1918: Räte und Reste

Zeitgeschichte Der Zusammenbruch der Habsburger Reiches ist eine Zäsur, aber keine Revolution. Die ausgerufene Republik Deutschösterreich will zu Deutschland. Die Entente sagt Nein

Die Oktoberrevolution hatte auch in Österreich ein breites Echo gefunden. Die Sozialdemokratie forderte ein Friedensabkommen mit dem revolutionären Russland, konnte aber den Anfang März 1918 geschlossenen Diktatfrieden von Brest-Litowsk nicht verhindern. Massenaktionen lehnte sie dagegen dezidiert ab. Trotzdem kam es schon im Januar 1918 zu ersten Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Sie weiteten sich schnell aus, doch gab den Anstoß dazu nicht die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP). „Die Gefahr, dass die bolschewistischen Wellen zu uns hereinschlagen, ist groß“, schrieb einst Ignaz Seipel, mächtigster Mann der Christlich-Sozialen in der Ersten Republik.

Es gärte. Es keimte. Es brodelte. Aber es kochte nie so richtig. Der Eintritt der Massen in die Geschichte blieb ein Intermezzo mit einigen Höhepunkten, denen zahlreiche Tiefschläge folgten. Die SDAP war weder Trägerin noch Unterstützerin dieser elementaren Erhebungen. Im Gegenteil, man versuchte, diese so schnell als möglich zu kalmieren als auch zu instrumentalisieren. Nur wir können euch die Arbeiter und Soldaten vom Leib halten, ließ die Sozialdemokratie den konservativen und reaktionären Kräften ausrichten. Was durchaus stimmte. Während des Krieges war die Sozialdemokratie nie auf Konfrontation zur Regierung gegangen. „Jegliche Aktion der Arbeiterschaft wurde nicht auf die Chance untersucht, wie sie zur Durchsetzung grundlegender Forderungen, in letzter Konsequenz der Machteroberung, genutzt, sondern wie sie so schnell als möglich beigelegt werden konnte“, schreibt der Historiker Peter Kulemann. Der Sozialdemokrat Karl Renner, der spätere Staatskanzler, versuchte bis zum Schluss, das Vielvölkerreich der Habsburger zu retten.

Die Austromarxisten der SDAP waren trotz ihrer klassenkämpferischen Rhetorik Legalisten und vermieden kühne Schritte. Wiewohl links von der SPD Eberts und Scheidemanns angesiedelt, erwies sich die österreichische Sozialdemokratie in keiner Phase ihrer Existenz als revolutionäre Kraft. Bei allen Konflikten blieb man stets im vorgegebenen Rahmen. So etwas wie die damalige Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD) in Deutschland fehlte in Österreich gänzlich. Politiker wie Karl Liebknecht oder Otto Rühle sucht man vergebens. Es fand sich niemand, der die Ende 1918 entstehende und gar nicht so kraftlose Rätebewegung hätte führen können. Der linke Radikalismus beherrschte die Bewegung mental, aber organisatorisch blieb er schwach, und taktisch handelte er oft inferior. Daran änderte auch die Gründung der Kommunistischen Partei Deutsch-Österreichs (KPDÖ) am 3. November 1918 nichts.

Spätestens im Herbst 1918 befand sich die k. u. k. Doppelmonarchie in Zerrüttung und Zerfall. Der Staat stand vor dem Bankrott. Die Soldaten wollten nicht mehr, die Durchhalteparolen verhallten, wer konnte, desertierte und lief nach Hause. Die Ideologie erwies sich als durch und durch morsch. Die Völker der Donaumonarchie verabschiedeten sich in die Unabhängigkeit, dem Reich schlug die letzte Stunde. Und das wollten auch die allermeisten, nicht nur die Arbeiter- und Soldatenräte.In diesen Tagen ebenso die Sozialdemokraten, Christlich-Sozialen und Großdeutschen. Das war Konsens, so kurz er auch dauern sollte.

Am 12. November erklärte das Rumpfparlament – die Provisorische Nationalversammlung – Deutschösterreich zur demokratischen Republik, bestimmte aber in Artikel 2 der Erklärung gleich deren Auflösung: „Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik“, heißt es dort ganz apodiktisch und unmissverständlich. Auch da herrschte Konsens. Man hielt das kleine Österreich nicht für überlebensfähig. Wäre es nach dem Willen der Wiener Politik gegangen, dann wäre Österreich in Deutschland aufgegangen. Otto Bauer, führender Kopf der Sozialdemokratie und kurzzeitig Außenminister der jungen Republik, ging davon aus, dass „wir uns (…) dem großen roten Deutschland eingliedern“.

Deutsch gesinnt waren nicht nur die Großdeutschen (eine der Vorläuferparteien der heutigen FPÖ), die Mehrheitsbevölkerung quer durch alle Schichten verstand sich ebenfalls als deutsch. Der Name Österreich stand ja primär für das ehemalige Herrscherhaus der Habsburger. Dann aber war es der Friedensvertrag von St. Germain, unterzeichnet im September 1919, der Österreich als Kleinstaat diktierte. Das Abkommen verbot den Anschluss an Deutschland, sodass der Name der Republik im Oktober 1919 schlicht auf Österreich geändert werden musste. Die neue Republik umfasste noch ein Achtel des alten Staatsgebiets, ein Imperium war gefallen.

„Der Rest ist Österreich“, soll der französische Premier Clemenceau gesagt haben. So zumindest die Legende, für die es keine Belege gibt, die aber bis heute in Wien gern kolportiert wird. Wahrgenommen wurde es jedenfalls so, als Fremdbestimmung. In der linken Lesart von Otto Bauer beendete in St. Germain der „Entente-Imperialismus die Vorherrschaft der Arbeiterklasse in Deutschösterreich“. Übrig geblieben war letztlich ein Staat, den niemand so erwartet und auch niemand so gewollt hatte. Man stolperte rein. Das wird heute lieber verdrängt, es hatte ja auch nichts Erhebendes.

So wurde die Republik von jenen erkämpft, die viel mehr als diese wollten, und fiel spätestens 1920 jenen in den Schoß, die ihr gar nicht zugetan waren. Das Bürgertum war antirepublikanisch und antiparlamentarisch, dito die Bauernschaft. Die heute abgefeierte Demokratie war nicht das Ziel, sondern bloß das Ergebnis. Die österreichische Revolution, gab es sie überhaupt? Peter Kulemann spricht in seinem Buch Am Beispiel des Austromarxismus von einer „vorrevolutionären Situation“, die sich wegen der abwiegelnden Haltung der Sozialdemokraten nie richtig entfalten konnte. Die Lücke zwischen Budapest und München zu schließen, auch hier ein Rätesystem zu errichten, das sahen die maßgeblichen linken Kräfte in Wien nie als ihre Aufgabe an.

Indes nutzte man die Lage, um entscheidende Reformen durchzusetzen: die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für Männer und Frauen, eine moderne Sozialgesetzgebung, die Abschaffung der Todesstrafe, die Aufhebung des Adels, die entschädigungslose Enteignung des Hauses Habsburg-Lothringen. Das strenge Habsburger-Gesetz hatte sich die Dynastie selbst zuzuschreiben. Einerseits verzichtete Karl I. zwar auf die Amtsgeschäfte, andererseits dankte er nicht wirklich ab. Das Herrscherhaus spielte auf Zeit, verkalkulierte sich aber. Eine Zäsur war 1918 zweifellos. Hammer und Sichel im Bundeswappen verdeutlichen dies.

Unter den Teppich gekehrt wird heute Folgendes: Hundert Jahre Österreich, das meint ein Fest für einen Staat, den seine Gründer gar nicht wollten. In den offiziellen historischen Inszenierungen sind Gedenken und Erkenntnis allerdings selten eins. Die rituelle Beschwörung der Vergangenheit hat diverse Erinnerungslücken. Interessant ist, wie sich Erzählungen ablösen, welche wann und warum dominieren. Als legitimierte Geschichte gilt immer die aktuelle Erzählung. Und die wechselt. „Ab dem 12. November 1918 wurde mit der Ersten Republik auch die Nation Österreich geboren“, so Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) beim Staatsakt vom 12. November.

Das ist zwar dezidiert unrichtig, könnte aber dennoch Rohmaterial für einen neuen Mythos liefern. Die vorherrschende Sichtweise ist immer auch eine Frage der Sichtung und ihrer Häufung. Rückwirkend betrachtet wird es so gewesen sein müssen, wie wir glauben, dass es gewesen ist. Gegenwart folgt der Vergangenheit, aber Geschichte folgt der Gegenwart.

Indes setzte sich das Bekenntnis erst Mitte des 20. Jahrhunderts allmählich durch. Und es waren ausgerechnet die Kommunisten, die von einer österreichischen Nation sprachen und versuchten, diese auch theoretisch zu fundieren. Das begann in den 1930er Jahren. Aber die mag man nicht, und so genau muss man es weder wissen noch nehmen. Vielmehr geht es um Mythos, Symbol, Zeremonie.

06:00 24.11.2018

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