Am Strand mit Kindheitsdepressionen

Bad Reading Unser Autor wollte in diesem Urlaub keine Männerliteratur lesen. Das wäre beinahe schiefgegangen
Andreas Merkel | Ausgabe 34/2017 1
Am Strand mit Kindheitsdepressionen
Ferienlektüre kann auch zum Balast werden

Foto: Gabriel Bouys/AFP/Getty Images

Das bisherige Jahr hatte ich autobiografisch mit Emmanuel Carrère und wieder einmal Karl Ove Knausgård verbracht. Ich brauchte dringend männerfrei und sollte vielleicht auch mal meinen Realitätshunger etwas bändigen. Und das war dann meine Ferienlektüre: Rimini, der erste Roman der Drehbuchautorin und Regisseurin Sonja Heiss (Hedi Schneider steckt fest), erzählt ein leicht jonathan-franzeneskes Familienporträt, das sich an einem misslungenen Weihnachtsfest aufhängt.

Protagonisten sind die Geschwister Masha und Hans (sie erfolglose Schauspielerin mit vagem Kinderwunsch, er erfolgreicher Anwalt mit Familie und Burnout), sowie deren Eltern Barbara und Alexander (als Großeltern normal rumnervend und natürlich auch mit eigenen Problemen mit dem Ruhestand). Es geht in dem Roman also multiperspektivisch zu. Mashas tickende biologische Uhr („39 Jahre, 4 Monate und 18 Tage“) gibt ihm die Einteilung vor; ein Countdown als Lebensgefühl, von dem man bald ahnt, dass er ins Leere runterzählt. Doch erst mal hat Heiss die Nerven, mit einer unfassbar kitschigen Bucketlist-Mail Mashas an ihren Vater zu beginnen, um dann (Rätsel des Lektorats!) mit Hans gleich noch mal neu auf Kick durchzustarten: im Business-Meeting werden Kugelschreiber zerbrochen und auf betrunkener Einbrecher-Suche im nächtlichen Designer-Eigenheim die Ehefrau mit dem Tennisschläger verprügelt. Leider verliert sich dieser Roman mit durchaus witzigen Dialogen an Erwartungen, die auch der gehobene deutsche Fernsehfilm erfüllt. Metaphern (Masha vergleicht ihre Einsamkeit mit Margaret Thatcher) und Humor (Freund Georg erfüllt zwar jeden Kinderwunsch, ist dafür aber auch nur netter Alles-Versteher mit schlecht schmeckendem Schwanz) neigen zur Übertypisierung von Rollen, die dann eher nach der immer toller angelamerkeligen Laura Tonke schreien.

Mit Yasmina Reza erging es mir nicht viel besser. Die Starautorin mit der schwer auszuhaltenden How-to-be-Parisienne-Foto-Inszenierung werde ich immer für die Beobachtungen in ihrem Sarkozy-Buch Frühmorgens, abends oder nachts lieben (Sarko scheint vertieft in ein Magazin, bis sie bemerkt, dass er sich Rolex-Anzeigen anguckt). In ihrem Bestseller Babylon aber schickt sie ein weiteres Mal ihr mittelbourgeoises Gott-des-Gemetzels-Personal auf eine von diesen gesprächsintensiven Abendveranstaltungen, auf denen das Leben immer noch Champagner sein könnte, wenn der nicht aus geliehenen Gläsern getrunken werden müsste und die dazu servierten Hühnchen tatsächlich bio wären. Zwischendurch passiert ein Mord und werden mit schöner Melancholie Bildbetrachtungen aus Robert Franks The Americans mit Figuren assoziiert, die Elisabeth, Marie-Jo, Mathieu, Jean-Lino und Lydie heißen. Hier wittern nicht nur die Zwei-Sterne-Rezensenten auf Amazon die Backstory für ein neues Theaterstück (Die Frühlingsparty oder so), sondern wird – ähnlich wie bei Sonja Heiss – mit einem alten Strukturproblem des Romans gekämpft. Die Übersetzung von Erlebtem und Gehörtem in Fiktion (aus Angst vor Langeweile oder Anwälten) wird nach der abgleichenden Rückübersetzung in eben diese Wirklichkeit von der Literaturkritik zwar als „präzise“ und „authentisch“ gelobt. Der Leser aber erlebt diesen ganzen Aufwand oft nur als umständliches Erzähltheater. Mit anderen Worten: Man glaubt auf keiner Seite, dass Yasmina Reza oder Sonja Heiss aus ihrem eigenen Leben nicht noch bessere, vernichtendere Stories von Communication-Breakdown, Blowjobs, Tod und Eltern zu erzählen hätten als in ihren Romanen.

Dagegen hilft dann nur Willkommen in Amerika, das erste auf Deutsch erschienene Buch von Linda Boström-Knausgård. Klug wird hier auf eine Genre-Bezeichnung verzichtet und eine ganz andere Variante des skandinavischen Schweigens angeboten, als ihr zumindest im Schreiben sehr wortreicher Ex-Mann Karl Ove. Ihre vielleicht etwas zu kunstvoll auf nur 140 Seiten (im prätentiösen Peter-Handke-Mein-Jahr-in-der Niemandsbucht-Gedächtnis-Großdruck!) verdichtete Kindheitsgeschichte montiert glasklar einfache Sätze zu einer verstörend unklaren Elfjährigen-Erzählung. Ellen fängt eines Tages zu schweigen an, so wie Oskar Matzerath zu wachsen aufhört und verbündet sich in diesem Schweigen mit Gott gegen ihre Familie: gegen die zwanghaft fröhliche Schauspielerinnen-Mutter, den selbstmörderischen Vater, den gestörten Bruder.

Das Buch ist schnell gelesen und wirkt nach. Man denkt an die manische Depression von Linda Boström Knausgård, die ihr Mann so ausführlich beschrieben hat, und wie traurig man war, als man zur Veröffentlichung von Kämpfen dann von ihrer Scheidung erfuhr. Wenn Kunst hier als Exil fungieren soll, so ist nicht ganz klar, ob der Rückzug aus dem Leben in die Welt der Bücher nicht eher noch mehr Probleme schafft. Und so klappe ich das Buch zu, liege noch etwas benommen auf meiner Liege und sehe die anderen Urlauber auf ihren Liegen mit ihren Büchern: jede Menge Dan Brown und Jojo Moyes, eine Elena Ferrante. Menschen im Hotel, die ein paar Tage lang ungestört aneinander vorbeilesen wollen. Jetzt aber auf und endlich ins kalte Wasser des Lago gesprungen.

Info

Rimini Sonja Heiss Kiepenheuer & Witsch 2017, 400 S., 20 €

Babylon Yasmina Reza Frank Heibert, Hinrich Schmidt-Henkel (Übers.), Hanser 2017, 224 S., 22 €

Willkommen in Amerika Linda Boström Knausgård Verena Reichel (Übers.), Schöffling & Co. 2017, 144 S., 18 €

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