Amazone des Alltags

Kino Patty Jenkins hat den Superheldinnen-Comic „Wonder Woman“ verfilmt. Ihre Imaginationskraft überzeugt
Vivien Kristin Buchhorn | Ausgabe 24/2017 1

Gasförmig ist das Böse, das als Chemikalie rot züngelnden Nebel produziert und als hasserfüllte Idee die Menschen wabernd einnimmt. Diese Idee des Bösen ist es auch, die die Entstehung von Wonder Woman Diana notwendig macht. Aus Lehm geformt, wird sie von den Amazonen hervorgebracht, um dem Kriegsgott Ares ein neues Wesen der Liebe entgegenzusetzen. Sie schreiben damit ihre eigene Geschichte fort, denn das Volk der Amazonen wurde für die Männer geschaffen; um denen ein bekehrender Gegenentwurf zu sein. Seither leben sie auf einer paradiesischen Insel und sind fortwährend damit beschäftigt, sich auf einen in der Zukunft lauernden Kampf vorzubereiten, der mit der Rückkehr von Ares auszutragen wäre.

Es hat eine Weile gedauert, bis Wonder Woman, die 1941 von dem Paar Elizabeth Holloway und William Moulton Marston erfundene Comicfigur, im nun schon Jahrzehnte währenden Superhelden-Fieber eine Kinoadaption fand (in den 1970er Jahren gab es TV-Film und -Serie). Umso gespannter wurde erwartet, wie eine Superheldinnenerzählung inmitten eines männlich dominierten Genres filmisch geformt wird und ob die damals progressiv gedachten feministischen Beweggründe ihrer Entstehung eine Fortführung finden.

Regisseurin Patty Jenkins entwickelt zu Beginn des Films eine Welt des Matriarchats, in die man beinah gern eintaucht, die letztlich aber diesen Raum verschenkt, weil er auf endlose Kampftrainings reduziert wird. Diana wächst vom Kind zur Frau heran, darf mitkämpfen und entdeckt dabei, dass sie ungeahnte Kräfte besitzt. Die Idylle wird durch das Eindringen einer anderen Welt gestört.

Diese andere Welt verortet sich im Ersten Weltkrieg und erzählt die Geschichte des britischen Spions Steve Trevor, der, verfolgt von deutschen Marineeinheiten, von Diana vor dem Ertrinken gerettet wird. Die Art und Weise dieses Einbruchs des Männlichen bindet Diana an eine Ordnung, von der sie als Superheldin befreit gewesen schien. Die Meeresrettung erinnert an das Rollenbild einer Meerjungfrau, das die Frau dazu verpflichtet, der männlichen Lebenserhaltung zu dienen.

Scheinbare Banalitäten

Genauso folgt Diana dem Weg von Steve, verlässt mit ihm gemeinsam ihre Lebenswelt, um in den Kampf in Richtung London zu segeln. Steves Ziel der Reise ist es, Aufzeichnungen zu Gas-Geheimwaffen, die er von Ludendorffs bizarrer Chemikerin erbeutet hat, dem britischen Geheimdienst zu überbringen. Diana hingegen meint, nah an der Kriegsfront ihren Kampf für Frieden aufnehmen zu können, um zu versuchen, Ares, den sie in Gestalt von Ludendorff vermutet, zu besiegen.

Wonder Woman ist ein überfälliger, notwendiger und kurzweiliger Film, der mit der Tradition der männlichen Superhelden bricht. In einigen Momenten schleichen sich jedoch vermeintlich emanzipatorische Bemühungen ein, die sich schließlich ins Gegensätzliche kehren: Weibliche Sexualität komplett auszusparen, ist nicht emanzipativ oder gar feministisch, sondern beschneidet Figuren in ihrer Sinnlichkeit. Wonder Woman wird mit einer knappen Rüstungs-Korsage ausgestattet; denkt man an das übersexualisierte Kostüm, in das Halle Berry als Catwoman gezwängt wurde, lässt sich Gal Gadots Outfit aushalten.

Auch wenn man sich trotzdem fragt, warum es so schwer zu sein scheint, neue Ideen für Kostüme zu entwickeln, die die Kraft von Superheldinnen an etwas anderem lesbar machen als an der Attraktion von Äußerlichkeit. Ob Supermans muskeldurchlässiger Anzug oder Wonder Womans tadellos schwingende Haarpracht und die nackten Oberschenkel im Kampf – immer muss der Körper als Schauanordnung der Perfektion dienen.

Verweilt man nur bei diesen Gender-Aspekten, verpasst man andere spannende Bilder. Mit Diana und Steve prallen nicht nur zwei Geschlechter aufeinander, sondern zwei Welten. An Dingen und Gewohnheiten wird das erkennbar: Wenn Diana in der Hektik der Menschenmenge am Bahnhof einem Eisverkäufer mitteilt, dass er „sehr stolz“ auf seine Eiscreme sein könne. Oder wenn sie sich darüber wundert, dass man sich seinen Lebensalltag von Zeit, mittels einer Armbanduhr, strukturieren lässt. Die scheinbaren Banalitäten werfen uns auf die eigene Lebensrealität zurück. Wirkt es anfangs so, als würde durch diese Annäherungen an die andere Welt und die Naivität die Frau als Kind dargestellt, wird später deutlich, dass nur wir das Fremde in der uns vertrauteren Welt zum Ungewussten degradieren. Dianas Blick auf die Dinge ist einer, der Sensibilität fordert, der erfahrbar macht, was wir in der Routine der eigenen Welterfahrung nicht mehr wahrnehmen.

Die Qualität von Wonder Woman liegt darin, nicht nur eine Superheldin visualisiert, sondern die Fiktion als Möglichkeitsraum für die Gegenwart sichtbar gemacht zu haben. Der Fremden wird die Fähigkeit der Mehrsprachigkeit gestattet, sie hat eine Stimme, die gehört wird. Ihre von Liebe erfüllte Aura gleicht einer Offenheit. Es ist diese Offenheit und daraus resultierend eine Philanthropie, die in Krisenzuständen von Angst überdeckt wird. Wenn ein fantastischer Film dazu beiträgt, solche Symptome zu zeigen, wird eine Kunst des Imaginierens erkennbar, die sich in anderen Genres zu oft von Realitätsprüfungen einschränken lassen muss und deshalb droht, aus unserem Denken zu verschwinden.

Info

Wonder Woman Patty Jenkins USA/CH/HK 2017, 141 Minuten

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