Artiger Vogel mit Stehtalent

KOMMENTAR Parteitag der CDU in Dresden

"Man hat versucht, die CDU zu zerschlagen. Wir aber haben standgehalten." Angela Merkel, als sie die Delegierten auf ihre Kanzlerkandidatur einschwören will, hat es nicht eine Nummer kleiner. Die Sprache der Parteien läuft immer auf den Mythos vom Sieg des Helden über die Mächte der Finsternis hinaus. So ungeschminkt wie hier hört man ihn aber selten. "Viele gucken mich ja im Moment wie einen etwas abartigen Vogel an." Frau Merkel bleibt nicht dabei stehen, Helmut Kohls Worte aus dem Jahr 1994 zu wiederholen. Sie muss auch gleich ihr Karriereschicksal mit dem Schicksal der Partei identifizieren. Nicht nur faktisch wie der Altkanzler, sondern Wort für Wort. Sie weiß nämlich, wie der Mythos erzählt werden will: Siegfried war einst Deutschland und sie ist jetzt die CDU. "Wir haben Nehmer- und Steherqualitäten bewiesen" - damit hat sie die Partei gelobt und sich selbst gemeint und die Delegierten gezwungen, beides gleichzeitig zu beklatschen.

Der Fähigkeit, mythisch zu erzählen, entspricht nicht ebensoviel Führungsqualität. Was hat sie ihrer Partei schon zu sagen? Wer sich für ihre Person interessiert, kann sich manchmal über Geistesblitze freuen, zum Beispiel den Vorwurf gegen die Linken, sie könnten "nie weiterdenken, als die Verhältnisse sind", weil bei ihnen "frei nach Marx" (wieso frei?) das Sein das Bewusstsein bestimme. Nur bleibt Frau Merkels Behauptung, sie für ihre Person sei über das Sein hinaus, gänzlich unbewiesen. In ihrer Wanderung durch alle Politikbereiche werden keine Innovationen sichtbar. Ist ihr Versuch glücklich, alles durch eine neue Formel zu verklammern? "Den Widerspruch zwischen Globalisierung und eigener Verwurzelung" will sie "versöhnen" helfen. Verwurzelung - ein so altmodisches Ersatzwort für Konservatismus könnte sich sogar als kontraproduktiv erweisen.

Edmund Stoiber kann es besser. Der Bayer konzentriert sich in seinem "Grußwort" auf die Schwachstelle der Regierung, ihre verfehlte Wirtschaftspolitik. So muss man es machen. Doch man täusche sich nicht. "Angie" kann Kanzlerin werden, obwohl sie keine Führungsqualitäten hat. Dazu reicht unter Umständen die Abwanderung von SPD-Wählern zu einer bundesweiten Schill-Partei. Aus dem Wahlkampf von 1998 hat Frau Merkel vielleicht gelernt, dass Lafontaine, gestützt auf seine Partei, wohl Kanzler geworden wäre, hätte er sich nur nicht von Medienmeinung und Beliebtheits-Umfragen beirren lassen. Sie hat freilich ihre Partei nicht so im Griff wie einst Lafontaine die seine. Aber das ist es, woran sie arbeitet: mit Dauerpropaganda auf "Regionalkonferenzen" ("die maßgeblich von Laurenz Meyer vorbereitet wurden", wie sie die eigene Rolle herunterspielt) und auch indem sie jenen Mythos erzählt, sie und die CDU seien Eins.

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00:00 07.12.2001

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