Ausgehen mit Majakowski

Kehrseite 2 Der neue Ort heißt Black Box. In vier Bildschirmen über der Bartheke siehst du jeden Gast vorbeiflimmern. Du hast immer gedacht, neue Orte entstehen ...

Der neue Ort heißt Black Box. In vier Bildschirmen über der Bartheke siehst du jeden Gast vorbeiflimmern. Du hast immer gedacht, neue Orte entstehen am Rand. Aber wo soll der Rand sein, wenn die Stadt aus lauter Mitten besteht. Eine gigantische Amöbe, denkst du, während hinter dir zwei Gäste sich nicht entscheiden können, ob die helle Holzverkleidung eher auf Japan oder auf Finnland anspielt. Die beiden sitzen in einer Nische mit Vierertisch und haben noch nicht mal bemerkt, dass die Kamera über ihren Köpfen ein Bild von ihnen in den Raum zurückwirft: Alle für einen und jeder für sich. Aus den Lautsprechern ein hintergründiges Knistern.

Kaum hast du dich an dein Spiegelbild in den getönten Scheiben gewöhnt, ruft Majakowski an. Du möchtest wissen, wo er ist. Während er dir beschreibt, wie er an einem gedeckten Tisch im Hotel Europa sitzt und eben einen Sekt und einen serbischen Salat bestellt hat, hast du das Gefühl, durch ein Wurmloch zu fallen. Seltsam, meint er, dass ihn die schwarzrote Uniform des Kellners an Stalin erinnere. Du schweigst, denn du glaubst zu wissen, dass das neoklassizistische Gebäude, in dem das Hotel Europa untergebracht war, vor sieben Jahren weggebombt wurde.

Na ja, erwidert er, die schweren Vorhänge erlaubten keinen Blick nach draussen, so dass die Tageszeit nicht zu erraten sei, die Flecken und Krümel auf dem weißen Tischtuch zeugten von fröhlich durchzechten Nächten, von gemütlichen Revolutionen und dem Leben danach, und neben ihm säßen zwei Männer, die den Zigarettenrauch durch die Nase ausstoßen und deren Handgelenke mit falschen Rolex bestückt sind.

Als Majakowski verlangt, dass du ihm das Black Box beschreibst, zögerst du und fragst, ob er noch immer an das schöne Leben glaube.

Daniel Goetsch ist 1968 in Zürich geboren. Von ihm erschienen die Romane Aspartam (1999) und X (2004). Seit 1999 arbeitet er auch fürs Theater u.a. Mir, (Zürich, 2001), Kurzwelle, (Hamburg, 2002), Ammen, (Heidelberg, 2003)


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