A–Z November

Stimmung Es ist ein Irrtum zu denken, der November sei nur der elfte Monat des Jahres – er nimmt mehr Raum ein, als der Kalender ihm zugesteht. Das Lexikon der Woche
Ausgabe 43/2013

A

Allerheiligen „Der Himmel, schwer wie eines Deckels Last / Sinkt auf die Seele voll verhaltenem Weinen“, heißt es in der Eingangsstrophe von Baudelaires Gedicht Schwermut. Das ist das November-Gefühl. Im Kirchenjahr bildet der November den Abschluss. Man nennt ihn die „Stille Zeit“. Es geht um Tod und Totengedenken, beginnend mit dem katholischen Feiertag Allerheiligen am 1. November, an dem sich die Familien um die Gräber ihrer Angehörigen versammeln. Wer seine Kindheit und Jugend an Allerheiligen auf dem Friedhof verbracht hat, wird die Empfindung von Trostlosigkeit nicht mehr los. Die Erinnerung an graue Luft, vom Atem und vom Weihrauch. Das Gefühl entkoppelte sich über die Jahre vom Monat. Das Bild dazu ist Baudelaires Deckel, der sich über die Welt schiebt. Mark Stöhr

B

Basteln Mit Halloween ist es ja mittlerweile wie mit Weihnachten: Im Spätsommer finden sich im Supermarkt bereits hässliche Hexenmasken neben Zierkürbissen, die einzig dem Zweck dienen, zu grässlichen Fratzen ausgehöhlt zu werden. Abseits dieses Symbols des mittlerweile eingedeutschten Gruselfests bietet der Herbst unzählige Naturprodukte, die zum Basteln einladen. Wenn wir im September aus den ersten herabgefallenen Kastanien Männchen bauen, stellt sich ganz automatisch das Novembergefühl ein. Und die ersten bunten Blätter auf der Straße rufen: „Heb mich auf und dekoriere dein Wohnzimmer mit mir!“. Wem das zu wenig Herausforderung ist: Wie wäre es mit einem heißen Basteltipp von Martha Stewart? Stofftaschen mit Herbstlaub bedrucken, das zuvor mit Farbe bestrichen wird. Geht auch als Weihnachtsgeschenk durch. Vorausgesetzt, man ist nicht älter als zehn. Sophia Hoffmann

Berlin Wenn man im Wonnemonat Mai in Berlin Besuch hat und die Besucher ausrufen: „In was für einer strahlenden und blühenden Stadt lebt ihr doch, man könnte direkt neidisch werden“, dann liegt es in der Natur unseres Wesens zu antworten: „Ja, jetzt ist die Stadt wunderbar, aber ihr solltet mal im November hier sein. Der November hat 53 Tage. Um halb drei wird es dunkel, hell war es auch davor nicht, man geht durch ein langes, feuchtes Grau. Der Nachmittag ist ein ewiger Abend, und wenn man Kinder hat, verdrückt man sich in eines dieser schrecklichen Kindercafés oder geht auf den Kinderbauernhof in der Schwedter Straße, um einem todtraurigen Esel das nasse Fehl zu streicheln. Man will nur noch weg!“ Am besten wäre es ja, nur im Frühling und im Sommer hier zu leben und den Rest auf den Malediven oder sonst wo. Aber da das nicht geht, schlucken wir haufenweise Johanniskrautkapseln und versuchen uns mit letzten Kräften vorzustellen, wie schön der Mai in Berlin sein wird. Michael Angele

E

Erleichterung Natürlich, der Sommer ist schön, zuweilen, ob der Erwartungen an die warmen Tage, aber auch ziemlich anstrengend. Schwimmen, grillen, wandern, sonnen – was man nicht alles unternehmen kann. Und so kann man geradezu Erleichterung verspüren, wenn die Tage neblig und merklich kälter werden. Denn Grillen im nassen Laub ist als soziales Happening nicht geeignet. Stattdessen kann man nun in aller Ruhe lesen, Musik hören, Filme gucken – ohne die Sorge, einen der geliebten Sommertage zu verpassen. Da verwundert es nicht, dass man diese Entspannung von den „Strapazen des Sommers“ mitunter kaum erwarten kann und mit den ersten trüben Tagen im Oktober seinen ganz persönlichen Biedermeier-Rückzug einläutet. Das Ganze hat aber auch einen Haken: Spätestens Anfang Januar hat man die Schnauze voll von all der Gemütlichkeit und sehnt sich wieder nach Sonne. Benjamin Knödler

G

Guns N’ Roses Nothin’ lasts forever / And we both know hearts can change / And it’s hard to hold a candle / In the cold november rain. Wenn man das Musikvideo zu „November Rain“ heute wieder ansieht, ist da zuerst nur Irritation: Was für eine Feier des schlechten Geschmacks! Axl Rose mit einem grotesk hässlichen, roten Bandana am Klavier, ein pompöses Orchester und Slash, der mit Cowboystiefeln aufs Klavier steigt und die Gitarre weinen lässt. Guns N’ Roses waren in ihren besten Zeiten völlig over the top. Genau das war ihre große Qualität. Und trotz oder wegen der Holzhammermetaphorik sind die neun Minuten „November Rain“ natürlich ganz große Musik.

Hinzu kommt, dass man als Teenager gar nichts anderes hören will als solch übertriebene Feiern des Liebesschmerzes. Ich erinnere mich an eine meiner besten Freundinnen in der Schulzeit, die eine 90-Minuten-Kassette nur mit „November Rain“ gefüllt hatte – für die ganz harten Fälle von Liebeskummer. Und ich meine mich zu erinnern, dass wir diese Kassette ziemlich häufig hörten. Jan Pfaff

Guy Fawkes „Remember, remember the 5th of November!“ Die graue Saison schürt umstürzlerische Gelüste. Man schaue nur auf Oktober- und Novemberrevolution. Am 5. November 1605 versuchte Guy Fawkes als Aktion gegen die antikatholische Verfolgung, das englische Parlament in die Luft zu jagen. Die Erinnerung an den „Gun Powder Plot“ ist bis heute lebendig. So begeht man an vielen Orten die „Bonfire Night“ mit Fackelumzügen. Traditionell wird Fawkes in Form einer Puppe verbrannt. Der dystopische Comic V wie Vendetta machte Fawkes populär. Dort tritt ein einsamer Rächer gegen die faschistische englische Regierung an und verbirgt sein Gesicht hinter einer Larve mit dem Antlitz des Parlamentbombers. Nach der Verfilmung wurde das Gesicht weltweit zum Widerstandssymbol. Das Internet-Kollektiv Anonymus griff darauf zurück. Bei Anti-ACTA-Demos wurde die Maske ebenso getragen wie bei Occupy. Tobias Prüwer

K

Krähen Jede Jahreszeit hat ihre Vögel. Im Frühling und Sommer herrscht ein buntes Gewimmel an Arten. Im Rest des Jahres, so scheint es, gibt es nur Krähen. Sie sind das Gegenteil von Anmut. Sie sind zähe, schlaue Überlebenskünstler in schwarzer Uniform. Zu Hunderttausenden kommen Saatkrähen in den kalten Monaten aus Nord- und Osteuropa zu uns und leisten den heimischen Nebelkrähen Gesellschaft. Die Nacht verbringen sie in riesigen Schlafkolonien und schwärmen tagsüber in kleineren Trupps aus zur Futterbeschaffung. Sie beherrschen keinen Gesang, nur ein Geräusch: Es erinnert an einen startenden Motor, der immer wieder abstirbt. Ein mechanisches Sägen, das die Luft durchschneidet. Die Krähen liefern neben den Motorsägen und Laubbläsern den passenden Soundtrack zum November-Gefühl. MS

O

Ost-West-Geschichte Fluchttrauma, eine zerrissene Familie, die deutsche Teilung: So ein Plot muss im November spielen. Novemberkind hat Regisseur Christian Schwochow seinen Debütfilm 2008 genannt. Eine junge Frau wird mit der Geschichte ihrer Eltern konfrontiert. Die Mutter war nicht in der Ostsee ertrunken, sondern hatte die Tochter auf der Flucht in den Westen zurückgelassen. Mecklenburg ist hier so kalt wie die aufbrechenden Lebenslügen. Das ist alles so traurig. Warum kann man eigentlich von der DDR, der Teilung, dem gesamten Ost-West-Thema nur entweder als Tragödie oder als grotesk überzeichnete Komödie erzählen? Maxi Leinkauf

S

Silvester Haben Sie schon Pläne für Silvester? Sie schmeißen keine Party, Sie sind nicht einmal zu einer eingeladen? Sie haben wohl keine Freunde. Vor diesem Stigma wächst die Angst im Herbstnebel. Zieht der zum ersten Mal auf, taucht aus ihm schnell auch die Frage nach dem 31. Dezember auf. Sie bringt eine Spaltung zutage: Silvester, so sagt der aufgeklärte Mensch zu sich und anderen, ist natürlich überschätzt, baut nur unnötigen Harmoniedruck auf. Druck, der das Fest nur allzu oft im Streit explodieren lässt. Und doch schafft es kaum jemand, sich der Erwartung an die letzte Nacht im Jahreskalender zu entziehen. Die Frage zwingt einen also an den Abgrund. Ist schon November? Bleiben nur noch etwas mehr als vier Wochen, um sich für Silvester vorzubereiten? Die Furcht vor der Langeweile, die im Alltag droht, spitzt sich zu im Herbst und wird projiziert auf diesen einen Abend, den 31. Dezember. Und, haben Sie nun schon Pläne? Sophie Rohrmeier

T

Tiefe Die wohl bekannteste Herbst-Interpretation klassischer Musik ist das prächtig-beschwingte l’autumno von Vivaldi. Melancholischer wird es bei Tschaikowskys Jahreszeiten. Früher feierte man Erntedank, bereitete sich physisch auf den harten Winter vor. Unser Überleben ist gesichert, und so haben wir heute viel mehr Zeit, uns mit unseren Gefühlen auseinanderzusetzen. Wendet man sich der zeitgenössischen Musik zu, sind es vor allem die Folk-Interpreten und Singer/Songwriter, die mit emotionalem, oft mehrstimmigem Gesang und tiefschürfenden Texten für die melancholische Novemberstimmung sorgen. Auch deutsche Texte wie die von Sven Regener und Element of Crime zielen genau auf dieses Gefühl. Umso besser, dass Regener auch Bücher schreibt und seine Romane dieselbe düstere und trotzdem amüsante Sprache sprechen wie seine Lieder. SH

W

Weichmacher Gemeinhin gilt der November als Nebel- und Schlachtmonat. Um das Umrühren der Blutsuppe ohne Spritzer zu überstehen und fürs aufwallende Dunstmeer gewappnet zu sein, müssen Gummistiefel her. Mit solchen tritt man auch bestens gerüstet gegen das aufziehende Schietwetter an. Allerdings fällt die Schuhauswahl angesichts der oft im Material versteckten schädlichen Weichmacher nicht gerade leicht. Immer wieder warnen Verbraucherschützer. Ökotest sprach vergangenes Jahr von einer Verseuchung bei Kindergummistiefeln. Denen werden oft den Hormonhaushalt beeinflussende Phthalat-Weichmacher beigemischt, weil sie billiger sind als andere Elastischmacher. Laut einer Stichprobe der WDR-Sendung Markt hat sich 2013 eine leichte Besserung eingestellt. Die Sendung rät aber trotzdem dazu, immer Strümpfe in Gummistiefeln zu tragen und Hautkontakt zu vermeiden. TP

Z

Zäsur Auch im Blick auf die deutsche Geschichte muss das November-Gefühl als ein tristes beschrieben werden. Der 9. November gilt als „Schicksalstag“ der Deutschen, als Zäsur, die Gewalt und Frieden untrennbar vereint. Am 9. November 1989 übte sich eine ganze Stadt als „Mauerspringer“, ohne Angst vor Schüssen. Die Mauer als steinerner Schatten der Nazis. In der „Reichsscherbennacht“ 1938, in der die Schergen den Novembernebel nutzten, um den Juden die Furcht vor den neuen Herren einzujagen, hätten selbst Gutgläubigste erkennen können, wohin das führen würde. Welch ein Unglück für die Völker, dass die Novemberrevolution 1918, diese aus dem Krieg hervorgegangene Revolte, gescheitert war. Der Mann im frühen Geiste, Robert Blum, wurde auf den Tag genau 70 Jahre früher in Wien hingerichtet: Ende des Traums von der demokratischen Republik auf großdeutschem Boden. Ulrike Baureithel

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