Allah liebt die Standhaften

Syrien Nach dem Irak-Krieg wollten die USA Konzessionen - heute die Kapitulation

Selten war im Nahen Osten ein derart rasanter Absturz zu erleben. Syriens Status als Regionalmacht schien schon schwer erschüttert, als die Amerikaner mit ihrem Besatzungsregime im Irak als neuer Nachbar vorstellig wurden. Inzwischen muss das Land um seine Souveränität fürchten und hat im arabischen Raum so gut wie allen Beistand verloren. Nur die gleichfalls bedrängte Islamische Republik Iran kommt noch als Verbündeter in Betracht - "Schurkenstaaten" unter sich, George Bush darf triumphieren.

Alle Hoffnungen des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, nach der Besetzung des Irak mit Ägypten und Saudi-Arabien eine starke arabische Achse zu bilden, entbehren längst jeder Grundlage. Das Haschemitische Königreich des jordanischen Königs Abdallah II. will sich nicht exponieren und seinen kalten Frieden mit Israel vor jedem unkalkulierbaren Risiko bewahren, und die PLO war in Damaskus nie willkommen.

Schon die erste Erklärung der syrischen Regierung unmittelbar nach dem Irak-Krieg, abgegeben Anfang Mai 2003, klang wie ein Arrangement mit dem Unvermeidlichen, wie die Ankündigung eines unaufhaltsamen Rückzugs: Man wolle keine Konfrontation mit den USA, hieß es, und überlasse im Übrigen die Lösung der Konflikte in Palästina und im Libanon den Palästinensern und den Libanesen. Eine bis dahin unerschrockene Regionalmacht übte sich in ungewohnter Selbstbeschränkung und unterbreitete Verständigungsangebote. Was auch sollte sie sonst tun? Syriens strategische Positionen von Wert reduzierten sich auf seine militärischen Enklaven im Libanon, die seit der Machtübernahme Bashar al-Assads im Juli 2000 nur noch mit 14.000 Mann (zuvor 20.000) ausgestattet waren. Mehr Einheiten abzuziehen, wurde in Damaskus nicht zuletzt als schwer kalkulierbares ökonomisches Risiko betrachtet: Den Soldaten hätten früher oder später Hunderttausende Syrer folgen müssen, die seit Jahrzehnten im Libanon arbeiteten. Sie aufzufangen, wäre für die syrische Wirtschaft undenkbar gewesen und hätte unweigerlich einen Kollaps heraufbeschworen.

Dennoch waren seit dem Irak-Krieg die Konzessionen Syriens gegenüber den Vereinigten Staaten beträchtlich - die Hizbollah-Milizen an der israelischen Nordgrenze sahen sich durch die syrische Militärpräsenz weitgehend zum Stillhalten gezwungen. Der Übertritt von Guerilla-Kämpfern, die sich von Syrien aus dem irakischen Widerstand anschließen wollten, wurde unterbunden, soweit das an der 600 Kilometer langen Grenze zwischen beiden Staaten möglich war. Nach dem Sturz Saddam Husseins erhielten prominente Baath-Politiker aus dem Irak offiziell kein politisches Asyl in Damaskus. Schließlich lieferte Syrien Elektrizität und Nahrungsgüter in das Nachbarland, was angesichts der prekären Versorgungslage im Irak für Entlastung sorgte.

Unmittelbar nach der Einnahme Bagdads am 9. April 2003 hatte der damalige US-Außenminister Colin Powell bei einem Treffen in Damaskus Bashar al-Assad zu verstehen gegeben, die USA erwarteten von seinem Land künftig jede nur erdenkliche Zurückhaltung. Man könne nicht vergessen, dass Syrien bis zuletzt außerhalb des von der UNO sanktionierten Programms "Öl für Lebensmittel" täglich bis zu 150.000 Barrel billigen irakischen Öls erworben und mit Gewinn auf den internationalen Märkten verkauft habe. Damaskus solle gar nicht erst mit dem Gedanken spielen, seine regionalen Einflussmöglichkeiten durch die traditionell guten Beziehungen zu den irakischen Schiiten oder das betont freundschaftliche Verhältnis zum Regime der Ayatollahs in Teheran ausspielen zu wollen.

Wenn dieser oktroyierte Verhaltenskodex außerhalb der arabischen Welt vielfach als angemessen galt, blieb dabei in der Regel ausgeblendet, je unerbittlicher sich Syrien von den USA diszipliniert sah, desto mehr wurde das Land auch als Gegenspieler Israels neutralisiert. Aus Sicht der Bush-Administration gewiss nicht das allein entscheidende, aber doch ein sehr wesentliches Motiv.

Dennoch hatte Präsident Assad nach dem Powell-Besuch wiederholt zu verstehen gegeben, dass sich Damaskus jeder Einmischung im Irak enthalten wolle. Geholfen hat dieser Kotau nicht das Geringste. Im Dezember 2003 beschloss der US-Kongress den sogenannten Syrian Accountability and Lebanese Sovereignty Restoration Act, der von der syrischen Führung nicht nur die Auslieferung sämtlicher, in ihrem Verantwortungsbereich "operierender islamistischer Terroristen" forderte, sondern auch den vollständigen Rückzug des noch im Libanon stehenden Truppenkontingents. Flankiert wurde das Gesetz von Wirtschaftssanktionen, mit denen Syrien wie ein Pariastaat behandelt wurde.

Als Ägypten 1977 nach dem Camp-David-Abkommen mit Israel die Phalanx der arabischen Frontstaaten verließ, war es Syrien in Gestalt seines damaligen Präsidenten Hafez al-Assad (der Vater Bashars), das dazu aufrief, eine "Front der Festigkeit und des Widerstandes" zu bilden. Dem Bündnis schlossen sich seinerzeit Algerien, der Südjemen, Libyen und die PLO an. Von diesen Partnern wäre heute keiner mehr für eine vergleichbare Allianz zu gewinnen (abgesehen davon, dass der Südjemen als Staat nicht mehr existiert). Syriens Auffassung, der arabische Nationalismus werde seine Militanz aufgeben, sobald im Nahen Osten von ausnahmslos allen Staaten die Normen des Völkerrechts respektiert würden, hat nichts von seiner moralischen Substanz und politischen Legitimation verloren - durchsetzbar ist dieses Credo heute weniger denn je. Auch das oft von Hafez al-Assad formulierte Axiom: "Frieden kann nur eine Sache der Mutigen sein" klingt inzwischen wie ein Anachronismus. Befriedung, nicht Frieden, kann finden, wer kapituliert. Syrien, so scheint es, erhält dieser Tagen eine vorletzte Mahnung, sich dieser Wahrheit nicht länger zu verschließen.


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00:00 04.03.2005

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