So viel Woodstock war nie

UMZUG Die Berliner Szene entfaltet sich abseits von "Tacheles" und "Kunstwerke"

Wer sich heutzutage der großen "rave-o-lotion" zugehörig fühlt, die nichts anderes ist als die auseinandergetanzte politische Besserwisserei, der pflegt seine Neigungen in Richtung eines in alle Himmelsrichtungen auslappenden Cross over. Keine Berliner Kunstausstellung ohne Megaparty, kein Laufsteg ohne technoide Elementargewalt oder zumindest ein Begeisterungsgeschoss massenkompatiblen Drum Bass. Der Teen Spirit hat Künstler, DJs, Musiker, Designer, Medienapostel, sogar Philosophen und natürlich das Techno-Business auf bisher unbekannte Weise beflügelt. Mit dröhnendem Pathos künden bereits ordentliche Universitätsprofessoren, Typ Norbert Bolz, von "Exzess und Ekstase" sowie von "Religion in der postmodernen Welt".

Wer zur "Situationistischen Transglobale" gehören will, wie sie der Aktivist Theo Altenberg beschreibt, der macht sich in den 90er Jahren auf die Suche nach den richtigen Mischungsverhältnisse zwischen "Formen der Liebe, Sexualkultur, Drehbüchern, Fotografie, Video, möglichen neuen sozialen Utopien auf dem Dancefloor-Planeten, Malerei, Demokratieforschung, Sprach- und Austauschanalysen, elektronischer Musik, Tanz, Partys und last but not least die Nacht-Kultur-Revolution Techno". So viel Woodstock war nie.

Allerdings, die Revolution, von der die 68er-Barden sangen, scheint absorbiert. Eingekehrt ist ein ekstatischer Frieden, der die Kontrollgesellschaft elektronisch bekränzt. Das Schwerefeld der Realität wird schwerelos inszeniert mit einem "Der-Move-sind-wir-Bekenntnis". Aus der Rock-Culture wurde eine Club-Culture, in der die Partysanen und Tanzakrobaten den Ton angeben. Das ist heute Berlins offenes Geheimnis. Das Aufregendste an dieser Stadt ist freilich die Schnelligkeit, mit der ihre Subkultur eine permanente Umwertung der Werte vollzieht. Ihr Kapital sind die wie Pilze aus dem Boden sprießenden seltsamen Produktionsformen, rastlosen Abseitsbewegungen und ein allseits ironisches Spezialtraining in Sachen Kunst. Ein wieder (oder noch immer?) verbreiteter Kollektivismus mit beeindruckenden formalen Produkt-Konstanten (und einer Flut von Fanzines, CDs, Multiples und Flyern) macht von sich reden. Das Kunsthaus TACHELES (das vorwiegend Heimatpflege betreibt) und der Verein KUNSTWERKE (der mittlerweile auf dem Grillspieß der Global Players steckt) haben ihren Vorbildcharakter weitgehend eingebüßt.

Das freche Querdenken entwickelte stattdessen neue Stimmen Da gibt es z.B. das von Rüdiger Lange initiierte Konzept des "Loop"-Raums in der Schlegelstraße 26/27. Im gleichen Haus befinden sich außerdem die Basis der Audionauten von "convex tv." und die "Parabolica Spaces". Wenn es eine Verbindungslinie zwischen diesen ambitionierten Projekten gibt, dann die, dass sie alle nicht zu den nobel auftrumpfenden Dabeiseiern in New Berlin gehören. Ihre Minimalismus-Ambitionen, ihre Technik- und Netzkritik und ihre kuratorische Gelassenheit betreiben einen Skeptizismus, der gerade deshalb Farbtupfer in der Diskussion setzt.

Als jüngstes Beispiel dieser Haltung kann das Ausstellungskonzept "they came by taxi" der Kuratorinnen Diana Baldon und Annemarie Reichen gelten, das in den "Parabolica Spaces" eingerichtet wurde und noch bis 23.10. zu besichtigen ist. Dort, wo es mit Werken von Fabrice Gygi, Uwe Schwarzer, Markus Müller, Klaus Weber und Edit Oderbolz streng ortsspezifisch eingerichtet wurde, überhöht es das holzverbretterte VEB-Kantinen-Gefühl und ironisiert es gleichzeitig. Ein Skulptur-Konzept, das mit bescheidenen Materialien, wie Pappe und Holzlatten, spezifische soziale und historische Bezüge deutlich macht und sich nicht mit plüschigem Spaß-Aspekt in Richtung Hedonismus, den sich ja doch keiner mehr leisten kann, verkrümelt, macht neugierig. So wie Fabrice Gygi Sportbegeisterung und kriminelle Energie bildhaft verknüpft, steckt hinter dieser Haltung eine coole Gespreiztheit, die aber zumindest einem Alptraum näher ist als dem Vergeudungs-Pop der Ballermann-Kultur. In Olaf Breunings großen Farbfotos, die die Jugend der 90er Jahre als hingerichtete Heilige in Designer-Schlafsäcken porträtiert, schwingt der Spaß am PULP FICTION-Syndrom mit, welcher sich so leicht mit Ratlosigkeit paart. Leidenschaft, Scheitern und Kitsch überlappen sich in einer die Highlights verweigernden Show, in deren zentralem Dunkelraum ein Homevideo-Fundstück von Christoph Büchel die ganze Trostlosigkeit ewiger, Papphütchen-bewehrter Silvester-Stimmung decouvriert.

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