1969: Richtige Amerikaner

Zeitgeschichte Präsident Nixon beschwört im Fernsehen die „schweigende Mehrheit“ der Patrioten: Sie soll den Krieg in Vietnam unterstützen. Seine Rhetorik wirkt bis heute nach
Konrad Ege | Ausgabe 44/2019 3
1969: Richtige Amerikaner
Nixons Stolz: Nach seiner Rede ist die Zustimmung meterlang

Foto: Bettmann/Getty Images

Der Republikaner Richard Nixon (Präsident 1969 – 1974) gilt vielen als Verlierer, der zurücktreten musste, um sich vor der Amtsenthebung zu retten. In mancher Hinsicht freilich war Nixon ein effektiver Politiker für das rechte Amerika. Er hat Grundsteine gelegt für republikanische Wahlerfolge, denn das tief gespaltene Amerika von heute gab es schon früher. Eine seiner großen Fernsehansprachen hat Nixon vor einem halben Jahrhundert gehalten, abends am 3. November 1969. Es ging um den Krieg in Vietnam, eine wachsende Antikriegsbewegung und Nixons angeblichen Friedensplan. Im Gedächtnis blieb besonders eine kurze Sequenz mit dem Appell an die nach Nixons Ansicht existierende und auf seiner Seite stehende „große schweigende Mehrheit“. Er bitte diese um Unterstützung.

Die Idee von der „schweigenden Mehrheit“, den richtigen Amerikanern, die einerseits von einer Elite, andererseits von unpatriotischen (und in den 1960ern langhaarigen) Gesellen drangsaliert würden, zieht sich seither durch die politische Rhetorik bis zu Donald Trump. Zuweilen entsteht der Eindruck, auch die Linke hoffe auf eine Art „schweigende Mehrheit“, die Programme wie Bernie Sanders’ Gesundheitsreform, höhere Steuern für Reiche und die politische Revolution haben will.

Nixon spricht vor 50 Jahren zum Krieg in Indochina. Das Pentagon verzeichnet etwa 100 Gefallene pro Monat. Nixon erzählt, er werde „diese Woche 83 Briefe an Mütter, Väter, Ehefrauen und Angehörige von Männern unterschreiben, die in Vietnam ihr Leben für Amerika gegeben haben“. Auch Hunderttausende von Vietnamesen sind tot, doch das fällt nicht ins Gewicht. Er verstehe den Idealismus der Demonstranten, behauptet Nixon. Doch er würde seinen Amtseid verletzen, wenn er es einer Minderheit erlaube, mit Protesten auf den Straßen „Politik zu diktieren“. Die Minderheit rückt indes in die Mitte der Gesellschaft. In den Fernsehnachrichten verfolgen US-Amerikaner den Krieg. Widerstand wächst in den aus Wehrpflichtigen zusammengestellten Streitkräften. Ein paar Wochen vor Nixons Ansprache haben sich am 15. Oktober in Dutzenden von Orten Kriegsgegner versammelt, in Vorbereitung auf ein nationales Antikriegsmeeting am 15. November 1969 in Washington.

Zehntausende kommen einen Monat vorher in Boston zu einer Ansprache des demokratischen Senators George McGovern. Viele Tausende sind es in Washington, in Miami, Detroit, New York und an zahlreichen Universitäten. In Vietnam tragen manche Soldaten laut Medienberichten schwarze Armbänder der Solidarität. Die Nachrichtenmedien seien „besessen“ gewesen von „der ganzen Sache“, vertraut Nixons Stabschef Haldeman seinem Tagebuch an, jedoch ziemlich fair mit dem Hinweis, dass Hunderttausende – nicht Millionen – mitgemacht hätten. Der Historiker Stanley Karnow vermerkte später, die Kundgebungen hätten der Antikriegsbewegung „neue Respektabilität und Beliebtheit“ verliehen. Sie seien eine „nüchterne, fast melancholische Manifestation der Besorgnis in der Mittelklasse gewesen“, so Karnow in seinem Vietnam: A History, ohne dass es dabei Gewaltausbrüche gegeben habe wie bei den Meetings rings um den demokratischen Parteikonvent in Chicago 1968. Nixon habe wissen lassen, dass er nicht beeinflussbar sei, habe sich aber „alarmiert“ gefühlt.

Dieser Eindruck entsteht auch in Haldemans Tagebuch. Nixon und seine Mitarbeiter mussten sich auf die nationale Friedenskundgebung am 15. November gefasst machen. „Wir müssen uns vorbereiten, weil sie ein großes Desaster sein könnte“, so Haldeman, der nach Nixons Rücktritt wegen seiner Verstrickung in den Watergate-Skandal 18 Monate Haft absitzen musste. Schwierig sei die Unterscheidung zwischen gutwilligen Irregeleiteten und dem harten Kern der Organisatoren.

Nixon macht sich an die Arbeit für seine große Rede am 3. November. Tagelang soll er am Text gearbeitet haben. Sicherheitsberater Henry Kissinger sei zufrieden gewesen mit dem Produkt. Nixon verkündet schließlich, er habe einen „Plan, der den Krieg zu Ende bringen und dem Frieden dienen wird, nicht nur in Vietnam, sondern im Pazifik und im Rest der Welt“. Vorschneller Rückzug wäre ein riesengroßes Desaster. Er wolle verhandeln und werde die Südvietnamesen stärken, sodass sich die US-Verbände zurückziehen könnten. Womit man beim Appell an die „schweigende Mehrheit“ wäre. Je mehr öffentlichen Beistand er habe, so Nixon, umso schneller könnten „wir den Frieden gewinnen“.

Am Tag nach der Ansprache lässt sich Nixon im Oval Office fotografieren. Der Schreibtisch ist eingedeckt mit Stapeln von lobenden Telegrammen und Briefen. Nixons Mitarbeiter Jim Keogh empfiehlt in einem Memo, das Weiße Haus solle zügig antworten auf die „enorme Menge von Post“, und schlägt vor, eine externe Firma zu beauftragen. Historiker Karnow vermerkt ebenfalls, die Post sei „überwiegend positiv“ gewesen, doch koordiniert von örtlichen Gruppen der Republikanischen Partei. Nixons Zustimmungsrate bei Umfragen tendiert nach oben. „Wir haben die liberalen Mistkerle in die Flucht geschlagen“, soll er gesagt haben. Nixons raffinierter Appell an die „schweigende Mehrheit“ habe Erfolg gebracht, resümierte Karnow, allerdings auch mit dem Ergebnis, dass der Krieg, den Nixon von seinem demokratischen Vorgänger Lyndon Johnson geerbt habe, künftig „Nixons Krieg“ sein sollte.

Die Kundgebung in Washington am 15. November wird zu der bis dahin größten politischen Kundgebung der US-Geschichte. Rund eine halbe Million Menschen protestieren und singen John Lennons Give Peace a Chance. Bereits am Vorabend ziehen Kriegsgegner mit Plakaten durch die Hauptstadt, auf denen Namen umgekommener US-Soldaten stehen, dazu die Namen von Dörfern und Städten, die in Vietnam zerstört worden sind.

Der Aufmarsch sei „riesig“ gewesen, räumt Chronist Haldeman ein. Zwei Tage danach hätten Nixon und seine Mitarbeiter Partys im Weißen Haus vorbereitet, „besonders für Weihnachten“. Dabei habe man über die Proteste gesprochen und über Nixons „Traum, eine eigene Monster-Kundgebung zu veranstalten, mit 500.000“, um die Antikriegsbewegung ein für alle Mal zu übertrumpfen. Dann aber werden den US-Medien Details des My-Lai-Massakers bekannt. Amerikanische GIs hatten im März 1968 in diesem südvietnamesischen Dorf etwa 500 Frauen, Kinder und Männer erschossen. Bewaffnete Kämpfer des „Vietcong“, der Nationalen Befreiungsfront, fanden sie nicht. Mehrere Stunden lang wurde dennoch gemordet.

Nixon hat nach 1969 die US-Truppenstärke in Vietnam nach und nach reduziert und wird im November 1972 mit überwältigender Mehrheit wiedergewählt, womit er sich gegen den demokratischen Kriegsgegner George McGovern durchsetzt. Im August 1974 jedoch muss dieser Präsident wegen der Watergate-Enthüllungen zurücktreten. Schließlich sind die USA im April 1975 gezwungen, ihre Botschaft in Saigon zu evakuieren, als die nordvietnamesische Armee nicht mehr aufzuhalten ist. Nixons Nachfolger Gerald Ford erklärt den Krieg in Vietnam für beendet.

Der Bezug auf die „schweigende Mehrheit“ ist geblieben. Schon bei Nixon war das ein kulturkämpferischer Begriff und richtete sich vorrangig an die weiße Arbeiterschicht, die seine Partei zur Vormacht brauchte. Wirtschaftlich hatten die Republikaner Arbeitern nicht viel zu bieten. Doch das Gefühl, auf Seiten einer Mehrheit zu stehen und kämpfen zu müssen, das hat eine Zeitlang funktioniert. Zum Republikaner Ronald Reagan (im Amt 1981 – 1989) fanden Ende der 1970er Jahre die sogenannten „Reagan-Demokraten“, Männer und Frauen aus der weißen Arbeiterschaft, von denen viele nicht mitmachen wollten bei gesellschaftlichen Umwälzungen. Donald Trump hat beim Wahlkampf 2016 in die gleiche Kerbe geschlagen. Es gibt Fotos, auf denen seine Fans Plakate tragen, mit der Aufschrift „Schweigende Mehrheit für Trump“.

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