Abgang eines trotzigen Beschützers

Leerstelle Israels Kulturszene und die merkwürdige, verhaltene Sympathie der Linken zu dem Rechtsausleger Ariel Sharon

Manchmal nimmt die Weltgeschichte seltsame Wendungen und Ausflüchte. Kaum ist etwas in Bewegung geraten, kaum beginnt eine verfestigte Struktur zu bröckeln, wird aus einem seltsamen Zufall heraus vieles wieder zunichte gemacht. Der Schlaganfall Ariel Sharons, der wahrscheinlich seinen Tod oder zumindest seinen Rückzug aus der Politik zur Folge haben wird, zeigt leider exemplarisch, wie stark einzelne Personen Geschichte schreiben. Im Grunde hat sich im Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern ja nichts verändert, seit Sharon das Bewusstsein verlor; und doch ist die Hoffnung dahin, dass der amtierende Premier, ein Mann der geläuterten Rechten, mit einer Politik des Rückzugs und später vielleicht auch des Ausgleichs in Israel Mehrheiten gewinnen und mittelfristig die Koexistenz mit einem Palästinenserstaat durchsetzen könnte.

Dass dies nur mit einem Politiker der Konservativen gelingen kann, weil die meisten Israelis ihr Bedürfnis nach Sicherheit von den Rechten immer noch besser vertreten sehen als von freigiebigen Großsprechern wie dem neuen Arbeitspartei-Chef Amir Peretz, wird in Europa nur unzureichend wahrgenommen. Und so stehen wir vor der absurden Situation, dass einer der meistgehassten Männer des Nahen Ostens bei seinem Abgang eine ungeheure Leerstelle hinterlässt und plötzlich als ehemaliger Hoffnungsträger betrauert wird, als den man ihn zuvor nicht gesehen hatte - außer in Israel selbst.

Es ist immer lehrreich, die europäische Perspektive zu relativieren. In Israel wird der Rückzug aus dem Gaza-Streifen als Beginn einer neuen Epoche erlebt, einer Epoche der kleinen Schritte. Im Dezember herrschte in Tel Aviv und Jerusalem erstmals wieder vorsichtiger Optimismus: Man hatte eine einseitige Vorleistung erbracht, jetzt hoffte man, dass auch auf palästinensischer Seite kompromissbereite Kräfte die Oberhand gewinnen würden. (Das ist, wenn man die neueren Bilder aus Gaza sieht, leider nicht der Fall). Jedenfalls war das die zarte Erwartung vieler israelischer Intellektueller, die an der Uni, im Kulturministerium oder im Außenamt arbeiten. Und die offizielle Regierungs-Linie war klar. Härte gegenüber dem religiös motivierten Terror - und deshalb Bau der umstrittenen Trennmauer zu den Palästinensergebieten. Andererseits Fortsetzung einer Politik, an deren Ende ein Palästinenserstaat stehen wird, so schwer manche Israelis das auch akzeptieren mögen.

Zudem hatte (und hat) Ariel Sharons Austritt aus dem konservativen Likud-Block und die Gründung seiner neuen Partei "Kadima", "Vorwärts", die Parteienlandschaft völlig durcheinandergewürfelt. Auch die Abwahl des früheren Premierministers Shimon Peres als Chef der Arbeitspartei und sein Überwechseln zu "Kadima" waren eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse ohnegleichen: es ist - will man das auf deutsche Verhältnisse übertragen - als hätten Willy Brandt die SPD und Helmut Kohl die CDU gleichzeitig verlassen. Das heißt: die gesamte israelische Politik wird nun mit der Wahl zur Knesset im Frühjahr neu justiert. Die alte Blockbildung von rechts und links, von Likud und Arbeitspartei, ist aufgehoben.

Zu ihrem eigenen Erstaunen haben auch die linken Intellektuellen Sharons Politik zumindest im letzten Jahr unterstützt. Dass der den Rückzug aus dem Gaza-Streifen gegen religiöse Eiferer so konsequent (und - nach Arafats Tod - zu einem politisch richtigen Zeitpunkt) durchsetzen würde, hatten sie nicht erwartet. Zum anderen herrscht bei vielen Israelis Erleichterung über das vorläufige Ende der Selbstmord-Attentate. Rachel Grodjinowsky, die in Tel Avivs größtem Kulturzentrum, dem Suzanne-Dellal-Center, für die Auslandskontakte zuständig ist, fühlt einen großen Druck von sich genommen. Sie habe keine Angst mehr, morgens die Zeitung aufzuschlagen, das manische Nachrichten-Hören habe sie aufgegeben - sie lese jetzt wieder den Kulturteil der Zeitungen. "Ich glaube, wir sind wieder auf dem Weg in ein normales Leben".

Das alljährliche Tanzfestival, das Grodjinowsky mitorganisiert hat, zeigte eine zunehmende Beschäftigung israelischer Choreographen mit privaten Themen. Waren die Aufführungen vergangener Jahre noch voller Aggression und Autoaggression - Reflexe einer bedrohten, gewaltbestimmten Gesellschaft -, so beschäftigt man sich jetzt mit Liebeshändel und Identität. Trotz eines sehr hohen technischen Niveaus (der gemeinsame Tanz hatte in Israel schon im Kibbuz einen großen Stellenwert) war diesen Arbeiten aber anzumerken, dass man erst am Anfang einer Choreographie des privaten Glücks steht.

Auch das Theater hat die aggressive Selbstgeißelung - in Israel ist man sehr selbstkritisch wegen der Militäraktionen gegen die Palästinenser - vorerst aufgegeben: Analyse ist gefragt. Im Cameri-Theater in Tel Aviv, einer der führenden Spielstätten des Landes, inszenierte Omri Nitzan einen fabelhaften Hamlet, der auf einem Laufsteg und in einer Raumbühne um das Publikum herum gespielt wird, das somit eine Schiedsrichterfunktion bekommt. Ein moderner, mafioser König führt die Staatsgeschäfte, umgeben von einer dienstbaren Königin, Hamlets Mutter, und einer schmierigen Vorzimmer-Kamarilla aus lauter Managern. Der hilflose, pubertäre, wütende Vatersucher Hamlet gehört einer israelischen verlorenen Generation an, die immer nur das Unrecht anprangert, aber keinen Einfluss auf die große Politik hat.

Viel direkter geht die junge, 29-jährige Yael Ronen zur Sache. Ihre Tragikomödie Plonter ist ein Stimmengewirr aus hebräischen und arabischen Familien-Dialogen, die Vorurteile, die man gegeneinander hat, werden kräftig durchgeschüttelt, israelische Militäraktionen und palästinensische Hamas-Attentäter sorgen für Trauer und Sprachlosigkeit, und in den eher satirischen Szenen müssen arabische Familien an der Trennmauer israelische Checkpoints passieren, um aufs Klo zu kommen. Aber immerhin haben hier arabische und jüdische Schauspieler einmal zusammengearbeitet.

Wie schwierig das gewesen sein mag, wurde im Gespräch mit dem Schauspieler Yoav Levy immer wieder klar. Levy fühlte sich sehr unwohl während seines einige Jahre zurückliegenden Militärdienstes, weil er das Elend in den besetzten Gebieten sah. Aber er kommt eben auch aus einer linken israelischen Offiziers-Familie. Sein Vater hat in vier Kriegen gekämpft, 1952, 67, 73 und 82. Yoav sagt, für die Generation seines Vaters sei die Armee so selbstverständlich gewesen wie Essen und Trinken, die hätten noch gegen einen Feind gekämpft. Er selber aber wollte nicht in Häusern und Wohnvierteln stationiert sein, in "den Gebieten".

Viele aus der jungen Generation fahren nach ihrem Militärdienst ins Ausland, nach Indien, Europa oder die USA, um sich zu betäuben und um zu vergessen - und kehren erst nach Jahren ins israelische Arbeitsleben zurück. Dass die Palästinenser ihren eigenen Staat bauen müssen, ist in der israelischen Kulturszene ein Gemeinplatz, aber ebenso selbstverständlich ist die Einsicht, dass das eben nur sehr langsam geht und mit Zugeständnissen beider Seiten. So argumentiert zum Beispiel auch die Theater-Regisseurin und Autorin Yael Ronen. Im Dezember war sie voller Hoffnung: "Es begann in den neunziger Jahren mit Rabin, und viele Leute brauchen einfach sehr lange, um die Idee eines Palästinenserstaats zu akzeptieren. Jetzt plötzlich machen wir wieder Fortschritte. Ich glaube, unsere Politiker wollen in die Geschichte als diejenigen eingehen, die den Frieden gebracht haben - und nicht den Krieg."

Die Journalistin Gaby Aldor, deren Eltern vor den Nazis aus Wien geflohen sind, sieht die politischen Aussichten nicht ganz so erwartungsvoll wie viele andere aus der Linken. Aldor ist neben ihrer journalistischen Arbeit auch Ko-Direktorin des Arab-Hebrew Theatre in Jaffa; sie lebt in einer komplett gemischten Kultur. Die israelischen Neuwahlen schätzt sie eher als Komödie, als "Mein-rechter-Platz-ist-leer"-Spiel ein, und ob die beiden großen alten Elefanten, Sharon und Peres, wirklich den Frieden wollten, das war ihr auch im Dezember mehr als zweifelhaft. "Der Sharon ist hemmungslos - während Peres ganz pragmatisch seinen Weg geht. Während wir hier sitzen, passieren in der Westbank so viele hässliche und gemeine Sachen - wenn Sharon wollte, könnte er das schon irgendwie stoppen."

Dazu wird Sharon nun keine Gelegenheit mehr haben. Seine schwere Erkrankung zeigt ein großes Manko der israelischen Politik - sie wird von alten Männern gemacht. Sharons möglicher Nachfolger in der "Kadima"-Partei, Shimon Peres, ist 82 Jahre alt. Sharon ist 77, die gesundheitlichen Probleme kommen nicht ganz so überraschend. Das biblische Alter der Protagonisten zeigt aber auch, wie alt der Nahost-Konflikt schon ist - und wie sehr sich die israelische Gesellschaft an diese Vaterfiguren gewöhnt hat. Viele von ihnen sind verdiente Militärs, Schutzpatrone; die (immer wieder mitregierende) Opposition besteht aus Ideologen und unterhaltsamen Clowns. Wie eine neue Generation israelischer Politik aussehen wird, ist unklar. Vielleicht hat sie das graue, besorgte Bürokratengesicht des Ehud Olmert, ehemals Bürgermeister von Jerusalem.

Auf palästinensische Seite sind die Probleme allerdings noch größer: nicht erst seit Arafats Tod stehen sich die durch Korruption diskreditierte alte Fatah-Garde und die religiösen Fanatiker der Hamas feindlich gegenüber. Mahmud Abbas ist isoliert. Derzeit ist niemand in der Lage, so etwas wie öffentliche Ordnung zu garantieren; keine Partei hat ein realistisches Zukunftsprogramm, und die Geburtenrate im Gaza-Streifen lässt Schlimmes befürchten. Der Hass palästinensischer Jugendlicher, die in schlechtem Englisch geschriebene Schilder hochhalten und darauf Sharons Tod wünschen, ist nicht weniger antisemitisch und unzivilisiert als die Verlautbarungen des vom Volk gewählten iranischen Präsidenten, der den todkranken Sharon beschimpfte und die israelischen Juden nach Europa umsiedeln möchte.

Angesichts dieser Situation ist es nicht hilfreich, wenn für die israelische Gesellschaft wenig repräsentative Figuren wie Moshe Zimmermann und Uri Avneri in bundesdeutschen Medien die Illusion schneller Lösungen nähren und auf den Doppelcharakter von Sharons Politik verweisen: zwar habe er Gaza geräumt, aber dafür will er eine Mischgesellschaft in der Westbank, und eigentlich ... ja, eigentlich wollte er immer noch Groß-Israel. Und er hat Sabra und Shatila Beihilfe geleistet oder vielmehr Hilfe unterlassen und wurde deshalb verurteilt. Allein: Wie es damals wirklich war, wir wissen es nicht. Exakt wissen wir vor allem, dass christliche Falangisten zwei Palästinenserlager vernichtet haben. Und wir wissen, dass sich die Welt von Israel aus ziemlich anders ansieht als von Berlin oder Buxtehude aus, dass man in Israel Vorleistung mit Gegenleistung vergolten wissen will, zumindest mit Waffenstillstand. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist nicht mit Gutmenschentum zu lösen; er wird uns noch die nächsten hundert Jahre beschäftigen.

Ariel Sharon hat Israel aus Gaza zurückgezogen. Das ist nicht wenig. Er hätte die kommenden Wahlen mit großer Sicherheit gewonnen. Nach ihm wird es schwieriger als mit ihm, auch wenn wir ihn nicht wirklich mochten. Soviel ist sicher: Die Linken in Israel, die Sharon diesmal - zu ihrer eigenen Verwunderung - ihre Stimme geben wollten, gedenken seiner mit Nachsicht.


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00:00 13.01.2006

Ausgabe 39/2020

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