1917: Gegen jeden Krieg

Zeitgeschichte Jeannette Rankin aus Montana wird als erste Frau in den US-Kongress gewählt und sorgt für Aufsehen: Sie lehnt den Eintritt ihres Landes in den Ersten Weltkrieg ab
1917: Gegen jeden Krieg
Auch 1940 wollte Rankin nicht, dass die USA in den Krieg eintreten

Foto: Bettmann/Getty Images

Und dann war hohe Politik nicht mehr exklusive Männersache: Am 2. April 1917 nahm Jeannette Rankin aus Montana im Nordwesten der USA an ihrer ersten Sitzung im Repräsentantenhaus teil. Sie war die erste Frau im Kongress. Vier Tage später stimmte die Pazifistin gegen den Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg. Die Zeitung Tribune in Great Falls (Montana) schrieb darüber: „Fräulein Rankin ... blieb beim ersten Aufruf zur Stimmabgabe mit gesenktem Kopf sitzen.“ Beim zweiten sei sie aufgestanden und habe mit schluchzender Stimme erklärt: „Ich will meinem Land beistehen, doch ich kann nicht für Krieg stimmen.“

Die 36-jährige Rankin war bekannt als eine der großen Rednerinnen für das Frauenwahlrecht, das Montana bereits 1914 eingeführt hatte. Besonders im amerikanischen Westen, etwas entfernt von den festgefahrenen Sitten der Ostküste, feierten Frauen diesen Fortschritt, auf nationaler Ebene sollte es erst 1920 so weit sein. 1916 gewann Rankin die Abstimmung zum Repräsentantenhaus. Häufig zitiert wird ihr Vorwurf an die Legislative in Washington: Der Kongress habe 300.000 Dollar bewilligt für eine Studie über Schweinefutter und 30.000 Dollar für eine über die Bedürfnisse von Kindern. Es sei „höchste Zeit, dass Frauen ihren Einfluss geltend machen“.

Für die Ablehnung einer Kriegsbeteiligung an der Seite Englands und Frankreichs fand Rankin Rückhalt in ihrem Bundesstaat. Viele der in Montana lebenden Einwanderer aus Deutschland waren kriegsskeptisch. Und die Iren wollten schon gar nicht auf Seiten der Briten kämpfen. Bei der Debatte über den Kriegseintritt hatte Präsident Woodrow Wilson am 6. April 1917 erklärt, die USA dürften nicht länger neutral bleiben. Dabei war er, um für sich zu werben, 1916 mit dem Slogan „Er hat uns aus dem Krieg herausgehalten!“ zur Wiederwahl angetreten. Nun sagte Wilson bei einer Rede vor dem Kongress, der U-Boot-Krieg des deutschen Kaisers sei ein „Krieg gegen die Menschheit“. Wilhelm II. habe zudem in den USA „arglose Wohnorte und sogar Regierungsbüros mit Spionen gefüllt und kriminelle Intrigen angezettelt“.

Die gab es tatsächlich. Im Juli 1916 hatten Saboteure ein mit Munition beladenes Frachtschiff im Hafen von New York in die Luft gesprengt. Selbst die Freiheitsstatue wurde beschädigt. Deutschland wollte dadurch Rüstungsverkäufe an Großbritannien und Frankreich stoppen, die Feinde des Kaiserreiches. Franz von Papen, damals Militärattaché in Washington und später Hitlers Vizekanzler, sollte Sabotageakte einleiten.

Nur 50 der 423 Abgeordneten stimmten am 6. April 1917 im US-Kongress gegen einen Kriegseintritt. In ihrer Biografie Jeannette Rankin: America’s Conscience zitiert Autorin Norma Smith Rankins damalige Überlegungen: „Man kann Krieg vermeiden, wenn die Bevölkerung, die Männer und Frauen in Amerika und die in Deutschland, über ihre Regierung bestimmen. Heute kontrollieren privilegierte kommerzielle Interessen die Welt.“

Wilsons Neutralitätsbekenntnis sollte nicht halten. Die USA waren auf dem Weg zur bedeutendsten Handelsmacht weltweit. Ein von der Regierung im April 1917 eingerichtetes Committee on Public Information sorgte lange vor den heutigen „fake news“ für Geschichten über die „Gräuel der Hunnen“. „Steht auf, steht auf!“, stand in der Zeitung Sunday Herald (Boston) am 8. April auf Seite 1. Die Goten hätten Blut getrunken, die Frauen Angst vor den Hunnen. Gott stehe zu Amerika auf einem „letzten großen Kreuzzug“. Bei Kriegseintritt verfügten die USA über gerade mal 128.000 Männer in Uniform. Der Kongress beschloss eine Wehrpflicht (Rankin stimmte dafür), um Hunderttausende in einen Grabenkrieg zu schicken, der jedoch als moderner Krieg mit Maschinengewehren, Panzern, Kampfflugzeugen und chemischen Waffen entschieden wurde. Er legte das Fundament für US-amerikanische Weltmacht und einen Staat der inneren Sicherheit. 1917 verabschiedete der Kongress ein weitreichendes Spionagegesetz (Rankin stimmte dagegen), das noch heute gegen Edward Snowden Anwendung findet, den Ex-Mitarbeiter des Geheimdienstes NSA. Auch gegen Julian Assange von Wikileaks.

Wehrpflicht und Spionagegesetz wurden in diesem Weltkrieg zur Keule gegen Linke. Die Post stoppte den Versand linker Publikationen. 165 Personen aus der Führung der Gewerkschaft Industrial Workers of the World wurden festgenommen, weil sie angeblich die Wehrpflicht behinderten, vermerkt der Historiker Howard Zinn. Es sei ein Krieg der Unternehmer, er sehe keinen Grund, zu kämpfen, hatte ein Angeklagter vor Gericht erklärt. Der sozialistische Gewerkschafter und Präsidentschaftskandidat Eugene Debs wurde 1918 nach einer Ansprache in Ohio gegen den Krieg festgenommen und zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Er hasse die Junker und Deutschland, so Debs, doch Krieg werde zur Bereicherung geführt. Bei der Präsidentenwahl 1920 bekam der inhaftierte Sozialist 3,4 Prozent. Bernie Sanders machte 1979 einen Film über Debs, mit dem Titel „Eugene V. Debs: Gewerkschafter, Sozialist, Revolutionär“.

Jeannette Rankins Heimatstaat Montana, das war der „Wilde Westen“, vermischt mit Raubbau. 1890 waren mit dem Massaker an Lakota am Wounded-Knee-Fluss im Nachbarstaat South Dakota die „Indianerkriege“ zu Ende gegangen. Die Weißen hatten die Gegend für sich „erschlossen“. John Rankin, Jeannettes Vater, war Teil dieser Landnahme. Er sei reich geworden als Rancher und Eigentümer eines Sägewerks, heißt es in einem Aufsatz der Jeannette-Rankin-Stiftung. Bei den Rankins habe es fließendes kaltes und warmes Wasser gegeben. Rankin sei eine „sehr ungewöhnliche Frau“ gewesen, meinte die Historikerin Nancy Unger in einem Film über die erste Parlamentarierin in Washington. Sie habe sich nicht verpflichtet gefühlt, „zu heiraten und Kinder zu kriegen“. Als sie 1908 nach New York zog, habe sie das Elend in den Mietskasernen entsetzt und in ihrer Überzeugung bestärkt, dass man das Wahlrecht der Frauen brauche, um gegen derartige Zustände vorzugehen. Nachdem sie gegen den Krieg gestimmt hatte, wurde Rankin nicht wiedergewählt. Mitstreiterinnen machten ihr Vorwürfe: Als Frau hätte sie patriotischer sein müssen.

1940, nach Jahren der Friedensarbeit und eines bescheidenen Lebens auf dem Land, bewarb sich Rankin noch einmal für ein Mandat als Abgeordnete. Sie besiegte Jacob Thorkelson, laut dem Magazin Time ein Anhänger der These von der Zusammenarbeit der „internationalen Banker und Kommunisten“ zum Ruin der Nation. Am 7. Dezember 1941, nachdem japanische Luftstaffeln den US-Marinestützpunkt in Pearl Harbor auf Hawaii angegriffen hatten, trat Präsident Roosevelt vor die Nation: Der Kongress solle „nach dieser grundlosen und heimtückischen Attacke“ den Kriegszustand zwischen den Vereinigten Staaten und Japan erklären. Rankin stimmte als einzige Abgeordnete dagegen. Weshalb sie das tat, ist nicht erschöpfend geklärt. Biografin Norma Smith zitiert eine Mitteilung Rankins an Zeitungen in Montana: Zur Abstimmung hätte sie „authentischere Berichte“ über den Angriff erwartet. Vor einem Kriegseintritt müsse man alle Fakten kennen. Sie habe nach eigener Überzeugung und gemäß ihren Wahlversprechen abgestimmt. Rankin sei es, so Smith, nicht um die Hintergründe gegangen, sondern „um die Methode Krieg“, die nichts löse. Allerdings habe sie auch bei Meetings des isolationistischen America First Committee gesprochen. Dessen Protagonist Charles Lindbergh hatte im September 1941 amerikanische Juden als „Agitatoren für einen Kriegseintritt“ verurteilt.

Als im Januar 1968 Tausende Frauen in der US-Hauptstadt gegen den Vietnam-Krieg protestierten, nannten sie das „Jeannette-Rankin-Friedensmarsch“. „Wenn wir zehntausend Frauen hätten, die bereit wären, wenn nötig ins Gefängnis zu gehen, das würde diesen Krieg beenden“, so Rankin, die 1973 in Kalifornien starb. Heute steht ihre Bronzestatue mit der Aufschrift „Ich kann nicht für Krieg stimmen“ im Kapitol in Washington.

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06:00 30.03.2021

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