Zeugnis ablegen

Siebenbürgen Erstmals erscheint ein Roman von Andrea Tompa auf Deutsch, grandios übersetzt von der Schrifstellerin und Büchner-Preisträgerin 2018, Terézia Mora
Eselfuhrwagen in Eforie Nord/Rumänien 1966
Eselfuhrwagen in Eforie Nord/Rumänien 1966

Foto: Rust/IMAGO

Im Herbst 1940 wird Ion Antonescu vom rumänischen König zum Ministerpräsidenten ernannt. Noch im selben Jahr tritt seine faschistische Militärdiktatur der Achse Berlin-Rom-Tokio bei. Sie hat bis zu 300.000 Juden, etwa 25.000 Roma und Tausende Opfer durch Hunger und Kälte auf dem Gewissen. Durch den königlichen Staatsstreich wird Antonescu 1944 gestürzt und zwei Jahre später hingerichtet. Unter König Michael I. scheint sich die Monarchie innenpolitisch zu demokratisieren, fällt aber immer tiefer in die politische Einflusssphäre der Sowjetunion, bis sie schließlich im Jahr 1948 in der Volksrepublik Rumänien aufgeht. Kurz bevor König Michael I. Ende 1947 abdanken und das Land verlassen muss, fällt Nordsiebenbürgen mit den Pariser Friedensverträgen von Ungarn wieder zurück an Rumänien.

An diese weltpolitischen Ereignisse knüpft Andrea Tompa in ihrem knapp tausend Seiten langen Roman Omertà an, der im kommunistischen Cluj-Napoca der Fünfzigerjahre spielt. Die rumänische Stadt im Westen Siebenbürgens ist zu diesem Zeitpunkt noch immer ein Schmelztiegel der Nationalitäten, Ethnien und Sprachen. Doch die Maßnahmen der Vereinheitlichung kulturellen, universitären und konfessionellen Lebens sowie die Kollektivierung der Landwirtschaft nach stalinistischem Modell sind in vollem Gange und etablieren bereits spürbar neue Lebensverhältnisse und existenzielle Nöte in allen Gesellschaftsschichten. Sobald der Mensch für das System in irgendeiner Weise relevant ist, treten Securisten und andere Genossen in sein Leben ein. Und sobald er ein Dorn im Auge der Repräsentanten des Staatssozialismus ist, muss er mit Schikane, Zwangsarbeit oder Gefängnis rechnen.

Das Buch des Schweigens, wie Omertà im Untertitel heißt, lässt vier Figuren zu Wort kommen, Kali, Vilmos, Annuska und Eleonóra. Vilmos, der Rosenzüchter, darf am längsten das Wort ergreifen. Doch ausgerechnet bei ihm tritt die Omertà, das Schweigegebot, das er sich selbst auferlegt, am deutlichsten zutage. Seine ganze Redeanstrengung und Selbstzensur zielt darauf ab, seinen sozialen Aufstieg vom Autodidakten zum Universitätsprofessor und dem gefeierten Leiter eines Forschungsinstituts nicht zu gefährden. Anfänglich ist er der begeisterte Eigenbrötler, der alles den Rosen, dem „Versuchsmaterial“, unterordnet, doch nach seiner Entdeckung durch den sozialistischen Wissenschaftsbetrieb kann er sich ihnen immer seltener widmen. Er stellt zwar fest, dass Wissenschaftsfreiheit nicht wirklich gegeben ist, aber seine Selbstzweifel sind nicht so stark wie sein Aufstiegswille. Auch zu den Repressionen, die sein nächstes Umfeld erfassen, schweigt er. Nachdem Kali sein Kind bekommt, schickt er sie beide aufs Land, wo er ihnen ein Haus kauft, damit er mehr Zeit für seine Karriere hat.

„Omertà“ ist Andrea Tompas dritter Roman

Kali ist schon Ende dreißig, eine Bäuerin, die ihrem gewalttätigen Ehemann davonläuft und sich auf dem Clujer Markt wieder als Dienstmädchen verdingt. Nur zufällig kommt sie an Vilmos. Er ist zufrieden mit ihr, mag ihre Schlagfertigkeit und vor allem ihre Märchen, die er vermisst, seit er sie in die für sie noch größere Isolation geschickt hat. Kali ist der Inbegriff der regionalen Folklore. Ihre Trachten und übersprudelnden Märchen repräsentieren eine im Verschwinden begriffene Welt. Auf dem Land findet sie Trost in katholischen Predigten, die Vilmos ablehnt, wie er überhaupt alle Religion ablehnt, womit er ganz auf Linie der Einheitspartei ist, mit dem Unterschied, dass die Einheitspartei die orthodoxe Kirche zum absoluten Monopol erheben möchte.

Die Schwestern Annuska und Eleonóra sind die eigentlichen Opfer der kommunistischen Ideologie. Vilmos hat mit Annuska eine Affäre. Ihr junges Alter, ihr Alkoholiker-Vater, ihre Armut, ihr Verzicht auf Bildung zugunsten des Broterwerbs – all das macht sie noch vulnerabler als Kali. Und schließlich Eleonóra, die als Nonne aufgrund ihres Glaubens die ganze Härte der Ideologie zu spüren bekommt.

Omertà ist Andrea Tompas dritter Roman und der erste, der auf Deutsch vorliegt. Man kann nicht umhin, darin auch Teile ihrer Biografie mitzulesen. Tompa wurde 1971 in Cluj-Napoca, deutsch Klausenburg, ungarisch Kolozsvár, geboren, sie gehörte zur ungarischen Minderheit in Rumänien und ist erst 1990 nach Ungarn emigriert, wo sie dann studierte. Sie hat sehr bewusst die späte sozialistische Republik Rumänien miterlebt.

Omertà ist ein faszinierender Roman, der in seiner Vierstimmigkeit die ganze Komplexität des bedrohten Menschen in seinem Selbsterhaltungstrieb und Begehren zeigt. „Ich bin süchtig geworden beim Lesen dieses Buches“, soll Péter Nádas gesagt haben. Zu Recht, möchte man ergänzen! Omertá ist ein monumentaler historischer Roman, der seinesgleichen vielleicht nur in der Siebenbürgen-Trilogie Miklós Bánffys findet, deren letzter Teil im Jahr 1940 erschien. Man muss nicht einmal Ungarisch sprechen, um Terézia Moras Übersetzung zu würdigen. Die Büchner-Preisträgerin von 2018 hat den Figuren mit großer Kunst Sprechweisen verliehen, die eindringlich von Gewissenskonflikt, Beichte, Selbsterkenntnis und großem Schweigen erzählen. Ihre Entscheidung, die Namen siebenbürgischer Städte, Dörfer und Flüsse weitgehend in ungarischer Sprache wiederzugeben, ist eine sprachpolitische und legt Zeugnis ab von dem jahrhundertelangen Tauziehen zwischen den Vertretern einer Rumänisierung respektive Magyarisierung Siebenbürgens, wo lange Zeit auch eine große Minderheit deutschsprachiger Siebenbürger Sachsen lebte. Im Anhang findet man die Namen teilweise in allen drei Sprachen aufgelöst.

Info

Omertà – Buch des Schweigens Andrea Tompa Terézia Mora (Übers.), Suhrkamp 2022, 954 S., 34 €

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