A–Z Frühjahrsputz

Hygiene Die Sonne scheint wieder, wie schön! Leider bestrahlt sie auch den Staub und die fettigen Schlieren an den Küchenschränken. Also ran an den Dreck, mit unserem Lexikon
der Freitag | Ausgabe 15/2014
A–Z Frühjahrsputz
Ready, steady, putz!

Foto: Torsten Blackwood/ AFP / Getty Images

A

Aha-Erlebnisse Beim Frühjahrsputz geht es um mehr als um halbherziges Abstauben. Da geht’s an die Wurzeln, alles wird auf den Kopf gestellt. Die Folge sind zuweilen interessante Entdeckungen. Da ist die Lieblingsmütze, die man den ganzen Winter gesucht hat, und die jetzt nutzloser kaum sein könnte. Einzelne Schuhe, deren Gegenpart schon vor Jahren betrübt entsorgt wurde. Oder der vergessene Weihnachtsschmuck, den man jetzt gegen ein Osterei tauschen könnte. Seien wir ehrlich: Meist führt einem der Frühjahrsputz vor Augen, wie viel unnötigen Kram man besitzt. Also wird alles in Flohmarktkisten gepackt. Obwohl ... vielleicht kommt die Sonnenbrille doch wieder in Mode. Und man weiß ja auch nie, ob man das Strandtennis-Set vielleicht noch mal gebrauchen kann. Benjamin Knödler

D

Dreck Vielleicht ist ein kleiner Schmutzfimmel gesünder als ein Putzfimmel (Fimmel). Natürlich ist die menschliche Lebenserwartung durch bessere Hygienestandards gestiegen. Es gibt aber Hinweise, dass ein bisschen Dreck nicht schadet und sich sogar positiv auf das Immunsystem auswirken könnte. So leiden Kinder, die auf Bauernhöfen aufgewachsen sind, weniger unter Allergien als Stadtkinder. DDR-Kinder, die früh in die Krippe und damit in Kontakt zu anderen potenziell „schmutzigen“ Kindern kamen, haben weniger Allergien als westdeutsche. Daraus kann man aber nicht ableiten, auch das sagen Mediziner, dass Dreck ein allergiefreies Leben automatisch garantiert. Die Regel, dass die Dosis das Gift macht, gilt auch beim Frühjahrsputz. Folglich muss man nicht immer volle Pulle (Meister Proper) auf die Tube drücken. Zumal manche Haushaltsmittel leider ernsthaft gesundheitsschädlich sein können. Tobias Prüwer

F

Fimmel Die meisten Menschen mögen einen sauberen Haushalt, daran ist wohl nicht zu rütteln. Einige Menschen mögen ihn aber etwas mehr als andere – und das kann ein Problem sein. Ein Reinlichkeitsdrang wird von anderen meist als Fimmel, als Marotte abgetan. Es kann sich aber eine handfeste psychische Störung dahinter verbergen, die die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigt. Ein Waschzwang, zum Beispiel, kann von der Angst vor Bakterien und Krankheitserregern ausgelöst werden. Oft handelt es sich aber auch um den unterdrückten Versuch einer inneren Reinigung. Wenn sich die Gedanken nur um das tägliche Reinigen der Wohnung drehen, herrscht nach dem Putzen zwar für eine kurze Zeit Ruhe – aber schon bald geht die Prozedur wieder von vorne los.

Statistisch gesehen tritt ein Reinlichkeitszwang meist erst ab einem Alter von etwa 27 Jahren auf. Da der Zwang im Anfangsstadium oft nicht als solcher wahrgenommen wird, holen sich nur wenige Betroffene rechtzeitig Hilfe. Unbehandelt kann daraus eine schwerwiegende chronische Zwangsstörung werden, die manchmal auch die Partnerschaften der Betroffenen stark belastet. Man geht davon aus, dass zwei Prozent der Bevölkerung unter einer wie auch immer gearteten Zwangsstörung leiden. Felix Tota

H

Hormone Großreinemachen ausgerechnet im Frühling? Warum das denn? Da machen einem die Hormone doch gewaltige Lust auf ganz andere Dinge! Die Adrenalinpumpe läuft auf Hochtouren, die Libido lechzt nach Beschäftigung – da lassen wir das alberne saisonale Putzritual doch lieber links liegen. Der veränderte Hormonhaushalt treibt uns von der Hausarbeit weg hinaus in die Welt – wir können einfach nichts dagegen tun. Schuld sind übrigens weniger die Sexualhormone. Der Rückgang des Schlafhormon Melatonin ist es. Im dunklen Winter produziert der Körper dieses in erhöhter Konzentration, was aufs Gemüt schlagen kann. Die Frühjahrssonne fördert hingegen das Glückshormon Serotonin. Den Winter verabschiedet kein Brauch derart gut wie das Ausleben der Frühlingsgefühle. Da kann auch ruhig der eine oder andere schmutzige Gedanke aufkommen. Flirten statt putzen lautet die Devise! TP

K

Kohlenstaub Aus heutiger Sicht wirkt der Frühjahrsputz eigentlich widersinnig. Warum sollte man seine eigenen vier Wände genau dann putzen, wenn sich gerade wieder alles nach draußen verlagert, wenn Picknicks und Grillabende warten?

Gerade bei letzteren ist man schon den guten Gründen für den Frühjahrsputz auf der Spur: Man denke an die Zeit, in der mit Holz- oder Kohleöfen geheizt und auf offenem Feuer gekocht wurde. In den Wintermonaten wollte man begreiflicherweise so wenig Wärme wie möglich nach draußen lassen. So ließ man das traute Heim lieber konsequent ungelüftet – und verrußt. Der Kohlestaub setzte sich recht hartnäckig fest, und am Ende des Winters sah es dann ziemlich düster aus.

War man sich sicher, dass der Frühling endgültig angekommen war, machte man sich daran, den ganzen Winterdreck aufs Gründlichste wegzuputzen. Muss eine Heidenarbeit gewesen sein – leuchtet aber vollkommen ein, oder? BK

Kommunen Viele Kommunen machen sich das Ritual ganz praktisch zu eigen und veranstalten im Frühling ein großes Reinemachen. So gibt es in Aachen und Leipzig den städtischen Frühjahrsputz. In Karlsruhe nennen sie es „Dreck-weg-Wochen“. Hessen preist das große Putzen sogar auf Länderebene an: unter dem gar schönen Motto „Sauberhaftes Hessen“. Das Prinzip: Öffentliche Erziehungsmaßnahmen zu mehr Sauberkeit plus Teamwork für die Gemeinschaft – überaus nutzbringend miteinander verbunden. Vereine, Schulklassen, aber auch Privatleute werden, selbstverständlich freiwillig, mit Müllsäcken und Handschuhen ausgestattet. Dann sammeln sie kollektiv von der Bierflasche bis zum Reiterhelm all das ein, was die letzte Schneeschmelze zutage befördert hat. BK

M

Meister Proper Der muskelbepackte Flaschengeist mit Goldring im Ohr ist Amerikaner und wurde dort 1958 als Mr. Clean geboren. Anfänglich war er als Abbild eines US-Navy-Soldaten konzipiert. Der Konzern Procter & Gamble stellte den toughen Kerl ganz in den Dienst der Reinlichkeit. Nach Deutschland kam er erst 1967. Aber auch hier setzte er sich schnell gegen die Putzmittelkonkurrenz durch, was wohl auch an seinem hohen Wiedererkennungswert lag. Mittlerweile ist er eine der bekanntesten und langlebigsten Werbefiguren der Welt.

In den Neunzigern erlangte der Saubermann in der deutschen Technoszene Kultstatus. Drei Meister-Proper-Techno-Singles und eine Modekollektion machten ihn zur Underground-Ikone. Übrigens hat der wortkarge Typ mit den buschigen Augenbrauen auch einen Vornamen. 1962 startete seine Werbeagentur eine „Give Mr. Clean A First Name“-Promotionaktion. Seither hört er auf den – recht weiblich klingenden – Namen „Veritably“, was man auf Deutsch als „in der Tat“ übersetzen kann. TOT

P

Prokrastination Dinge, die man nicht tun will, aber trotzdem erledigen muss, gibt es ja leider immer zur Genüge, egal zu welcher Jahreszeit. Lästige Arbeiten im Home-Office zum Beispiel. Hausarbeiten für die Uni. Oder: Osterpost an die Verwandtschaft schicken.

Den Frühjahrsputz mit in diese Unglück verheißende Aufzählung aufzunehmen, wäre allerdings falsch. Denn wer kennt es nicht, dieses Gefühl, dass plötzlich alles andere wichtiger wird als die lästigen Pflichten zu erledigen. Da wird dann ganz spontan die Besteckschublade „endlich mal wieder gründlich durchsortiert“, das Fahrrad repariert oder das CD-Regal neu geordnet. „Prokrastination“ nennt sich das Phänomen des Aufschiebens im Psychojargon. Und der Frühjahrsputz ist sozusagen das Flaggschiff unter den Prokrastinationsausreden. Schließlich bietet die Gründlichkeit des Unterfangens die Möglichkeit, wahre Großprojekte oder eben viele kleine lästige Verpflichtungen erst einmal zu vertagen. Die Uni-Hausarbeit kann warten – es geht hier immerhin um Hygiene! BK

R

Rechner Nervtötend – aber leider nötig: Der Rummel um den Frühjahrsputz kann uns immerhin daran erinnern, auch den Rechner mal wieder aufzuräumen. Fehlt die Übersicht über Dokumente und Dateien, könnte man sich eine Ordnungsstruktur überlegen, der man dann auch im Alltag folgen kann. Beim Sortieren helfen allerlei Gratisprogramme. Der Computer lässt sich – im Gegensatz zum Menschen – auch wirklich entschlacken. Lähmende, quälend langsame Mülldateien sollten gelöscht werden, damit das Maschinchen wieder schneller läuft. Unbenötigte Software nimmt nur Platz weg, also runter von der Festplatte damit! Röhrt der Apparat dabei wie eine Flugzeugturbine, dann empfiehlt sich die Reinigung der Lüftung. So läuft es am Rechner nicht nur ruhiger, man verhindert auch den Supergau Datenverlust. TP

Religion Der Staub muss, genau wie die Sünden, raus! Vor Ostern sind viele Christen also nicht nur mit Fasten, sondern auch mit Putzen beschäftigt. Man macht alles schön für Christus, der bald wieder aufersteht. Auch die Muslime putzen vor ihren Feiertagen. Im Islam ist die Reinlichkeit ohnehin obligatorisch, und das ganzjährig. Juden sind zum Putzen sogar durch die Heilige Schrift verpflichtet, und zwar vor Pessach, das um Ostern herum stattfindet. Dann ist auch der Verzehr von Chametz, Gesäuertem, verboten. Vor der Feier wird alles, was Hafer, Weizen, Gerste, Roggen und Dinkel enthält und bei der Herstellung mehr als 18 Minuten mit Wasser Kontakt hatte, aus dem Haus geworfen. Seder ist das hebräische Wort für „Ordnung“. Darum heißt dieses Putzen Seder Pessach. Karolina Przewrocka

S

Soundtrack Um beim Putzen in Schwung zu kommen, bedarf es eines guten Soundtracks. Tatsächlich hilft die richtige Musik. Die Bewegungen werden flüssiger, gehen nicht nur leichter von der Hand, sondern irgendwie auch noch schneller. Mitunter fängt es sogar an, Spaß zu machen. Im Idealfall hat die Zufriedenheit dann nicht mit dem Einatmen der berauschenden Putzmitteldämpfe zu tun, sondern mit den Songs im Hintergrund. Aus eigener Erfahrung empfehle ich Soul, Funk und Disco-Musik. Zu den Evergreens meiner erlebnisorientierten Wohnungsputzaktionen gehören Curtis Mayfield – Move on up, Van McCoy – The Hustle und Charles Wright – Express Yourself. Außerdem natürlich das Betty-Wright-Stück – Clean Up Woman. Und, wenn es etwas aktueller sein soll, Breakbot – Baby I’m Yours. TOT

Z

Zerrungen „Ich schaff das, diesen letzten Gardinenring krieg’ ich auch noch ab ...“ Und zack, ist der Arm gebrochen. Statistiken belegen, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren. Glanzleistungen aus dem Bekanntenkreis bestätigen das: Treppenhaus von Spinnweben befreien – Gehirnerschütterung, Starenkasten putzen – verstauchter Knöchel, Fensterpolieren mit Zeitungspapier – Muskelzerrung, auch Tennisarm genannt, Mischen von zwei Reinigungsmitteln, für ein besseres Glanzergebnis – Lungenreizung, Entfernen von Spinnweben im Geräteschuppen – Rippenprellung, Steckdose mit Wattestäbchen auswischen – tja, viel hat nicht mehr gefehlt ... Fazit? Lieber ein bisschen schmutzig als tot. Jutta Zeise

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06:00 23.04.2014
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