Ansporn-Pop

Hurra Wer nach Nordkorea reist, wird schon im Flieger nach Pjöngjang mit Musikvideos auf den örtlichen Beat eingegroovt. Erkundungen im Land der ewigen Motivationsbeschallung

Die Welt staunte nicht schlecht, als Kim Jong-un kürzlich statt einer Rakete ein Entspannungssignal in die Sphäre schickte. Im Vorfeld der Olympischen Spiele kündigte er unter anderem die Entsendung von Cheerleadern und Musikern der 140-köpfigen Künstlergruppe Samjiyon Band nach Pyeongchang an. Auch über einen Auftritt der Girlgroup Moranbong Band wurde gemutmaßt, weil deren Bandleaderin Hyon Song-wol zur nordkoreanischen Delegation für die Vorabverhandlungen zählte.

Cheerleader und Girlbands passen nicht ins Klischeebild vom Propagandawesen im Kim-Reich. Tatsächlich sind sie aber Teil der nordkoreanischen Popkultur, wenn man sie so bezeichnen will. Der Kult um Führer, Partei, Armee und sozialistischen Aufbau wird von Musik und Beschallung aller Art im öffentlichen Raum begleitet. So gibt es in der wärmeren Jahreszeit jeden Morgen gegen sieben Uhr ein besonderes Schauspiel auf dem Vorplatz des Pjöngjanger Hauptbahnhofs, an dessen Fassade Porträtbilder der verstorbenen Führer Kim Il-sung und Kim Jong-il hängen. Unter den Augen des „Ewigen Präsidenten“ und des „Ewigen Generalsekretärs“ performen vielleicht 200 kostümierte Frauen. Zur Musik aus einem Lautsprecherwagen bewegen sie sich nach einer einstudierten Choreografie, mal mit Pauken, mal mit roten Fahnen, die sie über ihren Köpfen schwenken.

Die professionelle Beschwingtheit erinnert an ein Fernsehballett, hat mit Unterhaltung aber nur bedingt zu tun. Die rhythmische Massengymnastik in der Frühe dient dem Ansporn der Werktätigen, die auf dem Weg zur Arbeit oder auf den Baustellen ringsum zugange sind. Die Nordkoreaner nennen es Motivationsmusik, entsprechend heißen die Kleinbusse mit den Lautsprechern auf dem Dach Motivationswagen. Sie sind überall in der Stadt zu sehen, wo sie die öffentlichen Plätze mit Verlautbarungen, Losungen und Musik beschallen. Musik hat in Nordkorea einen enormen Stellenwert. Wer ein Instrument beherrscht, wird in der Gesellschaft und beim Wehrdienst bevorzugt. Musik ist eine Art Staatsdoktrin, das Prinzip „Kunst als Waffe“ wird allumfassend umgesetzt.

Flauschige Worte

Schon im Air-Koryo-Flieger von Peking nach Pjöngjang werden Touristen wie Einheimische vom Bord-TV eingegroovt: mit Musikvideos des Militärensembles „The Korean People’s Army Merited State Chorus“, dessen pathetisches Marsch-Easy-Listening enorm populär ist, oder eben der notorischen Moranbong Band.

International erlangte die Girlgroup eine gewisse Berühmtheit, weil sie 2012 auf Veranlassung von Kim Jong-un gecastet wurde und ihren Landesvater gern mit flauschigen Worten („Wie kann er so nett sein, sein Lächeln ist so warm und süß“) besingt. Ebenso wie die Partei und die Armee. Musikalisch würde das auch in eine Carmen-Nebel-Sendung passen, nur dass bei den Bühnenshows im Hintergrund Raketenstarts und Bilder aus der sozialistischen Produktion zu sehen sind. Ein merkwürdiger Kontrast zu den Frauen in weißen Fantasie-Uniformen und Miniröcken, die an E-Gitarre, weißem Klavier und goldenem Saxofon musizieren.

Viele der bis zu 20 Mitglieder der Band bekleiden Offiziersränge. Ihr Aufzug hängt auch mit der speziellen nordkoreanischen Variante des Schönheitswahns zusammen: dem „Aussehen-zuerst-Prinzip“, einst offiziell eingeführt von Kim Jong-il. Es besagt, dass musikalisch hochbegabte Talente, die in die Konservatorien aufgenommen werden wollen, auch äußerlich was hermachen müssen. Kim Jong-il vertrat die Meinung, dass Bühnendarbietungen der Erbauung des Publikums zu dienen hätten und dass deshalb nur die „Schönsten“ auftreten dürften. Daran hält sein Sohn Kim Jong-un fest. Der jüngste Spross der Kim-Dynastie, der ein Faible für Entertainment nach West-Art hegt, hat eine schleichende Modernisierung der musikalischen Propagandakultur bewirkt. Das ist insofern bemerkenswert, als der Leiter des staatlichen Konservatoriums noch vor wenigen Jahren einem westlichen Dokumentarfilmer erklärte, es werde nur koreanische Musik gelehrt, weil koreanische Ohren keinen Jazz vertrügen.

Umso erstaunlicher ist, dass die slowenische Band Laibach vor zwei Jahren eine Einladung nach Pjöngjang bekam, die mit Songzeilen wie „Wir tanzen ... / Mit Totalitarismus / ... / Wir tanzen mit Faschismus / Und roter Anarchie“ provoziert. Trotz einer vergleichsweise zurückhaltenden Performance verwirrten sie das handverlesene Publikum. In der Parteizeitung stand anschließend nur eine kleine Konzertnotiz, in der die „hohen musikalischen und technischen Fertigkeiten“ der Gruppe gelobt wurden. Einen Mitschnitt, gar eine DVD vom Auftritt, gab es nicht.

Auf den CDs und DVDs des Labels Korean Gramophone Record sind vor allem Militärensembles verewigt, und Moranbong. Die Videos laufen auf Flachbildschirmen in Restaurants, Hotellobbys und am Eingang eines Vergnügungsparks. Musik und Gesang, vor allem in Form von Lobliedern auf die Führer, sind allgegenwärtig, im Touristenbus oder auf dem Fußweg zum Geburtshaus des als heilig verehrten Republikgründers Kim Il-sung: Die sanften Klänge kommen dort aus Büschen, in denen Lautsprecher versteckt sind.

„Musik ohne Politik ist wie eine Blume ohne Duft, und Politik ohne Musik ist wie eine Regierung ohne Herz“, hat Kim Jong-il einst verkündet. Musik zur Verehrung von Führer, Partei, Armee und Heimat ist bis heute im Land allgegenwärtig. Wie die Regierung mit Hilfe der Musikerziehung seit Gründung der Volksrepublik 1948 ihre Ideologie-Erziehung durchgeführt hat, beschreibt die Südkoreanerin Chang Mi-Kyung in ihrer Dissertation Musikpädagogik in Nordkorea. Im Übrigen sei Kim Jong-il nicht nur durch seine Publikationen zum größten Kunsttheoretiker Nordkoreas aufgestiegen, sondern einst auch als großer Musiker gefeiert worden. Als ein Mozart ebenbürtiges Genie, das schon als Teenager wertvolle Werke komponiert habe, darunter das „Segnungslied“ für seinen Vater.

Inwiefern die Nordkoreaner dem Karaoke frönen – ihre Landsleute im Süden gelten immerhin als das karaokeverrückteste Volk der Welt –, kann man nur ahnen. Zwar erblickt man hier und da in Pjöngjang kleine Karaoke-Maschinen (zum Beispiel in einem Museumsfoyer), aber Karaoke-Bars fehlen im Stadtbild.

Eine gibt es in dem von Westtouristen bewohnten Koryo Hotel, und in der feiert sogar der auf aggressiven Propagandapostern niedergerungene Erzfeind USA fröhliche Auferstehung in Gestalt zweier Untoter des US-Entertainments: Frank Sinatra und John Denver. Wie man spätestens seit der Disney-Figuren-Show für Kim Jon-un 2012 weiß, nimmt der es beim Thema Unterhaltung mit dem Amerika-Hass nicht so genau. Kürzlich erzählte der frühere US-Basketballstar Dennis Rodman, dass sein Kumpel Kim Jong-un ein großer Karaoke-Fan sei und sie gelegentlich zusammen sängen.

Gunnar Leue ist freier Journalist und war im August 2017 in Nordkorea, als die Raketentests für Aufruhr sorgten

06:00 17.02.2018

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