Allah will deinen Tod

Pakistan Religiöse Extremisten bedrohen jeden, der sich ihrer Herrschaft widersetzt. Ihr jüngstes Opfer - der Arzt Younus Shaikh - sitzt in der Todeszelle

Man glaubt es ihm sofort, dem ruhigen, höflichen Mann mit dem grauen Bart, wenn er versichert, dass er niemals im Sinne gehabt habe, den Propheten zu beleidigen. Auf seinem feingeschnittenen, offenen Gesicht liegt immer noch der Ausdruck des Erstaunens. Er ist zum Tode verurteilt worden, wegen Blasphemie.

In einer der berüchtigten Todeszellen des Adyala-Gefängnisses in Rawalpindi, die so niedrig sind, dass man nicht aufrecht stehen kann, erwartet der Arzt und Anatomieprofessor Dr. Mohammed Younus Shaikh sein Schicksal. Er hofft, dass seiner Berufung stattgegeben und das Todesurteil in zweiter Instanz aufgehoben wird. Er hofft auch, dass er dann dem fanatischen Mob entkommen wird, der geschworen hat, ihn zu töten.

Dass Shaikh den Propheten nicht beleidigen wollte, davon war sogar sein Richter Safdar Hussain Malik überzeugt. Er soll entschlossen gewesen sein, den Angeklagten freizusprechen. Zu dessen und nicht zuletzt auch zu seinem eigenen Schutze führte er die letzte Verhandlung und die Urteilsverkündung nicht im Bezirksgericht Islamabad durch, sondern direkt im Adyala-Gefängnis - unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter Polizeischutz. Als er draußen vor den Toren den Mob grölen hörte und sich an die massiven Drohungen der Mullahs erinnerte, muss ihn dann doch die Erinnerung daran übermannt haben, dass die Extremisten 1998 Ernst machten und in Lahore den Richter Arif Iqbal Hussain Bhatti erschossen, weil er ein Todesurteil gegen zwei Christen in zweiter Instanz aufgehoben hatte.

In Pakistan ist nichts einfacher, als jemanden wegen Gottes- oder eben Prophetenlästerung an den Galgen zu bringen. »Wer direkt oder indirekt den heiligen Namen des Propheten schändet, ist mit dem Tode zu bestrafen«, heißt es lakonisch in Paragraph 295 des Strafgesetzbuches, landläufig als »Blasphemiegesetz« bekannt. Was den heiligen Namen des Propheten schändet, bestimmen die Rechtgläubigen.

Dr. Shaikh dachte an nichts Böses, als er vor einem Jahr in seiner Vorlesung über Körperhygiene im vorislamischen Arabien sprach. Er beantwortete alle Fragen seiner Studenten mit der ihm eigenen Klarheit und Logik. Ja, Mohammed sei kein Muslim gewesen, bevor er im Alter von 40 Jahren den Islam gründete. Und nein, er sei als Kind mit Sicherheit nicht beschnitten worden, denn die Praxis der Beschneidung wurde erst mit dem Islam eingeführt. »Meine Studenten fragten mich nach dem Rasieren von Scham- und Achselhaaren, und ich antwortete, den Ruhm der Erleuchtungen Allahs preisend, dass die Araber diese Praktiken vor dem Auftreten des Islam nicht kannten«, sagt Shaikh vor Gericht. So harmlos das alles klingen mag, für die Mullahs war ein Schamhaar des Propheten mehr als genug, um ihre tödliche Waffe einzusetzen.

Shaikh war ihnen wegen seiner liberalen Ansichten seit langem ein Dorn im Auge. Als er nach langjährigem Auslandsaufenthalt in seine pakistanische Heimat zurückkehrte, kam er mit dem Ziel, sich für die Verbesserung der politischen und sozialen Verhältnisse einzusetzen. Er gründete eine Organisation mit dem Namen Aufklärung und propagierte Vernunft, Toleranz und Meinungsfreiheit. Er sprach über die soziale und rechtliche Situation der Frauen. Es gab nicht viele, die mutig genug gewesen wären, Shaikh offen zu helfen, aber mehr als genug, die ihm zu verstehen gaben, wie groß die Hoffnungen waren, die sie in ihn setzten. »Die pakistanischen Blasphemiegesetze sind ein praktisches Werkzeug, Debatte und Widerspruch mundtot zu machen«, so Amnesty International. »Sie werden auch benutzt, um Menschen auszuschalten, wenn es um Landstreitigkeiten oder berufliche Konkurrenz geht.«

Willfähriges Instrument

So hatte der gierige Lehnsherr des Bauern Ayub Masih leichtes Spiel, dessen Land zu stehlen. Ayub ist Christ. Sein Todesurteil, gefällt vom Bezirksgericht Faisalabad im May 1998, wäre außerhalb Punjabs nicht publik geworden, hätte sich nicht der katholische Bischof John Josef angeblich um Ayubs willen erschossen. Im August wurde das Todesurteil gegen Ayub Masih in zweiter Instanz bestätigt.

Hunderte von Menschen werden gegenwärtig in Pakistan auf der Grundlage des Blasphemiegesetzes verfolgt. Viele von ihnen gehören zu den drei Prozent der »Ungläubigen« im Lande, die ein Frommer mit einem Fingerschnippen beseitigen kann. Nicht-Moslems genießen keine vollen Bürgerrechte in der Islamischen Republik Pakistan. Sie sind nicht wahlberechtigt, und vor Gericht gelten ihre Aussagen, wie die von Frauen, fast nichts. Selbst die schiitischen Ahmadia sind im sunnitischen Pakistan als islamische Konkurrenz gehasst und besonderer Verfolgung ausgesetzt. Wenn ein Ahmadia direkt oder indirekt zu behaupten wagt, er sei ein Moslem, so ist das bereits Blasphemie.

Mindestens vier Menschen sitzen gegenwärtig wegen dieses »Verbrechens« in der Todeszelle. Zwar können erstinstanzliche Urteile aufgehoben werden. Meist jedoch werden sie einfach bestätigt wie im Falle Ayub Masih. Und selbst wer vor Gericht davon kommt, muss nicht selten dennoch sterben. Der fanatische Mob akzeptiert keine Freisprüche und macht sich kurzerhand zum Werkzeug Allahs. Najmat Ahmer wurde im Bezirksgericht in Faisalabad erstochen, noch bevor sein Urteil gefällt war. Manzoor Masih brach unter den Schüssen von Fanatikern tot auf der Treppe des Berufungsgerichts in Lahore zusammen.

Der Prozess gegen Dr. Shaikh unterscheidet sich von den meisten anderen Fällen durch sein öffentliches Interesse - nicht so sehr in Pakistan, vor allem im Ausland. Er ist zum Präzedenzfall geworden und hat die pakistanische Regierung unversehens in ein Dilemma gebracht hat. Überlässt sie den lästigen Gefangenen seinem Schicksal, das am Galgen enden könnte oder - fast schlimmer - in den Händen selbsternannter Henker, bleiben hässliche Blutflecken auf der neuen Demokratieweste. Sorgt sie aber dafür, dass Shaikh freigesprochen und sicher ins Ausland geleitet wird, gibt sie sich nicht nur international eine politische Blöße, sondern bringt vor allem die eigenen Fundamentalisten gegen sich auf.

Machtloser Präsident

Und was das bedeuten kann, weiß der neue Militärdiktator General Musharraf, inzwischen selbsternannter Präsident des Landes, nur zu gut. Als er kurz nach seiner Machtergreifung versuchte, das Blasphemiegesetz zu reformieren und gegen Missbrauch abzusichern, ließen die Eiferer ihre Muskeln spielen. Unruhen und Terroraktionen im ganzen Land sowie unmissverständliche Drohungen der Hardliner in militärischen Spitzenpositionen setzten Musharraf so unter Druck, dass er den Plan rasch wieder aufgab.

Pakistan seit der Islamisierung unter General Zia ul-Haq

1977 Machtübernahme durch Zia, Kriegsrecht und Einführung islamischer Gesetze.

1980 - 89 Intensive Unterstützung islamischer Militäreinheiten in Afghanistan gegen die sowjetischen Invasionsstreitmacht, dazu erhält das Land massive Militärhilfe der USA, u.a. durch die Lieferung von Luftabwehrraketen.

1984 Einführung eines islamischen Bankensystems - zugleich bestätigt ein Referendum die bis dahin stattgefundene Islamisierung.

1985 Zia hebt das Kriegsrecht auf.

1989 Pakistan ist Mitunterzeichner des Genfer Afghanistan-Abkommens, das zum Abzug der sowjetischen Truppen führt. Am 17. August 1989 kommen General Zia ul-Haq und ein Teil der Generalität bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Neuwahlen gewinnt Benazir Bhutto.

1990 Bhutto wird von Premier Sharif abgelöst.

1993/94 Benazir Bhutto übernimmt erneut das Amt der Premierministerin. 1994 gibt der Generalstab bekannt, Pakistan besitze Kernwaffen.

1995/96 Von der desolaten Wirtschaftslage ausgelöste Unruhen in Karatschi fordern mehr als 2.000 Todesopfer, nach einer Übergangszeit übernimmt Nawaz Sharif wieder die Regierung. Pakistan erkennt 1996 als einziges Land das Taliban-Regime in Afghanistan an.

1997/98 Sharifs Regierung gerät wegen ihrer liberalen Wirtschaftspolitik und der grassierenden Korruption unter Druck islamischer Parteien und der Armeeführung. Auf Betreiben der USA muss Sharif muslimische Rebellen aus der Kaschmir-Region zurückziehen, die dort gegen indische Truppen eingesetzt waren.

1999 Militärputsch gegen die Regierung, nachdem Sharif zuvor versucht hat, Generalstabschef Pervez Musharraf zu stürzen. Der General übernimmt als Chief Executive die Regierungsgewalt, regiert aber nicht mit dem Kriegsrecht wie General Zia nach 1977.

2000/2001 Musharraf leitet eine ökonomische Sanierung ein und verkündet, die Armee werde »so lange wie nötig« an der Macht bleiben. Alle Versuche zur Normalisierung mit Indien scheitern, obwohl es zu mehreren Treffen mit Premier Behari Vajpayee kommt.

Seit Zulfikar Ali Bhutto hat sich keine Regierung in Pakistan mehr daran gewagt, die Fundamentalisten ernsthaft in ihre Schranken zu weisen. Deren parlamentarischer Arm, die Jamaat-e-Islami, spielt oft Zünglein an der parlamentarischen Waage. Aber die eigentliche Macht der Fundamentalisten ist die Straße, die sie jederzeit und gegen jeden mobilisieren können. Und »kooperative« Regierungen pflegten sich das sehr zunutze zu machen, allen voran Diktator General Ziaul-Haq, der Bhutto 1979 im Interesse der Hardliner exekutieren ließ, weil der Pakistan zu sehr säkularisierte. Als Freundschaftsgeschenk für ihre tatkräftige Unterstützung offerierte er den Fundamentalisten sein Islamisierungsprogramm und als Zugabe das Blasphemiegesetz in neuem scharfen Schliff.

Während bis 1980 ganze sechs Blasphemieverfahren angestrengt und allesamt wegen Lächerlichkeit eingestellt wurden, ging die Zahl der Prozesse danach bald in die Hunderte. Das Blasphemiegesetz entwickelte sich in den Händen religiöser Extremisten zum besonders effektiven Unterdrückungsinstrument gegen alles, das sich ihrer Herrschaft widersetzte - zum eisernen Besen, mit dem die pakistanische Gesellschaft derzeit kräftig »gereinigt« wird, bis am Ende talibanische Verhältnisse herrschen werden. Wie Afghanistan zeigt: Die fundamentalistischen Geister wird man nicht mehr los - vor allem, wenn sie allzu großzügig mit Waffen versorgt wurden, als man geruhte, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen.

00:00 21.09.2001

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