90 Minuten für ein Buch

Fußball Bei einer WM denkt man nur von Spiel zu Spiel. Aber dazwischen liegt noch ein bisschen Lesen drin. Wir präsentieren sieben Neuerscheinungen zum Thema
Freitag-Redaktion | Ausgabe 24/2014 3

Was sagt Sócrates?

Man kann nach einer Tagesreise um den halben Globus übermüdet und verklebt in einem Taxi in Rio de Janeiro sitzen, darf sich aber nicht wundern, wenn einen der Taxifahrer in eineinhalb Stunden Stau ob des lichten Haupthaars konstant mit „Eh! Zidane!“ aus dem Dämmer reißt. Aber nicht nur das, während er links und rechts auf Fußballfelder in bröckeligen Industriegebieten zeigt („Den Rasen da bezahlt O Fênomeno!“ – er meint damit jenen Ronaldinho, der Oliver Kahn vielleicht noch immer in schlechten Träumen entgegenläuft), diskutiert der Taxista auch gleich die Mannschaftsaufstellung der Equipe, die 1998 Weltmeister wurde, ihre Taktik, den Weg durch das Turnier und – Verschwörungstheorien und Fußball gehören in Brasilien grundsätzlich zusammen – die Rolle eines Sportartikelherstellers für die Seleção: „Ronaldinho musste spielen! Auch wenn er krank war! Sonst hätten wir kein Geld bekommen! Nicht einen Centavo!“ Und so versteht jeder, der einmal in Brasilien war, Alois Gstöttners hart an die Phrase grenzende Feststellung: Fußball sei in Brasilien nämlich alles „Hoffnung, Verzweiflung, Drama, Spektakel, Tragödie, Liebe, Hass, Pathos und Leidenschaft“.

Alois Gstöttner, Wiener Fotograf und Autor, hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder nach Brasilien aufgemacht, hat Fußball an den Rändern der Städte gespielt, ist an den Amazonas gefahren, traf sich mit Sócrates, jener irgendwie tragischen, mythischen Anführergestalt von Corinthians São Paulo, hat mit Dokumentarfilmern, Obdachlosen oder Trainern von Vorortvereinen gesprochen. Herausgekommen ist dabei das bunte und beschwingte Buch Gooool do Brasil.

Der Band verspricht eine „Kartografie“, die drei Essays sind dann aber weniger streng: Der große Vorteil von Gstöttners Perspektive ist, dass er auf vielen Reisen und in Gesprächen selbst Dinge über Fußball und Kultur lernt und dies nicht verheimlicht. Während einige Journalisten sich mit Blick auf die dräuenden Großereignisse in Brasilien installierten und mit kräftigem Zeigestolz nun über Gefahren des Alltags und die „für europäische Ohren ungewöhnliche“ Härte bei den Auseinandersetzungen zwischen Staat und Banditen parlieren, fragt Gstöttner nach, entwickelt seine Gedanken in freierer Form. In der Parkanlage Dom Pedro II sucht er nach einer várzea – einem informellen Fußballfeld – und stellt hinterher fest, dass er von einem Obdachlosen zum Fußball an einem historischen Ort eingeladen wurde. Hier fand am 14. April 1895 das erste dokumentierte Fußballspiel in Brasilien statt.

Gooool do Brasil ist eine lockere, bilderstarke Einführung nicht ohne Ambivalenzen, einerseits ist Gstöttner Fan, andererseits streift er auch die politische Dimension einer Weltmeisterschaft in einem tief korrupten Land. Er geht der Alltagspassion Fußball nach. Dennoch ist es Sócrates, der vielleicht ungewollt auf das Dilemma des Landes hinweist: Seine Feststellung, nach der „Kreativität, Planung und Mut“ bei der Veränderung Brasiliens dringend benötigt würden, verhalfen ihm unter der Militärdiktatur zum Rang eines politischen Intellektuellen. Bis an sein Lebensende wiederholte Sócrates seine Worte, das Land aber hat sich seitdem höchstens formal zu einer Demokratie gewandelt. Lennart Laberenz

Gooool do Brasil. Kartografie einer nationalen Leidenschaft Alois Gstöttner Club Bellevue 2014, 176 S., 24 €

Zur Sache, Männer!

Zugegeben, der bekannte Kolumnist Axel Hacke klingt in Fußballgefühle manchmal ein wenig nach Giovanni di Lorenzo: Der Leser hegt den leisen Verdacht, dass Hacke arglos noch mehr Zweierlei-Maß vom Stapel lassen könnte wie über den FC Bayern, der ein Club sei, der „von ehemaligen Spielern geführt wird und unabhängig ist von irgendwelchen dahergelaufenen Finanziers“. Sagt man jetzt besser einfach nichts.

Rar sind auch nicht die Stellen, die den Fußball fürs Bildungsbürgertum nach hübscher Manier er- und verklären. Aber warum auch nicht? Im Grunde teilt Hacke die These von Burkhard Spinnen (Germanist und Jurymitglied in Klagenfurt), der den Erfolg des Fußballs darin sieht, dass der Ball mit dem Fuß schwer beherrschbar ist, ein Faszinationsdings, das Volleyball und anderen abgeht. Hackes Fußball ist ein rätselhaft archaischer Sport – und soll bitte schön rätselhafte Männersache bleiben, nach Straße riechen: Ein Ort, sagen wir „auf Schalke“, wo Zahnarzt und Kleinbürger den Schiri „Arschloch“ schimpfen, denn Fußball hebt soziale Grenzen auf.

Eine eindrückliche Geschichte erinnert an die WM 1998 in Frankreich. Für Fans war es damals unmöglich, an Tickets zu kommen. In Lens spielte Deutschland gegen Jugoslawien, Axel Hacke war vor Ort. Deutsche Hooligans kochten vor Wut, sie prügelten den Gendarmen Daniel Nivel halb tot. Aus Poetik des Fußballs von Gunter Gebauer: „Der im Fußball kultivierte Stoß mit dem Fuß wird von ihnen dezivilisiert.“

Ein gesellschaftskritisches Anliegen hat das Buch aber nicht, auch nicht, wenn gelegentlich von der krassen Ökonomisierung die Rede ist. Es ist viel einfacher: Bald ist WM, und viele Menschen haben Fußballgefühle. Hackes Bücher sind nette Lektüre, was nicht gehässig gemeint ist. Sein WM-Buch bietet ein Feuilleton, das an die Jungsästhetik von 11 Freunde erinnert, es ist aber auch ein Band von der Sorte „Mögen sogar Leute, die sich gar nicht für Fußball interessieren“.

Oder sagen wir so, Fußballgefühle ist vor allem ein Büchlein von einem Berufsnostalgiker, der für andere Nostalgiker schreibt. Zum Beispiel die Braunschweiger Kindheit. Damals war der Fußball ja noch unsichtbar, selbst wenn man einen Fernseher hatte, die Sportschau zeigte nur drei Spiele. Radiotage also: Der Junge Axel bewundert den Braunschweiger Stürmer Manfred Wuttich, von dem er nicht wusste, wie der überhaupt aussieht. Schon allein der Nachname nährte die Fantasie, die Flanke wuttichen! „Ich bin Wuttich“ ruft und denkt das Kind ein letztes Mal voller Inbrunst, als ihm ein anderer, der auch Wuttich sein will, eins auf die Nase haut. Schön! Ein bisschen wie Der kleine Nick, denkt man oder F. C. Delius’ wunderschöne (nicht nur) Fußballnovelle Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde. Dass Hacke den Frauenfußball nicht schätzt, lassen wir ihm durchgehen, der Mann ist Jahrgang 1956. Katharina Schmitz

Fußballgefühle Axel Hacke Antje Kunstmann 2014, 176 S., 16 €

Kahn und der Lyriker

Vielleicht fing alles mit Peter Handkes Gedicht „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968“ an. Die Lyrik verband sich mit dem Fußballsport – es wurde (konkretes) Gedicht. Etliche Schriftsteller schreiben seit Jahren über ihren Lieblingsverein, über Real Madrid (Javier Marías), Eintracht Frankfurt (Eckhard Henscheid) oder den FC Arsenal (Nick Hornby). Der Suhrkamp-Lyriker und Dramatiker Albert Ostermaier, Porschefahrer und Fußballtorhüter der deutschen Autorennationalmannschaft, feuert den FC Bayern München an. Zur Kutte kommt der Barbitus mit rechtschaffenen Oden an Oliver Kahn, zur WM in Brasilien legt Ostermaier mit dem kleinen Band Flügelwechsel nach, er enthält Gedichte zu Philipp Lahm („er ist der intelligenteste/spieler den ich je trainiert/habe sagt sein trainer“), Bastian Schweinsteiger („was denkst du bergsohn/den adler zeus im auge/kreist er in dir die seele suchend“), Thomas Müller („er brachte das feuer ins/spiel die zündende idee“) und anderen Kickern des aktuellen deutschen Nationalkaders. Das defensive Spiel liegt Albert Ostermaier nicht.

Flügelwechsel ist intellektuelles Pressing. Es gibt „eine kontrafraktur frei nach goethes sturm und drang: für michael ballack“ und Wutausbrüche, die direkt aus der Nordkurve kommen: „die regenbogenpresse will im regen deine fresse“. Ostermaier vergleicht Mittelfeldspieler Franck Ribéry mit Comic-Helden wie Asterix und Lucky Luke, wenn er schreibt: „er läuft schneller als sein/schatten schneller als ein franzose/sprechen kann dribbelnd als/trage er eine tarnkappe/ein asterix dem zaubertrank/durch die adern schiesst“.

Hans Meyer ist beim Dichter nicht nur der Trainer mit der großen Klappe, sondern auch der gleichlautende Literaturwissenschaftler Mayer, der hier mitten im Spiel Nabokov (Lolita) einwechselt „und in den schienbeinschoner hinein einen zettel den er im traum schrieb“ entdeckt haben will. Man muss „sich camus als einen glücklichen torwart vorstellen“, und Davids Gegenspieler Goliath träumt irgendwann: „wenn ich gross bin werd ich ein titan/meine hände wachsen schau sie dir an/gross wie von king kong werden sie sein/finger wie wolkenkratzer hab ich dann/nach dem spiel ein mädchen im arm“.

Der hier Besungene Oliver Kahn erläutert im garantiert selbstverfassten Vorwort (der Verlag beschwört es) die tiefe Verbundenheit zwischen Dichter und Denker: „Albert war fasziniert von meinem unbändigen Willen als Torwart, meiner Interpretation des Torwartspiels. Mich fasziniert schon immer seine Fähigkeit sich auszudrücken, seine lyrischen Umschreibungen sind einzigartig.“ Zusammen mit den Fußballgemälden des Ex-Punks Florian Süssmayer (der auch das Coverbild des Buchs beisteuert) ist Flügelwechsel das beste Mitbringsel für den finalen Festabend am 13. Juli. Jan Drees

Flügelwechsel Albert Ostermaier Mit Bildern von Florian Süssmayr und einem Vorwort von Oliver Kahn. Insel 2014, 112 S., 13,95 €

Vorwärts Ambivalenz

Als das Dick Kerr’s Ladies Football Team im Dezember 1920 auf St Helen’s Ladies traf, fanden sich rund 50.000 Zuschauer im Stadion ein. Einige Monate zuvor, als Dick Kerr’s Ladies, 1917 von Arbeiterinnen einer Munitionsfabrik gegründet, gegen Fémina Paris antrat, waren es sogar 61.000. Es gehört zu den verdrängten Fakten fußballerischer Frühgeschichte, dass der Sport bereits vor 100 Jahren keine Bastion präpotenter Männlichkeit mehr war. Denn erst als das angeschlagene Patriarchat aus den Schützengräben kroch, um zum geschlechterpolitischen Rollback zu blasen, wurde Frauenfußball verboten und seine einstige Popularität vergessen.

In seiner exzellenten Studie Fußball. Eine Kulturgeschichte spürt Klaus Zeyringer gerade jenen historischen Episoden nach, die heute wenig präsent sind. Das Buch des österreichischen Germanisten ist deshalb selbst jenen ans Herz zu legen, die Fußball sonst so interessant finden wie einen Eimer Trockenobst. Zeyringer rekonstruiert nämlich nicht nur die Genese eines Massensports, sondern schildert ebenso, wie dieser an soziopolitischer Wirkungsmacht gewinnt. Und dabei bemüht er keine Powerthesen, sondern illustriert, dass Fußball stets eine ambivalente Angelegenheit war. Das dokumentieren bereits die Anfänge. Als Erfindung englischer Universitäten diente er einerseits als sublimierte Kriegssimulation für kommende Stahlbäder. Barg das Spiel aber andererseits schon immer Räume der Individualität, bewies es alsbald auch zivilisierende Effekte. Das zeigte sich besonders in Deutschland. Gegenüber der protofaschistischen Turnerbewegung, die Juden und Arbeiter ausschloss, bildete Fußball eine geradezu liberale Alternative.

Ähnlich ambivalent ist das Urteil, wenn es um die Frage des Rassismus geht. Das zeigt das Beispiel Brasiliens. In den 1910er Jahren waren schwarze Spieler dort nicht erwünscht. Die wenigen, die es gab, mussten ihr Gesicht bisweilen mit Mehl weißen. Andererseits stieg mit Arthur Friedenreich bald der erste Nicht-Weiße zum Nationalhelden auf, sodass dessen Dribbelkünste, die zunächst fußballerische Überlebensstrategie waren, weil Fouls an Schwarzen kaum gepfiffen wurden, zum Markenzeichen des Joga Bonito avancierten. In abgeschwächter Form hält dieser Widerspruch an. Gerade in unteren Ligen fungieren Fußballstadien nach wie vor als rassistische Agitationsräume. Sind heute aber selbst Nationalmannschaften oft kreolische Kollektive, dienen die Arenen gleichzeitig auch als Katalysatoren des Multikulturalismus.

Die Geschichte des Fußballs ist zudem eine der politischen Instrumentalisierung. Ob rechts- oder linksautoritäre Regime, den massenhypnotischen Mythos des Fußballs wollten Potentaten aller Couleur ausnutzen. Im Neoliberalismus ist es kaum anders, dient er hier doch als sozialer Schmierstoff der postpolitischen Eventgesellschaft. Hat der Sozialpsychologe Gerhard Vinnai also recht, wenn er konstatiert: „Die Tore auf dem Spielfeld sind die Eigentore der Beherrschten“? Zeyringer zeigt, dass derlei Diagnosen zu kurz greifen. Schon deshalb, weil Fußball auch emanzipatorische Kräfte freisetzt.

„Das Stadion“, urteilte der Komponist Dimitri Schostakowitsch in der Stalin-Ära, „ist in diesem Land der einzige Ort, wo man laut die Wahrheit über das sagen kann, was man sieht.“ Das wusste in den 80er Jahren auch Corinthians São Paulo. Indem das populäre Team auf seinen Trikots die Demokratie propagierte, leistete es seinen Teil zur Ablösung der Junta. Während der Arabellion spielten Fangruppen eine ganz ähnliche Rolle. König Fußball ist also eine multiple Persönlichkeit. „Er ist Markt und Theater, Zirkus und Sport, Legende und Mythos, Kampfstätte und Raufplatz, Fanal und Ritual.“ Nils Markwardt

Fußball. Eine Kulturgeschichte Klaus Zeyringer S. Fischer 2014, 448 S., 22,99 €

Wie lange noch?

Man kann sich endlos in den Vektorenmalereien verlieren, die aus Pässen und Laufwegen entstehen. Es gehört zu den allerschönsten Dingen im Fußball, wenn aus elf Einzelspielern eine Mannschaft wächst, die mehr ist als die Summe ihrer Teile. Eine Mannschaft, deren Spiel eine Harmonie aus Rausch und Präzision erreicht, eine Dynamik an den Grenzen des Menschenmöglichen. Aber was wäre der Fußball ohne jene erhabenen Momente, die sich aus dem Fluss des Mannschaftsspiels lösen? Momente, in denen das Einzelne das Ganze plötzlich wieder überragt? Größer als jedes Tiki-Taka, größer als jedes Spiel, größer als der Sport selbst. Geschichten von Aufstieg und Fall, Hybris und Heldenmut, Fortune, Pech und Dummheit.

Oliver Kahn bei der WM 2002 – was für eine Geschichte! Zidanes glanzloser Abgang vier Jahre später! Schweinsteiger 2012 in der Allianz-Arena, das Trikot über den Kopf gezogen. Balotellis Feldherrenpose im Sommer danach. Andrij Schewtschenko gegen Jerzy Dudek, Istanbul 2005. Ein Elfmeter für die Ewigkeit.

Dem Anspruch und Titel ihres Buchs nach wäre für Markus Büsges, Oliver Gehrs und Fons Hickmann Das beste Spiel aller Zeiten ein Match, das nur aus solchen Momenten bestünde. Die drei Autoren haben zu jeder Spielminute eine legendäre Szene herausgesucht und präsentieren die größten Momente aus 100 Jahren Fußballgeschichte als Minutenprotokoll einer einzigen großen Partie. Angepfiffen wird beim White Horse Final, dem FA-Cup-Endspiel zwischen den Bolton Wanderers und West Ham United im Jahr 1923. Die 200.000 Zuschauer im gerade eröffneten Empire Stadion sind vollkommen außer Kontrolle. Bändigen lassen sie sich nur durch einen kühnen Polizisten, der auf einem Schimmel aufs Spielfeld reitet. Nach 27 Sekunden schon das erste Tor. Oder auch: 55 Jahre später, Mönchengladbach gegen Dortmund, 1978. 12:0, der höchste Sieg in der Geschichte der Bundesliga. Erster Treffer: Jupp Heynckes. So reiht sich 90 Minuten lang Szene an Szene – und natürlich gibt es noch Verlängerung und Elfmeterschießen.

Bei einer derart manierierten Form lässt es sich leider nicht vermeiden, dass die Minutenangaben manchmal etwas gewollt wirken. Auch im besten Spiel aller Zeiten kommt es manchmal zu eher zähen Ballstafetten. Stellenweise gerät das Buch dann zur bloßen Aneinanderreihung von Kuriositäten und Fun Facts. Nach dem x-ten Spektakel à la dem „bis heute frühesten und für ein Vierteljahrhundert auch schnellsten Hattrick der Ligageschichte“, kann man schon mal etwas superlativmüde werden.

Trotzdem ist das Buch nicht zuletzt auch wegen der durchweg gelungenen Bebilderung ein hübsches kleines Kompendium zur Fußballgeschichte. Mit jeder Menge unnützer Statistiken (schlechteste Elfmeterquote der Bundesligageschichte: Bruno Labbadia), den wichtigsten Ikonografien (Beckenbauer mit Armschlinge) und Zitaten von großer Schönheit (Hrubesch: „Manni Bananenflanke, ich Kopf – Tor“). Dennis Yücel

Das beste Spiel aller Zeiten Oliver Gehrs, Markus Büsges, Fons Hickmann Kein & Aber 2014, 208 S., 16,90 €

Glücklich in Lübeck

Das Werk des Philosophen Immanuel Kant wird in eine kritische und eine vorkritische Phase unterteilt. Ähnlich könnte man bei den Texten, die der Gerichtsreporter, Schriftsteller und Journalist Klaus Ungerer in seinem E-Book Die Lieder warten in den Pappeln versammelt, von einer vorkritischen Phase sprechen. Das ist nicht negativ gemeint. Es ist vielmehr so, dass in diesen mehrheitlich frühen Texten das Drumherum mehr zählt als das Spiel selbst.

Das tun bekanntlich viele Fußballbücher. Das Besondere an diesem Buch ist, dass es sich an den Rändern bewegt. Das hat mit der Herkunft des Autors zu tun. Ungerer, der sich heute zu Hertha BSC bekennt, ist in Lübeck aufgewachsen. Sein Heimatverein hat es nie weit gebracht. Eben wieder in die Regionalliga zurückgekehrt, spielte der VfB Lübeck zu seinen besten Zeiten ein paar Jahre lang zweite Liga, hat gerade so an der großen weiten Welt geschnuppert. „Heute spielen wir vor 15.000 und wir führen 1:0 gegen Eintracht Frankfurt, das 33 Jahre lang zur Bundesliga gehörte.“ Aus solchen Momenten gewinnt Ungerer seinen melancholischen Witz, etwa auch, wenn er erzählt, wie die Reporter das heimische Stadion, die „Lohmühle“ mit der „Lohrheide“ von Wattenscheid verwechselten, oder wenn er Lübeck mit Lissabon vergleicht: Die beste Zeit haben beide hinter sich, die Bewohner sind damit beschäftigt, aufs Meer zu schauen.

Lübeck lag aber auch unweit der innerdeutschen Grenze. Der vielleicht schönste Text der Sammlung erzählt von den „Zonenrandsamstagen“, erinnert an den Klang der Namen von drüben. „Nur DDR-Ligavereine wie Aktivist Espenhain oder der Dynamo Fürstenwalde vermochten deutsche Romantik und DDR-Futurismus zu einer Einheit zu verschmelzen, nur hier ging die sportliche Begeisterung so weit, dass man bis zu zwei Fußballhelden gleichzeitig im Vereinsnamen verewigte wie bei Motor ‚Fritz Heckert‘ Karl-Marx- Stadt.“

Auch nordwärts zog es Ungerer, zum Groundhopping in den eisigen skandinavischen Winter durch eine bizarre „Royal League“. Die Sammlung komplettieren sanft experimentelle Texte wie ein „Liveticker vorab“ zum Spiel Deutschland gegen Niederlande von 2012, in dessen Verlauf Arjen Robben wiederholt an zwei deutschen Verteidigern vorbeizieht und dann den besser Postierten übersieht (Ungerer weiß die Pointen zu setzen!), um den Ball in der 93. Minute an die Latte zu knallen. Es wäre verlogen zu behaupten, dass es im Fußball nichts ums Gewinnen geht. Die Lieder warten in den Pappeln ist ein sehr menschliches Buch, weil es Fast-wären-wir-Sieger-geworden-Geschichten erzählt. Michael Angele

Die Lieder warten in den Pappeln Klaus Ungerer Kindle Edition 2014, 2,68 €

Unser Flaggengefühl

Es ist nun schon acht Jahre her, aber die Fußballweltmeisterschaft von 2006 in Deutschland ist im Gedächtnis geblieben. „Sommermärchen“, „Die Welt zu Gast bei Freunden“, „Du bist Deutschland“-Kampagne, Sie erinnern sich gewiss. Und ein Meer von deutschen Flaggen und ein Ozean von Feuilletontexten über deutsche Flaggen. Ist das Thema damit vorbei? Nein, natürlich nicht, denn die Frage, wie sehr wir im Fansein Deutsche sein dürfen, stellt sich immer noch. Und eigentlich nicht nur da.

Es ist gut, dass der Berliner Schriftsteller und Übersetzer Michael Ebmeyer, ein Linker und Fußballfan zudem, diesen Ball wieder aufnimmt und weit ins Mittelfeld hineinschießt: „Die großen Gemeinschaftsgefühle, die zur WM oder EM aufgerufen werden, sind nicht plötzlich unverdächtig. Aber sie sind eben auch nicht so einheitlich oder gleichförmig, wie es die schwarz-rot-goldene Maskerade befürchten lässt. Und mich interessiert, ob, wo und wie diese Gefühle eine emanzipatorische Richtung nehmen können.“ Heißt es ein wenig leitmotivisch am Anfang.

Solche Fragen beginnen bei einem selbst und enden bei uns allen. Auch Ebmeyer geht zurück in seine Kindheit im, wie er schreibt, identitätslosen Bielefeld; versucht den Begriffen Stolz, Patriotismus, linker und rechter, offener und emanzipatorischer Fußball nachzugehen; in guter Essaytradition mischt er Persönliches, Angelesenes, Zugetragenes und denkt das dann neu. Bemerkenswert ist, wie stark er die emanzipatorischen Entwicklungen im Fußball selbst – Frauenfußball, das Bosman-Urteil von 1995, das Coming-out von Thomas Hitzlsperger – ins Zentrum stellt, und dennoch nicht unterschlägt, zu welch großer Kapitalismusmaschine der Sport geworden ist. Seine Schlüsse über unser Flaggengefühl allerdings sollten Sie selbst lesen. Jana Hensel

Das Spiel mit Schwarz-Rot-Gold. Über Fußball und Flaggenfieber Michael Ebmeyer Kein & Aber 2014, 64 S., 7,90 €

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 24/14 vom 12.06.2014

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06:00 14.06.2014

Ausgabe 40/2020

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