08/15

A–Z Überhaupt nicht mehr aufzufallen ist derzeit angesagt – zurück zur uralten philosophischen Idee vom rechten Mittelmaß. Aber woher kommt der Begriff 08/15 eigentlich?
Redaktion | Ausgabe 33/2015

A

Ausgleich Wird heute in den Sozialwissenschaften von Normalisierung gesprochen, ist zumeist repressive Gleichmacherei gemeint. Bis ins späte Mittelalter firmierte das buchstäbliche Mittelmaß indes als Leitidee philosophischer Klugheitslehren und physiologischer Wohlfühlkonzepte. Wer biografische Ruhe bewahrte und körperlich ausgependelt war, dem konnte eine gottgefällige Existenz attestiert werden. In der antiken Humoralpathologie, allen voran bei Galens Vier-Säfte-Lehre, stand die sorgsame Austarierung der liquiden Lebenskräfte, die sogenannte Eukrasie, im Mittelpunkt leiblicher Lebensweisheit. Brachte man schwarze Galle, rote Galle, Blut und Schleim in einen mediokren Mix, stellte sich die richtige Juice-Life-Balance ein. Im Morgengrauen der Moderne entstand der Verdacht, dass solche Apologien des Durchschnitts fehlgehen. Wobei: In den Bars von Berlin, London und Amsterdam trinken Gesundheitsbewusste heute Smoothies aus Sellerie, Schnittlauch und Schwarzwurzel. Nils Markwardt

B

Billy Es sind diese fünf Buchstaben, die 08/15 im besten Sinne repräsentieren. Denn das gleichnamige Regalsystem von Ikea – generell ja so etwas wie der Zulieferer für Normzimmer – steht gefühlt in jeder zweiten deutschen Wohnung. Seit mehr als 35 Jahren werden die einfach schraubbaren Regale verkauft. Zum 30-jährigen Jubiläum hatte Ikea über 41 Millionen Regale ausgeliefert. So schlicht und unauffällig sowie immer erweiterbar fügen sie sich in jeden Raum, egal ob Büro, Schlaf- oder Wohnzimmer. Kriminal- und Groschenromane (➝ Plot), Marx-Engels-Gesamtausgaben in Studentenbutzen, Comics in Kinderzimmern oder in Feuilletons besprochene zeitgenössische Literatur – alles passt ins 08/15-Regal. Doch selbst wer nach Differenz sucht, kann bei Ikea einkaufen gehen. Frei nach dem Kabarettisten Rainald Grebe: „Respekt verdienen Menschen, die bei Ikea einkaufen / Ohne dass es nachher nach Ikea aussieht.“ Benjamin Knödler

H

Haßloch Die 20.000 Einwohner dieser Stadt sind so durchschnittlich, dass die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung 1986 entschied, hier einen Testmarkt zu eröffnen. Wer in Deutschland ein neues Produkt einführen will, der stellt es seither im pfälzischen Haßloch in die Supermarktregale. Es gibt eigene Werbespots, die nur im Ort zu sehen sind, Kabelfernsehen ist dafür umsonst.

Was den Haßlochern schmeckt und womit sie ihre Nasen putzen, das landet bundesweit in den Läden. Noch bevor der erste Hipster in Neukölln eine neue Retro-Fanta entkorkt, haben die Haßlocher sie schon kistenweise getrunken. Zu Recht fühlt sich der Ort als Konsum-Avantgarde. Viele Produkte, die hier ihre Premiere hatten, sind heute allerdings schon wieder 08/15: Der Weichspüler Lenor zum Beispiel, oder auch die Damenbinde Always. Dass es die Vanille-Cola über die Ortsgrenze schaffte, kann hingegen nur ein Aprilscherz der Haßlocher gewesen sein, der dem Kollektiv große Härten abverlangt haben muss. Christine Käppeler

K

Kamerun Mit Längen- und Breitengraden, den sogenannten geografischen Koordinaten, lassen sich Punkte auf der Erde bestimmen. Es gibt 180 Breitengrade und 360 Längengrade. 08/15 führt direkt in den Nordosten Kameruns. Und anders, als es diese Koordinate vermuten lässt, repräsentiert Kamerun alles andere als Langeweile und Durchschnitt. Dieses abwechslungsreiche Land wird aufgrund seiner unterschiedlichen Landschaftsformen sogar häufig als „Afrika in Miniatur“ bezeichnet. Von Savanne über Regenwald bis Gebirgsregion – Kamerun bietet den Lebensraum für mehr als 280 unterschiedliche Säugetiere und mehr als 900 Vogelarten. Und das Land ist auch auf kultureller Ebene äußerst vielfältig. So gibt es dort mehr als 286 Volks- und Sprachgruppen. Schade, dass dieser Ort durch Unruhen und Anschläge in den vergangenen Jahren zu einem Ort der Brutalität und Kriminalität geworden ist. Erst Anfang August haben Mitglieder der Terrormiliz Boko Haram im Norden Kameruns wieder Menschen verschleppt und getötet. Madeleine Richter

M

Magische Zahlen Die 08/15 symbolisiert nicht nur Mittelmäßigkeit, sondern auch Magie. Programmierer und andere Nerds, die ja eigentlich nicht als durchschnittlich gelten, ordnen jener Kombination gelegentlich magische Kräfte zu. Magische Zahlen können bei der Software-Entwicklung verschiedene Aufgaben übernehmen. Eine davon ist, Auffälligkeiten in der Programmierung zu kennzeichnen. Das können Bereiche einer Applikation sein, die eigentlich überhaupt nicht beschrieben werden dürften. Manchmal bekommen auch bestimmte Fehler, die nicht auftreten sollten, eine magische Zahl zugewiesen. So ist für die Programmierer das Auftreten eines mit dieser Zahl bezeichneten Fehlers leichter zu erkennen.

Meist wird dabei das Hexadezimalsystem verwendet, doch manchmal reichen auch Dezimalzahlen aus – wenn Programmierer ihre Probleme allgemeinverständlicher formulieren. (Nur zur Erinnerung: Man multipliziert die einzelnen Ziffern mit der jeweiligen Potenz der Basis, zum Beispiel [4FE]16 = [1278]10.) Und hier kommt die 08/15 ins Spiel. Die Kombination fungiert als Code für eine exakt bestimmte, kompliziertere Zahl, der Wert 08/15 an sich hat in diesem Fall keine Bedeutung. Benjamin Knödler

Maschinengewehr Der Begriff 08/15 leitet sich vom Namen eines Maschinengewehrs der Typenbezeichnung MG 08/15 ab, das ab dem Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Dafür, dass 08/15 heute für Mittelmaß und Durchschnitt (➝ Ausgleich) steht, gibt es zwei Thesen: einerseits die Langeweile durch die eintönige Trainingsroutine, die die Soldaten mit der Waffe absolvieren mussten, andererseits die mäßige Materialqualität des Gewehrs. In den Volksmund schaffte es der Begriff 08/15 aber erst, als 1954 die gleichnamige Romantrilogie des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers Hans Hellmut Kirst erschien. Die harten Antikriegsromane waren weniger eine Anklage gegen den Nationalsozialismus als eine gegen den Krieg im Allgemeinen, die Antagonisten sind keine Nazis, sondern gewöhnliche Soldaten, und die Hauptfigur, der Gefreite Asch, ist eine Art Schwejk des Nachkriegsdeutschlands.

Zeitgleich mit der Publikation von 08/15 wurde die von Konrad Adenauer vorangetriebene Wiederbewaffnung Deutschlands kontrovers diskutiert und die Trilogie zum Symbol für den Widerstand gegen die Rüstungspläne. Der damalige Bundesminister für besondere Aufgaben, Franz Josef Strauß, rief sogar zum Boykott des Buchs auf. Doch obwohl viele Buchhändler seinem Aufruf folgten, stand es oben in den Bestsellerlisten, und die Verfilmung folgte: Mit Mario Adorf und Joachim Fuchsberger wurde 08/15 endgültig Mainstream. Seltsam, dass ein Begriff, der von der Realität des Kriegs und Antikriegsbewegungen geprägt ist, heute so unpolitisch gebraucht wird. Sophia Hoffmann

N

Normcore Cool waren die, die sich vom Mainstream abhoben, individuell, ja einzigartig musste man sein. Mode, Musikgeschmack und Komponenten wie der Lieblingsdrink sollten sich von dem unterscheiden, was Otto Normalkonsument – oder schlimmer noch: die eigenen Eltern – gut fand. Doch was machen junge Menschen, wenn sich das Trendrad, enorm beschleunigt im digitalen Zeitalter, immer schneller dreht? Wenn alle coolen Accessoires schon gleich nach ihrem Erscheinen in den High-Street-Shops dieser Erde zu kaufen sind? Sie gehen in die Opposition – und schwimmen mit dem Strom. Sie erheben das, was gewöhnlich und durchschnittlich erscheint, zum neuen Kodex. Hollywood-Stars im Jogginghosenlook, Studentinnen, die gekleidet sind wie ihre eigenen Großmütter, oder Nerds mit altväterlichen Aktentaschen (Magische Zahlen) gelten als Vertreter des Normcore. Diesen Begriff, ein Hybrid aus „Normal“ und „Hardcore“, hat die New Yorker Agentur K-Hole erfunden, die sich als Marketing-, Trendforschungs- und Kreativwerkstatt definiert. „Man entledigt sich des Drucks, immer etwas Besonderes sein zu müssen“, erklärt K-Hole-Gründerin Emily Segal das Phänomen. Sophia Hoffmann

P

Plot Wir wollen alle unterhalten werden. Bücher, Filme, Fernsehserien oder Theater – das 08/15-Schema greift naturgemäß auf die immer gleichen, bewährten Mittel zurück. Hässliches Entlein trifft Traumprinz. Was sich liebt, das neckt sich. Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Groschenromane verwenden diese Rezepturen genauso wie öffentlich-rechtliche Fernsehfilme oder große Kinoromanzen.

Ist es das beruhigende Gefühl des Konsumenten, schon vorher zu wissen, wie es ausgeht, die Zuverlässigkeit des „normalen“ Verlaufs, die diese Plots so erfolgreich machen? Kürzlich ging die Nachricht durchs Internet, dass die Handlungsverläufe, Spannungsbögen und Actionsequenzen von Hollywood-Blockbustern sich fast minütlich angleichen. Natürlich werden diese von Drehbuchautoren gemacht, die alle mit den gleichen Handbüchern arbeiten. Aber am Ende des Tages sind es auch die Zuschauer, die mitentscheiden, sie könnten ja auch abschalten. Oder etwa doch nicht? Anti-08/15-Plots sind in den vergangenen Jahren eine Art ➝ Normcore geworden. Man muss sich nur die US-amerikanischen Serien Breaking Bad, Game of Thrones oder Better Call Saul anschauen. Sophia Hoffmann

T

Thomas Müller Er ist nicht nur Torjäger beim FC Bayern München, sondern auch statistischer Spitzenreiter. Keinen Vor- und Nachnamen gibt es öfter in Deutschland. Unter dem Titel Wer ist Thomas Müller? machte sich der Regisseur Christian Heynen denn auch jüngst für eine Reportage auf die Spurensuche nach dem typischen Teutonen. Für die Koproduktion von WDR und MDR durchforstete er das Statistische Bundesamt und entwarf ein Profil des männlichen Durchschnittsdeutschen: Dieser ist 1,78 Meter groß, 83,4 Kilo schwer und 43 Jahre alt. Er arbeitet 41,9 Stunden pro Woche, trinkt zwei Gläser Bier am Tag, hat jeden dritten Tag Sex und besitzt 21 Hemden. Bereits 2013 hatte Olli Dittrich genau diese Max-Mustermann-Existenz in dem Film König von Deutschland in Szene gesetzt. In seiner Rolle als „Thomas Müller“, der aus „Normsen“ stammt und das Nummernschild „NO-RM 0815“ besitzt, gibt er den braven Normalo. Aber nur bis zu jenem Punkt, wo er von einem Marktforschungsinstitut missbraucht wird, um für die Wahlkampagne eines Politikers die Meinungen und Wünsche der Deutschen in Echtzeit zu liefern. Die Kanzlerin würde das wohl nicht beeindrucken. Die regiert ja bekanntlich mit „Bauchgefühl“. Nils Markwardt

Z

Zeremonie Bringen Schnapszahlen Glück? Oder verstärken sie die Angst, schon vor der Ehe den Hochzeitstag zu vergessen? Viele Paare melden sich ewig vorher an, um an Terminen wie dem 9. 9. 99 oder dem 08. 08. 08 zu heiraten. Selbst wenn eine simple Zahlenkombination der wahren Bedeutung einer solchen Zeremonie wohl kaum gerecht wird: Dieses Jahr waren die deutschen Standesämter überfordert, weil alle den August 2015 wollten. Auf Twitter explodierte der Hashtag #08/15-Hochzeit, in Berlin wurden „Sondereheschließungen“ erlaubt. Für die Heidelberger Psychologin Felicitas Heyne muss das Datum kein schlechtes Omen sein. Die Paare würden damit Humor beweisen und entzögen sich zu hohen Erwartungen – ans Fest und an die Liebe. Maxi Leinkauf

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06:00 26.08.2015

Ausgabe 28/2020

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