Hausautor:innen

A–Z Sie schreiben fleißig, aber nicht nur für den „Freitag“, weshalb wir dieses Lexikon neuen Büchern unserer Autor:innen widmen. Sie analysieren das Schicksal des Moselapollofalters so kundig wie das der Kleinbürger

A

Alternativ Eine Sizilienreise, die sich im Kopf einer Frau abspielt, wenn sie sich wieder und wieder in Szenen in Viscontis Il Gattopardo verliert, die Szenen geben ihr das Gefühl, sie war schon tausendmal in Palermo. Eine sich anbahnende Liebesgeschichte, mysteriös wie Antonionis Blow Up. Geschichten vom großem Kino und dem kleinen Leben werden in dieser neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift Am Erker erzählt (Daedalus, 155 S.)

Joachim Feldmann hat sie 1977 mit einem Freund gegründet, sie war ein Spätprodukt der alternativen Literaturszene der siebziger Jahre. In den 80ern wohnte die Kernredaktion sogar in einer WG in Münster zusammen und bot das Blatt nachts für eine Mark in Studentenkneipen an. Dafür bekam man Agit-Prop-Lyrik, Spontantexte oder neusensible Gedichte: Kultur war politisch. 1979 war sogar mal F. J. Strauß auf dem Cover. Zweimal im Jahr widmet sich das Heft einem Thema (➝ Kraft). Die Auflage ist klein, aber beständig. Maxi Leinkauf

B

Biedermeier Kluger Move von Georg Seeßlen, Wir Kleinbürger 4.0 (Tiamat, 282 S.)zu veröffentlichen, während die verspießten, aber digitalaffinen Grünen in die Regierung streben. Zusammen mit Markus Metz fragt er, in welche Richtung sich das Kleinbürgertum entwickeln wird. So lasse es stets eine „soziale Schlacke“ zurück, die von der rasanten Entwicklung schlicht „abgehängt“ würde: Nicht alle Kleinbürger sind Öko-Hipster oder Turbokapitalisten. Früher konnten sich die Abgehängten noch in den Konservatismus retten, doch in der neoliberalen Ära hat auch dieser auf Schnelligkeit und Flexibilität umgeschaltet. Seeßlen sieht hierin eine Keimzelle des Faschismus: „Der Kleinbürger verliert die soziale Balance, die ihm nur die Politik zurückzugeben verspricht, eine Politik, die seine Diktatur verheißt.“ Ob die Ampel das zu verhindern weiß? Dorian Baganz

E

Exorzismus Ob die Liebe zu Jean-Jacques Schuhl, dem Schriftsteller (der für die Biografie über Ingrid Cavens Leben den renommierten Prix Goncourt gewann), geholfen habe, den Egozentriker Fassbinder, Cavens Ex-Mann, zu exorzieren?“, fragt Ute Cohen die letzte deutsche Diva Caven. Sie wurde oft mit der Dietrich verglichen, ist tatsächlich aber eine „eigene eklektische Schöpfung“, in der Tradition von Lotte Lenya, mit einer „kräftigen Dosis Camp-Ästhetik“, wie die taz zu deren 70. Geburtstag 2018 schrieb. In Deutschland wurde die Tochter eines Saarbrücker Tabakhändlers durch Filme mit Fassbinder bekannt. Seit Ende der 1970er lebt Caven in Paris, wo sie als Chansonnière Erfolge feierte. Cohen und Caven trafen sich hier und in Berlin, sprachen über die wilden Siebziger (➝ Alternativ), Hölderin, Kokain, Brecht. Man habe sich im Witz und in der Selbstdisziplin erkannt, beschreibt Cohen die Gespräche. Chaos? Hinhören, singen (Kampa, 176 S.) ist ein außergewöhnliches Porträt einer außergewöhnlichen Künstlerin. Und, wie war das mit Fassbinder? „Ich musste doch Rainer nicht exorzieren, der musste mich exorzieren!“ Katharina Schmitz

I

Information Trotz des Titels Das Kapital ist tot (Merve, 247 S.) behauptet Buchautor McKenzie Wark nicht, dass es keinen Kapitalismus mehr gebe, sondern nur, dass sich aus ihm heraus bereits eine neue Produktionsweise entwickle. Die neue herrschende „Vektorialistenklasse“ eigne sich Information an, kontrolliere sie, schöpfe aus Arbeitern und Konsumentinnen „eine Art Informationsmehrwert“ ab und entwickle daraus profitträchtige Prognosemodelle. „Jede Bewegung, die Sie mit Ihrem Handy machen, wird von einem Vektor erfasst und in einen Rechenvorgang eingespeist“, deshalb der Name der neuen Klasse. Unser Autor Tom Wohlfarth hat das anregende Buch übersetzt. Michael Jäger

K

Kraft Wenn sie gerade nicht den Freitag mit Bildmaterial ausstaffiert, geht unsere Bildredakteurin Ann-Kristin Ziegler uns zuweilen fremd. Sie tobt sich dann in anderen Publikationen aus, so wie unlängst in der aktuellen Ausgabe der Epilog (Nr. 10, 2021, 130 S.). In der Zeitschrift für Gegenwartskultur dreht sich jeweils alles um ein Thema. Diesmal: Kraft. Das Redaktionsteam schaut auf die Kräfte unserer Zeit: auf Muskelberge und unter Masken, auf das Rohe und Plumpe. Es wagt einen Blick unter die Oberfläche der Kultur, der Dinge, ja sogar der Erdkruste. Und beweist in Text und Bild, warum Printmagazine noch immer eine Existenzberechtigung haben. Christian Bobsien

M

Mafia Zwei Jahre lang betrieb der 1978 in Dresden geborene Ethnologe und Literaturwissenschaftler Ulrich van Loyen Feldforschung in Neapels lokaler Unterschicht. Kaum jemand war hier noch nicht im Gefängnis, jeder ist mit der Camorra in Berührung gekommen.

Stirbt die Mafia, diese aus Traditionen gewachsene „ehrenwerte Gesellschaft“ nie aus, fragt Loyen, weil über ihre Entstehungsgeschichte vor allem Mythen kursieren? Und weil sie sich selbst in diese Mythen kleidet, in denen sie ihre Genealogie, ihre Riten der Gewalt und ihre Familie kulturell inszeniert, um sie dann in die Tat umzusetzen und „in den durch Fiktion freigeräumten Bereich einzutreten“? Und, fragt Loyen weiter, sind wir Konsumenten also Kompliz*innen? In seinem faszinierenden Buch Der Pate und sein Schatten (Matthes & Seitz, 198 S.) ergründet der Autor die wahren Anfänge dieser „großen Erzählung“, damit wir sie besser verstehen. Katharina Schmitz

P

Punk „Kulturbanausen lieben halt: / Lieder über Sex, Bier und Gewalt!“ – am besten liest man Tijan Silas Krach (KiWi, 272 S.) mit The Pig Must Die als Begleitsoundtrack. Denn der Roman handelt wie deren Punkrock-Songs vor allem von jener Trias. Natürlich ist die Geschichte etwas diffiziler. Aber auf der Ebene bleibt sie eher konventionell, wie man es von Coming-of-Age-Storys eben kennt. Typ in der Provinz – hier in der Pfalz der 90er – sucht seine Identität, findet sie in einer Punkband. Natürlich gibt es eine unglückliche Liebe und weil seine Eltern aus Bosnien stammen, sind Heimat und Herkunft auch Themen. Das kennt man mittlerweile. Was den Roman so faszinierend macht, ist die fehlende Zurückhaltung (➝ Exorzismus). Wir befinden uns in den sogenannten Baseballschlägerjahren, und da bekommen Nazis auch auf die Fresse, werden akademische Differenzierer ausgelacht. Silas Sprache ist kompromisslos und hat einen treibenden Beat. Ja, das ist Punk. Tobias Prüwer

S

Sinnfrage Warum ist Freundschaft in der postmodernen Gesellschaft wertlos geworden, warum verlieren wir sie? Weil sie womöglich nicht in die neue Lebenswelt passt, zum neuen Partner, dem neu geformten Selbstbild. Jan C. Behmann denkt in seinen Textminiaturen, versammelt in Haltestellenprosa (edition:behmann, 223 S.), u. a. über „Normmenschen“ nach, jene, die sich anpassen, ihren inneren Strand aber verlieren. Durch Corona wurden viele ihrer Betäubungsmittel beraubt – draußen ist es still, aber innen lärmt es. „Nichts machen. Wie ging das noch mal?“ Konsum (➝ Information)oder Sein? Alte Fragen, die Lektüre regt zum Neu-Nachdenken an. Man kann das Leben nicht verlängern, nur verdichten, hat Roger Willemsen gesagt. Well done. Maxi Leinkauf

T

Temperaturanstieg Wenn Sie sich vom Moselapollofalter noch verabschieden wollten, dann wäre jetzt der Moment. Oder von der Brockenanemone. Warum? Weil es beide in Deutschland bald nicht mehr geben wird, Klimawandel und so. Das Verschwinden der beiden ist nur eine von Dutzenden und Dutzenden Auswirkungen der Erderwärmung, die Nick Reimer und Toralf Staud zusammengetragen haben. Deutschland 2050. Wie der Klimawandel unser Land verändern wird (KiWi, 388 S.) liest sich umso beklemmender, je nüchterner und faktensicherer die Autoren ein Bild unserer nahen Zukunft (➝ Biedermeier)malen: wie Wasserknappheit, Extremwetter, Waldsterben, Artensterben und so fort unser Leben verändern werden. Im Großen wie im Kleinen. Pepe Egger

U

Untätig Agatha Frischmuth und das Nichtstun: Es gibt naheliegendere Liaisons. Egal wie komplex das Thema, egal wie waghalsig die Deadline, sie stürzt sich für uns schon mal mitten in einer Tagung in die Arbeit an einem Aufmacheressay. Es geht in Agatha Frischmuths Buch, das auf ihrer Dissertation basiert, folgerichtig auch nicht ums Abschalten und Entspannen, sondern um „Nichtstun als politische Praxis“ (Transcript, 328. S.) und dessen literarische Reflexionen in der Moderne. Anhand von Robert Walsers Der Gehülfe, Thomas Manns Zauberberg, Un homme qui dort von George Perec und Miroslav Nahaczs Bombel fühlt sie so einem ganzen Jahrhundert tatkräftig den (Ruhe)Puls. Christine Käppeler

W

Wiederaufbau Jämmerlich sei es, wenn man die Schwierigkeiten, die sich Berlin durch die Pandemie stellen, mit denen vergleiche, die die Stadt nach dem Zusammenbruch im Mai 1945 zu bewältigen hatte, schreibt Erhard Schütz im Nachwort zu dieser Anthologie. Surreal-Welten heißt sie und ist im Siebenhaar-Verlag erschienen. Der Titel assoziiert die „surrealistischen Landschaften“, die Margaret Bovari damals wahrnahm. Sie zeigt sich hier als hellwache Chronistin der Großstadt, die mit Lakonie auch das Tabuisierte nicht verschwieg: „Die üblichen Vergewaltigungen, – eine Nachbarin, die sich weigerte, wurde erschossen.“ Bovari ist bei Weitem nicht die einzige Autorin, die man in diesem Band entdecken kann. Schon von Ingrid Wendt gehört? Ich nicht. Sie war 1945 Redakteurin einer Frauenzeitschrift in Ost-Berlin, dann beim Radio. In ihrem erst 1956 erschienenen Roman Notopfer Berlin leben die Döblin’sche Montage und das Tempo der Weimarer Republik weiter, nun gespiegelt in Frauenschicksalen. Michael Angele

Z

Zuversicht Müsste ich Ihnen einen Artikel von Michael Hametner empfehlen, so bestünde ich auf zwei, denn er schreibt für den Freitag sowohl über Kunst als auch über Literatur. Hervorzuheben also wären sein Interview mit dem Autor Thomas Kunst und sein Porträt des Sammlers Günter Lichtenstein, der kurz nach der Wende begann, Werke zu kaufen, die zur DDR-Zeit entstanden waren. „Als sie keiner wollte“, wie Hametner schrieb, womit wir mittendrin wären in seinem Buch „Deutsche Wechseljahre“ (Mitteldeutscher Verlag, 222 S.), das einen prüfenden Blick auf den Umgang mit Literatur und Kunst aus dem Osten nach 1989 wirft und nach dem Stand der Wiedervereinigung in beiden Sparten fragt. So bitter vieles ist, was er beschreibt: Es geht ihm vor allem darum, aufzuzeigen, wie es anders gehen könnte, anders gehen wird, eines Tages, da ist er hoffnungsvoll. Christine Käppeler

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