1989: Auf der Couch

Zeitgeschichte Der US-Sender Fox startet „The Simpsons“. Die Familie aus Springfield wird zu einem Synonym für amerikanische Popkultur und so erfolgreich wie Mickey Mouse

Im Fernsehen gelten 25 Jahre schon als Ära. Heute mehr denn je, da sich der Durchschnittszuschauer kaum noch an eine Zeit vor dem Dschungelcamp oder den Sopranos erinnert. Die Simpsons – längst eine amerikanische Institution wie die Talkshow-Legende Johnny Carson und Fernsehköchin Martha Stewart – hat es in der Erinnerung der meisten Menschen dagegen scheinbar schon immer gegeben. Sie haben seit 1989 drei Präsidenten überdauert, von denen einer, George Bush senior, einst bemerkte, dass er sich die amerikanische Gesellschaft mehr nach dem Muster der gottesfürchtigen Depressionsfamilie der Waltons als nach dem Vorbild der Simpsons wünsche. In 25 Jahren haben die immerhin das Kunststück vollbracht, keinen Tag zu altern. Eine Existenz als animierte US-Durchschnittsfamilie hat gewisse Vorzüge.

Als der Fernsehkanal Fox am 17. Dezember 1989 die erste Folge der Simpsons ausstrahlte, konnte niemand ahnen, welchen Einfluss dieses Figurenensemble aus einem prototypischen Kleinstadt-Amerika namens Springfield einmal auf die Popkultur haben würde. Früh schon zierten ihre markanten Köpfe Müsliverpackungen, Kaffeetassen und T-Shirts. Sie eroberten die Hitparade und später sogar das Cover des Playboy-Magazins. Ihre geflügelten Worte fanden Eingang in die Alltagssprache sowie das Oxford English Dictionary, außerdem waren sie Gegenstand unzähliger akademischer Schriften und Habilitationen. Die Simpsons ein kulturelles Phänomen zu nennen, wäre grob untertrieben. Sie sind ein Meilenstein der amerikanischen Popkultur, ähnlich prägend wie Mickey Mouse, Marilyn Monroe und Elvis Presley.

Historisch gesehen stand der Erfolg der Simpsons in einem engen Zusammenhang mit dem Aufstieg des Senders Fox zum größten und politisch einflussreichsten der US-Fernsehnetworks. Mitte der achtziger Jahre hatte der australische Medienmogul Rupert Murdoch das Medienkonglomerat aufgekauft, um den nordamerikanischen Fernsehmarkt mit den Platzhirschen ABC, NBC und CBS aufzumischen. Populäre Serien wie Eine schrecklich nette Familie und 21 Jump Street bescherten Fox in den Anfangsjahren Achtungserfolge, doch es waren ausgerechnet die anarchischen Simpsons, die den konservativen Sender als ernst zu nehmende Konkurrenz im Wettbewerb um Marktanteile etablierten.

Den Simpsons-Erfindern Matt Groening und James L. Brooks kam die bescheidene Reichweite des damals noch jungen Senders zugute. Als lukratives Zugpferd konnten sich die Macher der Serie ihre kreative Unabhängigkeit vertraglich zusichern lassen – eine Vereinbarung, die bis heute gültig ist. Darum wurden Murdoch und sein Krawallsender Fox News über die Jahre auch immer wieder zum Ziel satirischer Spitzen. Das Autorenteam um Groening, dem einige der besten amerikanischen Comedy-Schreiber wie der spätere Starmoderator Conan O’Brien angehörten, nutzte diese Narrenfreiheit, um die Grenzen des klassischen Sitcom-Formats mit absurden Geschichten und immer bizarreren Einfällen auszutesten.

Unterhaltung für jung und alt

Die Reputation der Serie gründet sich auf diesen formativen Jahre, in denen die Macher das Konzept der Familienunterhaltung völlig neu definierten. Die Simpsons stehen in der Tradition von Chuck Jones’ klassischen Warner-Cartoons um Bugs Bunny und Daffy Duck sowie den durchgeknallten Cartoons eines Tex Avery, mit denen sich der Animationsfilm in den vierziger Jahren erstmals von der weitverbreiteten Vorstellung eines Kinderformats emanzipiert hatte. Dank der Simpsons erfüllten Cartoons plötzlich wieder den Anspruch „Unterhaltung für jung und alt“ und landeten als erste Animationsserie seit den Sechzigern wieder im Abendprogramm. Die gelben, kugelförmigen Figuren mit ihren expressiven Frisuren und dem pubertären Rowdytum des zehnjährigen Sohnes Bart Simpsons zielten auf die Resonanz eines kindlichen Publikums, während die Figuren-Typologie ansonsten die amerikanische Gesellschaft mit ihren Institutionen Politik, Medien, Religion und Sport ins Visier nahm.

Die Simpsons leiteten auch die Rückkehr eines proletarischen Milieus in den amerikanischen Mainstream ein: In der Reagan-Dekade (1981 – 1989) war die Arbeiterklasse weitgehend aus dem Fernsehen verschwunden, es dominierten Vorzeigefamilien wie die Cosbys oder die als 68er sozialisierten Keatons aus der Sitcom Familienbande. Dieser Wertevorstellung der US-Familie hielten die Simpsons ein Zerrbild entgegen. Besonders Vater Homers Jargon der Eigentlichkeit war ein Spiegel der amerikanischen Mentalität in der ausklingenden Reagan-Ära. Man kann Homer Simpson als liebevolle Überzeichnung des ugly american verstehen: unterbelichtet, übergewichtig, faul, ignorant, tölpelhaft. Ein moderner Parsifal, der in bislang über 500 Serienfolgen das Freiheits- und Glücksversprechen der nationalen Gründerväter auf die wesentlichen Grundbedürfnisse herunterbrach: Fressen und Fernsehen. Die Wohnzimmercouch fungiert in diesem Selbstverständnis als natürlicher Lebensmittelpunkt. Konsequenterweise spielt sie in der Titelsequenz, die in jeder Folge mit einem anderen „Couch-Gag“ endet, eine zentrale Rolle.

Dieser mediale Anschluss eröffnete den Simpsons schließlich einen eigenen Mikrokosmos, den die Autoren seither mit jeder neuen Folge ausdifferenzieren und ausweiten. Denn die Serie wirkt nicht nur ins Fernsehen hinein, auch das Fernsehen und die Medienöffentlichkeit aus Kunst, Politik und Gesellschaft hinterlassen in der Serie permanent Spuren: durch Anspielungen und Parodien auf reale historische und (relativ) tagesaktuelle Ereignisse oder Personen. Gleiches geschieht durch Lieder wie Musikvideos – und natürlich durch die berühmten Gastauftritte, in denen öffentliches Personal wie Stephen Hawking, Michael Jackson, Thomas Pynchon oder Tony Blair animierten Charakteren ihre Stimmen liehen. Dieses enzyklopädische Zettelkastensystem von Spezialwissen hat The Simpsons längst in den Status eines postmodernen Gesamtkunstwerks erhoben.

Diese Qualität, die später für popkulturell ähnlich gesättigte Serien wie South Park, Family Guy oder Groenings anderes Langzeitprojekt Futurama so charakteristisch werden sollte, ist nicht zuletzt auf clevere Vermarktungsstrategien zurückzuführen, die ihre eigenen Produktionsbedingungen immer schon mit erzählen. So trifft die hedonistische Konsumkritik der Simpsons mit einem Product Placement von fiktiven Biersorten, Spielzeugpuppen, Ausflugszielen und Vergnügungsparks auf ein ausgefallenes (reales) Merchandise-Angebot, wie es keine Fernsehserie zuvor aufgeboten hat. So wuchs die Serie in kürzester Zeit zu einem globalen Franchise-Unternehmen, das zeitweilig von der gesamten Wertschöpfung der Populärkultur – von Softdrinks über Comic-Hefte bis hin zu Computerspielen – profitierte. Einer der besten Simpsons-Vorspänne, entworfen von dem Street-Art-Künstler Banksy, wirft einen Blick in die Sweatshops dieser Wertschöpfungskette, in der Simpsons-Produkte von asiatischen Kinderhänden montiert werden. Das Prinzip der „Affirmation durch Negation“, wie es Matt Groening einmal nannte, war für die Sozialsatire in den Simpsons stilprägend, bis hin zur farblichen Ausgestaltung der bunten Konsumwelt der Kleinstadt Springfield.

Diese komplexe Gemengelage macht The Simpsons zu mehr als einem bloßen Langzeit-Fernsehereignis. Groenings panoramaartiges Gesellschaftsporträt gehört zu den großen kulturellen Darbietungen des 20. Jahrhunderts: ein Amalgam aus dem romantisierten Provinz-Amerika Norman Rockwells, dem akuten soziologischen Blick eines Howard Zinn und der lakonischen Weltsicht von Peanuts-Erfinder Charles M. Schulz. Groening hat mit The Simpsons für die Animationsserie Ähnliches geleistet wie der Cartoonist Art Spiegelman mit seinem Maus-Comic für die Graphic Novel: Er hat einem oft abschätzig betrachteten Genre zu längst überfälliger Anerkennung verholfen.

06:00 24.12.2014

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