An einem ganz normalen Lesetag

Umfrage Wenn man’s recht bedenkt, besteht das Leben vor allem aus Lesen. Aber wie bewältigt man das tägliche Pensum von Blog bis Buch? Sieben Publizisten legen Zeugnis ab

Über Bookmarks

Einen typischen Tag klappe ich mit einem Buch auf und an seinem Ende mit einem Buch wieder zu, meist mit einem Roman. Ich lese noch immer gedruckte Zeitungen und Bücher, aber die moderne ameri­- ka­nische Literatur lese ich auf dem Kindle. Das Gerät kann nichts anderes als den Text anzeigen, deshalb funktioniert das für mich gut. Blogs, Twitter, Facebook, auch Magazine wie den Economist lese ich auf dem iPad, selektiv und daher oft über Bookmarks oder mit „read it later“. Mein Highlight: Essays und Kurzge­schichten aus Harper’s Magazine oder Atlantic Monthly. Miriam Meckel

Last der Leserbriefe

Im letzten Jahr habe ich fünf Bücher im Monat gelesen, in diesem will ich sechs schaffen, die meisten verbilligt von Wohlthats an der Ecke. Nicht schreiben müssen, nur lesen dürfen, das wäre das Glück. Ich lese zu langsam und jeden Mist bis zu Ende. Da man fast alles vergisst, schreibe ich viel raus, das dauert ewig. Um 9 Uhr lese ich die Meta-Feuilletons auf perlentaucher.de, um 14 Uhr die Meta-Rezen­sionen, dazwischen die Bild für Studenten (Spiegel online) und den Facebook-Müll. Wenn ich die FAZ kaufe, fühle ich mich schuldig, wegen der Zeitverschwendung. Ich brauche dann den ganzen Vormittag für Leserbriefe, Todesanzeigen und Be­sprechungen neuer technischer Geräte. Die großen Artikel lege ich zur Seite, die schaffe ich erst später. Literatur macht mich glücklich, Computer machen mich hyperaktiv. Alles mit Strom drin (E-Book) eignet sich gut als Spielzeug. Jochen Schmidt

Nachrichtenjunkie

Den Tag beginne ich mit Radio im Bett, Deutschlandradio Kultur, seitdem ich mich für Radio Eins zu erwachsen fühle. Ich hasse am Morgen aufgeweckte Stimmen. Zum Frühstück gibt es die taz und die FAZ, bei der FAZ ist das Feuilleton ein Muss, bei der taz lese ich crossover. Donnerstags kommt der Freitag dazu. Die diversen Zeitschriften lasse ich mal weg. Wenn die Zeit für ein Frühstück zu Hause nicht reicht, kommen die Zeitungen mit, wohin es auch geht. Am späten Vormittag lese ich den Perlentaucher auf Computer oder Smartphone. Ab und zu rufe ich auch auch die Seiten der New York Times auf, für den Weltblick. Bei den Blogs lasse ich mich treiben, springe von Blog zu Blog, wie von Insel zu Insel. ­Facebook benutze ich eher aus Neugierde, was die anderen so machen oder womit sie sich auseinandersetzen. Meistens ent­täuschend. Spiegel online rufe ich über den Tag verteilt mehrmals auf, allerdings bin ich am Wochenende oft frustriert, weil da selten aktualisiert wird. Auch regen mich die miese sprachliche Qualität und die Angewohnheit auf, aus jedem großen Weltthema „Vermischtes“ zu machen. Nur bei Katastrophen schalte ich tagsüber den Fernseher ein. Eigentlich brauche ich ihn nicht, und wenn doch, dann ist es eher das Nachtmagazin als die Tagesschau. Radio dagegen läuft immer, wenn ich zu Hause bin oder an einem Ort mit W-LAN. Eine Stunde ohne Nachrichten, und ich fange an, Krankheitssymptome zu entwickeln. Ich war schon als Kind ein Nachrichtenjunkie, dabei ist es geblieben. Ach so, das Wichtigste fast vergessen: Bücher lese ich immer und überall, manchmal läuft gleichzeitig das Radio und ich schreibe nebenbei noch SMS oder Mails. Am liebsten lese ich Bücher, wenn ich unterwegs bin, mit Straßenbahn, Zug oder Flugzeug. Annett Gröschner

Mit dem Bleistift

Für manchen mag es seltsam klingen, aber auch mit 80 halte ich es mit dem Lesen wie schon als junger Student oder Lektor oder Journalist: Nix online, nix Blog, sondern auf Papier gedruckte Zeitungen und Zeitschriften sowie Bücher, die ich für meine eigene Arbeit brauche oder die mir (meist als unkorrigiertes Umbruchexemplar) zur Rezension zugeschickt werden. Tatsächlich habe ich für mein neues Buch Bestiarium der deutschen Literatur, das im Herbst erscheint, jüngst Dutzende von Büchern zeitgenössischer Autoren durchgearbeitet. Gelegentlich gönne ich mir einen neuen Roman oder nehme Klassiker zur Hand, die ich gerne noch einmal lesen möchte, manchmal mit dem Abstand und dem veränderten Bewußtsein von Jahrzehnten. Natürlich immer mit einem Bleistift in der Hand! Einen Computer fasse ich nicht an, habe mich bewußt dagegen entschieden, will mich dem nicht aus­setzen. Was höre ich immer von Freunden und Kollegen über grauenvolle, nervenaufreibende Abstürze und den Verlust ganzer Manuskripte und Texte! Fritz J. Raddatz

Im Vakuum lesen

Wie kann das eigentlich sein: Die Welt verändert sich radikaler als je zuvor in den letzten, sagen wir, 60 Jahren – und die Medien schaffen es kaum, die Veränderung abzubilden oder zu reflektieren. Ich blättere durch die SZ und sehe linksliberale Borniertheit. Ich blättere durch die FAZ und sehe amüsantes Meinungschaos. Bild habe ich abbestellt, die taz ist meistens etwas dünn – bleiben meine Lieblingszeitungen, Le Monde und vor allem die Financial Times Europe, Leuchttürme in einem Meer aus Ratlosigkeit. Sonst? New Yorker, New York Times online, The Atlantic, Les Inrockuptibles, Vanity Fair, The Economist, New York Magazine, vieles online, aber keine festen Anlaufstellen – seit meine AOL-Adresse gehackt wurde, bekomme ich auch nicht mehr die täglichen Briefings von The Daily Beast. Facebook ist verslumt, Google+ irgendwie noch hohl, bei Blogs werde ich ungeduldig, ich lebe und lese in einem merkwürdigen Vakuum, one step removed from reality. Bleiben die Bücher: Zwischen fünf und 15 im Monat, viele eher quer gelesen, lieber Sachbücher, weil die mir mehr über die Welt von heute sagen als fast alle Romane. Georg Diez

Der Stapel wächst

Die Beantwortung dieser Frage ist so schwer, weil es kaum so etwas wie einen typischen Arbeitstag und deswegen auch kein typisches Leseverhalten gibt. Ich habe allerdings einige Lesestrategien entwickelt, die mir helfen, das Lesen von der vollständigen Auflösung in Arbeit aber auch von einem Dualismus – notwendiges Lesen=Arbeit, genussvolles Lesen=Freizeit – zu bewahren. Eine regelmäßige Pflichtlektüre wie allmorgendliches Zeitungsstudium gibt es nicht, dafür wachsen im Arbeitszimmer bestimmte Stapel. Dazu gehören auch Bücherstapel zu Themen der nächsten Projekte. Es gibt eine Trennung von Arbeitszimmer und Bibliothek. Am angenehmsten und entspanntesten ist die Lektüre zu „übernächsten“ Projekten. Es vergeht allerdings kein Tag ohne etwas zu lesen, was mit nichts zu tun hat als mit der Lust am Text. Am schönsten ist das Lesen unterwegs: in Zügen, Bussen, Kaffeehäusern, Parkbänken... Glücklicherweise bin ich ziemlich viel unterwegs. Für bestimmte Situationen besitze ich auch ein E-Book. Ich lese hauptsächlich, um mich überraschen zu lassen. Georg Seeßlen

Ein Buch küssen

Online geht es los, mit den Schlagzeilen bei news.google und Mails. Dann schnell offline, zum Text, an dem ich gerade sitze. Mittags besorge ich mir ein Off-­Medium, Zeitung oder Magazin, jeden Tag ein anderes. Gegen 13 Uhr kurz wieder ­online, news, Facebook, Mails – bevor ich am Text weiterarbeite oder lese, meist drei bis fünf Papier-Bücher parallel. Ich schmiere alles mit Fragen oder Ideen voll. Manchmal küsse ich ein Buch oder knalle es auf den Boden. Am frühen Abend noch eine Online-Runde, ein Blog-Spaziergang (auch zu meinem eigenen) oder bisschen Google-Recherche. Wichtig: Ich versuche, nie nach 20 Uhr online zu sein und habe kein Smartphone. Offline is the real sexy. Katja Kullmann

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08:00 15.03.2012

Ausgabe 38/2020

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