Männer sind so berechenbar

Kunstmarkt Die Webseite Art Rank behandelt Künstler wie DAX-Konzerne. Der Argentinier Carlos Rivera hat dafür einen Algorithmus entwickelt
Christine Käppeler | Ausgabe 48/2014 9
Männer sind so berechenbar
Früher handelte Carlos Rivera (27) erfolgreich mit Fahrrädern
Foto: Presse

Eine Geschichte, die Carlos Rivera gern erzählt, geht so: Als Schüler interessierte er sich für den Radsport. Sein Traum war ein 5.000-Dollar-Mountainbike, stattdessen musste er mit einem 250-Dollar-Teil durch den Matsch brettern. Auf Ebay fiel ihm auf, wie sehr die Preise für Mountainbikes saisonal schwanken. Er bekniete seinen Vater, bis der ihm 10.000 Dollar lieh. Rivera startete mit dem Kauf und Verkauf von Rädern sein erstes gewinnbringendes Geschäft. „So ein Typ war ich schon immer“, sagt der heute 27-Jährige, der in Los Angeles lebt, stolz. Seine jüngste Geschäftsidee finden nicht alle so gut wie er. Seit Februar betreibt Rivera die Webseite artrank.com. Viele hielten sie anfangs für eine Parodie auf den Kunstmarkt. Ursprünglich trug die Seite den Namen SellYouLater.

Auf Art Rank werden vierteljährlich jeweils zehn Künstler in den Kategorien „Jetzt kaufen (<10.000, <30.000 oder <100.0000 Dollar)“, „Early Blue Chip“, „Jetzt verkaufen“ und „Liquidieren“ gelistet. Die Bewertung nimmt ein Algorithmus vor, den Rivera 2012 für einen Kunstfonds im Auftrag eines Investors entwickelt hat. Ihm zufolge hat dieser Fonds innerhalb von 16 Monaten 4.200 Prozent Rendite erbracht. Der Algorithmus orientiert sich daran, wie präsent der Künstler ist und welche Galerie ihn vertritt, an seinen Auktionsresultaten, der Marktsättigung und an einem Kriterium, das Rivera Social Mapping nennt: Wie präsent ist der Künstler zum Beispiel bei Instagram, und vor allem: Wer postet dort Fotos seiner Werke?

Was Art Rank so interessant macht, ist, dass es selten offenherzige Einblicke in eine dunkle Seite des Kunstmarkts gewährt. Denn Kunstspekulation, sogenanntes Art Flipping, ist ein peinliches Thema. Kaum jemand bekennt sich offen dazu. Wer in Kunst investiert, der will nicht nur Renditen einfahren, sondern auch kulturelles Kapital.

Carlos Riveras Anspruch ist derselbe, er will einer von den Guten sein. Ihm sei bewusst, sagt er, dass es unter seinen Abonnenten schwarze Schafe gebe, die nur spekulieren wollten: „Und es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte.“ Durch Art Rank trauten sich jedoch auch junge, unerfahrene Käufer in die Galerien, die sonst ihr Geld in die Auktionshäuser tragen würden, wo die Künstler davon nichts sehen. Spekulation finde ohnehin statt, aber dank Art Rank könnten Künstler von ihr profitieren, davon ist Rivera überzeugt.

Was ist computational?

Die Frage ist nur, welche Form von Kunst so gefördert wird. Auf Carlos Riveras Listen stehen überwiegend junge Männer, die für abstrakte Malerei bekannt sind. Für Werke also, die sich schnell und in Serie produzieren lassen. Ein Programmierer, ein Finanzexperte und ein Datenanalyst arbeiten für Carlos Rivera. Ihr Algorithmus, räumt er ein, sei noch nicht perfekt. Eine junge, talentierte Künstlerin wie Katja Novitskova, sagt er, tauche auf seiner Liste nur deshalb nicht auf, weil sie von prominenten Marktmachern auf Instagram nicht getaggt werde. „Not computational“ – nicht zu berechnen – bedeutet das für ihn.

Amadeo Kraupa-Tuskany, dessen Berliner Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler die Künstlerin vertritt, ist froh, dass Katja Novitskova auf Art Rank nicht erscheint. Kunst, sagt er, sei komplex und unberechenbar, das mache sie und den Kunstmarkt erst spannend. Leute wie Rivera schafften einen ganz anderen Markt. „Viele, die wie Rivera in Kunst investieren, haben im Zweifel viel Geld auf dem Finanzmarkt verdient, der sich als stark manipulierbar erwiesen hat. Jetzt ziehen sie mit der gleichen Ideologie weiter auf den Kunstmarkt und schauen, wie sie hier mit ihrem Werkzeug agieren können. Und als erstes programmieren sie dann einen vermeintlich objektiven Algorithmus.“

Was so ein Algorithmus nicht sieht: Ob Kunst ihrer Zeit voraus ist, ob sie vielleicht erst in zehn oder hundert Jahren interessant ist. Eine Galerie wie die seine, sagt Kraupa-Tuskany, verfolge deshalb einen ganz anderen Ansatz, nämlich Künstler in einem differenzierteren Wertesystem zu verorten. Dort zählten Ausstellungen, Artikel in der Fachpresse und natürlich der Markt, „aber in diesem Dreiklang“.

Der heilige Pool

Am 28. November – eine Woche, bevor die Kunstmesse Art Basel Miami Beach eröffnet – wird der vierte Quartalsbericht auf artrank.com erscheinen. Zehn Abonnenten, die 3.500 Dollar bezahlt haben, erhalten die Listen 15 Tage vor den anderen, sowie exklusiven Zugriff auf ausgewählte Werke aus der Kategorie „Jetzt kaufen!“.

Carlos Rivera denkt auf seine Art in die Zukunft: „Wenn ich 20 Bilder von Ethan Cook zu einer Auktion einreiche, heißt das, ich halte sein Potenzial für ausgeschöpft. Es ist schlecht, wenn jeder das weiß.“ Ihm schwebt deshalb ein Marktplatz vor, auf dem Sammler direkt an Sammler verkaufen können: „Dark Pools sind das nächste große Ding. Der heilige Gral, hinter dem jetzt alle her sind.“

„Dark Pools“ sind Plattformen, auf denen Finanzprodukte anonym gehandelt werden können. Sie sind für Akteure attraktiv, die große Wertpapiermengen abstoßen wollen, ohne dass sich dies auf den Kurs der Aktie auswirkt. Auswirkungen auf die Entwicklung von Künstlern sind da allerdings nicht einkalkuliert.

06:00 27.11.2014

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