Alles steht auf dem Spiel

Der Ölpreis und Die strategische Achillesferse der Weltwirtschaft Die USA wussten spätestens seit 1999, wie kritisch es um die globalen Ölreserven steht

Wenn die vorliegenden Prognosen zutreffen, wird die Weltölförderung schon 2010 einen kritischen Punkt erreichen und den bis dahin weiter steigenden Bedarf nicht mehr vollauf decken können. Was das für den Ölpreis bedeutet, liegt auf der Hand. Im Vergleich dazu könnte die jetzige Entwicklung ein eher harmloses Vorspiel sein.

Wie sich in diesen Wochen zeigt, war und ist der Irak nur das erste Schlachtfeld eines heraufziehenden großen Krieges um die weltweiten Energiereserven. Dieser Kampf wird schlimmer sein als alle bisherigen Kriege ums Öl, denn es steht alles auf dem Spiel. Unabhängigen Geologen zufolge ist das Zeitalter des relativ billigen, reichlich zur Verfügung stehendem Öls vorbei, das für mehr als drei Jahrzehnte das Wachstum der Weltökonomie beeinflusst hat. Zumindest haben die bekannten großen Fördergebiete ihre Spitzenkapazität überschritten. Nach Studien renommierter Institute wie der Colorado School of Mines, der Uppsala University und des French Petroleum Institute werden wir die Auswirkungen der rückläufigen Ölreserven bis zum Ende dieses Jahrzehnts oder sogar früher drastisch zu spüren bekommen und den Anstieg des Ölpreises Anfang der siebziger Jahren als vergleichsweise harmlose Episode erinnern.

Für vier verbrauchte Barrel ein neues

Entscheidend für die Ölproduktion ist nicht, wie viel unter der Erde liegt, sondern wann jener kritische Punkt erreicht wird, an dem große Ölfelder wie etwa Prudhoe Bay in Alaska oder die Nordsee-Vorkommen den Zenit ihrer förderbaren Kapazität überschreiten. Die Ausbeutung eines Ölfeldes gleicht in ihrem Verlauf der Form einer Glocke. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn 50 Prozent der Reserven gefördert wurden, die Reserven noch üppig scheinen und die Förderquote noch einige Zeit auf dem bisherigen Niveau verharrt. Doch bereits in dieser Phase wächst der Aufwand, um den Förderdruck aufrechtzuerhalten - bis ein Stadium eintritt, bei dem es zu teuer wird, eine Quelle weiter auszubeuten.

Da die meisten Ölgesellschaften und Behörden wie das US-Energieministerium nicht von der wichtigen Variablen "Höchstfördermenge" ausgehen, sondern irreführend stets von den "Gesamtreserven" sprechen, konnte sich die Welt bis zuletzt in einem falschen Gefühl von Sicherheit bezüglich ihrer Energieversorgung wiegen. In Wahrheit jedoch ist die alles andere als sicher.

Einige Beispiele sollen das belegen: 1991 fand man in Cruz Beana in Kolumbien das größte Vorkommen in der westlichen Hemisphäre seit 1970. Aber die Fördermenge fiel von anfangs 500.000 Barrel auf 200.000 Barrel pro Tag im Jahr 2002. Mitte der achtziger Jahre wurden im Forty Field in der Nordsee 500.000 Barrel pro Tag gefördert - heute sind es gerade noch 50.000. Eines der größten Reservoire der vergangenen 40 Jahre - Prudhoe Bay - brachte fast zwölf Jahre lang 1,5 Millionen Barrel pro Tag, inzwischen liegt diese Quote bei 350.000 Barrel.

Bei jedem dieser Ölfelder wird die Förderung dadurch aufrechterhalten, dass man Gas oder Wasser in die ölhaltige Schicht pumpt, damit der Förderdruck aufrechterhalten wird. Im saudi-arabischen Ghawar, dem größten Reservoir der Welt (ungefähr 4,5 Millionen Barrel Förderung täglich) sprudelte das Öl noch vor Jahren von allein aus dem Boden. Um heute die Förderkapazität zu halten, müssen die Saudis nach Angaben von Geologen inzwischen sieben Millionen Barrel Salzwasser pro Tag einleiten.

Das Problem der Höchstfördermenge ist unter Experten seit fast zehn Jahren bekannt. Petroconsultants in Genf - eines der führenden Ölberatungsunternehmen weltweit - veröffentlichte 1995 eine entsprechende Expertise mit dem Titel The World Oil Supply (Weltweite Ölversorgung), und der Verfasser des Reports, der Ölgeologe Colin Campbell, erklärte 1999 vor dem britischen Unterhaus: "Die Entdeckung von neuen Ölreserven erreichte in den sechziger Jahren den Höhepunkt. Heute finden wir für vier verbrauchte Barrel ein neues ..."

Wenig mehr als ein Tropfen im Meer

Wenn tatsächlich viele der heutigen großen Ölfelder den Höhepunkt ihrer Fördermenge überschritten haben und diese daher drastisch fällt, wenn gleichzeitig aber der weltweite Energiebedarf allein durch Länder wie China und Indien tagtäglich wächst und nicht genug Öl gefunden wird, um diese Nachfrage zu decken, driftet die Weltwirtschaft unweigerlich in eine Krise ungekannten Ausmaßes. Ende 2003 hat China die Wirtschaftsnation Japan überholt und ist seither hinter den USA zum zweitgrößten Ölimportland der Welt avanciert. Heute verbraucht die Volksrepublik 20 Prozent des gesamten Energieaufkommens der OECD-Staaten (*), steigt doch die chinesische Öleinfuhr mittlerweile um neun Prozent jährlich und dürfte damit den Zenit noch längst nicht erreicht haben, solange die Industrieproduktion weiterhin mit jährlichen Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent aufwartet. Kein Wunder also, dass sich China im UN-Sicherheitsrat gegen den Irak-Krieg aussprach. Schließlich hatte die landeseigene National Petroleum Company lange Zeit versucht, sich noch zu Zeiten von Saddam Hussein vertraglich eine Teilhabe an den Ölvorräten des Irak zu sichern.

Die ökonomischste Lösung in dieser Situation würde natürlich darin bestehen, neue Ölfelder zu entdecken, deren Ressourcen zu geringen Kosten auf den Weltmarkt gebracht werden könnten - doch derartige Aufschlüsse sind bisher nicht in Sicht. Von 1999 bis 2002 gaben die fünf größten Gesellschaften ExxonMobil, Shell, ChevronTexaco, BP und ElfTotal zusammen 150 Milliarden Dollar aus, um Vorkommen zu erkunden und zu erschließen, doch wuchs ihre Produktion in diesem Zeitraum lediglich von 16 Millionen Barrel auf 16,6 Millionen Barrel täglich. Besonders große Hoffnungen hatten die genannten Unternehmen dabei Anfang der neunziger Jahre in das Fördergebiet Kaspisches Meer gesetzt.

Im Dezember 2002 allerdings veröffentlichte BP enttäuschende Ergebnisse von Probebohrungen, die den Schluss nahe legten, der "Ölfund des Jahrhunderts" könnte wenig mehr als ein Tropfen im Meer sein. Anstatt der vorhergesagten Fördermenge von insgesamt 200 Milliarden Barrel, die auf ein neues Saudi-Arabien außerhalb des Nahen Ostens schließen ließen - verkündete parallel dazu das US-Außenministerium -, stelle das Kaspi-Öl nur vier Prozent der weltweiten Ölreserven dar, insofern werde es "niemals den Weltmarkt dominieren". PetroStrategies publizierte seinerseits eine Studie, die zu dem Schluss kam, das Kaspi-Öl sei nicht mit einem Volumen von 200 Milliarden, sondern höchstens 39 Milliarden Barrel zu veranschlagen und dazu noch von mäßiger Qualität. Kurze Zeit später begannen BP und andere ihre einst gigantischen Investitionsvorhaben für dieses Gebiet erkennbar abzurüsten.

Die Region, in der seither noch am intensivsten prospektiert wird, liegt vor Westafrika, in der Küstenzone von Nigeria bis Angola. Der bereits zitierte Colin Campbell schätzt, dass dank dieser Tiefsee-Felder zusammen etwa 85 Milliarden Barrel gefördert werden könnten, was dem derzeitigen Weltbedarf von drei bis vier Jahren entspräche.

Das Jahr 2004 als Wendepunkt

Ende 1999 entwickelte der heutige US-Vizepräsident Dick Cheney - er war zu diesem Zeitpunkt Chef der Ölgesellschaft Halliburton - vor dem International Petroleum Institute in London Szenarien über das künftige Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf den Weltrohölmärkten. "Schätzungen zufolge wird die weltweite Nachfrage nach Öl in den kommenden Jahren jährlich um zwei Prozent ansteigen. Zugleich ist aber vorsichtigen Schätzungen zufolge ein elementarer Rückgang der Förderung aus bestehenden Reserven zu verzeichnen." Cheney schloss mit einer besorgniserregenden Anmerkung: "Das bedeutet, dass wir bis 2010 zusätzliche 50 Millionen Barrel pro Tag brauchen werden" - mit anderen Worten: das Sechsfache dessen, was heute täglich in Saudi-Arabien gefördert wird.

Es war deshalb kein Zufall, dass Cheney als Nr. 2 der im Januar 2001 antretenden US-Administration zugleich den Vorsitz eines von George Bush eingesetzten Sonderdezernats für Energiefragen übernahm und nach dem 11. September 2001 vehement auf eine Intervention gegen den Irak drängte - unabhängig davon, ob die NATO-Partner zustimmten oder nicht.

Folgt man den Analysen von Colin Campbell und Karl Aleklett von der Universität Uppsala, dann besitzen fünf Staaten den größten Anteil der verbleibenden Ölreserven auf der Welt und könnten eingreifen, sollten andere Fördergebiete ihren Höhepunkt endgültig überschreiten. "Die fünf Hauptförderländer des Nahen Ostens - nämlich Abu Dhabi, der Irak, Iran, Kuwait und Saudi-Arabien - die ungefähr über die Hälfte des verbleibenden Öls auf der Welt verfügen, können als flexible Produzenten die Lücke füllen zwischen der weltweiten Nachfrage und dem, was andere Länder fördern können...", schreiben die Autoren. Nach dem heutigen Erkenntnisstand verfügten allein die angeführten Länder dank ihrer geologischen Gegebenheiten über die Öl- und Gasreserven, die für das Weltwirtschaftswachstum auf mittlere Sicht unverzichtbar sind.

In einem Aufsatz, der im November 2001 veröffentlicht wurde, schrieb Kenneth Deffeyes, einer der bedeutendsten Geologen aus Princeton: "Die größte Frage wird sein, in welchem Jahr die Ölförderung auf der Welt den Hubbert-Peak erreicht und danach ständig zurückgeht. Sowohl die graphischen als auch die Computeranalysen weisen 2004 (sic!) als das wahrscheinliche Jahr aus. Größere Ungewissheiten ergeben sich nur bei den enormen Reserven Saudi-Arabiens."

Wenn diese und andere Analysen über die Ölhöchstförderung und einen signifikanten Ressourcenschwund richtig sind, dann liegt es auf der Hand, warum Washington so viel riskiert, um den Irak zu kontrollieren und durch seine dortige Militärpräsenz gleichzeitig die übrigen ölreichen Länder der Region im Visier zu haben. Es liegt nahe, dass Washington aus der Position einer fundamentalen strategischen Schwäche operiert, nämlich der Energieknappheit, und nicht - wie man oft meint - im Bewusstsein absoluter Stärke. Die Energiefrage scheint die strategische Achillesferse der Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert zu sein.

(*) Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit

s. auch William Engdahl, Mit der Ölwaffe zur Weltmacht, Wiesbaden 2002.


00:00 11.06.2004

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