1989: Sein erster Coup

Zeitgeschichte Vor 25 Jahren dreht der US-Dokumentarist Michael Moore seinen ersten Film „Roger & Me“. Er scheut kein Risiko, um ihn zu finanzieren, auch nicht den persönlichen Ruin
1989: Sein erster Coup
Auch ungewöhnlichen Gesprächen gewachsen: Michael Moore

Foto: DDP

Kurz vor Weihnachten 1989 kommen der Actionfilm Tango und Cash mit Sylvester Stallone und Oliver Stones Vietnamdrama Born on the Fourth of July in die US-Kinos, dazu ein Film, den ein Unbekannter namens Michael Moore aus der Industriestadt Flint/Michigan für gut 160.000 Dollar produziert hat. Finanziell gesehen ist das Projekt ein wackeliges Unterfangen: Der Mann mit schlechter Frisur, Baseballmütze und einer Riesenbrille verkauft sein Haus, veranstaltet Bingoabende und leiht Geld von seinen Eltern für die Dreharbeiten. Aber Moore glaubt an die Stärke der Geschichte, die er erzählen will. Und er vertraut seiner ungewöhnlichen Filmsprache, mit der er als Neuling die Welt des Dokumentarfilms aufs Korn nimmt. Moore will unterhalten, nicht belehren, und wird mit seinem Erstling ein Star in den nicht eben erfolgsverwöhnten linken USA. Er riskiert dafür den persönlichen Ruin und womöglich drückende Schulden für ein paar Jahre oder mehr. Doch der Mut zahlt sich aus. Auf Roger & Me folgen Bowling for Columbine (2002), Fahrenheit 9/11 (2004) und Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte (2009). Die Filme werden auch in Europa große Erfolge. In Deutschland schreibt der Spiegel, Michael Moore sei „Amerikas lautester Oppositioneller“ und der „letzte Rebell Amerikas“.

Roger & Me erzählt die Geschichte vom Niedergang der Stadt Flint, als General Motors (GM), jahrzehntelang weltgrößter Automobilkonzern, die meisten Werke dort dichtmacht, Zehntausende vor die Tür setzt und Jobs ins Billiglohnland Mexiko verlegt.

Laut Moore war Flint das Sinnbild der Deindustrialisierung in den 70er und 80er Jahren, als der Industriegürtel im Mittleren Westen und Nordosten zum Rostgürtel verkam, die Gewerkschaften dezimiert wurden. Der Roger im Filmtitel ist Roger Smith, von 1981 bis 1990 CEO von GM. Als Smith 2007 starb, beschäftigte GM in den USA nurmehr 73.000 gewerkschaftlich organisierte Arbeiter, schrieb die New York Times in ihrem Nachruf. 1970 waren es noch 400.000 gewesen.

Zu guten Zeiten habe man in Flint „den amerikanischen Traum leben können“, sagt Michael Moore. Die Fließbandarbeiter verdienten genug fürs Eigenheim, das Auto in der Garage und jedes Jahr Urlaub. Sie hatten Anspruch auf Krankenversicherung und ordentliche Betriebsrenten. Doch dann habe GM beschlossen, „dass sie uns nicht mehr brauchen“ (Moore). In Roger and Me fährt die Kamera vorbei an leeren Werkhallen und zerfallenen Wohnhäusern.

Moore macht sich auf die Suche nach Roger Smith, angeblich in der Hoffnung, der Konzernchef werde mit ihm nach Flint fahren, um sich mit Arbeitslosen zu treffen. Das Filmteam reist zum GM-Hauptquartier, zu einem privaten Club, zu Luxushotels. Man wird natürlich überall abgewiesen von Pförtnern und Personenschützern. Einmal trifft Moore auf einen GM-Lobbyisten, der versichert, nur weil Smith ein Konzernchef in der Autobranche sei, sei er „noch lange kein Unmensch“.

Moore selbst ist die Hauptperson seines Films. Das Konzept sei „mehr oder weniger durch Zufall“ entstanden, zitiert die 2005 erschienene Moore-Biografie von Emily Schultz den Filmemacher. Moore sei beim Dreh amateurhaft ins Bild gestolpert und habe festgestellt, dass seine Präsenz die Gespräche mit Interviewpartnern erleichtere. Der Filmemacher hat den Mut, die ganz oben und die ganz unten schonungslos gegeneinanderzusetzen und die Legende von Sozialpartnerschaft als Lüge zu entlarven. Roger Smiths Weihnachtsansprache, in der er Charles Dickens zitiert und schwärmt vom Duft der Tannennadeln und vom Truthahn auf dem Tisch, wird unterschnitten mit Bildern von einer Wohnungsräumung in Flint kurz vor Weihnachten. Moore verspottet die Reichen; es ist bitterer Spott, bittere Satire, die nicht so sehr das Gehirn anspricht, sondern das Herz.

Moore, dessen Vater 30 Jahre bei GM arbeitete, ist kein abgehobener Dokumentarist. Der Kinogänger soll sich empören. Eine Bewohnerin von Flint schlägt sich durch mit dem Verkauf von Kaninchen, erhältlich als Streicheltier oder Fleisch. Die Stadt Flint baut ein Luxushotel und ein Automobilmuseum, um so etwas wie Tourismusindustrie anzukurbeln. GM macht Milliardengewinne, und der Sheriff von Flint ist überlastet, weil er so viele Zwangsräumungen beaufsichtigen muss.

Beim Toronto-Festival 2014 wurde Moore gefragt, wie er Roger & Me heute sehe, 25 Jahre nach der Uraufführung. Er würde nichts verändern, antwortete Moore. Roger & Me habe „vielen Leuten erstmals gezeigt, dass man Wirtschaftsthemen, so darstellen kann, dass sie statt langweilig interessant sind“. Und es freue ihn, mit seiner Courage dem Dokumentarfilm geholfen zu haben. Vor 1989 hätten laut einer Aufstellung nur neun Dokumentarfilme jeweils mehr als eine Million Dollar eingespielt. Seit Roger & Me seien 119 Filme derart erfolgreich gewesen.

In seinem autobiografischen Buch Here Comes Trouble schreibt Moore, früher habe er Dokumentarfilme überhaupt nicht gemocht, sie hätten geschmeckt „wie Rizinusöl“. Man habe sie angeschaut, „weil sie einem guttun“. Doch im Kino wolle er überrascht, ermuntert und bedrückt werden. „Ich will mich kaputtlachen, ich will heulen ... Und fünf Tage später soll der Film noch immer in meinem Kopf herumrollen, sodass ich ihn noch mal sehen muss.“ Roger Smith sagte laut ABC-Fernsehen kurz nach der Filmpremiere, er habe das Werk nicht gesehen. Er habe keinen Magen für kranken Humor und möge es nicht, wenn man arme Leute ausnutze. Letzteres galt vermutlich der Bewohnerin von Flint, die vor der Kamera ihre Kaninchen schlachtet.

Roger and Me löste eine Debatte aus über den Umgang mit Fakten im Dokumentarfilm. Moore habe es nicht genau genommen mit der Wahrheit, lautete ein Vorwurf, den es auch bei Fahrenheit 9/11 gab. Manche Sequenzen bei Roger & Me seien nachweisbar falsch, etwa die Geschichte, dass eine Fernsehtalkshow über Flint geplatzt sei, weil ein arbeitsloser GM-Arbeiter den Übertragungswagen geklaut habe. Den kanadischen Filmemachern Debbie Melnyk und Rick Caine ging das trotz ihrer Sympathien für Moore gegen den Strich. Sie produzierten Manufacturing Dissent – 96 durchaus unterhaltsame Minuten über Moore und seine Methoden. Die Prämisse von Roger & Me stimme nicht ganz: Moore habe sehr wohl ein Interview mit Smith geführt, womöglich aber vor dem offiziellen Beginn der Dreharbeiten. Melnyk und Caine reisten Moore hinterher, in der Hoffnung, ein Interview zu bekommen. Sie blieben erfolglos, die beiden Kanadier wurden von Moores Sicherheits- und PR-Leuten blockiert.

Er habe kein Problem mit einer manipulierten Realität, „dem Verdrehen von Fakten, um Moores These zu untermauern“, schrieb dagegen Filmkritiker Roger Ebert. Moore nehme sich die „Freiheit des Satirikers“. Und Roger & Me befasse sich mit Fragen, die wichtig seien für die USA. „Teile von ‚Roger & Me‘ sind faktisch richtig, Teile nicht. Aber der ganze Film entspricht der Wahrheit.“ In Interviews spricht Moore zuweilen über seine Motive. Als Teenager habe er eine Zeitlang Pfarrer werden wollen, „nicht wegen der Messgewänder“, sondern wegen Jesu Botschaft, dass die Ersten die Letzten sein würden. 2000 stieg Moore in die Politik ein, war tätig für den unabhängigen Präsidentschaftskandidaten Ralph Nader gegen den Republikaner George W. Bush und den Demokraten Al Gore. Zwischen den beiden großen Parteien gebe es keinen wirklichen Unterschied, sagte Moore. Bush wurde Präsident. 2004 fand sich Moore auf Seiten des demokratischen Kandidaten John Kerry wieder. 2008 war er für Barack Obama.

Roger & Me kam am 20. Dezember 1989 in die US-Kinos. Am gleichen Tag landeten Tausende US-Soldaten in Panama, um Präsident Manuel Noriega zu stürzen und von der US-Antidrogenbehörde DEA festnehmen zu lassen. Dabei hatte Noriega viele Jahre lang eng mit dem US-Geheimdienst CIA kooperiert. Hunderte Menschen kamen bei der Invasion ums Leben.

06:00 23.12.2014

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