1917: Reise in den Umsturz

Zeitgeschichte Im plombierten Waggon fährt Lenin durch Deutschland, weil in Russland die Revolution ruft. Für das Reich gilt das Prinzip: Der Feind unserer Feinde ist eine Passage wert

„Am 3. April“, schreibt Leo Trotzki in seiner Geschichte der russischen Revolution, „kam aus der Emigration Lenin in Petrograd an. Erst mit diesem Moment beginnt die bolschewistische Partei mit voller – und was noch wichtiger ist – mit eigener Stimme zu sprechen.“ Das geschah im Jahr 1917. Petrograd hieß damals noch St. Petersburg, später dann Leningrad, heute heißt es wieder St. Petersburg. Für seine Rückkehr aus der Schweiz nach Russland hatte Lenin ein Abenteuer hinter sich bringen müssen, das zu den verrücktesten der Weltgeschichte gehört.

Ende März hatte die Nachricht vom Sturz des Zaren die Revolutionäre in Zürich erreicht. Lenin lebte hier in der Spiegelgasse, in der sich auch das Kabarett Voltaire befand und emigrierte Dichter aus ganz Europa mit dem Dadaismus die Literatur revolutionieren wollten. Der Kreis um Lenin war wie elektrisiert. Sofort plante man eine Rückkehr in die Heimat. Zurück mit dem Schiff übers Mittelmeer und durch den Bosporus wollte man nicht, weil man den Türken nicht traute. Und eine Route, bei der man auf die Hilfe der Westmächte angewiesen sein würde, kam nicht in Frage, weil die den russischen Revolutionären gewiss nicht helfen würden.

So wandte man sich an Gisbert von Romberg, den Konsul des Deutschen Reiches in Bern. Der war sofort bereit zu helfen. Auch auf die Freilassung deutscher Kriegsgefangener als Gegenleistung verzichtete man in Berlin. Der Russentransport startete am 27. März im Hotel Zähringer Hof in Zürich. Von dort ging es mit der Lokalbahn nach Schaffhausen und weiter nach Gottmadingen ins Reich. Hier überprüften deutsche Offiziere die 32-köpfige Reisegruppe, zu der neben Lenins Frau Nadeschda Konstantinowna Krupskaja und seiner Geliebten Inessa Armand auch der unvermeidliche Karl Sobelsohn, genannt Radek, gehörte. Es mussten Formulare ausgefüllt werden. Von den Zugtüren wurden drei verschlossen und plombiert. Für eine vierte Tür galt das nicht, denn diese war den deutschen Offizieren vorbehalten. Im Zug kennzeichnete ein Kreidestrich auf dem Boden die Grenze zwischen russischem und deutschem Territorium. Man reist zweiter und dritter Klasse. Eine erste Verpflegungsration war noch von den Schweizern teilweise konfisziert worden, doch erlaubten sie den Heimfahrern, die Schokolade per Post nach Russland zu schicken.

Die Reise zog sich hin. Einen ganzen Tag etwa stand man auf einem Abstellgleis. An den Bahnhöfen wurde von den Russen jeder Kontakt mit sympathisierenden Enthusiasten vermieden. Man wollte ehrlich sagen können, man habe bei der Fahrt durch das Land, mit dem sich Russland im Krieg befand, mit keinem Deutschen gesprochen. Schwierigkeiten bereitete die Regelung des Rauchens. Die Russen wollten es sich nur auf der Toilette gestatten. Das führte aber dazu, dass diese Kabine immerzu besetzt war. Die Autorität Lenins wurde auch dieses Problems Herr.

„Nie war geschichte in größtem Stil witziger“

Am 30. März war Sassnitz auf Rügen erreicht. Wieder mussten vor der Überfahrt nach Schweden Formulare ausgefüllt werden. Die russischen Revolutionäre hatten, wie sie es gern taten, Pseudonyme benutzt. Als nun aber die Schweden anfragten, ob unter den Reisenden ein gewisser Uljanow – Lenins Geburtsname – sei, antworteten die Deutschen mit Nein. Die Angelegenheit musste und konnte geklärt werden. Mit dem Fährschiff Königin Viktoria ging es nach Trelleborg.

Die Fahrt durch das neutrale Schweden entwickelte sich zu einem Triumphzug. Überall wurden die Russen gefeiert. In Stockholm kostete es einige Mühe, Lenin zu überreden, sich neu einzukleiden. Er wollte zunächst nicht. Er wollte zu Hause seinen Landsleuten so gegenübertreten, wie er in der Emigration gelebt hatte. Besonders von den schweren, genagelten Bergstiefeln mochte er sich nicht trennen. Radek berichtet, erst der Hinweis habe ihn anderen Sinnes werden lassen , dass es wohl anginge, mit diesen Stiefeln das Pflaster der reichen Schweizer zu zertreten, aber nicht das von russischen Proletariern geschaffene. So kam man doch noch ins Warenhaus, dann auch für manches andere.

Durch Finnland ging es mit der finnischen Eisenbahn nach St. Petersburg. Was da folgte, wurde Weltgeschichte. Und: „Nie war geschichte in größtem Stil witziger“, schrieb der deutsche Publizist Maximilian Harden: „Alle Wallungen und Fieber sämtlicher Sozialistenparteien haben für die Sache der Revolution ein Hundertstel dessen bewirkt, was der preußiche General Ludendorff dafür getan hat.“

Es hatte eben das alles nur geschehen können, weil die Herrschenden im Deutschen Reich im vierten Kriegsjahr die obersten Militärs waren. Kaiser Wilhelm II. fungierte nur noch als Staffage. Maßgebend war der Chef der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg. Und was entschieden wurde, hatte zuvor Erich Ludendorff festgelegt, der seit der Tannenbergschlacht Ende August 1914 an seiner Seite war. Der Sieg über das Zarenreich war besonders ihnen zu verdanken. Im April 1917 hatte dieses Oberkommando den dringenden Wunsch, mit Russland einen raschen Frieden zu schließen, um den Krieg an zwei Fronten zu beenden und die Truppen aus dem Osten in den Westen schicken zu können.

Alexander Kerenski, erster Regierungschef im nachzaristischen Russland, wollte den Krieg weiterführen, zumindest bis er in der Lage war, mit den Deutschen wirklich erträgliche Friedensbedingungen auszuhandeln. Auch hoffte er auf Hilfe aus England und Frankreich, unterschätzte aber ganz und gar das Ausmaß der Mutlosigkeit und Demoralisierung der russischen Frontverbände. Kerenskis bürgerlich-liberale Regierung und die Kreise, die sie zu stützen bereit waren, lehnten eine nahezu bedingungslose Kapitulation ab. Was Lenins Emissäre dann im Februar/März 1918 in Brest-Litowsk verhandelten, lief darauf hinaus. Allerdings war den Bolschewiki der Ausgang des Krieges – wie nachteilig für Russland auch immer – gleichgültig. Lenin hatte schon früh geschrieben, dass man sich eine Niederlage des Zarenreichs wünschen müsse, und alle Einwände gegen diese Auffassung zurückgewiesen. Für ihn zählten allein die Chancen einer europäischen Revolution. Mochten die Deutschen dafür sorgen, dass der Zar, der Lenins Bruder hatte hinrichten lassen, verjagt wurde, die deutsche Linke, so war er überzeugt, würde alsbald bewirken, dass auch der Kaiser dem revolutionären Sturm weichen müsste. Nach der Lehre von Marx sollte schließlich ein solcher Umsturz am ehesten in einen industriell und kapitalistisch voll entwickelten Staat wie Deutschland möglich sein.

Die Pläne Lenins unterstützte das Deutsche Reich noch durch eine andere Handreichung, die zu den am wenigsten offengelegten Vorgängen der Geschichte gehört. Man ließ den Bolschewiki durch einen windigen Geschäftsmann insgesamt 50 Millionen Goldmark zukommen, für die damalige Zeit eine ungeheure Summe. Mit diesem Geld konnten etwa 40 Zeitungen der Bolschewiki in ganz Russland gegründet und gesichert werden. Die politische Überlegenheit, die Lenins Leute in kürzester Frist erreichen konnten, kam also nicht von ungefähr. Lenin selbst musste sich zunächst wieder in Finnland verstecken. Es sickerte ein wenig vom Deal mit der deutschen Heeresleitung durch, man hätte ihn in St. Petersburg vielleicht totgeschlagen, wären die falschen Leute seiner habhaft geworden. In diesen Wochen erst wurde Leo Trotzki Bolschewik. Mit Lenins Rückkehr aus der Emigration billigte er den Bolschewiki, denen er zuvor ferngestanden hatte, eine „eigene Stimme“ zu.

In Deutschland kam es zwar, wie Lenin vorhergesagt hatte, zu einer Revolution, aber die führte nur zu einem sozialdemokratischen Reichspräsidenten und einer bürgerlichen Weimarer Republik. Stefan Zweig schreibt in seinen Sternstunden der Menschheit, der Pakt mit Lenin sei für Ludendorff der „welthistorisch vielleicht wichtigste Entschluss seines Lebens gewesen“. In diese Dimension gelangte jene Entscheidung freilich nur durch das, was Lenin in Russland zustande brachte.

06:00 06.04.2017

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