Abstand der Randständigen

Kommentar Für den Westen sind die Länder Osteuropas immer noch kulturelles Niemandsland

Seit einiger Zeit kann man in Deutschland über Satellit digital das Kulturprogramm des polnischen Fernsehens empfangen. ARTE und 3sat könnten sich von der grafischen und filmischen Gestaltung dieses Programms, aber auch von dessen Konzeption eine Scheibe abschneiden. Wo sonst etwa kann man in wenigen Tagen das Gesamtwerk eines bedeutenden Filmregisseurs genießen? Was einem aber bei der Besichtigung von TVP Kultura schmerzlich bewusst wird: Warum übernehmen die deutschen Anstalten nicht massenhaft Sendungen aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern, die um ein Vielfaches anspruchsvoller, intelligenter und näher an unserer Lebenswelt sind als der Tag für Tag eingekaufte Scheiß aus den USA? Warum betrügt man uns zu Gunsten schwachsinniger Unterhaltung um etwas, was die Bezeichnung "Kultur" verdient?

Osteuropa findet im Bewusstsein der Deutschen nicht statt. Die Osteuropäer werden nicht als Menschen wahrgenommen und geachtet, sondern entweder als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, oder als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt angefeindet. Nur dies - Ausbeutung und Konkurrenz - ist seit dem Kollaps des Sowjetimperiums hinzugekommen. Schon lange vor der Wende hat sich die westliche Kulturschickeria in ihrer überwiegenden Mehrheit geweigert, einzuräumen, dass Polen und zeitweise auch andere osteuropäische Länder wie die Tschechoslowakei und Ungarn, die besseren Filme, den besseren Jazz, das interessantere Theater hatten. Doch nicht nur unsere unmittelbaren Nachbarn sind von dieser Ignoranz betroffen.

Obwohl es mittlerweile sogar Billigflüge dorthin gibt, bleibt das Baltikum etwa touristisches Niemandsland. Tallinn, das besterhaltene mittelalterliche Ensemble Osteuropas, Vilnius, das mit einer einmaligen Anhäufung prachtvoller barocker Kirchen italienischen Städten den Rang abläuft, Riga mit seinen - vom Vater Sergej Eisensteins entworfenen - grandiosen Jugendstilhäusern, die den Vergleich mit den Gaudi-Bauten in Barcelona nicht zu scheuen brauchen, sind den Deutschen weniger vertraut als New York oder Palma di Mallorca.

Das Gerede von den "europäischen Rändern" verrät nur die solipsistische Perspektive einer deutschen Großmacht, wie die österreichische Mitteleuropaeuphorie von Anfang an nichts anderes war als eine armselig verkleidete Habsburger-Nostalgie. In Wahrheit liegt das geografische Zentrum des europäischen Kontinents 26 Kilometer nördlich von Vilnius. Vom Baltikum aus gesehen liegen Spanien und Italien am Rande Europas. Wer Riga oder Warschau am Rand Europas lokalisiert, gleicht einem Großmaul, das Berlin für das Zentrum und Köln oder Frankfurt am Main für den Rand Deutschlands, der Wien für das Zentrum und das Salzkammergut für den Rand Österreichs hält.

Gewiss, der Umgang mancher Staaten aus dem ehemaligen Machtbereich Russlands mit der jüngsten Geschichte, die häufige Gleichsetzung deutscher und sowjetischer Verbrechen muss westliche Linke irritieren. Wenn man aber die Erfahrungen der Bevölkerung nachvollzieht, sind sie zumindest subjektiv verständlich, auch wenn sich die gelegentliche Glorifizierung heimischer Nationalisten, die zum Teil mit den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg kollaboriert haben, objektiv kaum rechtfertigen lässt. Dennoch: Den Osteuropäern steht eine andere Beurteilung zu als jenen Nazikindern, die sich um 1970 als besonders dogmatische Maoisten oder Trotzkisten hervortaten, um bald darauf den Stalinismus zu entdecken, unter dem sie zwar persönlich nie gelitten haben, mit dem sie aber ihre Eltern scheinbar entlasten und die Familienbindung wieder etablieren konnten, belohnt zudem mit einer Karriere in den Medien.

Wie kompliziert es ist, einer in Osteuropa verbreiteten Geschichtsauffassung gerecht zu werden, lässt sich am schillernden Beispiel des polnischen Marschalls Pilsudski illustrieren. Dass man sein autoritäres Regime der Zwischenkriegszeit mit Fug und Recht als faschistisch bezeichnen kann, hindert heutige polnische Demokraten nicht daran, ihn als Nationalheld zu feiern. Wer freilich zu der Tatsache schweigt, dass Österreichs größte Regierungspartei nach wie vor in dem Austrofaschisten Dollfuß nur den Gegner und das Opfer der Nationalsozialisten sieht, sollte den Mund gegenüber Polen nicht zu voll nehmen.

Im Übrigen aber gilt: Der Westen hätte von Osteuropa, vom Zentrum Europas eine Menge zu gewinnen. Nicht nur billige Arbeitskräfte und nicht nur Absatzmärkte für die daheim produzierten Waren.


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00:00 12.05.2006

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