischen Schachers, sondern auch im Konflikt mit den Menschen ihres Privatlebens. Am Chefredakteur des dänischen Hauptsenders klebt sein schneller Wechsel von schleimiger Anpassung und dann trotzdem auch wieder Phasen des journalistischen Mutes, wie ein Selbstbekenntnis. An Nyborgs Berater, seine Sucht, selbst Politik zu machen und eben auch seine Doppelverbindung in die Medien hinein, privat und offiziell. Der höchste Beamte im MinisterpräsidentInnen- Amt, kämpft mit seiner Loyalität und Professionalität, angesichts der schnellen Wechsel der Regierungen une Koalitionen. Es gibt das Boulevardblatt, dessen Chef und Eigner selbst Politik machen will. Es gibt die riesige Illoyalität in den Parteien, wenn es um Posten und Wahlchancen geht, usw. Es gibt aber keine wirklich durchgehaltene Agenda Nyborgs, vielleicht mit der Ausnahme, als Frau die Politik anzuführen und zu betreiben. Daher auch dieses Pathos in ihrer großen Staatsrede.

An Borgen ist sympathisch, dass Nyborg, als kleineres Übel liebenswert bleibt, Identifkation ermöglicht. Man muss sich da nicht, wie bei Underwood, irgendwie mit dem Bösen identifizieren.

Das gelingt außer bei ihr, vielleicht noch bei der jungen, investigativen Journalistin, die zur Wahlhelferin und Beraterin Nyborgs wird, was ihr nicht gut bekommt.

Dieses ewige Nichts an wirklicher, realpolitischer Veränderung, eine sehr intelligente Beobachtung, ist geradezu ein Zeichen der letzten 10-12 Jahre Realpolitik, europaweit.

Das liefert einen der Subtexte in Borgen, ohne gleich Zuschauer abzuschrecken, die meist apolitisch sind und sich darin sogar gefallen.

Zum Beispiel prägt das auch die regelmäßigen privaten und politischen Erschöpfungzustände der Protagonisten. Die wirken fast alle psychosomatisch angeknackst. Immer am Rand einer psychischen Krise, rauschen sie durch die Folgen.

Ich kann ja nur hoffen, die Schauspieler auf der Bühne schaffen eine solche Verdichtung ebenfalls. Der Film kann nachträglich noch zusammengeschnitten werden, auf der Bühne gibt es nur den Moment.

Nur weiter

Christoph Leusch

Richard Zietz 24.02.2016 | 10:47

Interessante Inszenierung, interessanter Ansatz. Den Wohlfühlfaktor, den Borgen mit transportiert, kann man selbst als Serienjunkie nicht leugnen. Ebenso wenig die bescheidenen Antworten im Hinblick auf das, was die fiktive Figur Brigitte Nyborg »erreicht« hat. Insofern ist die Serie natürlich eine »Lüge«, ein Spin, eine Art Schönwetterversion der Realität.

Ungeachtet dessen möchte ich zumindest den Versuch wagen, den fortschrittlichen, positiven Impetus der Serie zu retten. Meines Erachtens resultieren Haltungen (oder auch: die Motivation für eigenes politisches Engagement) weniger aus dem Faktor »möglichst lückenlose, desillusionierte Aufklärung über ›die‹ Realität«. Menschen benötigen einen Ansatzpunkt. Mißstände – oder wesentliche, essentielle Defizite – sind todsicher Ansatzpunkte. Damit das Ganze in Engagement umschlägt, muß allerdings etwas Positives hinzutreten – eine Vision, ein Beispiel. In der Geschichte gibt es einige dieser Beispiele: King und Gandhi beispielsweise; in gewisser Weise auch Che Guevara.

Sicher funktioniert die Figur Brigitte Nyborg ebenfalls auf dieser Beispielebene. Wichtiger jedoch ist, dass die Serie unterm Strich vermittelt, dass sich Engagement durchaus lohnt, dass Verhandlungs-Spielräume bestehen. In dem Sinn ist die Message von Borgen (der Serie) eine höchst demokratische: Es ist wichtig, dass du dich einmischst. Und du kannst was verändern – auch wenn du nicht immer das kriegst, was du dir ursprünglich erhofft hast. Pars pro toto: Wenn man sich im Vergleich ansieht, wie die Öffentlich-Rechtlichen hierzulande die Problematik aufgegriffen haben, liegt Borgen weit jenseits der Mauer – zwar nicht beim Brecht’schen Agitprop, aber – immerhin – nah an der Botschaft von Willy Brandt, das Einmischen sich lohnt.

Was weiter gehende Avantgarde-Varianten auf hauptstädtischen Theaterbühnen natürlich nicht von ihrer Dekonstruktions-Arbeit abhalten sollte. Goutieren werden dies allerdings vor allem die, welche die kritische Sicht des Regisseurs sowieso bereits weitgehend teilen.