Tobias Prüwer
01.06.2011 | 14:35 6

„Kennen Sie Ergo?“

PR-Kritik Ein Konzern baut darauf, dass seine eigene teure Werbung für die Katz war ­– bemerkenswert. Doch die Clip-Parodie "Orgie" kursiert längst im Netz

„Kennen Sie Ergo?“ – „Kein Stück.“ Diese Antwort hätte die Werbestrategen der Versicherungsgruppe vor kurzem noch zittern lassen. Nun ruht ihre Hoffnung auf der Ahnungslosigkeit der Kunden. Seit bekannt wurde, dass die Ergo-Tochter Hamburg-Mannheimer Mitarbeiter mit Prostituierten belohnte, hofft der Konzern, am Imageschaden vorbeizuschrammen: Die Panne der Tochter möge nicht auf die Mutter abfärben. Diese Hoffnung begründet man damit, dass viele Leute „unsere Marken-Repositionierung im vergangenen Jahr gar nicht mitbekommen“ hätten, wie die SZ eine Sprecherin zitiert.

Als 2010 die Markenstruktur neu geregelt wurde und die Hamburg-Mannheimer und Karstadt-Quelle nun unter dem Ergo-Namen auftraten, gab es eine große Kampagne mit einem Etat im achtstelligen Bereich. In Radio und TV forderte ein Milchbubi kundenfreund­liche Verträge: „Könnt Ihr nicht einfach mal aufhören, mich zu verunsichern? Und anfangen, mich zu versichern?“

Ein Konzern baut also darauf, dass seine eigene teure Werbung für die Katz war ­– bemerkenswert. Doch der eine oder andere hat längst was spitz gekriegt. So hat Fußballtrainer Jürgen Klopp erklärt, seinen Vertrag mit dem Versicherer ruhen zu lassen und vorläufig keine Schulungen für ihn an­zubieten. Dass der Konzern zusätzliche Koksgerüchte mit Verweis auf aben­teuerliche Trinkspiele abwiegelte, sorgte für ein großes Hallo im Netz. Und auch die Clip-Parodie „Orgie“ wird gern geklickt. So ist das mit der Aufmerksamkeit: Wenn man gerade mal keine will, kommt sie garantiert.

Kommentare (6)

Zweibein 01.06.2011 | 17:15

Ja, diese Werbekampagne ist, mir auch schon sauer aufgestoßen. Der plumpe Versuch dieser kriminellen Vereinigung unter dem Mäntelchen verständnisvollen Gebrabbels an mein Geld zu kommen hat bereits dazu geführt, dass Ergo gleich neben Targo und einigen anderen umfirmierten "Organisationen" auf meiner Liste der zu meidenden Firmen steht.

paulart 01.06.2011 | 21:33

Nur die Kaiser-Pinguine vergnügten sich in Budapest!

Bei aller Liebe zur Parodie und Ironie: Die Hamburg-Mannheimer war bis zur Fusionierung (ERGO = Victoria Versicherungs-Gesellschaften, DKV [Deutsche Kranken-Versicherung], D.A.S. und Hamburg-Mannheimer) ein eigenständiges Unternehmen. Und am Markt ein großer Konkurrent der Victoria.

Als die Vertreter der Hamburg-Mannheimer International ihren fragwürdigen Ausflug nach Budapest machten, liessen sie noch Herrn Kaiser für sich (ausschliesslich für die Hamburg-Mannheimer!) Werbung machen. Der aber hatte mit der ERGO-Kommunikation zu jener Zeit noch wenig am Hut. Dies nur zur Klarstellung. Die DKV hatte ebenso eine eigene Werbekampagne wie auch die D.A.S. [übrigens mit Boris Becker].

Die noch relativ neue ERGO-Werbekampagne bündelt erst jetzt - lange nach der unsäglichen Incentive-Reise nach Ungarn - diese verschiedenen Auftritte, um Image und Produkte bekannter zu machen.

Die vermeintliche Lustreise kann also nicht der ERGO angerechnet werden, sondern einzig dem ehemaligen Unternehmen "Hamburg-Mannheimer International".

Was dieses Unternehmen - nur die Besten der Besten waren dabei! - sich dabei gedacht hat, bleibt rätselhaft. Es geht ja hier nicht nur um den moralischen Aspekt, sondern auch um die sicherlich hohen Ausgaben für diese Reise ins Budapester Gellert-Bad.

Zweibein 02.06.2011 | 01:32

Ich glaube, dass ist etwas zu kurz gegriffen. Der Dreck geht nicht dadurch ab, dass man sich von irgendjemandem aufkaufen lässt. Ich glaube auch nicht, dass Ergo sich wegen der Ungarn-Geschichte von den 100 erfolgreichsten Drückern getrennt hätte, oder von den Chefs, die das eingefädelt haben. Die selben Piraten segeln halt unter neuer Flagge. Wahrscheinlich werden jetzt der eine oder andere Altmanager publikumswirksam verbrannt und wenn der Lärm sich gelegt hat hinter den Kulissen unauffällig entschädigt. Und das nächste mal ist eben Bankock als Incentive drin, das ist weiter weg und verschwiegener.

paulart 02.06.2011 | 02:01

Zweibein,
ich sehe keinen Grund, diese "Lustreise" zu verteidigen. Aber ich empfinde es als redlich, wenn man darauf hinweist, dass hier "Kulturen" unter dem ERGO-Dach aufeinandergeprallt sind, die nicht aus dem selben Humus gewachsen sind.

Ich will hier nur einen gravierenden Unterschied zwischen den Victoria-Versicherungen und der Hamburg-Mannheimer (die beiden größten Unternehmen in der ERGO-Gruppe) benennen: Während die Victoria ihren Außendienst direkt zu ihren (prospektiven) Kunden schickt, wickeln diese Geschäfte bei der Hamburg-Mannheimer deren Vertriebstöchter unter gänzlich anderem Namen (z.B. "OVB") ab... damit das "aggressive Geschäft an der Haustür" nicht dem Mutterkonzern (HM) angelastet werden kann.

Wie gesagt: Die Reise nach Budapest war keine ERGO-Reise! Nur die besten 100 Vertreter der Hamburg-Mannheimer International traten sie an. Richtig ist hingegen: 2007 - im Jahr der Ungarn-Reise - gehörte die HM schon zur ERGO-Gruppe, aber agierte selbstständig am Markt. Mit einem Vorstand und Management.

"Alle meine Entchen schwimmen auf dem See,
Köpfchen in das Wasser - Schwänzchen in die Höh..."

;-)