Alte Wörter

A–Z Kaum jemand muss noch Muckefuck trinken, Konsum ist für fast alle da. Hans Hütt hat zwei Bücher über Wörter der 50er und 60er geschrieben. Eine Auswahl im A–Z
Alte Wörter

Foto: Lori Hawkins/Filmmagic/Getty Images

A

Antibabypille Im Juni 1960 wird sie zugelassen, ein Jahr später bringt sie Schering auf den deutschen Markt. Ihr Erfolg beflügelt den Aktienkurs, auch wenn man nur mit »Behebung von Menstruationsbeschwerden« wirbt. Ärzte beklagen, stilistisch verquast, ohne scharfe Kontrolle werde Deutschland sich in ein sterbendes Volk verwandeln. Ein evangelischer Pfarrer legt in Frankfurt zum Erntedankfest eine Schachtel mit der Pille auf den Altar. Papst Paul VI. verbietet sie.

Wegen der Antibabypille befürchten Männer die Entfesselung ihrer bislang treuen Frauen. Die Sorge eines amerikanischen Soziologen, der Mann könne die führende Rolle in der Familie verlieren, ist in Deutschland kein Thema, denn verheiratete Frauen dürfen sie sich nur mit Einverständnis des Gatten verschreiben lassen. Die Pille verdrängt sogar Soraya von den Titelseiten der Illustrierten. Die neu gewonnene Freiheit ist den deutschen Frauen wichtiger. Ein deutsch-französisches Wörterbuch verzeichnet 1968 Wörter wie „Antibabypille“, „Farbfernsehen“ und „Dreistufenrakete“.

B

Bausoldaten Die Führung des Arbeiter- und Bauernstaats erträgt es nicht, dass es Menschen gibt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern. Sie wollen die Republik nicht gegen ihre Feinde verteidigen? Ihr Leben bleibt überschattet von den Folgen der Gewissensentscheidung. Dass diese Entscheidung überhaupt möglich wird, ist der Initiative des Pfarrers Emil Fuchs zu verdanken.

Wer den Dienst an der Waffe verweigert, wird „Bausoldat“. Man gehört zur Truppe und trägt Uniform, befindet sich in der Hierarchie allerdings auf der untersten Stufe. Die Schulterklappen der Bausoldaten ziert ein kleiner goldener Spaten, weswegen sie im Volksmund auch „Spatis“ heißen. Im Dienst müssen sie Grenzanlagen und Schießplätze bauen – Zermürbung durch Arbeit (➝ Fünfjahr(es)plan). Wer auch das verweigert, landet im Haftarbeitslager. Der Dichter Christian Lehnert schreibt über seine Zeit als Bausoldat: „die stampfenden akkorde einer pulsenden halle, / in der ich nur staunend gehorchte, eins / mit den befehlen, die mich singend in knochenhöhlen, / in reih und glied durchstreiften“.

C

Computer Der Computer, der die erste Wasserstoffbombe errechnet, heißt MANIAC (Mathematical Analyser Numerical Interpreter And Computer). Mit dem Computer gelangen Werkzeuge des Militärs in den Alltag. Fragen kommen auf: Ist ein Computer noch unfehlbarer als der Papst? Immerhin macht er bei 1000 gelesenen Zeichen nur einen bis drei Fehler. Ist das tolerierbar?

Auch der kompletteste Computer kann keinen Ehemann ersetzen. Der Apollo-11-Computer ist bei der Mondlandung so überlastet, dass er das NASA-Personal ermahnt, ihn nicht zu überfordern. Heimliche Angst vor Computern weicht bald der offenen. Pfarrer zitieren in ihren Predigten das Buch Falsch programmiert des Informationstheoretikers Karl Steinbuch. Kommt es nur darauf an, dass die Menschen richtig programmiert werden? Wer entscheidet darüber? Pekings größter Computer stimmt vor Arbeitsbeginn das Lied Der Osten ist rot an, zeichnet ein Bild des Vorsitzenden Mao und schreibt dann in Schönschrift: „Diene dem Volke“.

F

Fünfjahr(es)plan Er intoniert die Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens. Der Weihrauch-Plan-Prosa des Ostens begegnet mit Staunen gemischter Spott aus dem Westen. Die Uranförderung im Erzgebirge dient der nuklearen Rüstung der Sowjetunion. In die kleinen Dörfer werden Tausende von Arbeitern zwangseinquartiert. Wenn sie ihr Fördersoll übererfüllt haben, werden sie mit Extra-Rationen Schnaps belohnt. Dann bersten die Abwasserkanäle und Sickergruben. Industriegeschichtlich und ökologisch schreiben die Pläne eine 40jährige Leidensgeschichte. Ohnmacht über das Nichterreichte mischt sich mit Stolz auf übertroffene Ziele (➝ Konsum). „Weltniveau!“ rufen die einen. „Der Fünfjahrplan hetzt uns tot“, schreibt Victor Klemperer. Standesbeamte würzen Traureden mit Zitaten aus dem Fünfjahresplan. Im dritten Schuljahr buchstabieren die Kinder „Preßluftbohrer“ und „Fünfjahrplan“.

K

Konsum Im Osten der Laden um die Ecke, im Westen Kennziffer für ungebremstes Wachstum. Kaufen und Genießen prägen das Lebensgefühl der 60er: Plattenspieler, Illustrierte, Autos, Fernseher – alles verfügbar. Da kann das DDR-Fernsehen gerne von der „Verelendung in der BRD“ schwafeln. Der Nachkriegshunger wird metaphysisch. Wohlstand für alle hat als Parole ausgedient. Askese findet Anklang.Linke Theoretiker behaupten, Konsum mache bequem und unkritisch. Radikale sprechen gar von Konsumterror. 1968 brennen zwei Kaufhäuser in Frankfurt, der Beginn einer bleiernen Zeit.

M

Muckefuck Lange ist Kaffee Mangelware. Man besinnt sich als Ersatz auf Gerste, Roggen und die Wurzel der Gemeinen Wegwarte. Auch Löwenzahnwurzeln werden herangezogen, sind aber zu klein und nur schwer aus dem Boden zu kriegen.

Wehrpflichtige (➝ Bausoldaten) werden ab 1972 durch einen Beschluss des Bundestages davon verschont, die Plörre trinken zu müssen. Filmstars wie Hilde Knef trinken auf dem Weg zum Drehplatz ihren Muckefuck. Er duftet trügerisch, wenn er frisch geröstet ist. Franzosen nennen ihn abfällig „Café prussien“ (preußischer Kaffee) oder auch „Mocca faux“ (falscher Mokka), wobei das „Mucke“ vom rheinischen „Mucken“ kommt (für braune Stauberde, verwestes Holz) und das „fuck“ für „faul“ steht, womit fast alles über die Reize dieses Heißgetränks gesagt ist. Zwischen Rasur und Muckefuck den Südwestfunk abhören, dafür verpfeifen einen die eigenen FDJ-Kinder an die Stasi.

N

Nierentisch In den frühen 50ern hat das über den Krieg gerettete oder von den Schwiegereltern übernommene Mobiliar die Nase vorn, ein Mischmasch aus Eiche, Häkeldecke, Samt und Plüsch. Die Beine sind krumm, Lampen betroddelt, die Schirme angegangen, rauchvergilbt. Im Ausland sorgt die deutsche Formensprache für Spott. Leben die Krauts in einem anderen Jahrhundert?

Das ist die Geburtsstunde des Rats für Formgebung. Moderne Architekten und Gestalter nehmen sich der Sache an. Die skeptische Generation (➝ Okay) ist von ihren Entwürfen begeistert. Die organische Form der Niere ist variabel, von klein bis groß. Entscheidend sind die schrägen, dünnen Beine. Bei Hempels kann man unter den Tisch sehen. Die Zeittakte des geselligen Herumsitzens werden knapper. Die modernen Möbel brauchen nicht so gemütlich zu sein. Ihre Form schafft Platz. Auch im Osten kommt der Nierentisch mit leichter Verzögerung an. Ohne Tütenlampe ist er undenkbar.

O

Okay Dieses zweisilbige Wort kann in so vielfarbigen Tönen vorgebracht werden, so gedehnt zögerlich zweifelnden Vorbehalt anmelden, so verwundert fragend verzaubern, so knackig gebellt wie ein Befehl bestätigen und zugleich unentscheidbar offenlassen, ob es ein „Ja“ oder ein „Jein“ ist, was zu vermeidbaren Nachfragen führt. Oder ist es bloß ein lässiges „Habe verstanden“? Und dann kommt dieser süße Naseweis, der noch kaum über den Tisch schauen kann, und hört, dass es gleich auf die Kirmes geht, und als er sagt „okay“, ist die ganze Welt davon bezaubert. Ohne das vom US-Soldaten geschenkte Kaugummi wirkt das Wort in diesen Jahren so nackt. Es braucht die Dehnung durch den Kauapparat, um als authentisch durchzugehen. Es hat einen ganz anderen Charme als das deutsche „Jawoll!“ Einverstandensein ist möglich, ohne die Hacken zusammenzuschlagen.

S

Schwul Ein Schimpfwort. Spott, Scham, Kichern. Lüsterne Reportagen über den Krupp-Erben. Wie erlebt ein 16-Jähriger den Ansturm der Gefühle? Im Kino sieht er Pasolinis Teorema, Viscontis Verdammte, Sperrs Jagdszenen aus Niederbayern, Warhols Flesh, liest entsetzt Uwe Nettelbecks Artikel über den Triebtäter Jürgen Bartsch, der vier Jungen ermordet hat.

Zwei Schulfreunde überleben einen Autounfall, der im Rückblick wie ein versuchter Suizid wirkt. In der BBC soll das Wort „homosexuell“ mit kurzer Betonung auf der ersten Silbe ausgesprochen werden. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer findet den Perfektionismus des Strafgesetzentwurfs von 1962 erschreckend. Der Entwurf hält fest am Paragraphen 175, der seit 1935 homosexuelle Handlungen unter Strafe stellt. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach ergibt, dass 61 Prozent der befragten Männer, 70 Prozent der Frauen den Paragraphen billigen. Zum Verzweifeln. Neurochirurgen verbessern durch Eingriffe die Selbstkontrolle schwuler Patienten. US-Frauenverbände missbilligen, dass Batman schwul sei.

Y

Yeti Wie es der Schneemensch Yeti aus dem Hochgebirge Nepals in den Alltag von Vermischtes-Meldungen im rheinischen Kapitalismus gebracht hat, gehört zu den unergründlichen Geheimnissen der 50er Jahre. Das Kathmandutal liegt weit weg. Was macht den Umstand, wen man dort nicht oder doch gesehen haben will, zur Nachricht? Gibt es ihn, ja oder nein?

1954 machen sich mehrere Expeditionen auf den Weg, um nach dem Yeti zu suchen. Es wird berichtet, dass er einen äußerst massiven Kiefer habe, eher kleinwüchsig sei, aber mit einem Gewicht von bis zu fünf Doppelzentnern auf großem Fuß lebe. Diese Beschreibung legt es nahe, im Bild des Yeti ein verdrängtes Selbstbild, den im ewigen Eis lebenden Wiedergänger des an Langeweile leidenden Homo hominis zu erkennen. Sind wir nicht alle irgendwie auch Bär, mithin Lebewesen, die es aus unerfindlichen Gründen schaffen, mit dickem Fell in großer Kälte zu überleben?

Z

Zwangsumtausch Vor den Zwangsumtausch haben die Halbgötter des real existierenden Sozialismus das Antragswesen für eine Besuchserlaubnis gestellt. Die entscheidenden Herren tragen in ihren Verliesen hinterm Bahnhof Zoo braune Anzüge, im Sommer kurzärmelige Hemdchen mit Pattentaschen. Wer den ersehnten Passierschein in den Händen hält, muss an der Grenze Westgeld in Alu-Chips umtauschen, wie das DDR-Geld verächtlich genannt wird. Er bringt der DDR harte Devisen.

Reisende stellt er vor das Dilemma, dass sie nicht wissen, wofür sie ihr DDR-Geld ausgeben sollen (Konsum). Bücher, Musiknoten und Platten sind spottbillig. Die meisten fahren zu Besuchszwecken in den Osten. Was man nicht ausgibt, wandert in die Sparschweine der Ostverwandtschaft. Auch das Essen und Trinken ist im Osten beschämend billig. Der billige Schnaps und die starken Zigaretten hauen einen um. Erhöhungen des Zwangsumtauschbetrags verringern nur kurzfristig die Zahl der Besuchsanträge. Der Schwarzmarktkurs unter Unbekannten ist 1:4. Bei Verwandten ist mehr drin. Die Ostverwandtschaft braucht Westmark für Käufe im Intershop.

06:00 16.06.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 2