1821: Postraub in der Subach

Zeitgeschichte Ihre Not und die Fron der Abgaben lassen arme Leute im hessischen Kombach einen Geldtransport überfallen. Ihre Hoffnungen, dass es „Hirsebrei regnet“, erfüllen sich nicht

An einem sonnigen Tag im Herbst 1821 näherte sich der fliegende Händler David Briel dem hessischen Ort Kombach bei Biedenkopf. Er sah, dass Jacob Geiz, dessen Bekanntschaft er kurz zuvor gemacht hatte, die Wiese des Posthalters Stapp mähte. Er ging zu ihm und sprach ihn an: „Höre, Jacob, kann ich mich wohl auf dich verlassen? Ich wüsste etwas, und wenn noch mehrere vertraute Leute mitgingen, so könnten wir’s ausführen.“ Sprach’s und wandte sich zum Gehen. Während Geiz noch dabei war, den Sinn dieser Worte zu enträtseln, kam Briel wieder zurück und lüftete das Geheimnis: „Du weißt, es fährt alle Monat ein paarmal das Geldkärrnchen von Biedenkopf nach Gießen. Das wollen wir zusammen angreifen, das Geld herausnehmen, und wenn es uns gelingt, dann sind wir doch auf unser Lebtag geborgene Leute.“

Mit diesen Worten senkte der Strumpfhändler Briel ein Samenkorn in den kargen Kombacher Boden. Es dauerte eine Weile, bis es aufging und sich genug potenzielle Mittäter gefunden hatten. Der Kombacher Boden war für solche Ideen fruchtbar, die Lage der Kleinbauern und Tagelöhner katastrophal. Zwar waren die Bauern einige Jahre zuvor aus der Leibeigenschaft entlassen worden, doch hatte man die Frondienste in Steuern und Abgaben verwandelt. Die Parzellen Land waren oft zu klein, um einer Familie das tägliche Brot zu sichern. Verschlechtert hatte sich die Lage zusätzlich dadurch, dass 1815 der Vulkan Tanibora in Indonesien ausgebrochen war und Unmengen an Staub und Asche in die Atmosphäre geschleudert hatte. Die Auswirkungen waren rund um den Globus spürbar. Die Sonne verschwand für lange Zeit im Dunst, 1816 wurde zu einem „Jahr ohne Sommer“. Auf den Feldern verfaulten Getreide, Kartoffeln und Gemüse. Was übrig geblieben war, zerschlug der Hagel, eine Katastrophe für die Bauern. Viele suchten ihr Heil in der Auswanderung. Die Zurückgebliebenen litten Hunger und versanken in Elend und Fatalismus. Mit einer Zeile aus einem Märchen der Brüder Grimm hätten sie sagen können: „Wenn’s Hirsebrei regnet, ham wir keinen Löffel.“ Ohne dieses Elend wären Taten, um die es nun gehen soll, nicht möglich gewesen.

Nach dem Besuch von David Briel fanden sich relativ schnell Männer, die geneigt waren, das Risiko eines Überfalls einzugehen. Jeder für sich wäre vor einem solchen Vorhaben zurückgeschreckt, aber in einer Gruppe von Gleichgesinnten verstummte die Stimme des individuellen Gewissens. Die restlichen Skrupel würde der Branntwein auflösen, den sie mitnehmen und vor der Tat trinken wollten. Der Familie Geiz, die dafür bekannt war, gelegentlich das großherzogliche Wild zu dezimieren, gelang es, eine Gruppe von acht tatgeneigten Burschen aus Kombach und Umgebung zusammenzubringen – alles halb verhungerte, arme Schlucker. Heinrich Geiz, der Bruder von Jacob, machte sich auf den Weg nach Königsberg, wo er sich in einem Wirtshaus mit dem Landschützen Volk traf. Das Geldkärrnchen wurde jeweils von einem bewaffneten Landschützen begleitet, und der Landschütze Volk, der selber in Geldnöten war, versprach, dem jeweiligen Landschützen das Blei aus der Flinte zu ziehen, damit auf keinen der Räuber geschossen und jedes Blutvergießen vermieden werden konnte.

So unternahm die Gruppe Weihnachten 1821 den ersten Versuch, den Geldtransport zu überfallen. Doch überraschenderweise begleiteten dieses Mal zwei Bewaffnete den Karren, das Vorhaben wurde abgebrochen. Es scheiterte noch weitere fünf Mal. Einmal war Schnee gefallen, und man hätte ihre Spuren verfolgen können, ein andermal hatte das Kärrnchen kein Geld geladen, und sie bekamen rechtzeitig Wind davon. Im Film, den Volker Schlöndorff vor 50 Jahren über den Postraub in der Subach gedreht hat, fragt der Händler Briel eins ums andere Mal: „Wie oft muss man’s machen, bis es einmal gelingt?“

Der siebte Versuch fiel auf Sonntag, den 19. Mai 1822, und verlief überraschend glatt. Abends um zehn Uhr waren sie in Kombach losgegangen und morgens gegen zwei in der Subach bei Mornshausen. Dann lagen sie in die Böschung links und rechts vom Hohlweg, tranken sich Mut an und warteten auf das Geldkärrnchen. Die Sonne stand schon hoch, als es mit einem Peitschenknallen des Kutschers in den steilen Hohlweg einfuhr. Der Postillon und der begleitende Landschütze stiegen ab, um den Pferden die Arbeit zu erleichtern. Das Stück, wo der Berg ins Hochplateau übergeht, heißt von jeher „auf dem Gleichen“. Ob der Überfall noch „in der Hohl“ oder schon „auf dem Gleichen“ stattgefunden hat, darüber streiten die Historiker bis heute. Das war nicht ganz unwichtig, weil irgendwo dort die Grenze zwischen dem Kurfürstentum Hessen-Kassel und dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt verlief. Das war für die Abwicklung des Schadens von Belang. Es war den Posträubern wichtig, dass sie auf Kurhessischem Gebiet handelten, denn dann hätte der Kasseler Kurfürst dem Darmstädter Großherzog den Schaden ersetzen müssen. Andernfalls wäre damit zu rechnen gewesen, dass der Großherzog rund um Biedenkopf neue Steuern erheben würde, unter denen die arme Bevölkerung zusätzlich zu leiden hatte. Und das wollten die Räuber vermeiden. Als der Wagen ihre Höhe erreichte, stürzten sie aus dem Gebüsch, feuerten ihre Waffen ab und überwältigten den Postillon und den Landschützen. Sie warfen den Kasten mit dem Geld vom Wagen, schlugen den Deckel mit einer Axt ein und packten in ihre Tornister, was sie wegtragen konnten. In Kombach wurde noch in der Nacht die Beute aufgeteilt. Auf jeden entfielen 800 Gulden, was ungefähr dem Tagelohn von zehn Jahren entsprach.

Umgehend zeigten der Landschütze Hamann und der Postillon Müller den Überfall in Rollshausen an. Da die Räuber maskiert waren, hätten sie niemanden erkannt, der Dialekt, den sie untereinander gesprochen hätten, deute aber darauf hin, dass sie aus der Gegend stammten. Die Gießener Justizbehörden betrauten den erfahrenen Kriminalrichter Danz mit der Sache, der sich umgehend ins „Hinterland“ begab, wie die Gegend um Biedenkopf genannt wird, und setzte eine Belohnung für Hinweise aus. Wenn die Täter Bauern aus der näheren Umgebung wären, würden sie das Geld nicht ruhen lassen können, sondern bald ausgeben müssen und dadurch Aufsehen erregen. Viele Spuren wiesen nach Kombach. Einer kaufte sich einen Wagen, ein anderer besaß plötzlich eine Taschenuhr, ein Dritter gab im Wirtshaus Runden aus, der Vierte konnte die Copulationssteuer entrichten und kündigte seine Hochzeit an. Ein halbes Jahr nach der Tat schritt Richter Danz zur Tat und ließ die ersten Verdächtigen nach Gießen ins Gerichtsgefängnis bringen. Von schlechtem Gewissen geplagt, legte einer ein umfassendes Geständnis ab und nannte die Namen der Tatbeteiligten. Sieben der acht am Raub Beteiligten befanden sich nun in Haft und wurden von Danz streng verhört. Dieser hatte den Sekretär Carl Franz, der gewissenhaft Protokoll führte und 1825 das Buch Der Post-Raub in der Subach veröffentlichte, die Vorlage für Schlöndorffs Film Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach. Nur der Tippgeber Briel war gewieft genug, sich der Haft zu entziehen. Er war nicht an Grund und Boden gebunden, führte eine nomadische Existenz und ging als Hausierer über die nächste Grenze. Später soll er in Amerika als Strumpffabrikant reich geworden sein.

Das Hofgericht in Gießen erkannte wegen Straßenraubs auf die Todesstrafe durch das Schwert. Die übrig gebliebenen fünf Einmalräuber – zwei der Tatverdächtigen hatten sich in der Haft das Leben genommen – wurden, nachdem ein nach Darmstadt gesandtes Gnadengesuch abgelehnt worden war, im Oktober 1824 in Gießen hingerichtet. Auf dem Marktplatz, wo die Gießener Bürger heute Obst und Gemüse kaufen, wurde die Urteilsverkündung von der Obrigkeit groß in Szene gesetzt. Richter Danz brach über jeden den Stab. Anschließend zog man mit einer Menschenmenge zur Hinrichtungsstätte, die irgendwo draußen vor der Stadt lag.

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