A–Z Plagen

Nervenkrieg "2014 wird ein Mückenjahr“, warnen schon wieder die Experten, vor Kindern, Wimpeln und Touristen warnen wir. Unser Lexikon der Woche
Ausgabe 25/2014
A–Z Plagen

Bild: David Scharf / Science Photos / Agentur Focus

A

Ambrosia Diese Pflanze ist wirklich böse. Das mannshoch wachsende Kraut verschießt, meist zwischen Juli und Oktober, Pollen, die Asthma hervorrufen können. Jeder Zehnte reagiert allergisch darauf. In Südeuropa verschlingt die Bekämpfung des Gewächses sehr viel Geld, und das wird inzwischen auch für Deutschland prognostiziert. Locker formuliert könnte man von floraler Fremdenangst sprechen. Ambrosia ist ein Neophyt, ein botanischer Einwanderer. Davon gibt es viele, und die meisten sind harmlos wie das Wohlriechende Veilchen. Als Zugewanderte gelten auch Löwenmäulchen, Meerrettich, Astern und Flieder. Jede Pflanze, die nach der Entdeckung Amerikas in unseren Breiten Wurzeln schlug, gilt in der Fachsprache als fremd. Tobias Prüwer

B

Bibel Plagen sind in der Regel eine ernste Sache. Dementsprechend machen sie sich auch hervorragend als Strafe des Allmächtigen. Ganze zehn Plagen schickt etwa der Gott der Hebräer nach Ägypten, damit der Pharao die Israeliten ins Gelobte Land ziehen lässt. Das 2. Buch Mose überliefert einen Katalog der Schauerlichkeiten. Wasser wird zu Blut, allerhand Tiere überziehen das Land, eine Pest rafft das Vieh dahin, die Blattern brechen aus, und Hagel zerstört die Ernte. Als sich der Pharao trotzdem weigert, Moses und sein Volk ziehen zu lassen, schickt Gott noch eine dreitägige Finsternis hinterher – bevor er schließlich alle ägyptischen Erstgeborenen sterben lässt. Jener Bibelgott ist eben nicht nur ein gütiger, sondern auch ein strafender. Das wird auch in der Offenbarung des Johannes deutlich. Der berichtet von immerhin sieben Plagen, in denen Gottes Zorn sich Bahn bricht. Die meisten gleichen den Plagen vor dem Exodus, sie sind sozusagen altbewährt. Dieses Mal trocknet die Sonne allerdings noch den Euphrat aus, große Hitze versengt die Menschen, und ein Erdbeben erschüttert die Welt. Benjamin Knödler

Blagen Es ist noch nicht lange her, da wurden Kitas und Kindergärten nicht deshalb verklagt, weil sie nicht genügend Betreuungsplätze stellten, sondern weil sie von den Nachbarn als Lärmquelle wahrgenommen wurden. So werden aus Kindern schnell Blagen, und schon rein phonetisch ist es von dort nicht weit zur Plage – auch wenn sich die Blage eher vom Balg herleitet. Trotzdem: Als Plage werden fast alle Kinder – oder Blagen – gelegentlich wahrgenommen. Sei es, wenn sie auf einer langen Zugfahrt ein Wettrennen durch die Waggons starten, sei es, wenn sie am Wochenende um sieben Uhr morgens Räuber und Gendarm spielen. Was die einen stört, finden die Eltern der Kleinen meistens „süß“. Allen Geplagten zum Trost: Auch die Blagen werden einmal groß, und das geht oft schneller als gedacht. BK

E

Epidemien Eine in starkem Maß auftretende, ansteckende Massenerkrankung nennt man Epidemie. Heute werden Shitstorms gern epidemisch genannt – eine Verharmlosung. Denn ein Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt den wahrhaft verheerenden Charakter von Epidemien. Die Pest, auch Schwarzer Tod genannt, suchte Europa besonders im 14. bis 16. Jahrhundert heim. In manchen Landstrichen fielen ihr 60 Prozent der Bevölkerung zum Opfer. Typhus wütete in der Industrialisierungsära, tropische Seuchen grassieren regelmäßig in südlichen Weltregionen. Allein am Denguefieber sterben laut WHO jährlich mehr als 20.000 Menschen. Die Cholera schwappte in sieben Wellen von Asien nach Europa. Solche kontinenteübergreifenden Epidemien nennt man Pandemie. Wegen der globalen Vernetzung werden sie künftig wohl häufiger auftreten. TP

K

Käfer „Ich will kein Käfer sein!“, sangen Die Ärzte einmal. Ja, wer will schon als Plagegeist gelten? Borkenkäfer sind die Forstschädlinge schlechthin. Selbst bei Marienkäfern ist Vorsicht angebracht. Eigentlich sollen sie ja Glück bringen, der asiatische Harlekin-Marienkäfer aber gibt sich als Wüterich. Der gelbliche bis schwarze Eindringling macht seine roten Verwandten durch verschleppte Sporen krank. Und auch die roten Exemplare sind nicht ohne: Sie treten oft millionenfach an den Ostseestränden auf und können ein stinkendes, auf der Haut leicht brennendes Sekret absondern. Zu echten Verschwörungstheorien taugen die Kartoffelkäfer. In der DDR hieß es, sie würden von den USA gezielt abgeworfen, um die Ernte zu vernichten. Das war Quatsch, tatsächlich experimentierten die Nazis kurz mit dem Käferabwurf. Bertolt Brecht focht das nicht an, er dichtete: „Die Amiflieger fliegen / silbrig im Himmelszelt / Kartoffelkäfer liegen / in deutschem Feld.“ TP

M

Mücken Es steht uns ein Ungemach biblischen Ausmaßes (Bibel) bevor. Wieder einmal haben Forscher das prognostiziert, wovor sich alle Sommermenschen Jahr für Jahr aufs Neue fürchten: Es droht eine Mückenplage, 2014 wird ein Mückenjahr, lauten die Schlagzeilen. Das Frühjahr war geradezu ideal für die Entwicklung der Insekten. Warmes und trotzdem feuchtes Klima, besser geht es einfach nicht. Wenn die Temperatur in stehenden Gewässern – von der Pfütze über die Regentonne bis hin zum See – 20 Grad oder mehr beträgt, werden aus den Mückeneiern sehr schnell ausgewachsene Tiere. Die Leidtragenden sind bekanntlich: wir. Und auch wenn man weiß, dass die Stiche verheilen, angenehmer macht das die Sache nicht. Man darf nicht kratzen – und würde doch nichts lieber tun. Man nebelt sich mit allerhand Giften ein – nur um zu bemerken, dass es den Mücken egal ist. BK

N

Nervensägen Ob im Fernseher, im Zug oder an der Universität, überall tauchen sie auf. Stören mit ihrem ewigen Gerede über Gott und die Welt und gönnen uns keine Verschnaufpause. Man denkt sich: „Wie kann ich diese Person am besten zum Schweigen bringen? Vielleicht eine Socke in ihren sowieso immer offenen Mund stopfen?“ Nein, es muss leider anders gehen. Zum Schweigen kann man diese Nervensägen ohnehin nicht bekommen. Die beste Variante ist, durchzuhalten. Schwierig, aber durchaus machbar. Als Vorbild sollten wir uns Doug Heffernan aus der US-Sitcom King of Queens nehmen. Der dicke Kurierfahrer versucht, mit dem anstrengenden senilen Vater seiner Frau Carrie unter einem Dach zu leben. Oft bringt der alte Mann ihn an den Rand der Verzweiflung. Doch Doug hält tapfer durch. Und irgendwann mag er den Alten sogar. Stefan Simon

Q

Quälereien Das Tierschutzgesetz betrifft nur Wirbeltiere, Insekten darf man nach Lust und Laune foltern. Was natürlich nicht heißt, dass man es auch tun sollte – ethisch betrachtet. Andererseits: Die Tiere quälen ja auch uns. Welche Chance hätte man also, es ihnen zurückzuzahlen? Eine Idee: das Schockgefrieren von Fliegen oder Hummeln. Perfekt wären 1,35 Minuten in der Tiefkühltruhe. Danach wird dem bewegungsunfähigen Insekt ein Bindfaden ans Bein gebunden. Sobald es wieder aufgetaut ist, kann es an der Leine spazieren geführt werden. Weitere Methoden findet man im Struwwelpeter. Liebe Tierschützer: Das habe ich natürlich nie gemacht. Aber die Fantasie hilft ja manchmal, Rachegedanken zu befriedigen. Psychologische Gutachten bitte an info@freitag.de. Juliane Löffler

R

Ratten Diese Tiere lösen im Allgemeinen großes Unbehagen aus. War da nicht mal was mit der Pest (Epidemien)? Überhaupt: Ratten sind da, wo es dreckig ist, stromern durch die Kanalisation, spazieren durch den Abfall. Gerade in Großstädten gibt es das zuhauf. Und weil Ratten schlau und dadurch ziemlich fallenresistent sind, grassiert insbesondere dort von Zeit zu Zeit die Angst vor der Vermehrung der Tiere. Etwa in der Hauptstadt: Dort hofft man, das Rattenproblem mit dem Hunger der Stadtfüchse zu lösen. Kulturell betrachtet sind die Nager aber doch auch wichtig: Die Legende des Rattenfängers von Hameln würde ohne die Plage nicht funktionieren. BK

T

Tauben Georg Kreisler, der begnadet böse Kabarettist (1922–2011), schrieb ein tolles Lied über sie: Tauben vergiften heißt es. „Schatz, geh, bring das Arsen gschwind her, das tut sich am besten bewähr’n.“ Weil Tauben Keime und Milben mit sich herumtragen, werden sie auch „Ratten der Lüfte“ (Ratten) genannt. Sie sind treu, nicht nur ihren Taubenpartnern, sondern auch den Orten, an denen sie mal genistet haben. Heißt: Man wird sie danach nie mehr los. Sagt eine, die mal einen Balkon an die Mistviecher verlor. Ich wollte nie eine Spießerin sein, die den Kammerjäger ruft. Aber ehrlich: Es ging nicht anders. Katja Kullmann

Tourismus Die Reisezeit naht, Hoteliers und Gastronomen reiben sich schon die Hände. Doch bei allem wirtschaftlichen Nutzen des Tourismus: Viele Einheimische empfinden die Besucher eher als Plagen denn als Freunde. In Berlin gehört das Touristenbashing längst zum guten Ton. Tatsächlich kann die Sache problematisch werden, wenn nämlich das Alltagsleben nach und nach für das Geschäft geopfert wird. Venezianer oder Mallorquiner kennen das besonders gut. Um Staus auf Autobahnen und in Fußgängerzonen zu vermeiden, haben die Kultusminister gerade beschlossen, die Ferienzeiten in den Bundesländern vom Jahr 2018 an zu entzerren. BK

W

Wimpel Zur Fußballweltmeisterschaft der Männer ertrinkt Deutschland wieder im schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer. Selbst ansonsten recht vernünftige Menschen entdecken plötzlich ihre Liebe fürs Vaterland. Sind die Kritiker bloß Spielverderber und Spaßbremsen? Nein, der Partypatriotismus kommt harmlos daher, ist aber gefährlich, denn er beeinflusst Millionen von Menschen. Wer ein Land besonders gut findet, wertet dadurch zwangsläufig alle anderen Länder (im Verhältnis dazu) ab. Vor vier Jahren wurde sogar nachgewiesen, dass nationalistische Einstellungen in der Bevölkerung nach der WM stärker vertreten waren als vorher. Was hilft? Linksautonome reißen die Fahnen einfach ab. Felix Werdermann

Z

Zecken Mal ist der Winter zu lasch, dann der Frühling zu trocken. Zecken scheinen immer Hochsaison zu haben. Das riecht mitunter nach Alarmismus, der aus schreibfreudigem (Medizin-)Journalismus resultiert. Man kann ja auch ohne Panikmache vor dem potenziell gefährlichen Biss warnen. Zeckenwetter.de prognostiziert für diese Wochen eine uneinheitliche Zeckenaktivität. In trockenen Wäldern sei sie stark zurückgegangen, in Niederschlagsgebieten, vor allem im Westen Deutschlands, sei sie sehr rege. Zu unterschätzen sind Zecken natürlich nicht, tragen sie doch Erreger in sich, die Borreliose und Hirnhautentzündung auslösen können. Im Norden des Landes tragen bis zu zehn Prozent der Zecken den Erreger, im Süden deutlich mehr. TP

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