„Das Interesse fürs Kind sollte zählen“

Die Eltern Väter und Mütter erzählen über ihre Erfahrungen mit dem Sorgerecht und die Hoffnungen und Sorgen, die das Verfassungsgerichts-Urteil bringt

Klaus Holitsch, 55, Musikpädagoge, eine Tochter, 9

./resolveuid/553543035a34dc42c5432fd3a9329e88/image_previewVielleicht wird durch das Urteil alles ein bisschen einfacher und unsere Tochter kann wirklich zwei Elternteile haben. Ich hoffe zum Beispiel, dass ich bald zu Elternabenden gehen darf und Elternbriefe bekomme, ohne immer darum bitten zu müssen. Auch, dass ich in Zukunft erfahre, wenn etwas Einschneidendes passiert, zum Beispiel in welchem Krankenhaus mein Kind liegt, wenn es mal wieder so weit kommen sollte. Und ich möchte mit der Mutter zusammen die Schule aussuchen, wenn unsere Tochter mit der vierten Klasse fertig ist. Auch wenn wir im Alltag nicht aggressiv miteinander umgehen, hat die Mutter das Thema „Gemeinsames Sorgerecht“ stets abge- oder auf später verwiesen. Darum werde ich mich jetzt aber wieder bemühen.

Als unsere Tochter ein Jahr alt war, beschloss die Mutter zu ihren Eltern nach Norddeutschland zu ziehen. Ich suchte mir eine Arbeit in der Nähe und zog von Weil am Rhein nach Hannover. Auch nach der Trennung habe ich mich stets um meine Tochter gekümmert und den vollen Unterhalt überwiesen. Trotzdem bleibe ich bisher bei allen wichtigen Entscheidungen außen vor und erfahre oft nicht einmal, wann eine ansteht. Ich möchte der Mutter keinen bösen Willen unterstellen. Sie findet es oft schlicht unnötig, dass ein Vater da ist, der manche Dinge aus einem anderem Blickwinkel sieht. Dabei kann das doch auch bereichernd sein. Protokoll: skra

Amina Najir*, 30, Ein-Euro-Jobberin,

zwei Töchter, 9 5, ein Sohn, 2

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Meine Älteste hat einen anderen Vater, als die beiden Jüngeren. Mir graut davor, dass er jetzt auf die Idee kommt, das Sorgerecht einzuklagen. Sie haben sich seit fünf Jahren nicht gesehen. Vorher hat er es nie geschafft, konti­nuierlichen Kontakt zu halten, so dass meine Tochter gewusst hätte: Das ist jetzt meine Zeit mit Papa. Als ich dem Kind anmerkte, dass es darunter leidet, habe ich gesagt: So geht das nicht mehr. Von mir aus dürfte er sie jederzeit besuchen, aber ich möchte, dass das erst einmal vom Jugendamt be­gleitet wird, weil sie sich so lange nicht ge­sehen haben und so vieles passiert ist. Er aber möchte sich darauf nicht einlassen und gibt mir die Schuld.

Ich will dem Kind nicht den Vater wegnehmen. Ich sehe nur, dass es im Alltag auch nach hinten losgehen kann: Freunde von mir haben sich nach der Trennung das Sorgerecht geteilt. Als der Sohn operiert werden musste, hat sich der Vater geweigert, einzu­willigen, es ging vor Gericht und hat Jahre gedauert.

Ich informiere die Väter bei wichtigen Dingen immer, das ist für mich keine Frage. Und natürlich hat der Vater meiner Ältesten das Recht, seine Tochter zu sehen. Aber ich habe Angst, dass er jetzt das Sorgerecht einklagen könnte, ohne zu verstehen, dass es nicht allein um ein Recht geht, sondern um die Verantwortung. *Name geändert, Protokoll: nah

Andrea Trudelbier*, 46, eine Tochter, 14, ein Sohn, 7

./resolveuid/9e9acd46fe15a8351c402f491a156276Als unverheiratete Mutter hatte ich von Anfang an das alleinige Sorgerecht, obwohl wir lange gemeinsam als Familie gelebt haben. Als wir noch zusammen waren, haben wir eigentlich nie über ein gemeinsames Sorgerecht gesprochen und danach war ich auch ganz froh darüber: Da sich die Trennung recht schwierig gestaltet hat, wäre es sonst bestimmt noch komplizierter geworden.

Das ist fünf Jahre her. Damals waren wir beide so wütend und so verletzt, dass es schwierig gewesen wäre, alle Entscheidungen gemeinsam zu treffen, zumal der Unterhalt für die Kinder bis heute nur sporadisch tröpfelt. Dadurch, dass ich unabhängig war und selbst die Entscheidungen treffen konnte, gab es schlicht weniger Reibungsflächen. Ich weiß nicht, ob sich das Verhältnis von meinem Partner und mir so entspannt hätte wie es heute ist, wenn wir über jede Kleinigkeit hätten diskutieren müssen.

Der Vater kümmert sich nicht gerade häufig um die Kinder. Ich fände es ja schön, wenn sich das ändern würde. *Name geändert, Protokoll: skra

Wolfgang Jahns, 64, arbeitslos, eine Tochter, 16

./resolveuid/32450323192ea0ed04851965d9a9288c/image_previewMeine Ex-Frau und ich hatten nach der Scheidung erst das gemeinsame Sorgerecht. Ich war arbeitslos, und wir haben ausgemacht, dass ich die Kleine die meiste Zeit betreue, weil meine Ex im Schichtdienst gearbeitet hat. Nach ein paar Jahren kam unsere Tochter ganz zu mir, mit Zustimmung der Mutter. Die hat sich immer unregelmäßiger gekümmert, und ich musste ihr wegen des Geldes ständig hinterherrennen.

Als ich einen Prozess um das alleinige Sorgerecht begonnen habe, hat meine Ex einen Gegenantrag gestellt, ebenfalls auf alleiniges Sorgerecht. Sie hat alles Mögliche behauptet, dass meine Tochter bei mir verkomme und so. Ich erfuhr, dass sie die Kleine zu ihrer Schwester geben wollte und hatte Sorge, dass ich sie nie wieder sehe. Ich habe mir Bescheinigungen vom Kindergarten und vom Arzt geben lassen, dass sie gut versorgt ist. Ich hatte Glück, die Richterin kannte uns schon von den Vorverhandlungen um die Alimente. Und meine Tochter hat klar gesagt, dass sie bei mir bleiben will. Seit 2000 hat sich die Mutter nicht mehr gemeldet, wir wissen nicht mal, wo sie lebt.

Ich finde, wer das Sorgerecht hat, sollte davon abhängen, wer sich wirklich für das Kind interessiert. Aber es ist nicht leicht, so ganz allein. Ich bin Ingenieur und habe keine Arbeit mehr gefunden, weil ich als Alleinerziehender nicht mehr so mobil bin, wie es erwartet wird. Protokoll: nah

Freya Fender*, 25, Studentin,

ein Sohn, 6, eine Tochter, 2

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Als mein Sohn geboren wurde, habe ich aus einem romantischen Gefühl heraus dem gemeinsamen Sorgerecht zugestimmt. Nach der Geburt wurde aber schnell klar, dass die Beziehung nicht so stabil war, wie ich es mir gewünscht hatte. Ich bin umgezogen und entgegen all unserer Erwartungen ging der Kontakt mit dem Vater auf Null herunter. Irgendwann war für mich der Sinn des gemeinsamen Sorgerechts nicht mehr gegeben, und es wirkte auch zunehmend bedrohlich: Da hat jemand ein Recht über mein Kind, das er nicht kennt und der dieses Recht bei bösem Willen auch ausnutzen könnte. Ich habe dann das alleinige Sorgerecht beantragt, obwohl ich große Angst davor hatte, wie der Vater reagieren und was vor Gericht geschehen würde. Es hat mich sehr belastet. Dann aber ist der Vater nicht zur Verhandlung erschienen – und es war eine Sache von drei Minuten.

Heute lebe ich mit einem anderen Mann zusammen, von dem ich eine Tochter bekommen habe. Vor der Geburt haben wir lange darüber gesprochen, dass ich ein böses Erwachen wie beim ersten Mal vermeiden wollte. Natürlich hatte mein Partner auch Sorge, dass ich das Kind von ihm fernhalten könnte. So haben wir den Beschluss bis zur letzten Minute hinausgezögert – und entschieden, nun doch das gemeinsame Sorgerecht zu wagen. *Name geändert, Protokoll: skra

Kuno Walther, 34, Ingenieur,

drei Töchter, 10 9 Jahre und 3 Monate

./resolveuid/0e5a8795e61087f984057cb89a7d9a60Meine beiden ältesten Töchter sind eheliche Kinder. Damit habe ich zusammen mit meiner Ex-Frau das gemeinsame Sorgerecht für sie - und darüber bin ich auch heilfroh. Sonst wäre nach unserer Scheidung vor acht Jahren ein einigermaßen normaler Umgang mit meinen Kindern wohl kaum möglich gewesen. Die beiden leben bei ihr, ich hole sie regelmäßig für den Umgang ab und zahle natürlich Unterhalt.

Einige Zeit nach unserer Trennung rief mich eines Tages der Kinderarzt an und sagte, die Mutter würde unsere Töchtern nicht mehr zum Impfen bringen wollen. Er hat mich gefragt, was denn los sei. Ein Glück: Ohne gemeinsames Sorgerecht hätte er so einen Anruf gar nicht machen dürfen. Ich habe die Kinder dann während meiner regulären Besuchszeit ins Auto gepackt und sie zum Arzt gefahren.

Daraufhin hat mich meine Ex-Frau angezeigt: Kindesmisshandlung, Vernachlässigung der Aufsichtspflicht, wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen und so weiter. Einmal das ganze Strafgesetzbuch rauf und runter. Das alleinige Sorgerecht beantragte hat sie auch. Die Prozesse dauerten Jahre und eine Weile lang durfte ich meine Töchter nur in Begleitung des Jugendamtes sehen. Inzwischen hat mich das Strafgericht in allen Punkten freigesprochen, und das Familiengericht hat festgestellt, dass ich
meine Kinder wieder ganz normal besuchen und mit ihnen in Urlaub fahren darf. Und eben auch, dass wir das Sorgerecht weiter gemeinsam ausüben sollen.

Ich bin froh, dass diese Episode vorbei ist. Bald werde ich meine heutige Lebenspartnerin heiraten, die Mutter meiner jüngsten Tochter. Wir haben wieder das gemeinsame Sorgerecht. Protokoll: skra

Kathrin, 30, Zahnarzthelferin, Frank, 42, Musiker,

ein gemeinsamer Sohn, Frank hat zwei weitere Kinder

./resolveuid/0e5a8795e61087f984057cb89a7d9a60/image_previewFrank: Ich hatte lange Zeit kein Sorgerecht für meine beiden ersten Kinder. Ich habe damals nicht darauf bestanden, mir war die Problematik einfach nicht so klar. Und dann war‘s zu spät – die Frau wollte nicht teilen.

Das war für mich sehr schwierig. Die beiden Kinder waren immer eine feste Konstante in meinem Leben, ich habe mich gekümmert und auch bezahlt. Aber alle wichtigen Fragen wurden von der Mutter entschieden, auf welche Schule sie gehen sollen oder zu welchem Arzt. Mal wurde ich gefragt, mal nicht. Das war immer viel Stress.

Ich habe oft überlegt, vor Gericht zu ziehen, mich aber immer dagegen entschieden, weil es zu sehr auf Kosten der Kinder gegangen wäre. Die haben ohnehin schon viel zu viel von alldem mitbekommen. Vergangenes Jahr hat die Mutter dann doch eingewilligt, aus einer Notlage heraus, in der sie auf mich angewiesen war. Und sicher hat es auch etwas bewirkt, dass die Veränderungen im Sorgerecht damals schon diskutiert wurden.

Kathrin: Für mich war klar, dass ich das Sorgerecht teilen will. Wenn ich mich entscheide, mit einem Mann Kinder zu haben, dann soll er nicht nur seine Pflichten bekommen, sondern auch seine Rechte. Männer werden da bisher vom Staat benachteiligt, deshalb finde ich es gut, dass dieses Gesetz jetzt geändert wird. Protokoll: nah

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12:35 12.08.2010

Ausgabe 38/2020

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