Jakob Augstein
26.02.2009 | 14:30 85

An der Staatsgrenze

Neustart In der Krise muss die Politik den Raum zurückerobern, den sie leichtfertig preisgegeben hat

Hilaire Belloc hat einmal gesagt, dass er sich ebenso ungern von der Idee des Privateigentums verabschieden würde wie von seinen Zähnen. Den meisten Menschen dürfte es ebenso gehen. Ein Systemwechsel steht darum nicht bevor. Selbst wenn der Staat künftig Bankdienstleistungen anböte, Spielzeugeisenbahnen fertigte und Unterhosen strickte: Verstaatlichung ist keine Vergesellschaftung. Es geht darum, in der Zeit der Krise auf die Folgen der Krise zu reagieren. Nicht mehr.

Je nach politischer Couleur mag man das bedauern oder nicht: Der Staat als Eigentümer würde in Deutschland nicht den Markt ersetzen. Im Gegenteil. Er würden ihn beschützen. Jürgen Rüttgers hat Anfang des Jahres die Befürchtung geäußert, dass „die industrielle Struktur Deutschlands auf lange Zeit und wahrscheinlich unwiederbringlich beschädigt“ werden könne, wenn der Staat nicht handelt. Das ist der Sinn der Maßnahmen der Bundesregierung: Institutionen vor dem Zerfall zu bewahren, die noch gebraucht werden.

Und das Prinzip ist richtig. In Maßen. Opel beispielsweise wäre der falsche Kandidat gewesen. Opel baut keine einzigartigen Autos und ist mit insgesamt 1,5 Millionen in Europa verkauften Einheiten zu klein, um zu überleben. Der Staat muss den Opel-Arbeitern den Strukturwandel erleichtern – aufhalten kann er ihn nicht. Das ist nichts Neues. Es werden in Deutschland kein Fotoapparate, keine Radios und keine Fernsehgeräte mehr hergestellt. Und wenn, dann in kleiner Serie, für teures Geld. Es war für die deutsche Industriekultur zweifellos schmerzhaft, Firmen wie Grundig, Saba und Dual sterben zu sehen. Aber Matsushita hat es besser gemacht und billiger und damit waren die Deutschen aus dem Geschäft. Es gibt im Leben für das Bestehende keine Garantie. Und der Staat sollte nicht so tun, als könne er eine solche Garantie geben. Das wäre eine Allmachtsfantasie, an der er zerbräche.

Wir müssen uns – und der Staat muss uns – die Erkenntnis zumuten, dass unser Gefühl der Sicherheit eine Illusion war. Denn es ist in diesem Winter ja nicht der Kapitalismus gescheitert. Sondern das Bild, das sich sehr viele Menschen davon gemacht haben: Dass der Kapitalismus im Ganzen eine runde Sache sei, in der sich die meisten einigermaßen bequem einrichten können. Die Langzeitarbeitslosen, die Hartz-IV- Empfänger, die ABM-Kräfte, die Zeitarbeiter, die Mindestlohnempfänger und Ein-Euro-Kräfte wissen schon länger, dass das nicht die ganze Wahrheit war. Bei ihnen war die Sonne des Wohlgefühls schon untergegangen. Und jetzt sieht ein ganzes Land die Schatten näher kommen. Auch schöpferische Zerstörung ist Zerstörung.

Ja, es ist nicht einmal der Neoliberalismus, der gescheitert ist. Sondern nur die Karikatur, zu der er geworden ist. Neoliberalismus bedeutete ursprünglich nichts anderes, als dass sich die Politiker seit den späten siebziger Jahren Stück für Stück an den Gedanken gewöhnt haben, dass der Staat den Katalog seiner Zuständigkeiten überprüfen und einschränken soll. Das war eine vernünftige Idee. Auch wenn kaum ein Begriff der politischen Debatte so viel Missbehagen auslöst wie dieser. Der Neoliberalismus ist zur Ideologie geworden. Und Ideologien sind immer unvernünftig. Es war der neoliberale Fundamentalismus, der die Finanzkontrolleure blind gemacht hat. Wir zahlen mit der Krise den Preis für diese Verblendung.

Jetzt erobert sich die Politik den Raum zurück, den sie nie hätte aufgeben dürfen. Aber sie wird das mit Maß tun.

Denn was wäre Vergesellschaftung? Dass die Gesellschaft über Verteilung von Gütern entscheidet? Der Satz ist so sinnlos wie die Formulierung, die Gesellschaft zieht sich hochhackige Schuhe an. Oder die Gesellschaft geht zum Friseur. Es gibt die Gesellschaft nicht. Wenn die Gesellschaft etwas in die Hand nimmt, dann bedeutet das, dass eine Bürokratie, eine Verwaltung etwas in die Hand nimmt. Eine Institution, die nach ihren Regeln funktioniert. Und das sind nun nicht immer die Regeln und Prinzipien der Vernunft, des Gemeinwohls, des Fortschritts. Es sind oft genug die Regeln der Konfliktvermeidung und des Eigennutzes. Wie in jeder Institution. Wie in jedem Unternehmen auch. Für unternehmerische Fehlentscheidungen gibt es – üblicherweise – eine Sanktion: die Mechanismen des Markts. Das heisst den einzelnen Käufer, Kunden, Klienten. Den Menschen. Aber was ist die Sanktion der Bürokratie? Das Disziplinarrecht? Die nächste Wahl?

Es ist ein Rätsel, warum die Linke sich bei der Bürokratie besser aufgehoben fühlt als in der Privatwirtschaft, warum sie Beamten mehr traut als Unternehmern. Vernünftig wäre es, beiden zu misstrauen. Und eine angemessene Kontrolle zu gewährleisten. Das ist im Fall der Unternehmen deutlich einfacher als im Bereich der Bürokratie. Denn die Bürokatie kann die Unternehmen kontrollieren. Aber wenn die Bürokratie selber zum wirtschaftlichen Akteur wird – wer sollte dann sie kontrollieren?

Ein von Oskar Lafontaine gerne verwendetes Zitat stammt von Jean Jaques Rousseau und lautet: „Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.“ Das ist sehr wahr. Und es ist in einer Gesellschaft, die den Wert der Gerechtigkeit schätzt, das beste Argument für eine politische Kontrolle wirtschaftlicher Prozesse. Aber keines für einen allmächtigen Staat.

Kommentare (85)

Oxhöfter 26.02.2009 | 17:56

Dr Wolfgang Ullmann: Wir müssen uns von der Vorstellung freimachen,dass staatliches Handeln rechtens sei.
Solange Wirtschaft und Politik in der gleichen Giergemeinschaft vebleiben, muss ich wohl mein Erspartes zu Hause im Tresor aufbewahreen.

Der Diebstahl begann mit der Einführung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs. DieBanktresore sind abgeschafft.Alles ist nur noch Papier und dem Zugriff der Diebe geöffnet.

denoc 26.02.2009 | 18:02

Lieber Herr Augstein,
der Freitag war für mich bis vor kurzem die einzige Zeitung, die ich regelmäßig gekauft und mit Vergnügen gelesen habe. Jedoch macht mir Ihr Leitartikel bewusst, dass das intellektuelle Niveau deutlich gesunken ist. Mir ist es aber sehr wichtig, dass es in dieser Republik eine Zeitung existiert, die für Linksintellektuelle eine Plattform anbietet. Auch die Eigenbezeichnung "linksliberal" stört mich, weil ich mit "linksliberal" Status Quo und "political correctness" assoziiere und es als eine Abgrenzung gegenüber anderen Standpunkten aus dem "linken" Spektrum empfinde.
Die augenblickliche Krise erfordert Visionen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal in Frage stellen. Das bedingungslose Grundeinkommen geht z.B. in die richtige Richtung. An Ihrem Artikel stört mich, dass sie Binsenwahrheiten wiederholen wie z.B. "in der Krise muss die Politik den Raum zurückerobern", die man selbst in der Springer "Presse" wiederfinden kann. Eine weitere Binsenwahrheit ist, dass alle Ideologien "unvernünftig" sind. Dieses Mantra wird im postmodernen Zeitalter seit mindestens 30 Jahren wiederholt und ist ebenso eine Ideologie um den Status Quo zu erhalten. Siehe Fukuyama. Wenn Sie "die Linke" gleichsetzen mit Verstaatlichung und Bürokratie, dann betreiben Sie billigen Populismus von "oben", genauso wie das "Bürgertum". Weshalb haben Sie das Bedürfnis sich unbedingt von der "Linke(n)" sich abzugrenzen, Weshalb nehmen Sie nicht zur Kenntnis, dass in Teilen dieser Partei auch progressive Standpunkte vertreten werden wie z.B. bedingungsloses Grundeinkommen oder die Mitarbeiterbeteiligung an den Unternehmen und die Demokratisierung der Wirtschaft. Ihr bürgerlicher "Habitus" tritt deutlich zutage. Ist es die Sorge mit den "Schmuddelkindern" in Verbindung gebracht zu werden?

denoc 26.02.2009 | 18:02

Teil 2
Sie finden es vernünftig, dass "der Staat den Katalog seiner Zuständigkeiten überprüfen und einschränken soll". Ich frage Sie, war es vernünftig, dass öffentliche Dienstleistungen der Kommunen privatisiert werden, wie z.B. Wasserwerke, Stromwerke, Gaswerke, Müllabfuhr, (Teil-)Privatisierung der Bildung, und die fortschreitende Privatisierung der sozialen Sicherungssysteme. Vergesellschaftung soll verhindern, dass die Grundbedürfnisse der Bürger nicht dem Primat der "Profitmaximierung" unterliegen. Das hat nichts mit der "DDR" oder Realsozialismus gemeinsam. Zuallerletzt möchte ich darauf hinweisen, dass keiner das Privateigentum abschaffen möchte. Aber darf ich Sie darauf hinweisen, dass Sie in diesem Land zu einer kleinen Minderheit gehören die "Produktionsmittel' besitzt, während alle Arbeitnehmer angewiesen sind Ihre Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt zu verkaufen. Linke Kritik an "Privateigentum" möchte nicht alles Enteignen, was man sich als Konsument angeeignet hat. Doch es ist ein Skandal, dass eine kleine Oligarchie den Großteil der Produktionsmittel in diesem Land besitzt. Nicht die Verstaatlichung der Produktionsmittel, sondern die Beteiligung der Arbeitnehmer ist für mich eine legitime Forderung.
Herr Augstein merken Sie noch, dass sogar die "bürgerliche" Presse den "Freitag" links überholen?
Ps: Auch die "Zeit" findet das neue Projekt "mutlos links". Siehe http://www.zeit.de/2009/08/Der-Freitag

denoc 26.02.2009 | 19:45

Teil 3
Um nicht mißverstanden zu werden muss ich nochmal klarstellen, dass ich "political correctness" nicht als Kampfbegriff benutze, wie die "Rechten" bis "'Rechtsradikalen" es tun. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass erstens sich „politisch korrekte“ Begriffe abnutzen, wenn sie nicht mit einer Veränderung der sozialen Wirklichkeit einhergehen und zweitens bemängele ich, dass die soziale Frage in "linsliberalen" Diskursen verdrängt wird, weil es nicht so "chic" ist, wie z.B. Rassendiskriminierung oder Sexismus, obwohl sie sehr wohl mit der sozialen Frage zusammenhängen. Es reicht nicht aus wenn ein Obama oder Clinton Präsident wird, während gleichzeitig viele Afroamerikaner oder alleinerziehende Frauen unterhalb des Existenzminimum leben. Meine Eltern sind selbst türkische Migranten und sollte ein Cem Özdemir Bundeskanzler werden, würde ich mich auch nicht freuen, solange Migrantenkinder nicht die gleiche Chancen haben auf sozialen Aufstieg wie ein Professorenkind aus bürgerlichen Kreisen. Ich möchte nur unterstreichen, dass der "Linksliberalismus" den Mythos verbreitet, dass in kapitalistischen Klassengesellschaften jeder potenziell die glechen Startchancen haben könnte. Ich verweise auf die Studien von Pierre Bourdieu.

kricke 26.02.2009 | 19:56

Lieber Herr Augstein,
ich muss mich denoc (in Teil 2) anschließen. Der Neoliberalismus (vertreten durch Friedman, Hayek – oder auf welche Theoretiker beziehen Sie sich?) war von Anfang an nichts weiter als eine knallharte Doktrin, die jeglichen demokratischen Einfluss auf das Wirtschaftsleben verabscheut und den freien Markt vergöttert. Nach dieser Ideologie, die der Neoliberalismus von Anfang an war, hat der Staat nur noch die Aufgabe, den freien Markt durchzusetzen, insbesondere gegen den häufig kapitalismuskritischen Willen des Volkes. Mit "vernünftigem" Nachdenken über die Zuständigkeiten des Staates hatte das nichts zu tun. Im Gegenteil, das war von Anfang an demokratiefeindlich.
Und dass man, wenn man den Neoliberalismus beim Namen nennt, häufig in die "linke Schmuddelecke" geschoben wird, kann kein Grund sein, begrifflich so einen Eiertanz hinzulegen.

Robert Zion 26.02.2009 | 20:34

Ein interessanter Artikel und ein wichtiger Ansatz, auch wenn mir persönlich nie ein Satz wie "Es gibt die Gesellschaft nicht" von der Sorte M.Thatcher herausgerutsch wäre.

Es geht in der Tat nicht um die vermeintliche Alternative Privat oder Staat. Schon ein kluger Staatstheoretiker wie John Locke nannte sein Grundlagenwerk nicht "Über den Staat", sondern "Über die Regierung" und einer der schärfsten Kritiker des Kapitalismus - Michel Foucault - hat seine Vorlesungen über den Neoliberalismus "Geschichte der Governementalität" genannt.

Es geht wohl, wie man heute sagen würde, über den Steuerungstyp instititutioneller Zusammenschlüsse und um die Vermeidung von Kommando- und Kontrollregimen, es geht IMMER um das Verständnis der Demokratie und um dessen Zukunft, denn diese ist keine Staats- sondern eine Herrschaftsform.

shewek 26.02.2009 | 21:06

Um den Artikel auch von links außen zu kommentieren, denn es gibt noch radikale, libertäre Linke, die Staat und Kapitalismus als generelle Übel ansehen, die endlich zu überwinden sind, meine Anmerkung:

Jakob Augstein nimmt anscheinend nur reformistische und staatskapitalistische "Linke" ernst. Mit ihnen kann er sich einig sein, dass Eigentum an Produktionsmitteln keinesfalls tatsächlich sozialisiert, also selbstverwaltet, gehört. Parteikommunisten wollen das Eigentum an Produktionsmitteln ihrer Partei übergeben, Anhängern des Kapitalismus ist der Status und die Macht der Bourgeoisie heilig. Beide ideologische Varianten (Ideologie = notwendig falsches Bewusstsein) konkurrieren um die Positionen an den Machthebeln. In diversen Ländern gab es zwischen den beiden Spielformen moderner Herrschaft einige Übergänge, weswegen die Aversion gegeneinander groß ist.

Noch größer müsste die Aversion gegen libertär-antikapitalistische Positionen sein, die man auch "anarchistisch", "linkskommunistisch" oder wie auch immer nennen kann. Denn sie streben ja tatsächlich eine Abschaffung des Zusammenhanges Kapital--Arbeit, der Hierarchien und des Staates, der immer wesentlich ein Zwangsapparat zur Menschenverwaltung ist, an. Die Aversion müsste riesig sein ... ist sie aber nicht, denn leider ist die libertäre antikapitalistische Linke sehr klein, sehr schwach und weit weg von jeglicher revolutionärer Möglichkeit. Vielleicht wird dies irgendwann anders, aber das dauert noch bestimmt.

So lange dürfen sich die Freunde des Staates, und der Herrschaft in welcher Form auch immer weiterstreiten um "mehr oder weniger Staat", mehr oder weniger korporatistische Gewerkschaftsbeteiligung, um all die wichtigen Reförmchen, die natürlich nie "ideologisch" motiviert sind. Denn ideologisch sind ja immer die anderen!

Bildungswirt 26.02.2009 | 21:52

DREI bescheidene Fußnoten zu einem treffsicheren Artikel:

1. "Es war der neoliberale Fundamentalismus, der die Finanzkontrolleure blind gemacht hat. Wir zahlen mit der Krise den Preis für diese Verblendung."(Augstein)
Hauptverantwortlich war dafür die rot-grüne Regierung Schröder/Eichel/Fischer mit Beifall von der CDU/FDP. Allein etwa 30 (!) Gesetze und Verordnungen zur Entfesselung des internationalen Kapitalverkehrs wurden eingeführt. Hegefonds und wie es jetzt im Neusprech heißt - „toxische Papiere“ - sind nur die Spitze des Eisbergs. Und: Es war nicht nur „Verblendung“, sondern auch kaltschnäuziges Kalkül. Wenn es wider Erwarten schief gehen sollte, na dann, na dann zahlen alle die Zeche, wir sitzen doch alle im selben Ruderboot. Alle wollen in der Politik gern steuern (und die Staatsverschuldung aktiv nach vorne bringen), kaum einer will noch rudern, das soll mal die nächste Generation ab 2020 machen.
2. "Jetzt erobert sich die Politik den Raum zurück, den sie nie hätte aufgeben dürfen. Aber sie wird das mit Maß tun." (Augstein)
Da bin ich mir alles andere als sicher. Der G20-Gipfel wird wahrscheinlich eine lausige Veranstaltung, Formelkompromisse, vielleicht zurück zur Kapitalkontrollregelungen von vor 2004, weit entfernt von notwendigen Maßnahmen zur Krisenbekämpfung in der Tiefe 2009-2011. Ob Deutschland mit Frankreich wirklich eine tatkräftige EU-Politik als Führungsmächte hinbekommen, ist mehr als fraglich. Die Schuldenfalle – "das Pump- auf –Pump-Gift-Kübelspiel" - wird uns viele Jahre begleiten.
3. "Es ist ein Rätsel, warum die Linke sich bei der Bürokratie besser aufgehoben fühlt als in der Privatwirtschaft, warum sie Beamten mehr traut als Unternehmern." (Augstein)
Den beschriebenen Sachverhalt sehe ich auch so, nur ist es kein Rätsel, sondern die Achillesferse der Linken. Nach der staatssozialistischen Bruchlandung und den wenig entwickelten „freien Assoziationen“, die sich selbst demokratisch regieren (können) kommt fast automatisch der Rückfall in die (effizient angestrichene) Bürokratie. Große Teile der Linken laufen hier im Hamsterrad der Paradoxie – über ihren Köpfen schwingt die Wurst der „Gerechtigkeit und Freiheit“, die sie einfach nicht schnappen können. Der einzige Trost ist zurzeit: die Wichtig-wichtig-Lacher der reinen Marktfreiheit können es auch nicht besser. Bürokratiekritik ist so alt wie die Bürokratie selbst. Vor diesem Monstrum der Behäbigkeit, der "Gefährlichkeit" und "Schreibertyrannei" wurde schon im 19.Jahrhundert gewarnt. Für eine Lösung müssen wir noch viele viele Stunden beratschlagen und so manche Friedenspfeife rauchen.

Magda 26.02.2009 | 21:56

Also ich kann in dem Beitrag wenig Hilfreiches finden, außer die Artikulierung eines diffusen Unbehagens.

Mir ist auch unbehaglich, aber an ganz anderen Sachen. Und die haben mit der Absage an den Staat zu tun mit der - von Joschka Fischer mal überlieferten Aussage, niemand solle glauben, er könne gegen die Finanzmärkte Politik machen... usw. usw.

Ein allmächtiger Staat - Du liebe Güte, allmächtig war fast schon die Weltökonomie. Sie ist es noch immer. Von denen droht die Gefahr.
Der Rest ist in der Tat Abwägung, wann staatliches Eingreifen sinnvoll ist und wann nicht. Da hat wohl niemand ein Rezept. Es ist eine völlig diffuse Lage und die erfordert Pragmatismus. Sonst nischt.

ebertus 26.02.2009 | 22:27

"Für unternehmerische Fehlentscheidungen gibt es – üblicherweise – eine Sanktion: die Mechanismen des Markts."

Ist das die ultima ratio? Will Augstein da den kleinen Bäckermeister verteidigen, der mit seinem steuerlich begünstigten X5 in die Metro fährt und ansonsten FDP wählt?

Das Ahlener Programm der CDU währe da eher zur Lektüre und als gewisse Handlungsanweisung empfohlen. Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien und von marktbeherschenden Unternehmen, denen die sog. "Sanktionen des Marktes" sch...egal sein können. Nur darum geht es doch ernsthaft. Und im Kleinen? Der Bäckermeister wie auch der Geschäftsführer mit seinem dienstlichen A6 sollten nicht via 1%-Regelung vom Steuerzahler alimentiert werden. Große Brötchen backen dürfen beide auch weiterhin.

ebertus 26.02.2009 | 22:34

Soweit sollte man "noch" nicht gehen, weder in Gedanken noch in der praktischen Konsequenz. Mir ist ein Verleger lieber, der relativ klar seine gesellschaftspolitische Einordnung erkennen lässt, als z.B. eine anonym, investorengesteuerte SZ, deren neoliberale Wirtschaftsredaktion ähnlich der des Spiegel z.Z. auch kleine Brötchen backen, das hohe Lied der sachzwanggesteuerten Alternativlosigkeit beinahe schon gequält singt, singen muss.

tosid 26.02.2009 | 22:49

Schön undogmatisch, das erwarte ich mir vom neuen Freitag,

Die Frage wie "böse" Markt oder Staat (Bürokratie) eigentlich sind und was wünschenswerter ist, ist eine Kernfrage für unsere Gesellschaft seit der Gründung des modernen Nationalstaates. Aber vielleicht hindert uns genau diese Idee, dass wir abgeschlossene staatliche Gebilde brauchen, daran die richtigen Fragen zu stellen? Was ist eigentlich eine Gesellschaft und unter welchen Bedingungen kann sie am Besten funktionieren?

Ich glaube nicht das eine herrschaftsfreie Gesellschaft wünschenswert ist. Wem also die Möglichkeit der Steuerung (Macht) geben? Als Denkanstoss könnte ich mir vorstellen Macht viel stärker zu streuen - heute befinden sich große Konzentrationen davon bei nationalen Regierungen und ihren Verwaltungen und transnationalen Unternehmen (oder anderen Besitzern großer finanzieller Möglichkeiten). Die neue Verteilung der Macht könnte dann, zu Abwechslung mal, nach logischen Gesichtspunkten erfolgen. Jedes gesellschaftliche Bedürfniss könnte auf der sinnvollsten Ebene bearbeitet werden, Schwieriger wird dann natürlich demokratische Legitimierung der "Governance-Ebene" - aber möglich sollte es schon sein.

HansMeier555 27.02.2009 | 00:19

Warum immer das Gerede von Bürokratie?
Viel interssanter finde ich die Frage nach staatlicher Interventionsfähigkeit.
Nein, ich will keine Mammutbehörden, die immer nur Filz und Korruption anziehen.
Ich will nicht den privaten Banksektor abschaffen (ohne den es auch künftig gehen wird) und das Privateigentum schon gar icht.
Was ich in einer Situation wie der jetzigen vom Staat aber erwarte, ist, daß er keine Scheu hat, die großen Privatvermögen anzugreifen, ich meine die von Hundert Millionen an aufwärts. Insbesondere bei denjenigen, die in den letzten 20 Jahren von diesen Großbanken, die jetzt bankorott sind, Dividende und Boni bezogen haben.

Entweder als Regreßforderung oder eben als eine Sondersteuer (meinetwegen als "Solidarpakt").

Vielleicht sollte man das als Grundprinzip einführen, daß der Staat nur solchen Banken helfen darf, bei denen der Vorstand mit seinem ganzen Privatvermögen für haftet (so wie bei einer GbR). Nicht, weil das den Braten fett macht, sondern damit die Herren von vornherein etwas vorsichtiger agieren.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.02.2009 | 13:02

Der Gedanke ist zwar interessant, aber: Nicht nur die demokraische legetemierung würde schwieriger, ich denke auch die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Ebenen. Und (ich hoffe ich verstehe sie richtig) was ist, wenn Themen mehrere Bereiche berühren, mehrere Ebenen, also nicht eindeutig zuzuordnen sind? Gibt es überhaupt solche Schubladen?

Zum Artikel: Ja, schön undokmatisch. So soll es sein. nd endlich mal jemand, der es ausspricht: "Der Staat muss den Opel-Arbeitern den Strukturwandel erleichtern – aufhalten kann er ihn nicht."

aruli 27.02.2009 | 13:26

Sehr geehrter Herr Augstein,
Ihr Eingangszitat zu diesem Artikel mag scherzhaft sein. Er karikiert aber nicht Ihre Grundeinstellung, eine qusi physisch bedingte Notwenigkeit des Privateigentums (wie Ihre Zähne).:
Sie identifizieren sich mit den krampfhaften Angstäußerungen eines Rüttgers, als wäre die Wirtschaftsstruktur dieses Landes wirklich so bewahrenswert. Ist swirklich nur ein Bild des Kapitalismus gescheitert? Sie belegen das danach mit dem Absturz von Millionen MENSCHEN in die Armut. Warum haben sie sich auch ein falsches Bild gemacht! Ist für Sie ein "einigermaßen bequem" eingerichtetes Leben schon so tadelnswert, daß Systemkorrekturen angeraten sind?
Vielleicht erinnern Sie sich an die Mitsiebziger Jahre, als das MAI (mutual assurance on investments) fast zwei Jahre lang geheim verhandelt wurde, ehe einiges durch NGOs in die Öffentlichkeit drang und wütenden Protest erzeugte. Es konnte daraufhin als Vertrag nicht weiter behandelt werden und verschwand. Das Kapital fand andere Wege zum Ziel, der derzeitigen "Globalisierung".: alles ist käuflich, alles verkäuflich, auch wenn es Generationen vor uns geplant und begonnen haben. "Was du ererbt von deinen Vätern,......."
Herr Augstein, es ist nett von Ihnen, den FREITAG zu fördern, aber , bitte, schreiben Sie nur in dem Kulturteil.

ebertus 27.02.2009 | 15:29

Guter Ratschlag, der mit dem Kulturteil...

Und falls dieses Schiff namens Freitag nicht nur in der Nähe sondern zunehmend gar sehr nahe an der Küste segeln sollte, wird es über kurz oder lang zwischen den Mainstream-Containerschiffen aufgerieben. Zu weit draussen lauern andere Gefahren, soweit Systemkritik die Oberhand gewinnt. Nicht einfach eben, die Quadratur des Kreises.

Aber warum soll es Jakob Augstein anders gehen als den vielen Wirtschaftsweisen. Steuersenkungen für die konsumstreikenden Wohlhabenden vs. bernankegleich Geld vom Helicopter abwerfen - auf das die H4-ler und Billigjobber endlich mal konsumieren.

Bleibt eben der Kulturbereich. Der hat mir am "alten" Freitag auch immer gefallen, segelte ebenfalls manchmal sehr weit draussen.

Jakob Augstein 27.02.2009 | 17:35

Liebe(r) aruli,
ich denke, dass es sehr schwer ist über die grenzen dessen, was uns umgibt, was uns hervorgebracht hat, zu denken. es ist nicht unmöglich. nur sehr schwierig. weil unsere begriffe, die art, wie wir denken, was wir sind, dadurch geprägt ist. wir haben in dieser zeitung eine doppelte aufgabe: ich finde, wir müssen unbedingt versuchen, über die grenzen des bestehenden hinaus zu denken. wir tun das auch. wir haben autoren, die das können und wollen. und wir habenb die aufgabe, das was ist, zu erklären, zu begleiten, zu interpretieren. das eine ist die utopie. die ist notwendig. das andere ist die analyse. die ist auch notwendig. mein leitartikel gehört nicht in den bereich der utopie. mehr in den der analyse.
offen gestanden habe ich nicht genau verstanden, welche kritik sie an dem text haben. vielleicht wollen sie das - über eine reflexhafte abwehr hinaus, die nach meinen zweifellos provokanten formulierungen auch sehr verständlich ist - noch näher begründen?

Ludischbo 27.02.2009 | 18:12

Ich finde, ein Herausgeber soll und muss in einer offenen Community schreiben und denken, was er will. Was nicht geht. Eine redaktionelle Filterung. Gegenmeinungen müssen auch in der Printausgabe transparent bleiben. Darin messe ich den "Freitag".
Denkanstöße und Diskussionsgrundlagen, die dann kontrovers geführt werden, sind für mich fruchtbar und lesenswert. Eine Zeitung, die willkürlich Inhalte redaktionell wegfiltert, um auf Herausgeber und Chefredakteur-"Kurs" zubleiben sind wir genauso widerlich, wie Zeitungen die ausschließlich nur ihre Klientel bedienen.
Ich hoffe das beides hier nicht praktiziert wird. Das ist mein Wunsch für den Freitag. Zur Sache des Artikels....später ein weiterer Kommentar :-)

copland 27.02.2009 | 19:48

Da kann ich denoc nur zustimmen (kleine Ausnahmen: Vergesellschaftung hat mit Verstaatlichung nun gar nichts zu tun - diesem "freundlichen Missverständnis" unterlagen ja zumindest die herrschenden Eliten der DDR, da kommt bestenfalls Staatskapitalismus bei raus; außerdem verstand schon Marx unter Privateigentum immer nur das an den Produktionsmitteln, für ihn war Eigentum eine ökonomische Kategorie, das persönliche Eigentum des Einzelnen kommt darin gar nicht vor. O.k. aber diesen Irrtum haben Sie geschenkt, den teilen ja fast alle, einschließlich Frau Belloc und Jacob Augstein).
Ich habe die neue Ausgabe des Freitag zwar noch nicht komplett gelesen, aber mir ist vieles "aufgestoßen": Der "Leitartikel" von Jakob Augstein - nochmal Zustimmung zu denoc - insbesondere; wenn das die Ausrichtung des Freitag wird, dann ärgere ich mich jetzt schon über meinen Vertrauensvorschuss in Form eines Jahresabos, noch mehr aber, dass diese Zeitschrift nun auch ins "linksliberale" absinkt. "Im Zweifel links" - ja wenn doch Jakob Augstein mal zweifeln würde, wenn schon nicht am Kapital, dann wenigstens an seiner Selbstgewissheit, dann kämen ihm solche Artikel nicht aus der Feder oder den Tasten.

Freilich, herrlich pragmatisch: Das System droht gerade den Bach runter zu gehen, dann kann es nur um Rettung des Systems gehen – alles andere ist indiskutabel. Wenn solche Pragmatik auch noch im Freitag regiert, braucht es diese Zeitschrift nicht.

Und dazu passt auch die Inhaltsleere der neuen Ausgabe – es gibt genug kritische Autoren, die der Krise nicht nur an der Oberfläche zu Leibe rücken, sondern tiefer graben. Warum haben die keinen Platz im Freitag?

Und am Rande: Vier Seiten sind nach wie vor verplempertes Papier, die „Chronik“ (Nachtrab einer Woche, ich schlafe doch nicht zwischen den Erscheinungstagen des Freitag), A-Z (Freitag als Webkatalog?), die Feuilletonauszüge (lasst das mal den Perlentaucher machen) und die ganzseitige Eigenwerbung für die Online-Ausgabe.

Aber das ist dann auch schon egal.

Schade, der Freitag verkommt zum Verschiebebahnhof linksbürgerlicher Beliebigkeiten.
Eine freundliche Übernahme kann eben auch in eine Pleite führen.

Derroose 27.02.2009 | 20:19

Viel mehr Gewicht als dass Frau Merkel eine weitere Verstaatlichung auf deutscher Ebene vorantreibt, ist für mich die Tatsache, dass sie versucht, dies mit der Hilfe anderer Regierungschefs wie Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy auf EU Ebene durchzusetzen. Dies steht im krassen Gegensatz zu der EU als Freihandelszone und der seit jeher verfolgten Politik der liberalen Märkte innerhalb der EU Zone, einem Eckpfeiler europäischer Identität.

So ist auch die oft gebrauchte Parole vom Scheitern des Kapitalismus eine reine Farce. Jeder Volkswirtschaftler oder Ökonom weiß, dass der Markt immer Schwankungen unterliegt und sich der Markt in einem natürlichen Prozess von unkontrollierten Auswüchsen des "Turbokapitalismus" wie etwa dem "Neuen Markt" gesund stößt.
So sehe ich die aktuelle Wirtschafts- und Finanzkrise nicht als ein Schwäche sondern eine Stärke des Marktes. In diesem Kontext kann ich auch der Forderung nur zustimmen, Unternehmen wie die Hypo Real Estate dem Schicksal des Marktes zu überlassen. Hierzu sehe ich keine vernünftige Alternative.
Die Hoffnung das ein staatlicher Eingriff solche gravierenden Misstände verhindern kann lässt sich schon durch die häufigen höchst kriminellen Machenschaften der Landesbanken wie der WestLB und der daraus resultierenden finanziellen Schieflagen als unrealistisch ansehen. Die viel gerügte Verantwortungslosigkeit von Managern lässt sich nicht ersetzen durch das oftmals verantwortungslose Verhalten von Beamten in Ministerien und Verwaltungen. Dies lässt sich auf Kommunaler und Bundesebene bei der sinnlosen Vergeudung von Steuergeldern beobachten. Dies ist ein allgemeines Problem, wenn Menschen über Mittel frei Verfügen die ihnen nicht gehören
Die Diskussion um richtige Sanktionsmaßnahmen im Europäischen oder globalen Rahmen, auch im Sinne der Prävention wären hier um einiges Sinnvoller.

Joachim Petrick 27.02.2009 | 22:55

Mein Kommenmtar:

Lieber Herr Augstein,
das Wort „An der Staatsgrenze“ erinnert mich an ein anderes unheilvolles Wort, das von Walter Ulbricht am 11. August 1961 in einem Interview mit Mr. Maxwell aus Großbritannien:
“Niemand will eine Mauer bauen!“,
weil er es muss!?
Bauen wir schon wieder Mauern gegenüber anderen Ländern, Kontinenten, Währungszonen?
Was passiert, wenn der real- existierende Sozialismus Bankrott anmeldet, haben wir 1989/91 nach dem Fall der Berliner Mauer erlebt.
Der real- existierende Sozialismus löst sich parzelliert aus dem Restvermögen vor dem Schonvermögen der Staaten, die ihn trugen, sich aber gegenseitig keinen Kredit mehr gaben, auf in das frohlockende Wohlgefallen und Gelächter des GmbH, Co KG, AG des real- vegetierenden Kapitalismus.
Die Frage, ob der Neo- Liberalismus, Kapitalismus gescheitert ist, braucht uns folglich nicht zu quälen. Eher schon die Frage, was passiert, wenn der Neo- Liberalismus, Kapitalismus in ein geordnetes Insolvenzverfahren übergeht?
In das Wohlgefallen des real- existierenden Sozialismus können beide nicht übergehen, weil der bekanntlich nicht mehr besteht!

Sie schreiben aufschlussgebend“ Jetzt erobert sich die Politik den Raum zurück, den sie nie hätte aufgeben dürfen. Aber sie wird das mit Maß tun“.
Das nenne ich gutes Standing im Freitag, gut gebrüllt.
Nächste Frage:
“Welches Maß ist geboten? Das Maß der Rückeroberung oder das der globalen und lokalen Erweiterung?
Vieles in unserer Einen Welt, dem gerade in Krisen Systeme unterlegt werden, entpuppt sich bei politischem Lichte betrachtet als reiner Willkür- Akt.,- Aktion.

Geht es angesichts unserer Wirtschafts- und Finanzkrise nicht vor allem um ökonomisch- ökologische Alphabetisierung aller Schichten unserer Gesellschaft als Investitions- und Konjunkturpragramm, die, urbi et orbi, ihre Wirkung für Solidartät, Gemeinschaftssinn, Ausbildung, Bildung, Wohlstand für alle entfaltet?, mit den Privathaushalten als kleinster unternehemrischer WIR- AG !?
tschüss
JP

Gregor Keuschnig 27.02.2009 | 22:57

Neoliberalismus bedeutet ursprünglich etwas ganz anderes. Der klassische Neoliberalismus grenzt sich gerade vom Laissez-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ab und sieht sehr wohl Rahmenbedingungen vor, in denen dann allerdings der Markt frei agieren soll. Der "Neoliberalismus" à la FDP und BDI hat damit nichts zu tun und ist eher ein Rückgriff auf den schrankenlosen Kapitalismus des 19. Jahrhundert. Es ist bezeichnend, dass die Aufhebung und Verwässerung der rahmenbedingungen, in denen sich Märkte bewegen können von der rot-grünen Regierung beschlossen wurde, deren Wirtschaftsaffinität bemerkenswert war. Dagegen wirken tatsächlich Figuren wie Rüttgers geradezu sozialrevolutionär.

Das täuscht aber nicht darüber hinweg: Rüttgers ist ein gnadenloser Populist; 2010 gibt es Wahlen in NRW und da will er die zerstrittenen Sozialdemokraten links überholen. Seine ökonomischen Kenntnisse sind marginal; er wird nie eine fundierte wirtschaftliche Entscheidung treffen, sondern politisch agieren.

Opel ist langfristig genauso wenig zu retten wie der Kohleabbau. Es wäre Zeit, den produktionsstandort Deutschland mit gezielten Massnahmen staatlicher Seite zu verändern, statt in Fässer ohne Boden Milliarden zu pumpen. Die Wahrscheinlichkeit zur Vernunft ist aber marginal.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 27.02.2009 | 23:03

Idiotischerweise, ich geb´s ja zu, hegte ich die Hoffnung auf einen jungen Gaus. Und natürlich ist es realiter ein junger, durchaus einsichtiger junger Augstein: "ich denke, dass es sehr schwer ist über die grenzen dessen, was uns umgibt, was uns hervorgebracht hat, zu denken. es ist nicht unmöglich. nur sehr schwierig. weil unsere begriffe, die art, wie wir denken, was wir sind, dadurch geprägt ist." (Zitat J.Augstein) Dabei herauskommen kann vorläufig nur ein Abklatsch der "Woche". Daniela Dahn und Freunde sind um ihre Bauchschmerzen nicht zu beneiden. Die Lektüre der im "Freitag" veröffentlichten Artikel von Günter Gaus vermag eventuell Linderung und Besserung bewirken.

Jakob Augstein 27.02.2009 | 23:30

liebe(r) copland,
also in einem muss ich ihnen wirklich vehement widersprechen:

"es gibt genug kritische Autoren, die der Krise nicht nur an der Oberfläche zu Leibe rücken, sondern tiefer graben. Warum haben die keinen Platz im Freitag?"

schreiben sie - und das stimmt einfach nicht. dann kann ich nur empfehlen, die zeitung mal zu lesen. das hilft.

nehmen sie zum beispiel den kollegen jäger. der sieht das alles ganz und gar anders als ich und hat das in der vergangenen woche auch im leitartikel geschrieben und in dieser woche im aufmacher des wochenthemas.

jetzt können sie uns natürlich vorwerfen, dass wir total beliebig seien - weil wir tatsächlich dulden, dass in einer solchen frage - bei der es ja um die zukunft der gesellschaft geht und das ist mithin keine kleinigkeit - dass wir also in einer solchen frage tatsächlich mehr als eine meinung zulassen. meine meinung. die vom kollegen jäger. die vom kollegen krätke. die vom kollegen herden. die vom kollegen strohschneider. all diese kollegen haben dazu eine haltung. und diese haltungen sind nicht gleich - und sind sich doch untereinander näher als etwa die haltungen, die sie etwa in der - von mir bekanntlich geschätzten - faz lesen, oder der sz, oder der zeit, oder ...
aber, lieber leser, das ist nun mal unser projekt hier: im kern sind wir machtkritisch und skeptisch und humanistisch gesonnen, irgendwie links im gausschen sinne (und ich sage bewusst irgendwie, weil wir hier nicht im politikseminar sind, sondern in der zeitung) und wir wollen meinungsvielfalt. debatte. keine gewissheit. zweifel. suchen. nicht immer alles genau wissen. sondern fragen. ich weiß nicht, so oberflächlich finde ich das gar nicht. eher ehrlich, oder?

odradek 27.02.2009 | 23:51

Denn was wäre Vergesellschaftung? Dass die Gesellschaft über Verteilung von Gütern entscheidet? Der Satz ist so sinnlos wie die Formulierung, die Gesellschaft zieht sich hochhackige Schuhe an. Oder die Gesellschaft geht zum Friseur. Es gibt die Gesellschaft nicht. Wenn die Gesellschaft etwas in die Hand nimmt, dann bedeutet das, dass eine Bürokratie, eine Verwaltung etwas in die Hand nimmt.

Es gibt die Gesellschaft nicht? Sie klingen ja wie Maggie Thatcher! Vergesellschaftung bedeutet nicht, daß "die Gesellschaft" z.B. Opel besitzt und dann verwaltet, sondern, daß Gesellschafter Verfügungsrechte an Opel haben, ohne das irgendjemand ein Eigentum an Opel hätte - nicht mal der Staat. Die Parecons z.B. schlagen vor, daß wer von der Arbeit eines Betriebs betroffen sind (Angestellte, Händler, Kunden, Anwohner) automatisch zum Mitsouverän des Betriebes wird und mitbestimmen darf.

Da Opel sowieso im Arsch ist und wir so oder so dafür bezahlen müssen, könnte man dies eigentlich im Kleinen mal ausprobieren. Das ginge so: Der Staat kauft zuerst mal Opel von GM. Dann schafft er eine Form der (nicht-)Kapitalgesellschaft die "Wir-AG". Eine AG kann unwiederuflich in eine Wir-AG umgewandelt werden, in dem sie ihre sämtlichen Aktien zurückkauft, man also eine AG mit 0 Euro Stammkapital bekommt. Den Kredit für den Rückkauf stellt der Staat, der auf diese Weise sein Geld für den Erwerb wieder zurückbekommt. Die Opel Wir-AG bezahlt diesen Kredit aus seinen eigenen Erträgen wieder zurück.

Da alle Aktien der Opel Wir-AG jetzt der Open Wir-AG gehören, hat sie keinen Eigentümer mehr, gehört sich also in dem Sinne selbst, wie jeder Mensch sich selbst gehört. Wer bleibt jetzt noch über, um über Opel zu bestimmen? Die Leute die dort arbeiten! Verwaltungs- und Aufsichtsrat werden jetzt von den Angestellten gewählt und bestimmt. Sämtliche Gewinne verbleiben in der Firma und über deren Verteilung muß gleichberechtigt abgestimmt werden. Obwohl jeder ein Mitrecht hat über die Verwertung des Firmenkapitals zu bestimmen, hat aber keiner ein Eigentum, man kann seinen "Anteil" nicht veräussern oder Macht gewinnen indem man seinen Anteil aufstockt und mit dem Ausscheiden aus dem Betrieb verliert man auch seine Rechte. Das ist Vergesellschaftung.

Und das machen wir jetzt mit den ganzen Läden, die demnächst pleite gehen: Der Staat kauft die Reste auf und macht sie wieder flott, wandelt sie kreditfinanziert in Selbsteigentum um, die Unternehmen machen weiter und zahlen dabei den Kredit wieder zurück. Details überlege ich mir noch, Nobelpreise bitte an meine E-Mail Adresse :-)

Celsior 27.02.2009 | 23:52

Neoliberalismus bedeutete ursprünglich nichts anderes, als dass sich die Politiker seit den späten siebziger Jahren Stück für Stück an den Gedanken gewöhnt haben, dass der Staat den Katalog seiner Zuständigkeiten überprüfen und einschränken soll

Das ist eine Verharmlosung die Ich hier nicht erwartet hätte.
Was ist den mit Chile?

Jakob Augstein 28.02.2009 | 00:05

die idee klingt gut. so funktionieren ja auch stiftungen. die keinen gewinn machen dürfen. alles re-investieren müssen. der guardian übrigens, mit dem wir zusammen arbeiten, ist so eine stiftung. aber sie lösen damit nicht das problem von herrschaft und kontrolle. denn die besitzverhältnisse sind nicht die frage. sondern die kontrolle der besitzverhältnisse. ich glaube, dass da der grundirrtum vieler beiträge in diesem thread liegt. es ist naiv und unhistorisch zu glauben, dass es soetwas wie "gute" eigentümer gibt. als sei eine kontrollierende behörde einem kontrollierenden privatmenschen oder einem kontrollierenden board of directors vorzuziehen. es gibt absolut keinen grund anzunehmen, dass die eine form der herrschaft der anderen a priori vorzuziehen sei. es gibt aber jeden grund anzunehmen, dass sie alle der kontrolle bedürfen. und das ist die eigentliche frage. nicht die des eigentums.

Jakob Augstein 28.02.2009 | 00:06

die idee klingt gut. so funktionieren ja auch stiftungen. die keinen gewinn machen dürfen. alles re-investieren müssen. der guardian übrigens, mit dem wir zusammen arbeiten, ist so eine stiftung. aber sie lösen damit nicht das problem von herrschaft und kontrolle. denn die besitzverhältnisse sind nicht die frage. sondern die kontrolle der besitzverhältnisse. ich glaube, dass da der grundirrtum vieler beiträge in diesem thread liegt. es ist naiv und unhistorisch zu glauben, dass es soetwas wie "gute" eigentümer gibt. als sei eine kontrollierende behörde einem kontrollierenden privatmenschen oder einem kontrollierenden board of directors vorzuziehen. es gibt absolut keinen grund anzunehmen, dass die eine form der herrschaft der anderen a priori vorzuziehen sei. es gibt aber jeden grund anzunehmen, dass sie alle der kontrolle bedürfen. und das ist die eigentliche frage. nicht die des eigentums.

odradek 28.02.2009 | 00:41

Die weiterführende Idee ist ja, daß die Kontrolle über die Betriebsmittel ausgedeht werden soll auf alle, die von der Verwendung der Betriebsmittel betroffen sind (s.o.), insofern liegt die Lösung der Herrschaft darin, jeden Beherrschten automatisch zu Mitherrscher zu machen. Wer die Deutungshoheit über das Bestehen eines solchen Verhältnisses bekommt, ist natürlich eine interessante Frage, die allerdings auch demokratisch gelöst werden können sollte: Die Wir-AG's könnte in ihrer Charta verpflichtet werden den Umfang ihrer Mitbestimmung mit einem Ausschuss aus zufällig (d.h. ohne eigene Interessenlage) ausgewählten Bürgern abstimmen zu müssen.

(Das mit dem zufälligen Auslosen um Interessenskonflikte zu vermeiden ist ein genialer Trick, der die Athener erfunden haben)

Eichsfelder 28.02.2009 | 00:47

Zitat "Verstaatlichung ist keine Vergesellschaftung…." Richtig. Der Staat vertritt nicht die Gesellschaft (die Gesamtheit der Bundesbürger: das Volk). Sonst hätte er schon gehandelt, als Firmen wie Grundig, Saba und Dual starben. Wäre die "Titanic" nicht so schnell gefahren, wäre sie sehr wahrscheinlich nicht gesunken. War es nicht so, das gerade das Manöver nach dem Alarm "Eisberg voraus!" das alles entscheidende war? Aufgerissen von vorn bis hinten gab es keine Rettung mehr.
Jetzt heist es "Krise voraus!". Ob "Hart Backbord" oder "Hart Steuerbord" wird immer noch diskutiert. Für "Alle Maschinen Stop!" ist es schon zu spät. "Volle Kraft zurück!" kam nie in Frage.
Wer war noch mal Schuld am Untergang? Die Mannschaft, der Kapitän? Wieviele Rettungsboote gab es damals? Wieviele Rettungsschirme gibt es heute? Keiner kommt heute auf die Idee "Frauen und Kinder zuerst!". Aber auf die Bordkapelle ist auch im Jahr 2009 Verlass: Bis zur letzten Minute sucht sie noch den Titanic-Superstar.

Zitat: "…der Staat muss uns die Erkenntnis zumuten, dass unser Gefühl der Sicherheit eine Illusion war."
Wer ist DER STAAT? Warum weiß DER STAAT, das das Bild, welches sich sehr viele Menschen vom Kapitalismus gemacht haben, falsch ist? Kann nicht auch das Kapitalismusbild des Staatsapparats falsch sein? Die Institution Staat funktioniert in der Tat nicht nach den Prinzipien des Gemeinwohls. Daran wird die nächste Wahl nichts ändern. Egal wie sie ausgeht.

PS: Ich schliesse mich der Meinung an, dass ein solcher Artikel nicht auf das Titelblatt eines freitags gehört.

oca 28.02.2009 | 03:26

Lieber Herr Augstein, Analyse nennen Sie das, was sie da schreiben? Wo ist denn die Analyse? Ein Plädoyer für den Markt, für den Neoliberalismus (natürlich als tolle Idee, nicht als Ideologie, denn alle Ideologien sind ja schlecht, ausser Ihrer eigenen), gegen die Vergesellschaftung, die sie mit Verstaatlichung verwechseln, gegen den Sozialismus, den Sie mit Staatskapitalismus und DDR verwechseln, und für die Systemrettung.

Die Krise beruht nach ihrer "Analyse" auf blinden Finanzkontrolleuren. Also menschliches Versagen. Hat nichts mit dem Kapitalismus an sich zu tun. So einen Schwachsinn kann ich auch in der Tagesschau hören, da brauche ich keinen Freitag.

In Zukunft wird jeder, der im Freitag noch etwas substanzielles schreiben möchte, gegen Sie und Ihre "Vernunft" schreiben müssen, die nichts weiter ist als die Weigerung zu denken. Es ist abzusehen, wo der Freitag enden wird. Man wird auf ihn verzichten können. Ich werde ab sofort auf ihn verzichten.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 28.02.2009 | 11:17

Ich muss hier einmal eine Lanze für den neuen Freitag brechen.

Sicher: vieles von der Kritik hier mag bei näherer Betrachtung richtig sein. Und gerade deshalb ist es doch gut, dass es hier die Möglichkeit zur Kritik gibt (und dass - das Gefühl habe ich jedenfalls - auch gehört wird).

Ein Gefühl, das ich nicht loswerde, ist: Die meisten der Leser hier wollen eine Zeitung, die ihnen nach der Nase schreibt. Aber ist es wirklich wünschenswert, dass man immer nur das vorgesetzt bekommt, womit man übereinstimmt? Gerade an der Auseinandersetzung mit Positionen, die man nicht selbst vertritt wächst man doch.

Sicher, auch ich lese gerne Artikel bei denen ich im Nachhinein denke: Ja, stimmt. Aber eine Zeitung, die nur solche Artikel schreibt, kann nicht meine Zeitung sein. Und ich hoffe, dass der Freitag sich auch weiterhin traut, Artikel zu veröffentlichen, die einer Mehrheit der Leser (und häufig genug auch mir) gegen den Strich gehen; denn genau das zeichnet eine gute Zeitung aus!

Günter 28.02.2009 | 11:39

Nun ist die Katze aus dem Sack.
Ich wollte nur wissen , wer die Zeitung gekauft hat.

Natürlich möchte ich Meinungsvielfalt , weil diese nicht mehr bei den Springermedien und co existiert.
Aber wenn der Eigentümer auch nur ein "Rechter" ist , kann ich mir denken was aus der Zeitung Stück für Stück wird.
Schade... die letzte Bastion ist gefallen...

oca 28.02.2009 | 17:51

Nachtrag: Das Schlimme ist, dass sich jeder, der sich nicht mit Schäuble und Erika Steinbach identifizieren will, gleich für einen "Linken" halten muss. Positionen wie die von Herrn Augstein erinnern mich an die "neue Mitte" eines Gerhard Schröder, der noch die letzten mehr oder weniger Linken aus der SPD vertrieben hat - und ich meine nicht den linksnationalen Lafontaine, der Angst hat, dass Fremdarbeiter den guten Deutschen ihre Arbeitsplätze "wegnehmen".

Und vielen Dank für den Hinweis von Celsior: Was ist denn mit Chile, wenn der Neoliberalismus eigentlich eine gute Idee ist?

Avatar
Ehemaliger Nutzer 28.02.2009 | 19:02

Was ich wiederum schlimm finde, ist dieses Schubladendenken. Kann man nicht im einen Punkt eine solche, im nächsten aber einmal eine andere Meinung haben, ohne gleich als rechts abgestempelt zu werden?

Bei ihrer Lafontaine-Kritik stimme ich übrigens vollkommen mit ihnen überein, oca.

ebertus 28.02.2009 | 19:09

Ja, "Frauen und Kinder zuerst!"

Und kleinere Sparguthaben 1:1 entschädigen, größere, gar Vermögen bestenfalls nach degressiver Quote. Ansonsten ganz schnöde pleite gehen, untergehen lassen. Ein Traum schon zu Zeiten der Titanic. Auch heute würden/werden Schwache, Frauen und Kinder eher nach hinten, nach unten verwiesen, werden wohl nicht mal mehr rein biologisch gebraucht? Die BW im Inneren teilt dann die Ruderboote ein.

Nos Nibor 28.02.2009 | 20:03

Ich stelle fest, dass mit diesem Artikel eine Art >Outing des Verlegers stattfand und nun jeder sich sein Urteil bilden kann und sollte.
Wer ist das eigentlich, dieser Staat, der nach J.A. zurückgedrängt werden muss? Der Staat, den J.A. so schlimm und bürokratisch belastet findet, begegnet mir zu 80 % in Form meiner Kommune, anderen ihrer Gemeinde, auch als Land mit den damit zusammenhängenden Problemen. Mir sind die Probleme meiner Stadt bekannt, ich kenne die Kräfteverhältnisse, ich engagiere mich, ich habe durch einen Bürgerentscheid mit dafür gesorgt, dass die Stadtwerke nicht verscherbelt werden konnten, Dummheiten und Erfolge haben für mich Namen. Die lokalen Medien haben Angst davor, dass ich und meinesgleichen sie nicht mehr kaufen und zügeln deshalb ihre Präferenzen für die trotzdem durchscheinenden Sympathien. Dieses Stück Staat ist mir wichtig und ich möchte nicht, dass alles was dort passiert, der Kontrolle der Stadträte durch weitere Privatisierungen entzogen wird.
Anonym und ärgerlich wird der Staat, wenn er sich im Bundestag Gesundheitsreformen ausdenkt, die ich nicht verstehe oder gar Kriege, die ich nicht billige. Dieses Stück Staat zu verändern, über Demokratie zu diskutieren, die es zulässt, dass Gesetze verabschiedet werden, die nur einer Minderheit nutzen und von einer Mehrheit abgelehnt werden, das erscheint mir lobenswert und notwendig zu sein.
Das skandinavische Modell des Wohlfahrtsstaates ist keineswegs gescheitert, wie einige glauben machen wollen. Doch das wäre ein anderes Feld. Den Staat soll es und wird es so lange geben, wie er gebraucht wird.
Behauptungen, dass auf private Betriebe im Sinne der Gesellschaft besser Einfluss genommen werden könne, als auf staatliche Einrichtungen, müssen nicht kommentiert werden, auch aus Platzmangel.
Es gibt eine Partei in der Bundesrepublik, die mir richtig Übelkeit ob ihrer Demagogie beschert. Sie begleitete mit Beifall und Unterstützung die Ideologien, die zu diesem Finanz- und Wirtschafts-Desaster geführt haben, die Freiheit der Märkte ging ihr über Alles. Der Staat ist und war der Buhmann, Privat kann es besser, Bürokratie ist die Ursache aller Übel. Und sie schickt sich an, zusammen mit der Partei, die sie noch aus durchsichtigen Gründen attackiert, die Regierung zu übernehmen.
Alle Argumente, die J.A. in dem Artikel vorgebracht hat, finde ich dort auch.
Der >Freitag auf dem Weg ins Linksbeliebig-Liberale ? Mir und meinesgleichen würde das nicht genügen. Es gibt Streit und Diskussionsstoff in der vielfältigen Linken genug, Langeweile und Einseitigkeit sind nicht zu befürchten.
Wenn es nur eine Meinung wäre, die in dem Artikel zum Ausdruck kommt, warum nicht einmal. Aber es ist der Besitzer, der sich auf der Titelseite unüberlesbar meldet. Der >Freitag auf dem Weg in ein Verleger- Patriarchat a la Nannen und Augstein? Es wäre das Ende dieser Zeitschrift. .

derDonnerstag 28.02.2009 | 20:09

@cms
Dem kann ich mich nur anschließen. Ich betrachte mich selbst als Linken und kann an dem Artikel nichts Rechtes finden. Es sei denn, man empfindet alles rechts von der Kommunistischen Plattform der Linkspartei als rechts. Statt über Definitionen zu streiten, wäre es sicher aussichtsreicher, über Inhalte zu diskutieren. Und wenn die Linken endlich aufhören würden, sich gegenseitig zu zerfleischen, würden sie vielleicht auch mal etwas bewegen,
Ok, wo wir schon bei Definitionen sind ... ich würde im Gegensatz zu Jakob Augstein schon sagen, dass der Neoliberalismus gescheitert ist. Einfach deshalb, weil der Neoliberalismus für mich das ist, zu dem er geworden ist. Dass der Begriff früher einmal für soziale Marktwirtschaft und Ordnungspolitik stand, dafür kann ich mir nichts kaufen. Ist aber müßig, sich darüber zu streiten.
Für bedenklicher halte ich, dass sich nun führende FDP-Politiker hinstellen und dreist behaupten, sie wären ja schon immer für Ordoliberalismus à la Ludwig Erhard gewesen. Und vermutlich beim größten Teil der Öffentlichkeit mit dieser Lüge durchkommen, weil kaum jemand weiß, was Neoliberalismus bedeutet und früher bedeutete.

Momo 01.03.2009 | 02:03

Nach meiner Meinung ist das journalistische Niveau des Augstein-Artikels sehr niedrig. Die "Argumente" sind inhaltlich nahe am Mainstream angesiedelt. Einige links klingende Versatzstücke können den negativen Gesamteindruck in keinster Weise aufhellen.

Staatliche Aktivitäten möchte uns Jakob Augstein madig machen, indem er mit der populistischen Keule "Bürokratismus" darauf eindrischt. Haben Sie jemals einen Großkonzern von innen kennengelernt? Im Vergleich zu der dort häufig anzutreffenden Bürokratie erweist sich so manche staatliche Institution als sportlich und dynamisch.

Bitte versuchen Sie nicht, den Lesern des Freitag neoliberale Politik in linker Verpackung anzubieten. Diese Mogelpackung mussten wir in den 7 Schröder-Jahren bereits über uns ergehen lassen! Sie sollten vielmehr auf den Skandal aufmerksam machen, daß die ideologischen Hauptstützen des Neoliberalismus, Schwarz-Gelb, sich anschicken, im September die Macht in Deutschland zu übernehmen. In einer funktionierenden Demokratie würden die neoliberalen Ideologen vom Wähler poltisch abgestraft, da die Medien deren politische Täterschaft thematisieren würden. Diesbezüglich herrscht in den deutschen Medien jedoch weitestgehend Funkstille.

Es geschieht sogar das genaue Gegenteil: Schwarz-Gelb wird von den Medien "Wirtschaftskompetenz" bescheinigt. So kommt es, daß sich die neoliberalen Brandstifter als Feuerwehrleute aufspielen können. Die 18 Prozent Wählerzustimmung zu Gunsten der neoliberalen Ideologen von der FDP lassen grüßen.

Elbelotse 01.03.2009 | 05:33

Es werden in Deutschland nachwievor Kameras gebaut, das Wort "Leica" scheint Herrn Augstein unbekannt zu sein.
Opel war die Technologieschmiede von GM, wurde aber aufgrund der Arroganz, Überheblichkeit und Naivität der Amerikaner runtergewirtschaftet. In der letzten Zeit schien sich Opel wieder gefangen zu haben. Deshalb hat Opel einen Neuanfang verdient, ohne Amerikaner. Ich bin davon überzeugt, sie werden es schaffen, allein die Freiheit von den Amis wird gewaltige Kräft freisetzen (Bleibt das Problem mit den Patenten).

dialectica49 01.03.2009 | 10:32

Nun, Herr Jacob Augstein, sie hätten lieber vom 'freitag' lassen sollen. Vielleicht wäre er dann in dieser
tollen Marktwirtschaft untergegangen - aber man hätte ihn wie die 'Weltbühne' als eine excellente
journalistische Instanz in Erinnerung behalten. Als Ost-West-Zeitung mit Format. Machen Sie mal eine
kleine Auszeit und lesen sie online unter Mutlos links
nach, was man ihnen dort ins Stammbuch geschrieben hat. Nicht dass ich mit allem einverstanden wäre, aber
die Kernaussagen stimmen. Ebenso vieles der Kommentatoren dieses Artikels. Eine derartig öberflächlich
zusammengeschriebene Mixtur aus nichtssagenden und nichtzutreffenden Behauptungen gehören nicht an
exponierter Stelle in den 'freitag'.

Üblich ist es heute auch, auf mögliche Missverständnisse online zu antworten und nicht grundsätzliche Dinge
im Ungewissen zu lassen. Günter Gauss, wie ihr Vater einer der Besten des westdeutschen Journalismus überhaupt,
ein Mann mit stark ausgeprägtem sozialen Gewissen, der den 'freitag' maßgeblich mitgeprägt hatte, würde sich
im Grabe umdrehen, wenn er dies lesen würde. Moral und Ethik, soziales Gerechtigkeits- bzw. Ungerechtigkeits-
empfinden ist heute bei gut gefülltem Portfolio kaum noch vorzufinden. Möglicherweise verbal. Wirklich aber
nicht. Und dies dürfte auf sie zutreffen. Der 'freitag' wurde zu 'der Freitag'. Einstmals in rot, jetzt in
schwarz gedruckt. Programm?

romano 01.03.2009 | 11:18

Daher bläst der Wind also. Im Freitag werden den Linken nun pädagogisch-infantil erzogen: seid nett und seht doch, dass in "privat ist gut, öffentlich ist schlecht" doch ein Körnchen Wahrheit steckt. Das war doch alles nicht so gemeint, wir haben eh alle dieselbe Meinung.
Den Markt könne man kontrollieren, nämlich durch den Staat, was beim Staat nicht geht. Der hat dann einen Interessenskonflikt. Dazu, und nun kommts, hat der Markt seine eigene Kontrolle: "die Mechanismen des Markts". Mechanismen. Wie Zahnräder mahlen sie den Sand im Getriebe durch. Das schändlich unhinterfragte neoklassiche Axiom, der rock solid der Herrschenden, taucht also auf.
Was ist Neoliberalismus? Das historische Phänomen, dass "die Politiker seit den späten siebziger Jahren Stück für Stück an den Gedanken gewöhnt haben" den Staat zurückzufahren. Neoliberalismus sei eine Gewohnheit? Hat da etwa wer mit der Rute beim Fenster rein geschaut? Die Vernunft wirds gewesen sein. Deswegen wars auch nur der Trieb, der die Vernunft aus dem Gleichgewicht brachte. Der Neoliberalismus läßt sich besser theoretisieren, davon legen schon manche Artikel des frühreren Freitag Zeugnis ab.
Nein, und dass es die Gesellschaft nicht als Subjektkopie gibt, die Handlungen von Individuen vollziehen kann und die man dann irgendwo beobachten könnte, das wußte man im Freitag bisher auch. Usw.
Der Freitag hat sich gewandelt. Er ist wenigsagend geworden, ein Meinungsmedium, wo halt jedeR, der/die in der Position ist, seine Meinung zum Besten gibt, sei es zur Waschmaschine oder zu schicken Reisen oder tagespolitischen Streitereien. Die kritische journalistische Aufarbeitung der Gegenwart, wie sie im Freitag bisher gemacht wurde, hat sich dagegen in einzelne Artikel verzogen. Und die muss man auf der unübersichtlichen Seite suchen. Schade freilich.

Headcase 01.03.2009 | 11:44

Zunächst ist es lobenswert, dass sich Herr Augstein hier durchaus öfter in den Kommentaren meldet. Dann finde ich seinen Artikel jedoch halbgar und erschreckend konformistisch mit dem Mainstream. Ein Leser schrieb hier in den Kommentaren, dass er es gut fände, dass auch Artikel im Freitag stünden, an denen man sich reiben könne. Absolut einverstanden. Vollständig. Nur lebt dieser Kommentator anscheinend in einer (linken) Blase. Weder im SPIEGEL, in BILD, WELT, SZ und FAZ finde ich grundsätzlich verschiedene Positionen. Die mentale Richtung ist vorgegeben - in die wird marschiert.
Da muss ich Herrn Augstein fragen, worin der Gewinn für mich als Leser einer linken Zeitung (die ist doch noch links, oder?) besteht, Positionen und Artikel zu lesen, die ich auch 1:1 in Springers WELT und überall lesen kann. Seit Kohl anno '82 lesen wir vom bösen Staat und den guten rechtschaffenden Konzernen. Mit dem Ende des Staatskapitalismus' der DDR fühlte man sich bestätigt und auf der Überholspur. HARTZ IV und Ackermann IX waren die Folge.

Heute am Vorabend einer umfassenden Krise sehe ich, dass der neue Besitzer einer linken Zeitung Gerhard Schröder und Anthony Giddens kritiklos das Wort redet, dass Deutschland 2009 der FDP zu annähernd einem Fünftel der Wählerstimmen verhelfen wird und ich zweifle an meinem Verstand. Die Linkspartei verliert täglich %-Punkte, wo sie doch absahnen müsste, dass die Heide wackelt, warnte sie doch seit ihrer Neugründung unablässig vor einem entfesselten Kapitalismus.
Stattdessen finden linke Positionen nicht mehr statt, schon gar nicht in den Medien. Nichtmal als Fußnote. Denn der Mainstream hat sich (schein)linker Positionen (lies: Verstaatlichung) bemächtigt, weil darüber diskutiert wird mit MILLIARDEN STEUERGELDERN (größer kann ich es nicht schreiben) Konzernen zu helfen oder notleidenden Milliardärinnen. Ich hätte vom Freitag u.a. erwartet, dass er eine kalte, dezidierte Auflistung über die Lügen seit Schröder bis heute macht, was alles angeblich nicht finanzierbar war. Stattdessen muss ich so einen -Entschuldigung- halbgaren Quatsch lesen. Meinungsjournalismus allein reicht halt nicht.

Es ist eine bittere Ironie, dass heute linke Positionen, falls sie endlich mal LAUT artikuliert und mit nackten Zahlen belegt würden, mehrheitsfähig wären. Aber wir werden stattdessen belehrt, dass der Neoliberalismus -ursprünglich gesehen- eine feine Sache ist. Absurder geht es nicht mehr.

ChristianBerlin 01.03.2009 | 15:17

@J.A.

Klasse geschumpetert! – womit ich nicht die inhaltliche Argumentation meine, sondern die schöpferische Zerstörung des eigenen Mythos.

Ich gehöre hier zu der Minderheit, für die „rechts“ oder „links“ kein Wahrheitskriterium ist. Trotzdem kann ich die Aufregung einiger Kritiker verstehen.

Die gegenwärtige Krise ist Sie nämlich offenbar nur der Aufhänger. Sie begegnen ihr mit einer lupenreinen Theorie, die nicht in der Auswertung von aktuellen Beobachtungen gründet. Bis auf die Einleitung könnte der Text auch vor zehn Jahren geschrieben worden sein.

Ihr Hauptargument gegen zuviel Staat steht im vorletzten Absatz. In Ihrer Theorie stehen sich Bürokratien/Beamte und Unternehmen/Unternehmer kontrollierend gegenüber. Deren Vermengung würde eine allmächtige, unkontrollierbare Instanz schaffen.

So unabweisbar diese Konsequenz ist, so falsch sind m.E. ihre Prämissen. Das Argument funktioniert nur, weil Sie den Begriff „Politik“ dabei vollständig eliminiert haben. Versuchen wir, den nachträglich einzubauen, bricht es in sich zusammen.

Nicht Politik kontrolliert bei uns die Unternehmen, sondern Unternehmen kontrollieren die Politik. Das gelingt ihnen über verschiedene Kommunikations- und Gratifikationssysteme. Seit der sogenannten Flickaffäre sagt Politik diesen Systemen immer wieder aufs Neue den Kampf an - mit der einzigen Folge, dass sie immer perfekter werden. Das Ziel, das die Unternehmen mit dieser Kontrolle verfolgt wird, ist ebenso klar: Nutzen privatisieren, Lasten sozialisieren (so stand es noch im Leitartikel des ersten „neuen“ Freitag). Und dieses Ziel verfolgen sie nicht aus bösem Willen, sondern systembedingt, dem immanenten Sachzwang zur Profitmaximierung folgend, dem auch sie unterworfen sind.

Nur: Vor dieser Krise glaubte man (also der Mainstream), es könnten nur Neider etwas dagegen haben, weil alle dabei mitprofitieren und lediglich einzelne etwas mehr profitieren (Stichwort: Jammern auf hohem Niveau). Nun plötzlich wird ein ganz anderer Zusammenhang sichtbar und darunter ein bodenloser Abgrund, in den ein gewaltiger Strudel nun jedes Niveau fortzureißen droht, das hohe wie das niedrige.

Darüber schreiben Sie m.E. hier einfach hinweg, wenn Sie wie davon unbeeindruckt behaupten: [Zitat]Denn die Bürokratie kann die Unternehmen kontrollieren[/Zitatende] ohne im Text die Frage nach dem Totalversagen genau dieser Kontrolle zu stellen.

War, ist, wäre der drohende Total-Crash ein Betriebsunfall oder systembedingt? Das ist nach wie vor spannende Schlüsselfrage, zu der Ihr Text leider keinen wirklich weiterführenden Diskussionsbeitrag bieten kann. Allenfalls zeigen Sie uns einen Weg, wie man spielend darüber hinweg theoretisieren kann, als wäre das, was da war/ist/kommt nichts, was uns in unseren vorgefassten in-sich-logischen Meinungen zu verunsichern muss. ;-)

Axel F 01.03.2009 | 20:49

Okay Herr Augstein, dann eben in Zukunft keinen Freitag mehr. Ich habe mir ja keine Illusionen gemacht, als Ihr Name ins Spiel kam. Aber macht doch nichs, was sie machen gehört ja zu dem ganz normalen langweiligen Programm und ist so vorraussehbar wie banal.

Viel Glück noch mit ihrem diesem Projekt, in Zukunft dann ohne mich. Und ja: Es gibt genug Alternativen.

Axel F 01.03.2009 | 21:31

Torsten, so bemüht es wirkt, den Freitag als ein "Meinungsmedium" hochzustilisieren:
Inhaltlich gleiche oder sehr ähnliche Positionen wie in Augsteins Kommentar kann ich in 90 Prozent der deutschen Presselandschaft finden. Warum soll ich dazu den Freitag lesen? Das ist keine Kontroverse, da ist keine Differenz, keine Abweichung, daas ist einfach komplett bedeutungslos, immergleich, langweilig und banal.

Wenn ich kontroverse Darstellungen lesen will, dann lese ich die Jungle World. Die schaffen es seit vielen Jahren, sich nicht von Mainstream-Langweilern wie Augstein einebnen zu lassen.

Sonntagsfreundin 02.03.2009 | 00:24

Den vielen Kritikern an obigem Artikel und der Entwicklung des Freitags kann ich mich nur anschließen... Auch ich sehe, dass das für ihn so bezeichnende journalistische - und wenn man es genau meint, intellektuelle - Niveau mit den Erweiterungen und Erneuerungen (ordinärer, überflüssiger Alltagsteil, ermüdende Chronik, fragwürdige Werbeanzeigen, Platzfüllsparten) sowie in nicht wenigen Artikeln und in den Beiträgen seines neuen Verlegers gesunken ist. Vom Layout her sowieso, doch teilweise auch inhaltlich in Artikeln wie diesem passt es sich den Gepflogenheiten und dem Meinungsbild, welches wir tagtäglich in den Mainstreammedien vorgebetet kriegen, an und trägt dazu bei, dass der Freitag seine Einzigartigkeit in der deutschen Presselandschaft verliert und viele seiner bisherigen Leser verprellt. Nachwievor lese ich mit Freude und großem Interesse Artikel von Jäger, Dahn, Dell, Herden und den vielen anderen, die den Freitag in der Vergangenheit prägten und jede Woche aufs Neue zu Denkanstößen und geistiger Regsamkeit einluden und anregten. Journalisten, die mutig und wach genug sind, die Situation scharf und vor allem kritisch - dazu oft mit feinsinnigem Humor und nicht selbstgefällig - zu analysieren und auch die Möglichkeit von Alternativen zum Bestehenden zu denken wagen. Doch erscheint es mir, als werde diesem anspruchsvollen, differenzierten und kritischen Journalismus im neuen Freitag allmählich der Raum genommen, es ist eine neue Zeitung am Entstehen, die viel von ihrem alten Geist verloren hat, die sich an die vorherrschende Meinungsmacherei anpasst, damit sie sich beim Mainstream, bei den Massen gut verkauft. Sollte dieses Ziel erreicht werden, wer braucht dann noch die 12.000 Leser des echten Freitags? Und wer möchte verantworten, dass die letzte Zeitung eines aufgeklärten, emanzipierten und humanistischen Journalismus untergeht?

christian kleinschmidt 02.03.2009 | 01:34

Zunächst zu den Fehlern, die mir beim kurzen Überblick sofort ins Auge gesprungen sind: Dritter Absatz zweite Zeile: Dort fehlt dem "insgesamt" das "s"/ Dritter Absatz von unten: Dort muss es heißen "Konfliktvermeidung", die Buchstaben "k" und "t" stehen falsch herum. Warum ignoriert die Online-Ausgabe, was die Printausgabe richtig schreibt? Die Texte sollten doch lektoriert werden, bevor sie überhaupt veröffentlicht werden!?

Zum Inhalt: Der Text ist furchtbar orientierungslos. Sollte "die" Politik ihren Raum zurückerobern, wird damit wesentlich mehr Bürokratie verbunden sein, als eine Vergesellschaftung jemals zulassen würde, denn diese ist im Gegensatz zur Politik im günstigsten Fall nicht hierarchisch organisiert. Politik ist stets etwas Statisches, etwas, was ohne Hierarchie und Bürokratie gar nicht funktionieren kann. Wenn "die" Gesellschaft nicht über die Verteilung von Gütern entscheiden kann, dann soll es "die" Politik etwa besser machen? Dann soll damit weniger Bürokratie verbunden sein und mehr Gerechtigkeit? Sie setzen noch eins drauf und behaupten der Markt und die Unternehmen selbst sollen ihre eigenen Kontrollinstanzen bleiben? Sieht man nicht in diesen Zeiten, dass eine solche Herangehensweise eben nicht zu dem gewünschten Ziel geführt hat und hingegen gravierende Missstände offenbart wurden? Es könnte der Artikel Wahlwerbung gewisser liberaler Parteilichkeiten in diesem Land sein - getreu nach dem Motto: Unsere Gesetze waren schlecht, also weiter wie bisher. Ich verstehe nicht, warum ausgerechnet dieses Beharren auf Bestehendem "unideologisch" sein soll. Was der Text im ersten Teil kritisiert, schreibt er sich am Ende auf die Fahnen.

Nun, da die LeserInnen des Freitag aufgefordert waren, mit einer neuen Zeitung über den Tellerrand des bisher Möglichen zu schauen, wünschte ich, dass die Texte es ihnen nachmachen. Dieser Artikel hat mit ganz großer Sicherheit nicht dazu beigetragen.

Vergesellschaftung bedeutet Demokratisierung in aller Konsequenz!

oca 02.03.2009 | 06:28

Meinungsmedium? Herr Augstein singt das Lied der herrschenden Meinung, und wir müssen unsere Zeit damit verschwenden, dagegen anzuschreiben, in der vergeblichen Hoffnung, ihn tatsächlich in den Feulletonteil abschieben zu können und so das Niveau des Freitag zu retten. Zum hunderttausendsten Mal lesen wir hier das ewig gleiche Vorgekaute.

Ich möchte mich Axel F anschließen und neben der Jungle World den frustrierten Lesern noch folgende Blogs etc. empfehlen (ohne den Anspruch, dass diese nun den Stein der Weisen gefunden hätten oder eine Wochenzeitung ersetzen könnten): "Wartezeit ueberbruecken...", "Emanzipation oder Barbarei", "www.german-foreign-policy.com".

oca 02.03.2009 | 06:29

Meinungsmedium? Herr Augstein singt das Lied der herrschenden Meinung, und wir müssen unsere Zeit damit verschwenden, dagegen anzuschreiben, in der vergeblichen Hoffnung, ihn tatsächlich in den Feulletonteil abschieben zu können und so das Niveau des Freitag zu retten.

Ich möchte mich Axel F anschließen und neben der Jungle World den frustrierten Lesern noch folgende Blogs etc. empfehlen (ohne den Anspruch, dass diese nun den Stein der Weisen gefunden hätten oder eine Wochenzeitung ersetzen könnten): "Wartezeit ueberbruecken..." und "www.german-foreign-policy.com".

Axel Henrici 02.03.2009 | 11:55

Lieber Christian Kleinschmidt,

vielen Dank für die Korrekturhinweise. Die Fehler sind korrigiert - leider finden diese sich (hier irren Sie) auch in der Printausgabe - was ärgerlich ist, aber auch daran liegt, dass der Aufmacher-Text der Print-Ausgabe den spätesten Redaktionsschluss hat und daher unter großem Zeitdruck redigiert werden muss - was natürlich keine Entschuldigung für Schlampigkeit ist...

Grüße vom CvD

pkaras 02.03.2009 | 13:38

Der neue Freitag ein Meinungsmedium? Ich muss sagen, dass z.B. in dieser Steinbach-Debatte einige Meinungen ich nicht als Meinungen betrachten kann, weil sie Ursachen falsch wiedergeben, verdrehen, Tatsächliches weglassen und somit ein unkorrektes Bild kreieren.
Herr Augstein, Sie verteidigen den Sozial-Darwinismus anhand des Opel-Beispiels, weil Opel-Autos nicht aussergewöhnlich sind und zu wenig verkauft und somit gerechterweise dem Untergang geweiht sind, also keine Gelder vom Staat erhalten soillten. Das sei schon immer so, Vergleich mit Grundig, Man sollte den Arbeitern sozialverträgliche Umstrukturierungen ermöglichen. In der heutigen Zeit heisst das in der Regel, man landet bei Hartz 4.
Aber was soll ein Opelaner mit ihrem Kommentar sonst noch anfangen? Dass er sich lieber um einen Arbeitsplatz bei BMW, VW etc hätte bemühen sollen? Weil die bessere attraktivere, Autos bauen? Ist letztenendes der Opelaner selber schuld, hat das Schicksal es nicht gut mit ihm gemeint, zur falschen Zeit am falschen Ort?
Was wäre wenn denn passiert, wenn vor 10 Jahren die Verantwortlichen bei Opel die technische Entwicklung mehr auf Umweltverträglichkeit hingelenkt hätten? Evtl hätte heute Opel ein Auto mit einer viel grösseren Umweltverträglichkeit als die viel schickeren spritfressenden Konkurrenten und könnte sich am Markt behaupten? Wurde aber nicht getan, weil die Umstrukturierung zu aufwendig, zu teuer und an der BÖRSE (wahrscheinlich) nicht belohnt worden wäre. Das Schielen auf die kurzfristigen Gewinne war für die Verantwortlichen wichtiger. Nur haben die ihre Schäflein im Trockenen, da kann ein Opelaner nicht mithalten.
Dieser Markt ist unmenschlich, weil zunehmend Sozialsysteme abghebaut werden und der Strukturwandel meistens zum JOb-Center führt.
Sie stellen diese Entwicklung als alternivlos dar. Das ist ewiges neoliberales Geschwafel.
Meinungen müssen fundiert sein, durchdacht, damit man eine Diskussion in Gang setzten kann. Ihr Artikel ist ein Ärgerniss und im Freitag deplaziert.
Und was heisst 'eine Karikatur des Neoliberalimus'? War etwa der Nationalsozialismus eine Karikatur des Faschismus? Hätte Deutschland unter einem 'normalen' Faschismus ein beseres Dasein gehabt? Sorry, aber der Artikel ist wirklich.....

Eduard Brauner 02.03.2009 | 13:38

Lieber Herr Augstein
Es ist sehr amüsant wie Sie, in Ihrem Artikel oberflächig argumentieren und sich dabei selbst widersprechen. Ich habe von Ihnen mehr erwartet! Wie sieht die Selbst/Kontrolle eines Privatunternehmens aus? Sagen wir z.B. einer Privatbank wie HRE. Der Markt soll also alles regulieren- sogar sich selbst? Wie das funktioniert können wir zu Zeit life anschauen. Die Verluste werden sozialisiert, die Gewinne sind schon längst privatisiert und werden gehortet auf den Konten der Steueroasen! Soll auf dieser Grundlage eine stabile, gerechte und demokratische Gesellschaft aufgebaut werden? Das ist die neoliberale Illusion, die man uns in den letzten Jahrzenten einzutrichtern versuchte.
Als Bürger und Wähler ist mir letztendlich die Kontrolle eines staatlichen Kollektivs lieber als einer privaten Person oder etwa einer Privaten Bank, den als Wähler kann ich mit meinesgleichen darauf hinwirken, dass eine bestimmte Regierung bei den nächsten Wahlen abgewählt wird, wenn sie nicht aufrecht und adäquat kontrolliert und regulier. Um meinen Einfluss gegenüber einer privaten Gesellschaft geltend zu machen müsste ich ein Anteilshaber von ca. 25% des Firmenkapitals bei dem Unternehmen haben, doch dazu fehlen uns gemeinen Wählern schlicht die Mittel!
Nur wir alle, als Individuen in einem wahrhaftig demokratischen Staat können die Verantwortung persönlich für das Ganze übernehmen. Also „mischen wir uns ein bisschen ein - so soll es sei“.

nbo 02.03.2009 | 20:27

da ich die ausgabe erst gestern nachmittag gelesen habe, mit verspätung ein punkt, bei dem ich zusammengezuckt bin:

"Ja, es ist nicht einmal der Neoliberalismus, der gescheitert ist. Sondern nur die Karikatur, zu der er geworden ist. Neoliberalismus bedeutete ursprünglich nichts anderes, als dass sich die Politiker seit den späten siebziger Jahren Stück für Stück an den Gedanken gewöhnt haben, dass der Staat den Katalog seiner Zuständigkeiten überprüfen und einschränken soll. Das war eine vernünftige Idee. Auch wenn kaum ein Begriff der politischen Debatte so viel Missbehagen auslöst wie dieser. Der Neoliberalismus ist zur Ideologie geworden."

wenn ich etwa david harveys "a brief history of neoliberalism" folge, ist der neoliberalismus von anfang an ein ideologisches projekt gewesen (und natürlich auch ein hegemoniales), und es wurde lange vor den 70ern angeschoben.

ich finde, man kann höchstens sagen, der neoliberalismus ist die karikatur des liberalismus bei adam smith, wie das z.b. vor einigen jahren fredmund malik im manager-magazin dargelegt hat: https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/0,2828,353623-3,00.html

tut mir leid, aber am neoliberalismus kann ich nichts exklusiv verteidigenswertes finden. eine betonung der eigeninitiative und staatsskepsis finden sich auch im anarchismus, aber anders und viel besser motiviert.

gruß, nbo

oca 03.03.2009 | 01:31

Ich würde mich sehr freuen, wenn im Freitag linke Positionen kritisiert würden. Das würde interessante Debatten auslösen. Jedoch kann man nur dann lesenswerte Kritik formulieren, wenn man sich mit diesen linken Positionen zuvor auch auseinandergesetzt hat. Herr Augstein kritisiert das, was er sich unter linkem Denken vorstellt. Und das ist so klischeehaft und einfältig, dass einem das Grausen kommt. Mich stört es nicht, dass Herr Augstein eine andere Meinung hat als ich, sondern dass er einfach nicht über das Mainstream-Niveau hinauskommt, weil er offenbar keine Ahnung davon hat, wie linke Kapitalismuskritik (und ich meine hier nicht Müntefering!) eigentlich aussieht.

Columbus 03.03.2009 | 01:43

Aus dem Wald auf die Lichtung
Die Politik soll Räume zurück erobern, die leichtfertig preisgegeben wurden.
So, wie die Publizistik dringlich Räume braucht, die nicht als Begleitkapelle des neuen liberalen Wirtschaftens missbraucht werden können. Leider lockt die Quote und es ruft die Leserweite.
Der Staat als Eigentümer auf Zeit. Das geht, wenn es eine korrekte Rechnung auf Gewinne und Verluste gibt, für die jemand verantwortlich ist und haftet. Derzeit bedeutet die Rede vom staatlichen Eigentum auf Zeit, von der staatlichen Beteiligung, -man kauft schließlich aus Not und will helfen, nicht gewinnen-, den Kauf von Unternehmen die hoffnungslos überschuldet sind und zudem noch weiter in die Überproduktion hinein produzieren. Aus Furcht vor dem totalen "Crash" verschwindet öffentliches Geld im Schuldenschlund Privater. Auf Rückzahlungsmodalitäten wurde weitgehend verzichtet, die anwachsende Staatsschuld raubt Zukunftschancen und fördert die Neigung, im Spiel auf Inflation zu setzen. Das ist kein Nullsummenspiel, obwohl politisch Verantwortliche und leider auch ein großer Teil der Presse, dies immer noch behaupten.
Opel schließt womöglich das "hoffnungslos überproduktive" Werk in Eisenach. Herr Obermann dopt sein Dienstleistungsunternehmen mit Lohndumping, Entlassungen und Arbeitszeitverlängerungen für die Dividende der Aktionäre. - Ein Narr, wer Böses dabei denkt! - "Schöpferische Zerstörung", diese Vokabel Schumpeters und Sombarts, erlaubt es, akademisch sauber, wenn auch angestaubt, jeden Pleitier als kreativen Gewinn für das Wirtschaftsganze auszumalen.
Werter Herr Augstein, von solchen Nebelkerzen sollten Sie und ihre Zeitung sich keinesfalls anstecken lassen, sondern grundsätzlich nachfragen. Die wirtschaftliche Verfassung entscheidet über die Verteilung der Güter und aus Arbeit wird kaum jemand vermögend. Bei Fehlern nutzen Aktionäre Eigner und Management, den "Rückzug aus den Geschäften", so die elegante Floskel. Konsequenzen leiden vor Ort die Beschäftigten und die betroffenen Kommunen.
Glauben Sie tatsächlich, die „Linke“ als Partei und das geschmolzene Häuflein differenziert denkender, linker Intellektueller wünschten sich mächtige Bürokratien? Das wäre ja die Fortschreibung des Ist-Zustandes. Das Betreten des "Maschinenraumes" ist dem Volk und seinen Vertetern nur zuTagen der offenen Tür, die Augen verbunden und absichtsvoll bei der Hand genommen, gestattet. - Bisher gelingt ja nicht einmal die Sichtung der abgelaufenen Lagerbestände in den Wirtschaftskellern. - Wir bleiben platonische Schattenseher und unmündig. Damit das so nicht bleibt, brauchen wir keinesfalls die unendliche Vermehrung des Mainstreams und der Prickelbrausen. Grüße Christoph Leusch

Karam.Bolage 03.03.2009 | 21:58

Freitag vom 26.2.09
An der Staatsgrenze

Nun weiß ich endlich, wo es lang geht, Herr Augstein. Immer der Staatsgrenze entlang, nur keine Grenze überschreiten, nur nicht In Richtung Systemwechsel abbiegen! Schließlich geht es jetzt „darum, in der Zeit der Krise auf die Folgen der Krise zu reagieren“. Wunderbar, Ein Kern(er)satz mit Durchblick.

Nur eine bescheidene Frage: Welche Krise meinen Sie denn? Wir haben mindestens drei im Angebot. Und wenn wir die Grenze am Übergang Ökonomie abdichten und neue Spielfelder für die Finanzoligarchie aufmachen wird womöglich der Grenzzaun in der Nähe der Ökologie abgefackelt. Was machen wir dann?

Ruhig bleiben, auch in Krisenzeiten. Schließlich „gibt es im Leben für das Bestehende keine Garantie“. (Ein Gedanke von tiefer philosophischer Wahrheit, gratuliere!) Irgendwo brennt es schließlich immer an der Staatsgrenze!

Einer Brandrodung fällt offenbar auch das gesamtdeutsche Zeitungsprojekt „Freitag“ zum Opfer. Diese Grenzen waren einmal nach links abgesteckt. Nun werden die Grenzpfähle in Richtung Mitte verschoben. Den gewonnenen Platz füllen Sie von A bis Z mit Häppchen und Informationsmüll. In diesem „Alltag“ bin ich nicht zu Hause.
Wenn ich zur Mitte will, da kann ich doch gleich mit der „Zeit“ gehen!

Machen Sie nicht weiter so!

Beste Grüße

Karam.Bolage

Neukoelln 04.03.2009 | 14:05

Privatkapitalismus ist genauso wie der Staatskapitalismus immer eine Ideologie. Dass der Neoliberalismus zu seiner eigenen Karikatur wurde ist natürlich auch wahr, aber wird er das nicht zwangsläufig? Ist nicht all das was gerade passiert in dieser so genannten Krise in dem System, welches nach stetigem Wachstum verlangt angelegt? Herr Augstein, Sie tun hier so, als sei das alles nicht so schlimm, als sei dieses System mit ein bisschen Herumlaboriererei zu retten, und vor allem, als würde niemand sich einen Systemwechsel wünschen.
Wir zerstören unsere Umwelt, unser Wohlstand basiert auf dem Elend des größten Teils der Weltbevölkerung, wir kriegen die Kriminalität nicht in den Griff und so weiter und so fort.
Ich finde schon, dass es an der Zeit ist, und die Gelegenheit ist in dieser Krise nicht die schlechteste, auch über einen Systemwechsel nachzudenken, und die Dinge in Frage zu stellen, die uns hier irgendwann vielleicht alles kaputt machen werden. Zins, Wachstum, Konkurrenz. Und dann gibt es ja noch die, die schon seit jeher ernst zu nehmende Alternativen angeboten haben, nämlich die Anarchisten.

Interessent 04.03.2009 | 23:29

Leicht verwirrender Herausgeber -
Herr J.Augstein spricht sich für eine "politische Kontrolle wirtschaftlicher Prozesse" aus. Einverstanden. Nur - warum hat diese, wenn sie denn relativ einfach sein soll, sowohl zB.hinsichtlich der Fa.Siemens als auch ehemaliger Staatskonzerne und privater wie öffentlicher Finanzinstitute jüngst so eklatant versagt??? Auf Abhilfe durch einen "allmächtigen Staat" setzt wohl kaum jemand. Doch wie wäre es mit einer "wirklichen Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft" (einschließlich des Staates)...wie es auf Seite 5 in diesem "Freitag" Detlev von Larcher fordert? Vielleicht hätte eine derartige "Vergesellschaftung" einiges für sich - auch für die Mehrheit der Freitagleser?
Interessent

knorpeli 05.03.2009 | 15:31

Herr Augstein, was wollen Sie? Die Linken gegen den Strich bürsten? Mißlungen! Dem Leser erklären, dass Neoliberalismus schlecht ist, wenn er zur Ideologie wird? Was nehmen sie für eine Droge? Aha, es war also der fundamentalistische Neoliberalismus, der die Finanzkontrolleure blind machte! Erkenntnisgewinn für den Leser? Null! Fundamentalistischer Neoliberalismus? Bin ich im Kabarett?
Alles nur eine Frage der Unvernunft? Nicht eine Frage des Systems? Eines Systems, das Millionen Menschen hungern und unsere Welt verrotten läßt?
Himmel, da erklärt ja der Klaus aus der Sendung mit der Maus die Welt besser!
Und Herr Augstein, der Neoliberalismus ist nicht gescheitert - leider! Die Akteure lassen ihn gerade durch die Politik reparieren - aber so viel Erkenntnis erwarte ich schon garnicht mehr von ihnen!
Lang dauerts nicht mehr, dann ist es aus mit der Freundschaft zwischen mir und dem Freitag! Wenn es peinlich wird, pflege ich eine Zeitung aus der Hand zu legen!
Redaktion, entmachte diesen Verleger!!!!!!!!!!!!!!

micha74 06.03.2009 | 00:15

Man kann wohl einige Vorstellungen des Autors hinterfragen (oder ablehnen). Allerdings frage ich mich bei so manchem Kritiker: Wozu eine Zeitung kaufen? Wozu überhaupt noch kommunizieren? Wenn ich eh schon alle Antworten parat habe (natürlich inklusive Komplettlösung zur Krise), was erwarte ich dann vom Freitag? Dass der mich bestätigt? Um konkreter zu sein: Mein Gott sind sich einige hier ihrer Sache sicher! Da fehlt bloß noch der Schlusssatz "6 – Setzen!!" dann sind wir alle wieder in der Schule. Und immer gleich diese Aburteilungsreflexe. "Der Augstein ist blöd, der weiß nicht was Neoliberalismus ist - oi oi oi" Wirklich? Das mag ja in Konkret oder Jungle World normal sein, aber muss es dass hier auch? Müsste man nach den letzten 90 Jahren europäischer Geschichte nicht etwas vorsichtiger von den gesellschaftstheoretischen Bergen herabschauen?

Das soll nun wirklich keine Verteidigung des Textes sein. Aber Augstein verweist für mich vor allem darauf, dass es eben keine Patentlösungen gibt. Und zwar nicht weil die Lösungen falsch wären, sondern weil kaum klar ist, wie sie gesellschaftlich umgesetzt werden sollten. Wie viele Deutsche (Franzosen, Russen, Amerikaner, ...) sind im Kern wirklich GEGEN den Kapitalismus und wie vielen ist dies einfach nur schnurz, solange sie ihre Konsumwünsche erfüllen können? Und was ist, wenn die große Masse der Bevölkerung schlicht dies will, egal zu welchen Kosten für Umwelt, Dritte und Zweite Welt bzw. die Loser in den ALG II Ghettos? Hat der Neoliberalismus Leute in die Armut getrieben, betriebliche Mitsprache zurückgedrängt, zu ständig neuen Null-Runden geführt. Natürlich! Und noch viel mehr. Und trotzdem hat die große Masse auch von diesem Neoliberalismus profitiert, weil er Zugang zu Massenkonsum ermöglicht hat. Sicher – man kann (und muss) nach dem Preis dafür fragen und man kann diesen „Profit“ letztlich als ungeheuren Verlust begreifen.

Aber damit stünde man ziemlich allein da. Die Wut und Verzweiflung die jetzt vielleicht hochkocht – richten die sich wirklich gegen den Neoliberalismus? Oder wird da nicht eher ein Stück vom Kuchen eingefordert. Und wie soll der „Masse“ beigebogen werden, dass eine neue Ökonomie auch Verzicht bedeuten müsste und Umorientierung auf andere Werte und Ziele im Leben, weil es in einer gerechteren Welt keine mp3 Player für 10 Euro geben kann? Und was, wenn eine Mehrheit dies nicht will, wer wird sie dann zwingen? So habe ich es verstanden, bin wohl auch etwas schlicht gestrickt …

Grüße aus LE!

knorpeli 06.03.2009 | 12:03

Zweifelsohne haben sie Recht, Michael Jäger! Und zweifelsohne hatte auch Rosa Luxemburg Recht! Ich schätze im Übrigen ihre Texte immer sehr, auch wenn ich nicht immer mit ihnen übereinstimme. Bei Herrn Augstein geht mir das nicht so, warum wohl........... Aber ich will hier garnicht weiter polemisieren, das scheint auch den meisten Lesern nicht zu gefallen.
Ich gebe mich geschlagen und den Freitag bald für mich verloren!

Neukoelln 06.03.2009 | 12:16

Entschuldigung, aber wo führt uns bitte eine Debatte über Stil und Artigkeit bitte schön hin?
Und darf man etwa ein System nicht in Frage stellen, weil man nicht mit hundertprozentiger Sicherheit eine Alternative vorzuschlagen hat?
Natürlich wird es unendlich schwierig sein in unserer Gesellschaft einen tatsächlichen Systemwechsel herbeizuführen, der natürlicherweise mit teilweisem Verzicht auf allen Seiten zu tun haben muss.
Aber noch klarer ist doch, dass er kommen muss, wenn wir die rasante Talfahrt, auf der wir uns derzeit befinden, irgendwie noch stoppen wollen.
Und deshalb würde ich mir wünschen, dass sich eine solche Zeitung wie der Freitag eher für die Rückkehr des Politischen stark macht, als dass sie in den allgemeinen Kanon von "der Staat wirds schon richten, es wird schon alles nicht so schlimm werden, usw." einstimmt.
Es ist allerhöchste Zeit, dass sich was ändert, und das "wie" kann nur ein politisches Gemeinwesen herausfinden. Ein solches wieder zu werden, dazu sollten wir die hier gern so genannte "Masse" anstiften.

knorpeli 06.03.2009 | 12:20

Lieber micha74, vielen Dank für diesen Kommentar - ich stimme dem meisten zu. Ich glaube, wir sind beide gleich schlicht gestrickt ;-)

Der Vermutung, dass den meisten Menschen ihre Konsumwünsche wichtiger sind, als alles andere mag ich voll und ganz zustimmen. Deswegen ist es ja umso wichtiger, die Wege in eine gerechtere Gesellschaft zu diskutieren. Wenn wir aber schon in der Analyse scheitern, wird nichts gelingen können! Und Feststellungen wie: "Der Neoliberalismus ist zur Ideologie geworden." oder Hinweise auf einen "neoliberalen Fundamentalismus" u.ä. helfen sicher nicht, sondern führen eventuell (wie z.B. bei einem Teil der Gewerkschaften schon geschehen) hin zu einer Überzeugung, dass der Neoliberalismus nur gezähmt werden müsse und dann ginge es schon wieder bergauf! Da reagiere ich empfindlich und der arme Herr Augstein muss es ausbaden.

Der "Masse" müsste man reinen Wein einschenken, eine Diskussion über die neue Definition von "Lebensqualität" anstrengen und klipp und klar sagen, wohin der jetzt eingeschlagene Weg führt. Alles andere führt zu einer weiteren Popularitätssteigerung der FDP und damit in ein neues neoliberales Zeitalter (und was ist die Steigerung von "fundamentalistisch"?)

..... aber jetzt werde ich schon wieder polemisch! ;-)

Philip Grassmann 06.03.2009 | 14:34

Lieber knorpeli,
der Freitag ist ein offenes Medium. Wir bieten unseren Lesern eine Plattform an, um über die Texte, die wir veröffentlichen, zu diskutieren. Auch die Redaktion stellt sich dieser Diskussion. Das ist ein Teil des publizistischen Konzepts des neuen Freitag. Ich würde mich deshalb freuen, wenn Sie sich vielleicht auch inhaltlich mit dem Artikel von Herrn Augstein auseinandersetzen würden. Ich Ihrem Beitrag kann ich jedenfalls davon nichts erkennen.
Da Sie aber auch die Redaktion ansprechen, möchte ich Ihnen gerne auch etwas dazu schreiben. Der Freitag hat einen klaren Kurs. Aber wir sind auch eine pluarlistische Redaktion. Weil wir eine attraktive, interessante Zeitung machen wollen. Das hat den Freitag immer ausgezeichnet. Es geht um den Diskurs. Und es wundert mich, dass Sie das als Freitag-Leser nicht zu schätzen wissen. Die Freitag-Redaktion jedenfalls sieht sich dieser Tradition verpflichtet und wird diesen Kurs auch künftig beibehalten.
Herzliche Grüße, Ihr Philip Grassmann

denoc 06.03.2009 | 16:14

@ micha 74:
Keiner der Kommentierenden hat behauptet alle Antworten parat zuhaben, also verstehe ich deinen Vorwurf nicht. Ich habe diese Zeitung immer geschätzt, weil dogmatische oder orthodoxe Positionen hinterfragt (sowohl (neo-)liberale als auch linke Positionen) und dem Leser gerade nicht "Komplettlösungen" serviert wurden. Und viele Leser lesen eine Zeitung nicht in der Hoffnung, dass sie glauben durch die Lektüre einer Zeitung könnte man die Welt verändern. Glaubst du die Leute sind wirklich so naiv? Wer die Verhälnisse verändern möchte, soll sich politisch engagieren. Ich lese eine Zeitung um mich über politische und gesellschaftliche Ereignisse, Standpunkte und über die Position der Redaktion zu informieren, kritisch zu reflektieren um daraus neue Erkenntnisse zu gewinnen (oder auch nicht).
Zweitens möchte ich darauf hinweisen, dass in unserer angeblich "pluralen Öffentlichkeitkeit", dass TINA Prinzip sich etabliert hat. Abweichenden und kritischen Positionen werden immer weniger Raum in der Öffentlichkeit angeboten. Oder siehst du das anders? Schau dir doch die langweiligen Talkshows im Fernsehen oder den "Kampagnenjournalismus" in Zeitungen an. Den Diskurs in der Öffentlichkeit empfinde ich eindimensional, wie die eindimensionalen Konsumenten der industriell produzierteren Öffentlichkeit.
Darum ärgern sich die Leser hier über die "Positonen" von Herrn Augstein. Denn er reproduziert das TINA Prinzip. Man hat nicht so eine große Auswahl an Alternativen, dass man einfach das Blatt wechseln kann. Viele wären sehr traurig , wenn auch "der Freitag" als das letzte "gallische Dorf" von "Imperium" einverleibt werden würde. Versuche die empörten Leser nachzuvollziehen. Viele fühlen eine Ohnmacht gegenüber der überwältigen Hegenomie des TINA-Prinzips. Ich glaube keiner hat lust seine Zeit für Polemiken mit Herrn Augstein zu verschwenden, wenn da nicht die Hoffnug wäre doch auf den Verleger einwirken zu können.

denoc 06.03.2009 | 17:50

@ micha 74
"Oder wird da nicht eher ein Stück vom Kuchen eingefordert"
Was ist daran verwerflich, wenn man ein Stück vom Kuchen einfordert. Ist es nicht legitim, dass die ganze Menschheit am produzierten Reichtum partizipiert? Das bedeutet Verzicht für Menschen, die unnötige Luxusgüter konsumieren. Mir ist es auch egal, wenn die Mehrheit in Deutschland nicht verzichten möchte, während die Mehrheit der Menschen vom Reichtum augegrenzt wird. Und nur weil die Mehrheit keine Veränderung des Status Quo möchte, willst du uns den Mund verbieten? Sollen wir uns alle nach der Mehrheit richten?

micha74 06.03.2009 | 21:30

Um Stil bzw. gar Artigkeit geht es nun wirklich nicht. Trotzdem danke für die Reaktion. Natürlich darf man das System in Frage stellen, man muss sogar. Nur würde ich mich vor allzu leichten Antworten hüten und weniger Vertrauen in Schlagwörter haben. Verstehen Sie mich richtig, mein Herz schlägt links sogar ziemlich weit links, aber gerade als Linke sollten wir doppelt und dreifach prüfen, wie realistisch unsere Forderungen sind. Gegen Utopien habe ich wirklich nichts, solange deren Kehrseiten nicht schon wieder im Sinne des Zweckes, der die Mittel heiligt schön geredet werden.
Gerade nachdem ich meinen Kommentar geschrieben hatte, fand ich im Netz die Nachricht, dass die FDP immer mehr Stimmen gewinnt. Dieselbe FDP, die die letzten Jahre die Vorzüge des Neoliberalismus, des Rückzuges des Staates etc. gefeiert und gefordert hat. Die Bankrotteure sollen die neuen Saubermänner sein. Das ist die Realität beim deutschen Michel.

micha74 06.03.2009 | 21:53

OK - Komplettlösungen standen nicht da, da habe ich wohl etwas überspitzt. Worum es mir ging: Ich glaube, dass einige Leser eine vorgefasste Meinung bestätigt finden. Augstein ist irgendwie böse und siehe nun hat er seinen neoliberalen Offenbarungseid geleistet. Ehrlich gesagt, sehe ich auch nicht, dass in diesem Artikel ein vorherrschendes Meinungsbild reproduziert wird. „Jetzt erobert sich die Politik den Raum zurück, den sie nie hätte aufgeben dürfen. Aber sie wird dies mit Maß tun.“ Das widerspricht doch dem gängigen Zerrbild der angeblichen Gründe der Krise, nämlich jenen angeblich schwarzen Schafe in Banken und Unternehmen. Oder nicht? Wie gesagt, ich stimme sicher nicht dem ganzen Artikel und der „alte“ Freitag gefiel mir auch besser ...

Zum TINA Prinzip: Als vor Jahren das Internet an Bedeutung gewann, wurde immer wieder von der neuen Wissensgesellschaft geredet und von mehr Meinungsvielfalt. Und? Ist wirklich eingetreten. Wer will kann sich informieren, kann diskutieren. Das Internet biete noch jedem seine Nische. (Ich mag besonders die Seiten zur Hohlerde "Theorie", aber anderes Thema) Von diversen Zeitungen und Zeitschriften ganz abgesehen. Da kann man jetzt sagen, dass dies kein Ersatz für ein pluralistischeres Fernsehen /Zeitungen ist. Stimmt! Aber, und hier bin ich mir nicht sicher, gibt es überhaupt eine Nachfrage? Erzeugt ein besseres Programm, bessere Zeitungen mehr Nachfrage nach Qualität und Meinungsvielfalt? Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht bin ich da auch zu kulturpessimistisch.

micha74 06.03.2009 | 22:13

Sachte! Ich verbiete hier keinem den Mund - ich erlaube mir aber meine Meinung dazu zu sagen. Und was den Kuchen betriff: Da beißt sich die Katze in den Schwanz finde ich. Nichts dagegen, dass wir alle am Reichtum teilhaben, Aber wenn der auf Kosten anderer Menschen entsteht? Wenn du in einem x-beliebigen Normalo-Kaufhaus deiner Nähe alle Waren die unter ausbeuterischen Mitteln, unter rücksichtloser Verschandelung der Natur, mit Kinderarbeit etc. hergestellt wurden, entfernst, was würde dann noch verkauft werden? Wohl sehr wenig. Und hier wird es dann wirklich schwierig. Denn dies zu beenden, würde wohin führen? Das man Millionen Menschen in der 3. Welt ihrer Existenz beraubt? Dass erschwinglicher Einkauf für viele Menschen hier nicht mehr möglich wäre? Mir fallen dazu keine schnellen Antworten ein! Ich denke die Dinge liegen einfach etwas komplexer und für paar Parolen kann sich keiner was kaufen.

Jakob Augstein 06.03.2009 | 22:31

Lieber knorpeli,

(das bezieht sich jetzt auf Ihren Beitrag vom 6.3. / 11.20 - schade, dass ich den nicht direkt kommentieren kann)
Ich bin da - mehr oder weniger - Ihrer Meinung. Darum hatte ich im Zuge dieser Diskussion auch gesagt, dass die Gewerkschaften mit ihrer Lohnzurückhaltung selber Teil des Problem geworden sind. Es haben dann manche Kommentatoren eingewendet, die Medien hätten die Gewerkschaften unter Druck gesetzt. Ja, das mag wohl stimmen. Aber das sind dann ja tolle Gewerkschaften, wenn sie vor der Zeit, dem Spiegel und er FAZ iin die Knie gehen. Da gab es in der Geschichte der Arbeiterbewegung schon gefährlichere Herausforderungen ...

Sie schreiben nun: "Der "Masse" müsste man reinen Wein einschenken, eine Diskussion über die neue Definition von "Lebensqualität" anstrengen ..." Ja, das finde ich richtig. Das Problem des linken Diskurses ist meiner Meinung nach zu oft, dass er seinem Gegner zu sehr gleicht. Es geht um Zahlen und nicht um Werte. Es geht um Daten und nicht um Würde. Glück ist ohnehin nicht zu quantifizieren. Und wenn man den Leuten nicht beibringt, dass Glück nicht darin besteht, für 45 Euro in die Dominikanische Republik zu reisen, dann wirds mit dem anderen Gesellschaftsmodell nichts werden.

denoc 07.03.2009 | 14:07

... als ein möglicher erster Schritt.
" Mir fallen dazu keine schnellen Antworten ein! Ich denke die Dinge liegen einfach etwas komplexer und für paar Parolen kann sich keiner was kaufen".
Stimme mit dir vollkommen überein. Aber das ist kein Grund zu resignieren.Im Gegenteil wir sollten jetzt anfangen Gedanken austauschen wie eine postkapitalistische Gesellschaft aussehen könnte (die Debatte hat es immer gegeben aber jetzt beteiligen sich in Folge der Finannzkrise immer mehr Menschen daran) Wir haben doch jetzt schon die Produktionsmittel um die Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Nur ein Beispiel: Die heutigen Techniken der Landwirtschaft können 12 Milliarden Menschen ernähren. Aber gleichzeitig sterben in einem Teil der Welt Menschen am Hunger und in einem anderen Teil der Welt an den Folgen der Überernährung. Und das alles weil wir dem Diktat der Märkte folgen. Ich will mir nicht anmaßen schnelle Antworten zu finden. Aber ich stelle mir die Frage, wie können wir die heutigen Produktionsformen für die Bedürfnisse aller Menschen nutzen und sie von ihren existenziellen Nöten befreien? Tut mir leid wenn ich hier stark reduzierte Gedanken bzw. "Parolen" wiedergebe, aber in einer solch kleinen Kommentarspalte geht es leider nicht anders. Ich muss viele Aspekte leider ausblenden (die Frage der Ökologie, Partizipation, die Frage der Herrschaftstechniken etc.)

knorpeli 09.03.2009 | 15:40

Lieber Herr Augstein, wahrscheinlich sind ja die Gewerkschaften so stark wie ihre Mitglieder in der Summe...... und da haperts in der Tat (sage ich als überzeugtes aktives ver.di-Mitglied). Wenn es keine ökonomische Alphabetisierung der Gewerkschaftsmitglieder gibt, werden auch die Gewerkschaftsvorstände sich weiterhin "von den Medien unter Druck setzen lassen", wie sie schreiben.

Ja, lassen sie uns um Werte und Würde diskutieren - da stimme ich mit ihnen völlig überein! Trotzdem kann ich meine Kritik an ihrem Artikel nicht zurück nehmen, tut mir leid!

Vielleicht kommen wir ja doch noch überein, in der Frage der Deutung des Neoliberalismus und seiner grundständigen vernichtenden Eigenschaften.........., also mir ist eigentlich ziemlich egal, ob es der fundamentalistische Neoliberalismus oder was auch immer ist, der diese Welt verheizt. Außer Frage sollte doch unter uns stehen, dass die neoliberale Hegemonie der letzten Jahrzehnte, einer sehr weitgehenden Gehirnwäsche gleicht und Verantwortung dafür trägt, dass die Zahl der Verelendeten und Hungertoten dieser Welt zu, statt abgenommen hat. Weiterhin sollten wir nicht darüber streiten müssen, dass die den Neoliberalismus tragende Klasse ihr Mitwirkungsrecht an einer Erneuerung des Finanzsystems und der Wirtschaftsordnung verwirkt hat! Oder?

Ist doch wirklich nur die Frage zu klären, welche Wege die kritischen Menschen in diesem Lande gemeinsam gehen wollen/können, um die Lebensbedingungen für einen großen Teil der Menschen zu verbessern. Ok, ich habe "nur" geschrieben und ich weiß wohl, dass uns die Klärung dieser Frage im linken Spektrum leider viel Zeit und Kraft kostet.

Umso wichtiger ist es, dass die Blätter/Zeitschriften/Zeitungen/Online-Ausgaben dieses Spektrums nicht für Verwirrung sorgen, sondern mindestens in der Analyse sorgfältig sind. Die LeserInnen brauchen das, sonst haben wir alle gemeinsam keine Chance!

kupittel 09.03.2009 | 22:33

"Rätselhafte" LINKE

Da gibt es schon das eine oder andere Rätsel.
Nicht nur bei denen!

Misstrauten Sie doch den "Bürokraten" im Auftrag der Unternehmer so sehr, wie Sie den "linken Bürokraten" misstrauen!

Die Gegenüberstellung hie die Unternehmer, da die staatliche Bürokratie ist doch ziemlich sinnlos.

Abgesandte Bürokraten im Auftrag der Unternehmerverbände haben in den Ministerien die neoliberalen Deregulierungsgesetze geschrieben - bei Rot/Grün und dann weiter.

Ihre Ideologie der "Bürokratiebekämpfung" vernebelt die Rolle von wirtschaftlicher Macht und Bürokratie in deren Dienst, reserviert dem Markt die Rolle der "letzten Instanz".

So wird Demokratie zur Garnitur!

Jakob Augstein 09.03.2009 | 23:01

Lieber kupittel,
ja, ich sehe, was Sie meinen.
Es ist doch nur so, dass wir uns in einem Augenblick befinden - und das meine ich buchstäblich, also in einem Moment, der vermutlich nicht sehr lange dauern wird - in dem die Menschen in größerer Zahl plötzlich die Systemfrage stellen. Oder es überhaupt für denkbar halten, sie zu stellen. Das ist ja sehr ungewöhnlich. Weil eben diese Krise sehr ungewöhnlich ist.
Also ist Gelegenheit, sich mit sehr grundsätzlichen Themen zu befassen.

DIe Gegenüberstellung von Unternehmertum und staatlicher Bürokratie ist nicht so ganz sinnlos, finde ich. Denn meiner Auffassung nach, ist der Markt als Instrument der Entscheidungsfindung / Ressourcenallokation dem Staat überlegen - aber nur theoretisch, als Konstruktion. Denn im echten Leben lässt kein Staat den Markt tatsächlich handeln, aus tausend Gründen und Interessen. Im echten Leben übernimmt die Bürokratie die Kontrolle - die der Unternehmen und die des Staates und verzerrt den Markt.

Markt bedeutet eigentlich nichts anderes als Selbstkontrolle der Menschen.
Markt ist eigentlich Anarchie. Im besten und im schlechtesten Sinne.
Das bedeutet, dass weder der Staat noch die Unternehmen in Wahrheit ein Interesse an einem wirklich freien Markt haben.

Macht und Interessen lassen ein solches selbstkontrollierendes System nicht existieren. Bürokratie und Institutionen treten an die Stelle der Selbstkontrolle. Und daher stellt sich die Frage, wer diese Bürokratie kontrolliert, die staatlichen ebenso wie die unternehmerischen. Je weiter dieser Prozess voranschreitet, desto mehr nähern sich diese Bürokratien ja einander an, wie Sie in mit Ihrem Hinweis auf die Zuarbeit der Unternehmerverbände selbst schreiben. Das ist dann aus der Sicht des Bürgers der absolute Kontrollverlust. Wie geht man dagegen vor?