Amerika an zweiter Stelle

Medientagebuch Bei der nationalen Sportberichterstattung stets im Mittelpunkt: Der Unsrige

Zu den immer wieder gern eingenommenen kritischen Posen, gerade im Medienjournalismus, zählt bekanntlich das engagierte Vortragen des Befundes, dass es die Amis mit ihrem Chauvinismus mal wieder zu weit treiben. Die USA sind ein großes Land und das hat den Vorteil, dass sich für die These von den chauvinistischen Amerikanern immer irgendwo ein Beleg finden lässt.
"Im Namen einer stolzen Nation" hat US-Präsident George Bush die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City eröffnet, und das hätte er nicht sagen dürfen, weiß man doch in Europa, dass das jeweilige Staatsoberhaupt stets nur den Text zu sprechen hat, den das Internationale Olympische Komitee ihm vorgibt. Schon fungiert der Umstand, dass sich der Präsident der mächtigsten Nation der Welt nicht von einem nicht näher legitimierten Komitee eine Rede an die Weltöffentlichkeit diktieren lässt, sondern in diesem Punkt auf seine Souveränität pocht, als hübscher Beleg, wie weit es die Amis mit ihrem Chauvinismus schon wieder getrieben haben.
Einen weiteren hübschen Beleg fand die in diesem Punkt unverdächtige Neue Zürcher Zeitung, indem sie gleich nach dem zweiten Tag der Olympischen Winterspiele den US-Fernsehsender NBC betrachtete. "US-Chauvinismus am Beispiel Eisschnelllauf" diagnostizierte das Blatt und berichtete, dass das US-Olympiafernsehen einen Bericht über das Eisschnelllaufen mit der "Frohbotschaft" geschmückt habe, "dass der US-Boy Derek Parra im 5.000-m-Rennen Silber gewonnen habe, und zwar mit Weltrekordzeit. Hurra - und Ende der Durchsage." Kein Wort habe NBC darüber verloren, dass die Goldmedaille in noch besserem Weltrekord an einen Niederländer namens Uydtehaage ging. Der Befund der Neuen Zürcher, wer möchte widersprechen, ist ein treffendes Beispiel, wie sich Nationalismus in der Sportberichterstattung, namentlich in der des Fernsehens, zeigt. Einfach die Kamera nicht auf den Schnellsten im Rennen halten, sondern auf den, wie es dann heißt, Unsrigen, und schon transportieren die gezeigten Bilder nicht mehr die Information, wie das Rennen endete, sondern, dass der Unsrige im Mittelpunkt stand.
Früher, also bis vor etwa 10, 15 Jahren, war das noch ein wenig anders, da übertrug die größte Fernsehanstalt des Gastgeberlandes von Olympischen Spielen für alle anderen Länder. Das nannte man "Weltregie", und die orientierte sich an der sportlichen Reihenfolge: 1. Gold, 2. Silber, 3. Bronze, und 4. der gescheiterte Favorit. Aber seit spätestens zehn Jahren reisen die reicheren Länder mit eigenen Übertragungswagen und -teams an und zeigen seither das Weltereignis Olympische Spiele mit eigenen Kameras, gedreht von eigenen Kameraleuten, die auch die eigenen Sportler einfangen. Olympia aus nationaler Perspektive also. Das Chauvinismus zu nennen, fällt leicht und ist nicht falsch. Aber schon in dem Moment, in dem sich der Kritiker darauf einlässt, die Amerikaner oder eine andere Nation als die schlimmsten Akteure in diesem Spiel zu bezeichnen, hat er sich selbst zum unter Chauvinismus-Verdacht stehenden Akteur gemacht.
Das Beispiel des Eisschnelllaufs ist ein Gutes. Denn wenn diese Kolumne gelesen wird, sind die Eisschnelllauf-Resultate (und ihre chauvinistischen Effekte) bereits historisch: andere Sportler werden bei diesen Spielen Größeres geleistet haben. Folglich lässt sich ohne etwaige Mitgefühle für Sieger oder Verlierer ruhig bilanzieren: Die vermeintlich chauvinistische amerikanische Presse, wie sie ja nicht nur in der Schweiz, sondern im ganzen Europa - unter besonderer Berücksichtigung Deutschlands - geschimpft wird, berichtete in ihren Ausgaben am vergangenen Montag sehr ausführlich über die Eisschnelllaufwettbewerbe des Wochenendes. Während sich das in der Olympiastadt ansässige Lokalblatt Salt Lake Tribune so anstellte, wie es von hiesigen US-kritischen Medien erwartet wurde, nämlich ausführlich über den Amerikaner Derek Parra berichtete und dem Niederländer Jochem Uytdehaage nur beiläufige Aufmerksamkeit schenkte, so fielen die Berichte der, ähnlich wie die Neue Zürcher in Europa, in Amerika meinungsbildend wirkenden Blätter New York Times und Washington Post völlig anders aus. Im Mittelpunkt der Eisschnelllauf-Berichterstattung standen weder Uytdehaage noch Parra, also überhaupt nicht der 5.000-Meter-Wettbewerb der Männer, sondern der Wettkampf über 3.000 Meter der Frauen. Den gewann Claudia Pechstein aus Deutschland, genauer: Berlin, während die von hiesigen Medien zur Favoritin erklärte Anni Friesinger aus Deutschland - genauer: Innzell - nur Vierte wurde. Zwar wurden die Zweit- und Drittplatzierten, eine Sportlerin aus den Niederlanden und eine aus dem den USA benachbarten Kanada, in der Berichterstattung der zwei großen amerikanischen Blätter auch erwähnt, was gewisse Unterschiede zu den Berichten in Deutschland aufweist, aber sonst lässt sich der Vorwurf, die Amis trieben es mit ihrem Chauvinismus mal wieder zu weit, nicht belegen.
Zwei Nachträge: 1. Der niederländische Olympiasieger, den die Neue Zürcher Zeitung ohne Vornamen als den "Holländer Uydtehaage" mit "dt" vorstellte und so gegenüber dem gemeinerweise chauvinistisch aufgebauschten "US-Boy Derek Parra" vor dem Vergessen rettete, heißt übrigens Jochem Uytdehaage, mit "td". 2. In diesem Rennen erreichte auch das deutsche Team seine erste Medaille. Jens Boden aus Deutschland - genauer: Dresden - wurde Dritter und gewann Bronze, weshalb man in Deutschland wenig über Jochem Uytdehaage oder Derek Parra erfuhr, jedoch viel über den Unsrigen.

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00:00 15.02.2002

Ausgabe 38/2020

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