A–Z Hasen

Lexikon Man sollte Hasen nie unterschätzen – auch zu Ostern nicht. Sie sehen harmlos aus, aber manche von ihnen sind als Killer-Kaninchen oder Sex-Biester unterwegs
| Ausgabe 16/2014

A

Angora „Uh, das ist aber schön weich!“ Liebhaber von Angorawolle haben es inzwischen schwer. Denn die Textilfaser, die auf dem Fell der Angorakaninchen basiert, ist in ihrer Herstellung eine schlimme Quälerei für die Tiere. Ein Video, das die Tierschutzorganisation PETA vor einigen Wochen veröffentlicht hat, zeigt die verstörenden Produktionsbedingungen auf mehreren Farmen in China. Den Angorakaninchen wird das Fell in der Regel durch die Lebendrupfmethode entnommen – also ausgerissen, während die Tiere auf einer Holzbank fixiert sind. Alle zwei bis drei Monate ist das Fell so weit nachgewachsen, dass die Tortur von vorn losgeht. Tiere in solchen Betrieben haben eine Lebenserwartung von vier Jahren. Jedes zweite Kaninchen überlebt schon den ersten Rupfdurchgang nicht. Da gut 90 Prozent allen Angorafells aus China stammen, wo es kaum Gesetze gegen Tierquälerei gibt, haben einige Modefirmen jetzt reagiert und bekannt gegeben, keine Produkte aus Angorawolle mehr im Sortiment zu führen und alle anderen Stoffe genauer auf ihren Angoragehalt zu überprüfen. Felix Tota

G

Gattungen Die verbreitete Unterscheidung zwischen Hasen und Kaninchen bestätigt die Biologie – nicht! Man kann höchstens Kaninchen und sogenannte Echte Hasen unterscheiden. Wobei letztere systematisch nur eine – mit besonders langen Ohren ausgestattete – Gattung in der großen Familie der Hasen bilden. Auch das Wild- und das Hauskaninchen gehören dazu. Letzteres ist übrigens keinesfalls mit dem in Nordamerika lebenden Zwergkaninchen zu verwechseln. Bis auf die Antarktis haben sich Hasen alle Kontinente des Planeten erobert. Die Savannen von Nepal bewohnt das wenig kuschelige Borstenkaninchen. In Zentralmexiko hat sich das dunkelbraune, schwanzlose Vulkankaninchen eingerichtet. Angesichts ihrer Verbreitung könnte man meinen, sich keine Sorgen um die Gattungen machen zu müssen. Mit dem südafrikanischen Buschmannhasen zählt zu ihr aber auch eine der seltensten Säugetierarten überhaupt. Tobias Prüwer

H

Harvey Man kennt Schneehasen, Sex-Hasen und Schokohasen. Wer auf der Liste der Spezialhasen oft vergessen wird, ist der Schizophrenie-Hase. Er heißt Harvey, misst an die zwei Meter, trägt weißes Fell und ist für die meisten Menschen unsichtbar. Nur einer nimmt ihn wahr: der schrullige Mittdreißiger Elwood P. Dowd. Der Hase Harvey ist sein bester Freund. Als Elwood seinen tierischen Kumpel einmal mit auf eine Party nimmt und ihn dort den anderen Gästen vorstellen will, hält man ihn – logisch – für komplett plemplem. Sanitäter rücken an, um Elwood in eine Klinik mitzunehmen. Schließlich landet aber Elwoods Schwester in der Klinik, und ach… So funktionieren sie eben, die herrlich albernen Filmkomödien der 50er Jahre: Eine Verwechslung hier, eine Turbulenz dort, und alle sind immer tipptopp gekleidet. Mein Freund Harvey heißt der berühmte Streifen von 1950, mit James Stewart in der Hauptrolle. Der Film basiert auf einem Theaterstück von Mary Chase (1907-1981). Es gab ein doofes Remake mit Heinz Rühmann. Aber in der Originalfassung ist Harvey noch immer beste Sonntagnachmittagsunterhaltung. Katja Kullmann

Horror Niedlich! So denken die meisten Menschen über Langohren. Aber sie taugen auch als Angstmacher. In Lewis Carrolls Alice im Wunderland (1865) agiert ein weißes Kaninchen als Ver- und Entführer. Richard Kelly lässt in seinem High-School-Film Donnie Darko (2001) eine gruselige stumme Figur im Hasenkostüm und mit Totenkopfmaske auftreten. Usagi Yojimbo, ein Manga-Samurai in Hasengestalt (ab 1984), tötet mit seinem Schwert. In Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ (1975) gipfelt die Gralssuche im Kampf gegen ein Killer-Kaninchen. Und ein weißer Plüschhase erweist sich im Film Rabbit Horror 3D (2011) als nicht ganz unschuldig. Keines dieser Karnickel kann aber den Schrecken toppen, der von der deutschen Filmkomödie (Hilfe!) Keinohrhasen (2007) ausgeht. TP

K

Kinder Er hat nicht unbedingt von Anfang an einen guten Stand bei Kindern. Schließlich hat der Hase den Ruf des Trost-Haustiers: Man bekommt ihn, wenn die Eltern den Wunsch nach einem Hund nicht erfüllen wollen. Doch auch mit Hasen kann man kuscheln, sie stinken nicht und können zutraulicher sein als Katzen. Vor allem erlebt man mit ihnen viel. Zum Beispiel, wenn der Hase Geschwister oder Freunde vollpinkelt, während er auf ihrem Arm sitzt. Oder unvergessene Suchaktionen, wenn die ganze Familie den Hasen ruft, der sich derweil tiefenentspannt im Gebüsch versteckt. Ausbüchsen kann er meist dank eines Konstruktionsfehlers im – von Papa oder Mama gezimmerten – Käfig. Es kommt auch vor, dass Kaninchenmütter ihren Nachwuchs fressen. Ziemlich schockierend für Kinder. Trotzdem: Sag noch einer, dass man unbedingt einen Hund braucht. Als Fünf- bis Elfjähriger macht man auch mit einem Hasen nervlich ganz schön was mit. Benjamin Knödler

Kunst Was dem gemeinen Rammler sein Bau, ist für Albrecht Dürers Feldhasen ein unterirdisches Sicherheitsdepot in Wien. Die 1502 entstandene Naturstudie, die als bedeutendstes Werk der Renaissance-Kunst gilt, darf nur zweimal alle fünf Jahre ans Licht. Gerade ist wieder so ein „Feldhasen“-Frühling: Bis 29. Juni zeigt die Albertina das berühmte Aquarell. „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“, zeigte wiederum Joseph Beuys 1963 den Düsseldorfern. Drei Stunden harrten sie vor der Galerie aus, während er drin dem Kadaver die Exponate erläuterte. Als grausig-schöne Chiffre setzte auch Christoph Schlingensief 2004 in seinem Parzifal einen Hasen ein. Im Zeitraffer sah man der Verwesung zu – und dem Vormarsch der Kleinstorganismen. Unkaputtbar hingegen: Jeff Koons Rabbit (1986) aus rostfreiem Stahl. Christine Käppeler

N

Name Das Bonmot „Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts“ geht auf den Heidelberger Jurastudenten Victor von Hase zurück. Im Jahr 1855 bat ihn ein Kommilitone um Hilfe. Der Mitstudent hatte nämlich im Duell einen Kontrahenten erschossen, woraufhin er sich gezwungen sah, über die Grenze nach Frankreich zu flüchten. Dafür fehlten ihm jedoch die nötigen Ausweisdokumente. Victor von Hase half: Er überließ dem Kommilitonen seine Studenten-Legitimationskarte und gab an der Uni einfach an, seine Papiere verloren zu haben. Der flüchtige Studienfreund gelangte mit Hases Papieren tatsächlich heil über die Grenze, bis nach Straßburg, wo er den Ausweis allerdings verlor. Dortige Behörden fanden die Papiere und sandten sie prompt an das zuständige Heidelberger Universitätsgericht, das den Fall dann eingehend untersuchte. Immerhin waren hier amtliche Dokumente verschludert worden! Im Ausland! Als von Hase schließlich vor Gericht beordert wurde, gab er zu Protokoll: „Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen, ich weiß von nichts!“ TOT

O

Ostern Es ist das höchste christliche Fest: An Ostern wird die Auferstehung von Jesus Christus gefeiert. Das hat mit Hasen rein gar nichts zu tun. So forschten einige Gelehrte im Mittelalter nach den Ursprüngen des Kults – und behaupteten, es habe ein germanisches Frühlingsfest gegeben, das von Ostern überlagert wurde. Eine Gottheit mit passendem Namen war schnell gefunden: Ostara. Jener angeblichen Germanengöttin sollte als Fruchtbarkeitspate ein Hase zur Seite stehen – der aber leider im Pfeffer liegt, denn: Weder Ostara noch ein solches Fest hat es je gegeben. Der Osterhase ist wohl eine protestantische Erfindung. Die Lutheraner wussten nicht anders mit dem Eierüberschuss umzugehen, den ihre katholischen Nachbarn mit ihrem Fasten verursachten. Fasten galt den Lutheranern als Teufelszeug, sie waren für ganzjährige Mäßigung. Für protestantische Kinder musste eine Erklärung her. Und so ist in einer Heidelberger Dissertation von 1682 zu lesen, „dass der Osterhase solche Eier lege und in den Gärten, im Grase, usw. verstecke“. Sophie Elmenthaler

S

Schokolade Mit den ersten Schokohasen tauchen auch wieder die Diskussionen um ein altes Mysterium auf: Bestehen die süßen Osterhasen etwa aus eingeschmolzenen Schoko-Nikoläusen? Alter Mann in Hase, komische Vorstellung! Die Geschichte stimmt aber ohnehin nicht. Zum einen würde sich eine solche Einschmelzaktion für die Hersteller gar nicht rechnen. Zum anderen schmeckt Vollmilchschokolade nach dem Wiedereinschmelzen auch nicht mehr so dolle. Womit wir beim zweiten Gerücht wären: Vielen Menschen schmecken Hasen und Nikoläuse besser als flache Tafeln. Eine hoffentlich überzeugend klingende Vermutung unsererseits: Die dünnere Schokolade zergeht leichter auf der Zunge. BK

Sex Dem Hasen wird häufiger Sexualverkehr nachgesagt. Darum heißt das Männchen Rammler – der Name kommt von „bespringen“. Das „Rammeln wie die Hasen“ ist längst sprichwörtlich geworden. Tatsächlich ist die Fruchtbarkeitsrate des Tieres hoch, mehrmals im Jahr bringt das Weibchen Junge zur Welt. Anders als etwa bei den Bonobo-Menschenaffen dient der Hasen-Sex nicht der Pflege der Sozialbeziehungen, sondern allein der Fortpflanzung. Vielleicht wurde der Hase aufgrund seiner hohen Reproduktionsrate zum Symboltier von Ostern. Zum Emblem für Sex beziehungsweise Sexismus machte ihn der Playboy. Das Bunny, die Hasensilhouette mit der Fliege, tauchte schon in der zweiten Ausgabe des Magazins 1954 auf. Laut Chefredakteur Hugh Hefner wurde der Hase gewählt, weil er temperamentvoll und schüchtern zugleich ist. Das sei seine Idealvorstellung einer Frau: nicht selbstbewusst, sondern harmlos und naiv. TP

W

WLAN-Hase 2007 gab es auf dem Markt der Elektronik-Gadgets einen bemerkenswerten Neuzugang. Eine Firma bot einen 23 Zentimeter hohen Plastikhasen an, der mit den Ohren wackeln und das Internet vorlesen konnte. Dank dieses WLAN-Hasen, der auf den Namen Nabaztag hörte, sollte man nicht mehr vorm Bildschirm sitzen müssen, um sich zu informieren. Wenn sein Besitzer es befahl, verzichtete der Hase sogar aufs Vorlesen und spielte stattdessen Radio-Onlinestreams ab. Obwohl spätere Versionen auch mit dem Bauch leuchen konnten, setzte sich Nabaztag aber nicht durch. Alle Firmen, die ihn im Laufe der Jahre herstellten, gingen insolvent. Ob das am hohen Preis für den Plastikhasen lag – oder doch an einem kulturell tief sitzenden Unbehagen beim Anblick dieser Tiere (Horror), lässt sich nicht eindeutig klären. Jan Pfaff

Z

Zucht Der Kaninchenzüchterverein gilt als Marterstätte des Lokaljournalisten: „Die örtliche Leserschaft will sich schließlich im Blatt wiederfinden!“ Und als Zuchtstation für Nachwuchsreporter: „Hast du schon mal ein Praktikum bei einer Zeitung gemacht? Nein? Noch nie? Du kannst gar nicht schreiben? Na, dann schicken wir dich erst mal zur Hasenausstellung.“ Jedes Jahr finden rund 4.000 Kaninchenschauen in Deutschland statt. Es gibt sogar eine Bundesrammlerschau. Zum Rassekaninchen des Jahres 2014 wurde die „Englische Schecke thüringerfarbig-weiß“ gewählt. Als hässlichste Art gilt vielen aber das aufgeplustert wirkende Angorakaninchen. TP

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Kommentare