1945: Hüter ohne Haus

Zeitgeschichte Vor 70 Jahren wurde der Theologe Dietrich Bonhoeffer ermordet. Nach Kriegsende tat sich die Kirche schwer: Sollte sie den Verschwörer vergessen oder den Märtyrer ehren?
Karsten Krampitz | Ausgabe 15/2015 4

Als die katholische Publizistin Benedicta Maria Kempner in den 60er Jahren über das Schicksal von Priestern im Dritten Reich forschte, holte sie beim Martyrium des Dietrich Bonhoeffer weit aus: „Als der Herr über die Sünden von Sodom und Gomorrha zornig war und die Städte vernichten wollte, versprach er Abraham, die Einwohner zu schonen, wenn unter ihnen zehn Gerechte zu finden wären.“ Bonhoeffers Familie habe mehr als zehn Gerechte gehabt. Auch sein Bruder, der Jurist Klaus Bonhoeffer, war von den Nazis ermordet worden. Ebenso die mit ihm verschwägerten Widerstandskämpfer Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi. Die Frauen der Hingerichteten kamen in Sippenhaft oder konnten fliehen. Bonhoeffers Zwillingsschwester Sabine war 1938 mit ihrem „nichtarischen“ Ehemann, dem Juristen Gerhard Leibholz, nach Großbritannien emigriert.

Benedicta Maria Kempner wurde für ihre Arbeit mit dem päpstlichen Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ ausgezeichnet. Dass der Vatikan auch den Protestanten Bonhoeffer ehren würde, etwa durch Seligsprechung, kam nie in Frage. Der deutsch-amerikanische Historiker Klemens von Klemperer wandte sich 2001 mit diesem Anliegen an den Heiligen Stuhl. Doch zog es Johannes Paul II. vor, Priester wie Josemaría Escrivá heiligzusprechen, den Opus-Dei-Gründer, der dem Faschisten und Diktator Franco nahestand.

Auch die EKD hatte lange Zeit ihre Probleme mit Bonhoeffer. Seine Rolle im Verschwörerkreis des 20. Juli 1944 wollte man nicht gutheißen. Als in Bielefeld nach dem Krieg eine Straße nach ihm benannt wurde, protestierten einige Pastoren. Bonhoeffer galt als Opfer einer politischen Verwicklung, nicht als „Blutzeuge“ für den christlichen Glauben.

Um die Frage, ob der Theologe unschuldig gestorben ist – als christlicher Märtyrer oder „nur als Verschwörer“ –, wird heute nicht mehr gestritten, wenngleich seine Einordnung in die Geschichte weiter für Konflikte sorgt. Im Dezember 2005 urteilte in Israel sogar das Oberste Gericht. Anlass war die Haltung der Gedenkstätte Yad Vashem, die in ihm keinen Gerechten unter den Völkern sehen wollte. Dass Bonhoeffer 1942 dabei geholfen hat, dass sich eine zum Christentum übergetretene Jüdin ins Ausland retten konnte, nahmen die Jerusalemer Richter zwar zur Kenntnis, doch würden mit der Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ nur Menschen geehrt, die unter Gefahr für das eigene Leben Juden vor der Verfolgung gerettet haben. Ebendies sei bei Bonhoeffer nicht der Fall gewesen.

Erst seit 1998 formell unschuldig

Im Morgengrauen des 9. April 1945 war der 39-jährige Dietrich Bonhoeffer nackt zum Galgen geführt worden. Der Lagerarzt im KZ Flossenbürg erinnerte sich später, ihn vor der Hinrichtung noch gesehen zu haben, durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau, „in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien“. An der Richtstätte selbst habe Bonhoeffer nochmals Gebete gesprochen und sei dann gefasst die Stufen hinaufgestiegen. Der Tod sei nach wenigen Sekunden eingetreten. Das SS-Standgericht, das Bonhoeffer und vier andere Verschwörer des 20. Juli zum Tode verurteilt hatte, sollte 1956 durch den Bundesgerichtshof als ordnungsgemäßes Gericht bestätigt werden. Die westdeutschen Richter konnten keinen Rechtsbruch feststellen. Erst seit 1998, mit dem Gesetz zur Aufhebung der NS-Unrechtsurteile, gilt Bonhoeffer hierzulande als formell unschuldig.

Heute ist er der meistgelesene evangelische Theologe. Sein Werk ist geprägt durch Begriffe wie „billige und teure Gnade“, „Kirche für andere“ und „Nachfolge“. Von besonderer Aktualität ist seine „nichtreligiöse Interpretation des Evangeliums in einer mündig gewordenen Welt“. Lange genug hat die Kirche jegliches Unglück mit der Säkularisierung erklärt, Hitler inklusive. Hans Asmussen, nach dem Krieg Leiter der EKD-Kirchenkanzlei in Hannover, hatte im Hauptvortrag auf der Barmer Bekenntnissynode im Mai 1934 betont: „Wir protestieren damit gegen die Erscheinung, die seit mehr als 200 Jahren die Verwüstung der Kirche schon langsam vorbereitet hat …“

Die Bekennende Kirche war eben keine Widerstandsbewegung. Die Einführung des „Arierparagrafen“ hatte bis zum Herbst 1933 eine Opposition auf den Plan gerufen, jedoch nur im Raum der Kirche. Beim staatlich organisierten Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Anwälte im gleichen Jahr war jeglicher Einspruch ausgeblieben, ebenso zum Pogrom am 9. November 1938 – die Bekennende Kirche schwieg. Im NS-Staat sah sie eine legitime Obrigkeit, der Gehorsam zu leisten war. Dass sich Dietrich Bonhoeffer eines Tages Verschwörern gegen Hitler anschließen sollte, war nicht nur ein mutiger Schritt, es war auch Ausdruck tiefer Verzweiflung. Bonhoeffer war an der Bekennenden Kirche verzweifelt. Zu deren Geschichte gehört nicht nur der Name Bonhoeffer, sondern auch sein Verschweigen. Erst nach dem Krieg sollten sich Bruderräte und Bekenntnisgemeinden mit der politischen Intention seines Widerstands solidarisieren, zuvor hatten sie seinen Namen nicht einmal auf ihre Fürbitten-Listen gesetzt.

Dem Rad selbst in die Speichen fallen

Als ihn in der Tegeler Haft 1944 ein Mitgefangener fragte, wie sich denn ein Pfarrer an der Vorbereitung eines Attentats beteiligen könne, gab Bonhoeffer zur Antwort: Er habe als Geistlicher zwar die Pflicht, die Opfer eines wild gewordenen Mannes, der mit seinem Auto eine bevölkerte Straße entlangrast, zu trösten, aber er müsse eben auch versuchen, diesen Autofahrer zu stoppen. Theologisch gesehen ein bemerkenswerter Ansatz: Aus Kontemplation wird Aktion! Bereits im April 1933 hatte Bonhoeffer in dem Aufsatz Die Kirche vor der Judenfrage nicht nur die Übernahme antisemitischer Gesetze für die Kirche abgelehnt, sondern ebenso generelle Solidarität der Kirche mit den Opfern staatlicher Gewalt verlangt. Dabei gebe es drei abgestufte Optionen: Die Kirche habe zuerst den Staat nach der Rechtmäßigkeit seines Handelns zu fragen, zweitens müsse sie sich zur Hilfe an den Opfern verpflichtet wissen und drittens bereit sein, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“.

Rudolf Weckerling, ein Pfarrer und Bonhoeffer-Schüler, erinnerte sich später, „dass man eben doch zu feige war ... Wenn man mit Judenchristen Abendmahl gefeiert hat – in Privatwohnungen, weil es also sonst nicht möglich war oder man keinen Raum bekam, dann hat man ihnen sozusagen den Segen auf diese Reise gegeben nach Auschwitz oder Theresienstadt. Wenn man sich das also heute überlegt, dass man denen geholfen hat, ihr Gepäck zu packen, anstatt zu sagen: ‚Jetzt kommt mit nach Hause, wir werden euch alle unterbringen!“

Neun von zehn evangelischen Pfarrern leisteten den Treueeid auf Hitler. Bischof Marahrens, einer der Gründer der Bekennenden Kirche, zugleich Vorsitzender des sogenannten Geistlichen Vertrauensrates, gratulierte ihm sogar per Telegramm zum Russlandfeldzug: „Mein Führer! In dieser Stunde, wo Sie dabei sind, die letzten Reste der Gottlosigkeit und der Unwahrhaftigkeit und des Mordens zu bekämpfen und dem gottlosen Bolschewismus ein Ende zu machen, versichern wir Ihnen, dass die ganze Evangelische Kirche hinter Ihnen steht mit ihren Gebeten für Sie und unsere unvergleichlichen Soldaten ...“

Als Gerhard Leibholz, der Schwager Bonhoeffers und seiner jüdischen Herkunft wegen ins Exil getrieben, in den 50er Jahren beim neuen hannoverschen Landesbischof Johannes Lilje nachfragte, warum denn die Benennung einer Kirche nach Bonhoeffer untersagt worden sei, gab der zur Antwort, dergleichen wäre generell nicht üblich. Wenn man jetzt damit anfinge, müsse man auch eine Marahrenskirche haben. Leibholz, der von 1951 bis 1971 als Richter am Bundesverfassungsgericht arbeiten sollte, bedankte sich beim Bischof für die Mitteilung mit der Bemerkung: „Meines Wissens ist Bischof Marahrens im Bett gestorben.“

Karsten Krampitz ist Schriftsteller. Zuletzt erschien der Roman Wasserstand und Tauchtiefe

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06:00 15.04.2015

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