1958: Immer Frisch

Zeitgeschichte Seit 60 Jahren nistet Herr Biedermann auf den Theaterbühnen. Immer wieder lässt er die Brandstifter in sein Haus, die ihm das Dach überm Kopf anzünden. Nie lernt er was

Er lebt. Sein Zweifel am einfachen Ich. Dass eine Vita auch Summe und Folge von durchaus nicht Zwingendem ist. Von Verrücktem. Von Launen des Zufalls. Biografie – ein Spiel. Das will gern auf die Bühne.

Die Rede ist von Max Frisch, Schweizer, Jahrgang 1911, studierter Architekt, den die Theater wieder stark zu lieben gelernt haben. Man inszeniert Erzählungen und Romane da und dort. Aber vor allem laufen, laufen, laufen Andorra und Biedermann und die Brandstifter, die Klassiker. In Münster, Berlin, Dortmund, Zürich, Bochum, Wiesbaden, Hannover, Nürnberg und Pforzheim füllen sie verlässlich die Häuser. Das haben Intendanten gern. Und die Texte, die sind ja wohl auch Schulstoff? Also. Sowieso untot, Erbe, da kann man überhaupt nichts falsch machen. Richtig? Wir werden sehen.

Biedermann und die Brandstifter. Es ist 60 Jahre her, im März 1958, da wurde die Story vom glatzköpfigen Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann am Zürcher Schauspielhaus erstmals aufgeführt. Bühnenbild: Max Frisch. Hauptrolle: Gustav Knuth. Das Stück, vom Autor als Lehrstück ohne Lehre – was ist das? – bezeichnet, war zuvor schon Hörspiel gewesen, noch früher Skizze in Frischs Tagebuch. Seine Tagebücher taugten ihm öfter als Tagebaue. So auch hier. Worum geht’s, was ist die Fabel?

Herr Biedermann und seine Frau wohnen hübsch im provinziell Bürgerlichen, und es könnte alles so schön sein, häuften sich nicht in letzter Zeit Brandstiftungen in dem Städtchen. Nun. Dann kommen Gestalten. Zwielichtige. Hausierer, scheint’s. Klopfen an Biedermanns Tür. Man will nicht so sein, so herzlos, also öffnet man, bittet herein, gewährt Obdach. Am Ende brennt die Hütte, brennt die Stadt. Der Chor der Bürgerwehr-, pardon Feuerwehrleute, der ein bisschen altgriechisch tut – „feuergefährlich ist viel, aber nicht alles, was feuert, ist Schicksal, unabwendbares“, frei nach Antigone –, hat unermüdlich, aber natürlich vergebens, gewarnt. Denn blind ist das Ehepaar B. die ganze Zeit, vor allem der Haarwasser-Hausherr selbst, dem absolut Offensichtlichen gegenüber. Die da kommen, ins Haus eindringen, sind die Brandstifter! Und sie machen, das ist das eigentlich Ungeheuerliche (und Vergnügliche für den Zuschauer), überhaupt kein Hehl aus ihrer bösen Absicht. Schleppen Benzinkanister bis unters Dach, bringen Holzwolle und Zündschnüre, bitten um Streichhölzer. Und die Jedermanns, Biedermanns? Wie die berühmten Frösche im Wasser, das heißer und heißer wird, bis sie kochend zerplatzen, tun sie nichts. Zaudern, schwadronieren. Kampflos geben sie sich geschlagen, ja, reichen den Verbrechern sogar, „hoffend noch immer, es komme das Gute / aus Gutmütigkeit“, die Streichhölzer. Folgt: die Katastrophe. – Es ist ein Stück, das eigentlich aus nur einer einzigen Situation besteht bis zum feurigen Ende. Aber gerade daher kommt seine Kraft, auch sein Witz.

Und wie soll man das nun verstehen? Dass der jedes politische Engagement ablehnende Bürger – daher schuldlos an allem Bösen, wie er meint – gerade deswegen mittut an Verbrechen?

Diese Frage hat schon Tolstoi beschäftigt, mit dem wiederum Frisch sich beschäftigt hat. Dass sein gehobener Lebensstil basiert auf Verbrechen. Die er nicht billigt, aber auch nicht unterbindet. Die also „in seinem Namen“ geschehen und die er mit jedem Tag, den er isst, wohnt, feiert, lebt, billigend in Kauf nimmt, ja, de facto in Auftrag gibt, denn seine Lebensart wäre weniger komfortabel, geschähen diese Verbrechen nicht. Doch was soll er tun? Würde er dagegen aufstehen, stellte sich ihm genau jene Macht entgegen, die bis eben noch zu seinem Schutz und – von ihm mit Steuern bezahlt – „für ihn“ handelte. Die des Staats. Er wäre jetzt ihr Feind und hätte sich selbst ausgeschlossen aus seiner behaglichen Welt. – Wir Fleischesser, Handybenutzer, Kreuzschifffahrer und T-Shirt-Träger wissen, wovon die Rede ist. Spannend!

Aber nein. Trifft nicht zu. Ist ein anderes Stück. In diesem hier ist der Kapitalist Biedermann, der die Hausmannskost liebt, keineswegs schuldlos und hat auch seine Verbrechen nicht delegiert. Sondern er hat seinen Angestellten Knechtling – dessen Name auch nichts Gutes verheißt – höchstselbst auf dem Gewissen.

Also: Wer kommt hier wem brandfackelnd ins Haus? War es im Jahr 58 der Bolschewismus, der dem Westler drohte? War es die atomare Bewaffnung? Sollte das Stück erinnern an die Machtergreifung der Nazis? Alle drei Lesarten ergeben einen Sinn. Wobei die vorm Bolschewismus warnende, die wohl am ehesten von Frisch gemeint gewesen war, am wenigsten hinkommt.

Und heute? Das Theater Pforzheim schreibt zu seiner Inszenierung: „Der Rechtspopulismus wird allerorten verstärkt ‚gesellschaftsfähig‘ und stellt die Werte des Miteinanders zunehmend in Frage. Die geistigen Brandstifter machen auch vor der geschichtsträchtigen Goldstadt Pforzheim nicht halt – und finden hohen Zuspruch.“ Das Theater Dortmund: Das Stück, „vorgeblich eine konkrete Analyse über Verdrängung und Verschleierung von Mittäterschaft nach dem Zweiten Weltkrieg“, lege heute „als ein Vexierspiel die vielfache Umdeutung von Teilhabe und Widerstand offen“. Diesen wabbeligen Text fanden die Dramaturginnen vom Schauspielhaus Bochum so toll, dass sie ihn gleich abschrieben für die Inszenierung am eigenen Haus.

Man kann es aber auch ganz anders sehen; und nimmt man sich die Fabel noch einmal vor, drängt diese Interpretation sich geradezu auf. Sie geht: Achtung, Mitbürger! Lasst keine Fremden ein, keine Hausierer, die ihre Identität verschleiern (was ja das Schlimmste ist überhaupt) und anders riechen als unsereins (in diesem Fall nach Benzin). Verschließt eure Türen, eure Ohren! Schmeißt diese Leute raus! Denn siehe, wie es endet. Brandanschläge auf uns arme Opfer!

Auf Youtube kann man eine 1963 fürs westdeutsche Fernsehen gedrehte Verfilmung sehen, und es gibt tatsächlich Leute, die sich den alten Schwarz-Weiß-Film dort angucken. Ein User meint: „Passt. Mit dem Unterschied, dass der Brandstifter heute nicht mal Deutsch kann.“ Ein anderer: „Man braucht den Namen Biedermann nur ersetzen durch Roth oder Merkel oder Käßmann …“ Kotzbrockenheini ist froh, dass der Film „noch nicht vom Regime gesperrt worden ist“. Und tatsächlich, bunt statt braun hatte vor einem Jahr um Entfernung des Filmes von der Plattform gebeten, behauptet sie zumindest, da er „nur Wasser auf den (sic!) Mühlen von faschistoiden Bewegungen wie AfD, Pegida usw.“ sei.

Eine Fabel muss aushalten, interpretiert zu werden. Das macht den Reiz. Das ist das Spannende. Aber sie sollte sich doch nicht gegen des Autors Intention wenden lassen, oder? Dass Frisch seine Schweiz gegen Geflüchtete verbarrikadiert sehen wollte, so kurz nach dem schäbigen Verhalten dieses Staates gegen verfolgte deutsche Juden, will ich einfach nicht glauben. Also? Schlecht konstruiert, das Ganze? Anlässlich der Uraufführung sah man es nicht so. Und das Stück reüssierte. Es wurde hundertfach, wurde weltweit nachgespielt.

Wer es zurzeit als politische Parabel auf dem Theater erzählen will, muss nun ertragen, dass es – gegen Frisch – genommen wird als Warnung vorm „Gutmenschentum“. Will man das nicht riskieren, muss die Regie das Stück panzern, muss es zu einer Richtung hin absperren, damit es in die andere richtig verstanden wird. Das aber nennt man Ideologie.

Oder man findet, das bleibt auch, die asozialen Herren Brandstifter so sexy, dass ihnen alle Sympathie gehört. Wär das was? Endlich geht’s dem öden blöden Biedermann an seinen weißen Kragen. Besetzt man dann die Eindringlinge noch mit arabischen Darstellern, hat man einen feinen Theaterskandal und kriegt Presse.

Max Frisch, hat Marcel Reich-Ranicki einmal gesagt, sei ein defensiver Autor. Ein Autor der Angst. Vielleicht ist es das, was ihn derzeit so aktuell macht.

06:00 25.03.2018

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