Eren Güvercin, freitag.de
10.12.2009 | 10:00 13

„Ein Schlag ins Gesicht“

Im Gespräch Der Bostoner Islamwissenschaftler Jonathan Bloom über die Geschichte des Minaretts und seine kulturhistorische Bedeutung

Der Freitag: Minarette sind das charakteristische Symbol des Islam geworden. Was ist der Ursprung des Minaretts?

Jonathan M. Bloom:

Die ersten Moscheen aus dem siebten Jahrhundert ­hatten keine Minarette. Es wird davon ausgegangen, dass sie im späten achten oder ­frühen neunten Jahrhundert „erfunden“ wurden. Es gibt verschiedene Theorien über den ­Ursprungs des Minaretts: Manche sagen, sie seien Kirchtürmen nachempfunden, andere halten Wachtürme, Leuchttürme, Stellwerke oder ­Siegessäulen für Vorbilder.

Und was ist Ihre Meinung in dieser Frage?

Keine dieser Varianten ist richtig. Meine Forschungen haben ergeben, dass die ersten Minarette nicht der Funktion dienten, zum ­Gebet aufzurufen. Ich gehe deshalb davon aus, dass sie schon damals die gleiche Funktion wie heute hatten: Sie waren Zeichen für die Präsenz einer Moschee und damit Symbole des Islam. Erst später bekamen diese Türme ihre Bedeutung als Ort, von dem aus der ­Gebetsruf erfolgt.

Sie sagen, dass das Minarett historisch betrachtet nicht mit dem Gebetsruf in Zusammenhang steht?

Der Gebetsruf wird bereits seit der Zeit des Propheten praktiziert, das Minarett entstand erst später. Der Überlieferung zufolge träumte ein Weggefährte des Propheten, Abd Allah ibn Zayd, er habe gesehen, wie jemand vom Dach der Moschee die Männer zum Gebet gerufen habe. Nachdem er dem Propheten von seinem Traum ­erzählt hatte, erkannte ­Mohammed darin eine ­Vision Gottes. Er wies Bilal, einen freigelassenen abessinischen Sklaven, der ­einer der ersten Konvertiten zum Islam war, an: „Steh auf, Bilal, und rufe alle zum Gebet zusammen!“ Bilal, der für seine schöne Stimme bekannt war, tat, wie ihm geheißen war, und wurde so der ­erste Muezzin.

Liegt in dieser Zeit auch der Ursprung des Minaretts?

Nein. Gemäß der isla­mischen Tradition riefen Bilal und seine Nachfolger von einem hoch gelegenen oder öffentlichen Platz zum Gebet, etwa von einem der Stadttore oder vom Dach der Moschee, von einem hohen benachbarten Gebäude oder sogar von der Stadtmauer aus, niemals aber von einem hohen Turm. Es ist sogar überliefert, Ali ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten, habe angeordnet, ein hoher mi’dhana, ein Platz von dem aus der Muezzin zum Gebet rief, solle abgetragen werden, da der Muezzin von dort in die Häuser rund um die Moschee schauen konnte. Ali war der Ansicht, der Gebetsruf solle nicht von einem Gebäude aus erfolgen, das höher als das Dach der Moschee sei.

Welche symbolische ­Bedeutung hat das Minarett überhaupt?

Das Minarett ist, ähnlich wie das Kuppeldach der Moschee eine der charakteristischsten Ausprägungen der islamischen Architektur. Der Klang des Gebetsrufs gehört zu Kairo, Istanbul oder Riad wie der Klang der Glocken zu Rom. Weltweit sind die Minarette inzwischen ein derart unverwechselbares Symbol des Islam geworden, dass politische Karikaturisten sie als Kürzel verwenden, wenn sie eine Szene im Nahen Osten oder in islamisch geprägten Gegenden verorten wollen.

Sind die Minarette auch Symbole der politischen Macht des Islam?

Ob die Minarette nun aktiv genutzt werden, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen oder nicht, sie bleiben mächtige Symbole des Islam und wurden dementsprechend als solche immer wieder ins Visier genommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Während des Bürgerkriegs im Kosovo etwa platzierten die serbischen Truppen häufig Sprengstoff in den Minaretten. Sie taten dies nicht nur, um die Türme zu zerstören, sondern auch, damit die angrenzende Moschee beim Einsturz ebenfalls zerstört wurde. Durch diese Zerstörung wollten die serbischen Truppen, die überwiegend christlich-orthodox geprägt waren, die sichtbarsten Symbole des Islam von der Bildfläche tilgen. Ein solcher Zusammenprall zwischen unterschiedlichen visuellen ­Kulturen ist unglücklicher­weise nicht erst ein Phänomen der Neuzeit, auch wenn moderne Waffen und Sprengstoffe die Folgen verheerend machen.

Gibt es auch Fälle, in denen Minarette errichtet wurden um islamischen Macht­anspruch auszudrücken?

Ja. Nachdem der ottomanische Sultan Fatih Mehmet die byzantinische Stadt Konstantinopel im Mai 1453 erobert hatte, war eine seiner ersten Amtshandlungen, dass er auf der 900 Jahre alten Kirche Hagia Sophia ein hölzernes Minarett errichten ließ, um ihre Umwidmung zu einer Moschee zu kennzeichnen. Das hölzerne Minarett wurde bald durch ein steinernes ersetzt und zudem wurden noch drei weitere gebaut. Als Mehmet und seine Nachfolger weitere Moscheen in ihrer neuen Hauptstadt bauten, wurde die Silhouette Istanbuls nach und nach von dutzenden schlanken, pfeilförmigen Minaretten unterbrochen, die der ottomanischen Metropole nach und nach ihr charakteristisches Aussehen ­gaben. Es signalisierte, dass sie nicht länger die Hauptstadt des christlichen Byzanz, sondern die neue Hauptstadt des islamischen Weltreichs war.

Gibt es in der islamischen Geschichte auch Überlieferungen von Moscheen ohne Minarett?

In weiten Teilen der muslimischen Welt, wie etwa in Malaysia, Kaschmir und Ost-Afrika, waren Minarette bis zur Neuzeit so gut wie unbekannt. Im 20. Jahrhundert jedoch führte die Ausdehnung der modernen Kommunikation und der Reisemöglichkeiten zu ­einer Vereinheitlichung der regionalen architektonischen Ausprägungen zu ­„islamischen“ Normen mit Kuppeln und den in die Höhe ragenden Türmen. Nichtsdestotrotz erklärte Mohamad Tajuddin bin Mohamad Rasdi von der Technischen Universität in Malaysia unlängst, moderne Architekten und ihre Kunden, die monumentale Moscheen mit ausgefallenen Minaretten und Kuppeln bauten, würden die Lehren des Propheten ignorieren.

In der Schweiz wurden die Minarette nun verboten, weil sie für die Mehrheit ein Symbol der Islamisierung sind.

Ironischerweise war einer der ersten Gelehrten, die den Ursprung und die ­Geschichte des Islam ­studierten, vor über einem Jahrhundert der Schweizer Arabist Max van Berchem. Die Minarette sind zwar genau genommen kein notwendiger Bestandteil einer Moschee, aber sie werden weithin für erstrebenswert erachtet. Das ­Verbot, Minarette zu bauen, ist deshalb ein Schlag ins Gesicht für die muslimische Gemeinde in der Schweiz. Können Sie sich vorstellen, was gewesen wäre, wenn die Schweiz entschieden hätte, dass der Bau von Glocken­türmen auf Kirchen verboten wird?

Ist diese Ablehnung der Minarette ein neues Phänomen?

Nein, sie kann bis ins ­mittelalterliche Spanien zurückverfolgt werden, als Muslime und Christen um die architektonische Vorherrschaft in den Städten kämpften. In jüngerer Zeit wiederum gab es in Oxford Streit um den Bau eines Minaretts, das höher als die legendären Turm­spitzen der Stadt gewesen wäre. Dieselbe Diskussion gab es in Frederick, ­Maryland.

Das Interview führte Eren Güvercin

Jonathan Bloom ist Professor am Boston College. Er hält den Lehrstuhl für Islamische und Asiatische Kunst

Kommentare (13)

Loggos 13.12.2009 | 21:05

Nun ich denke nicht, dass es ein Schlag gegen die muslimische Gemeinde in der Schweiz ist. Sondern sie darf nach wie vor ihre Religion ausüben. Sie wird nicht verfolgt, nicht schikaniert, nicht gefoltert und nicht ins Gefängnis geworfen.
Das der Islam politisch ist und von daher seine Symbole aufbaut sollte und darf man nicht vergessen. Ein wahrhaft Gläubiger freut sich, dass er seinen Gott in Freiheit dienen darf, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Symbole sind für zweit - oder drittrangig, er will seinen Gott dienen und dies in Freiheit.
Die islamische Welt kennt diese Freiheit für anders Gläubige schon lange nicht mehr. Es wird Zeit, dass der Islam in der Neuzeit ankommt und die Menschenrechte respektiert.

Loggos 14.12.2009 | 08:24

Um weiter zu kommen und etwas zu wissen, ist es nicht immer notwendig, es selbst bis ins letzte erlebt zu haben. Mitunter genügt es zu beobachten und Schlüsse zu ziehen. Laut Herrn Schröder hat der Islam nicht den 2. Weltkrieg verursacht. Laut der Geschichte ist der Vormarsch des Islam mit dem Schwert im 16. Jahrhundert vor Wien gestoppt worden. In Afrika, Asien ist er mit welchen Waffen unterwegs? Mit der Waffe der Überzeugung oder doch mit dem Gewehr? Hier läßt der Ostkongo grüßen!

dame.von.welt 14.12.2009 | 09:24

Tatsächlich wäre ein wenig Beobachtung hilfreich - die ließe nämlich ganz andere Schlüsse ziehen als Sie, @Loggos. In der demokratischen Republik Kongo gibt es gerade mal 10% Muslime - der ganze Rest gehört verschiedenen christlichen, etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung der katholischen Kirche an. Der Terror dort ist einesteils die Verlagerung des Bürgerkriegs aus Ruanda, anderenteils einer um Rohstoffe. Die Befehle dazu kamen bis vor wenigen Wochen aus Deutschland.
www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/die-befehle-kommen-aus-deutschland/
www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/waffen-und-munitionstransfers/

Überquert man nun den Lake Tanganijka Richtung Osten nach Tanzania, so sieht man sich dort einer etwa hälftigen Teilung der Bevölkerung in Christen und Muslime gegenüber, nebst allerhand animistischem Glauben. Friedlich zusammenlebend übrigens, der einzige Wettstreit lautet 'wer hat den lautesten und scheppernsten Lautsprecher'. An der Küste und auf Zanzibar leben tatsächlich überwiegend Muslime, 'DER Islam' gebietet den Frauen dort Verschleierung, die aber äußerst transparent ist und unter der oftmals kaum Unterwäsche getragen wird - meinten Sie das mit 'In Afrika, Asien ist er mit welchen Waffen unterwegs?'

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rahab 14.12.2009 | 10:00

dame von welt, Sie verwirren mich!
wollen Sie mir Ihrem satz
"An der Küste und auf Zanzibar leben tatsächlich überwiegend Muslime, 'DER Islam' gebietet den Frauen dort Verschleierung, die aber äußerst transparent ist und unter der oftmals kaum Unterwäsche getragen wird"
etwa andeuten, dass 'DER Islam' eigentlich ganz was anderes vorhat? Sodom und Gomorrha! 'DER Islam' scheint ja noch viel hinterhältiger als gemeinhin angenommen wurde.
Zanzibar als freiluftharem?! da werden ja die kühnsten orientalisten-träume wahr!

aber: auch da sehen wir es wieder. es geht immer auf die frauen. anziehn, ausziehn, umziehn. vom fell des säbelzahntigers bis zu mit-ohne-unterwäsche...

dame.von.welt 14.12.2009 | 15:33

Ojemine, liebe Rahab - das ist mir jetzt aber unangenehm - um keinen Preis wollte ich Sie verwirren! Ich gedachte nur vorauseilend etwaiger Erwähnung einer 'biologischen Kriegsführung' zu begegnen. Sie hörten doch sicher auch schon davon - im Jahr 2050 hat 'DER Islam' auch in Europa die demografische Oberhand, die hinterhältige, gewonnen.
Dazu outis von Zeitonline:

'...nachdem im heutigen mal wieder der Muselmane finster dräuend den krummen Säbel über Europa schwingt. Aber es ist einfach so ein trauriger Anlass:
Hiermit verkünde ich: ein neuer Nagel wurde heute in den Sarg des Abendlandes getrieben. Denn wie ein guter Freund mit marokkanischem Background (ein neuer Nagel für die Deutsche Sprache) mir heute am Telefon stolz berichtete:
ES IST EIN KOPFTUCHMÄDCHEN! Sie ist kerngesund, die Mutter ist wohlauf und vermutlich bald wieder zur biologischen Kriegführung zu gebrauchen (die Musels halt), cm habe ich vergessen aber mit fast vier Kilo kann die Kleine sich schon fast selbst den Sprengstoffgürtel umschnallen....'
community.zeit.de/user/alkuin/beitrag/2009/11/25/unbehagen-gegen%C3%BCber-dem-islam#comment-496165

Muß erwähnt werden, daß es sich um Satire handelt? Bei Die Zeit gab's regelmäßig Mißverständnisse - also, der Vorsicht halber: SATIRE!

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rahab 14.12.2009 | 18:11

nun - und ich denke: die ersten kirchen hatten auch keine türme, ja, die ersten christen hatten noch nicht mal kirchen - und schaut, was aus ihnen geworden ist! geht doch auch ohne "laut der Geschichte"! also wozu braucht es die kirchen, die glocken, das ornat, den habit, die tonsur, das beffchen, das taufbecken, da kruzifix... all diese vielen gemäuer und dinge, dinge, dinge? diesen ganzen historisierenden und zugleich verkörpernden krempel?

und - auch das wollen wir nicht vergessen: in der schweizer verfassung steht nun nicht etwa "Muslime dürfen keine Minarette bauen". nein! da steht einfach nur "Minarette dürfen nicht gebaut werden".
bedeutet: kein christ, kein jude, kein buddhist, kein animist, kein schamane, ja - gleichberechtigung muß schließlich sein! - auch keine anhängerin von welcher göttin auch immer darf ein minarett bauen. oder vielleicht auch etwas bauen und es dann minarett nennen.

wunderbar. ich warte auf die initiative für den volksentscheid: keine kultstätten nirgendwo!

Fro 16.12.2009 | 17:03

Türme sind sichtbare Zeichen der Präsenz – sie werden so auch von McDonalds oder Tankstellen genutzt.

Kirchtürme sind m.E. von den „Erfindern“ als Empfänger des „göttlichen Spirits“ gebaut worden – und als Sender des „religiösen Spirits “ seitens der Prediger. Es sollte über diesen Weg eine subtile Missionierung der Menschen im Umfeld erreicht werden. Auch die Glocken wurden idealerweise so gebaut, dass bestimmte Hirnregionen anvibriert werden. Weihrauch ist THC–haltig und daher eine Droge – Jesus am Kreuz soll die Gläubigen das Schicksal in Demut ertragen lassen - Katholiken arbeiten mit allen möglichen Tricks .
Daher rührt m.E. ein berechtigtes Misstrauen gegenüber Religionen.

Ich habe mir mal die Minarette auf Bildern angesehen und diesen manipulativen Aspekt nicht (oder eher wenig) entdecken können. Hier scheint es eher so zu sein, dass der Kontakt mit Allah (dem göttlichen Spirit) über die Kuppel stattfindet. Die Türme wirken da als weit sichtbares schmückendes Beiwerk.
Minarette sind anscheinend - wie Eren Güvercin sagt - Zeichen der Präsenz – keine Machtsymbole.

Von den Muslimen kann das Minarettverbot insofern als Ausdruck des Unerwünschtseins des Islam und der persönlichen Präsenz verstanden werden.