Anfang vom Ende

DER AUTOR ALS SACKGASSE Michael Ewerts Studie über "Auschwitz und die Verherrlichung des Mechanischen" ist ein bemerkenswertes Produkt des Zeitgeistes

Al Gore kommt auch vor. Allerdings ist das keine besondere Auszeichnung, denn in diesem Buch kommen alle vor. Literaturwissenschaftler warnen bereits, dass künftig Studenten, mit ein paar CD-Roms ausgerüstet, Dissertationen in kürzester Zeit und ohne den bisher üblichen intellektuellen Aufwand verfassen könnten. (Was dann unweigerlich die poststrukturalistische Promotionsschrift "Der Autor als Suchmaschine" nach sich zöge). Aber die Dramatisierung der wissenschaftlichen Aussichten ist übertrieben, denn es geht auch ohne den digitalen Selbstlauf. Zum Thema deutscher Faschismus ist in den letzten Jahren so reichlich Material hervorgebracht worden, dass bereits das Kurzzeitgedächtnis die Textabfassung hinreichend zu stützen vermag.

Michael Ewert beginnt mit Martin Walser, macht einen kleinen Umweg über Billy Wilder, Ernst Lubitsch und Alfred Polgar, um im Verlaufe seines munteren Surfens alle einschlägigen Vorkommnisse und Personen der letzten Jahre unterzubringen. Ein roter Faden ist schwer auszumachen, auch der Untertitel Auschwitz und die Verherrlichung des Mechanischen hilft da wenig weiter. Der Leser erwartet womöglich eine Analyse der nazistischen Modernisierungspolitik, die den Industrialismus des 19. Jahrhunderts mit anderen Mitteln fortsetzt, eine Abhandlung über die Funktion des Maschinenkults, die in den Vernichtungslagern ihre fürchterliche Vollendung findet; er erhält aber nichts von alledem. Michael Ewert versucht den Ursachen der nazistischen Destruktionsmaschine nachzuforschen und unternimmt zu diesem Zweck lange Ausflüge in die Geschichte, etwa um Antisemitismus und Autoritarismus im 20. Jahrhundert zu erklären. Ein Argumentationszusammenhang ergibt sich jedoch nicht, denn der Autor springt willkürlich durch Raum und Zeit, assoziiert blindlings und fertigt Sätze, die auf mechanischem Wege nicht zustande gekommen sein können: "Sie (Hitlers "Religion") deutete sich schon an bei Hitlers Haltung in Sackgassen, in denen er sich seit seiner Jugend befand." Er hat also immer randaliert, wenn er sah, dass es nicht weiterging, und vom Wiener Strafzettel bis zum verkehrswidrigen Verhalten vor Stalingrad ist es nur ein kleiner Schritt.

Hitler hat es dem Autor angetan: "Nach den ersten Eroberungen konnte es kein Zurück mehr geben, da Hitler den Mühen und Zwängen eines konstruktiven Aufbaus des Erreichten charakterlich nicht gewachsen war." Und dann noch: "Anfang vom Ende der Selbstmaskierung Hitlers war der Überfall auf die Sowjetunion." Aber auch altphilologisch orientierte Leser, die sich mehr für antike Sklavenhaltergesellschaften interessieren, finden hier etwas: "Ödipus hatte keinen Komplex. Er ist eine Metapher für die Zerrissenheit der patriarchalischen Konkurrenzgesellschaft." Die Zitate legen die Vermutung nahe, dass die Psychoanalyse, welche ihren Ausgang ja ebenfalls aus den Wiener Sackgassen nahm, maßgeblich auch dieses Buch zu verantworten hat. Die häufigsten Nennungen hat allerdings nicht Freud, Sigmund, sondern Fromm, Erich (was das Fehlen eines Personenregisters erklärt), der mittlerweile als eine Art Verona Feldbusch der Psychoanalyse firmiert und somit hier gegen den lästerlichen Strich gebürstet wird.

Michael Ewert will dem Mainstream, der Moral majority zeigen, was eine Harke ist. Er nimmt die Prügelknaben Finkelstein und Walser vor Kritikern in Schutz, was ihm irgendwie gewagt, ja geradezu verrucht erscheint. Sein Buch ist getragen von dem Impetus, zu dem vielbeschriebenen Thema "Nationalsozialismus" noch etwas Neues zu sagen, und beweist doch nur die Tatsache, dass eine Konjunktur eben auch Trittbrettfahrer hervorbringt, und das leider in einem kleinen feinen Verlag, der ansonsten ganz andere Akzente setzt. Was bleibt, sind Erkenntnisse: "In dem abgeschlossenen Raum der Zirkulation, wo erst Werte zur Erscheinung kommen, legt man sich nicht Rechenschaft ab, wie die Dinge liegen." Aber da die Dinge mal so, mal so liegen, und im Gewerbe sich rechnet, was man schafft und nicht nur das zirkuliert, was auch Wert besitzt, ist der Raum jetzt abgeschlossen.

Michael Ewert: Blinde Flecken. Auschwitz und die Verherrlichung des Mechanischen. Edition Nautilus, Hamburg 2001, 250 S., 38.-DM

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00:00 11.05.2001

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