Aus der Asche

Auschwitz Sechs Chronisten erinnern sich an die Hölle des Sonderkommandos
Aus der Asche
Birkenau 1990

Foto: François Le Diascorn/Gamma-Raphon/Getty Images

Ethik und Moral – das alles steigt hier wie das Leben ins Grab hinab, schrieb Salmen Gradowski, ein Zeuge der Massenmordaktionen in Auschwitz. Die SS hatte den polnischen Juden, einen Büroangestellten und Literaten, wegen seiner robuster Natur dem „Sonderkommando“ zugewiesen. Hinter diesem Euphemismus verbarg sich ein dämonisches Konstrukt: Wer verdammt war, hier zu arbeiten – es waren vorwiegend Juden –, war unmittelbar am Tod anderer deportierter Juden beteiligt.

Die Mitglieder des Sonderkommandos mussten sie nackt in die Gaskammern treiben, die Leichen herauszerren, ihnen die Zähne und Prothesen ausbrechen, ihre Asche filtern und beseitigen, nicht verbrannte Knochen zerstoßen. Es galt, sämtliche Spuren des Mordens zu vernichten. Sie waren die schmutzige Hand des Teufels – die NS-Mörder leiteten lediglich das Giftgas in die Gaskammern, sauber, lautlos. Die Männer des Sonderkommandos waren so dicht am Geschehen, dass sie als Zeugen ermordet wurden, sobald sie nicht mehr gebraucht wurden. Die Besetzung der Arbeitskommandos an den Krematorien änderte sich je nach Bedarf; er war besonders groß, als 1942 die 432.402 ungarischen und die griechischen Juden nach Auschwitz kamen.

Letzte Entdeckung erst 1980

Jetzt hat Pavel Polian mit einem Team neun Dokumente als „Zentrum des Gedenkens“ erstmals in einer deutschen Gesamtausgabe herausgebracht. Es sind die bestürzenden Aufzeichnungen von Mitgliedern des jüdischen Sonderkommandos, die zwischen 1945 und 1980 in Auschwitz entdeckt wurden. Die Texte sind schon vorher in mehreren Sprachen, aber oft nur fragmentiert und von der Zensur bereinigt, erschienen. Die hier vorgestellten Editionen wurden aus dem Jiddischen und Griechischen neu übersetzt. Dabei wurden viele Lücken gefüllt. Polian porträtiert ihre Verfasser und analysiert ihre Texte in Zusammenarbeit mit dem Historiker Andreas Kilian. Er setzt die bedeutsamen Fundstücke in den Kontext der historischen Forschungsgeschichte und der Spaltung des Kalten Krieges. Polian, 1952 in Moskau geboren und seit 1991 Freiburger, ist Historiker, Geograf, Migrationsforscher und Literaturwissenschaftler – eine „ungewöhnliche Berufsentwicklung“, wie der Historiker Hans-Heinrich Nolte von der Universität Hannover im Vorwort anerkennend bemerkt.

Das letzte der handschriftlichen Dokumente wurde erst 1980 durch Zufall in einer Thermosflasche nahe dem Krematorium III entdeckt: das Zeugnis des griechischen Juden Marcel (Manolis) Nadjari. Auch er war im Sonderkommando und einer der wenigen Überlebenden. Nadjari starb vor der Entdeckung seiner Aufzeichnungen mit 54 Jahren in New York. Über seine traumatischen Erfahrungen hatte er nie gesprochen. Selbst „der Gedanke, nach Birkenau zu reisen und sein eigenes Versteck zu suchen, kam ihm offensichtlich nicht in den Sinn“, erklärt Polian diesen Selbstschutz.

2013 veröffentlichte Polian die erste Ausgabe der Papierrollen aus der Asche in Russland, ergänzte Neuauflagen folgten 2015 und 2018. Darin entzifferte er auch zehn Prozent des durch Feuchtigkeit schwer angegriffenen Manuskripts von Nadjari. Angeregt durch ein Radiointerview zu dieser Veröffentlichung, meldete sich 2015 der IT-Spezialist Aleksandr Nikitjaev und sorgte dafür, weitere 80 Prozent durch Hyperspektralaufnahmen lesbar zu machen, ein sensationeller Fund, der in die deutsche Gesamtausgabe Eingang gefunden hat.

Die Manuskripte der sechs Chronisten variieren in Genre und Stil: zwischen alltäglichem Brief und fast prophetischer Dichtung. Die Autoren bewahrten sich durch das Schreiben ihre menschlichen Regungen und den Verstand. Die meisten ihrer Leidensgenossen erstarrten indes emotional; apathisch verübten sie wie Roboter ihre grauenhaften Pflichten, skrupellos oder selbstmordgefährdet. Polians Chronisten hingegen waren resilient. Ihre Erfahrungen zu beschreiben, nährte in ihnen die Hoffnung, der Nachwelt Zeugnis ablegen zu können. Widerstandsgeist und oft auch Rachegedanken boten ihnen etwas seelischen Schutz.

Gradowski war ein Anführer des Aufstands des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944. Dabei konnte es eines der fünf Krematorien funktionsunfähig machen. Er und die Mehrzahl der Aufständischen starben, zwölf konnten fliehen. Das Sonderkommando war „offenbar die einzige Kraft auf der ganzen Welt, die sich dazu entschlossen hatte, wenigstens einen Teil der Holocaust-Infrastruktur zu zerstören“, so Polian in Anbetracht der Tatenlosigkeit der Alliierten.

Sie waren keine Mittäter

Psychologisch einfühlsam versetzt er sich in die Chronisten, beschreibt sie als starke Persönlichkeiten, verteidigt sie gegen den jahrzehntelangen Vorwurf der Mittäterschaft. Wie hätte man im Lager eine Märtyrerunschuld bewahren können, wurde man doch bereits „schuldig“, wenn man an der Rampe nicht für den Tod, sondern für Arbeit selektiert wurde? Extremfälle von Kollaboration seien individuelle Ausnahmeerscheinungen gewesen, die „nicht auf struktureller Ebene vorkamen“. Polian kritisiert die Gleichgültigkeit Nachkriegseuropas am Andenken seiner Protagonisten, die Zensur und Schönfärberei der polnischen Zensoren in früheren Ausgaben der Manuskripte und „die Duckmäuserei“ von Museumsleitungen, die das Auffinden der Zeugnisse, die an 36 Orten versteckt worden sein sollen, sowie deren Veröffentlichung, jahrzehntelang verschleppten. Bis heute habe Gradowskis Werk in zentralen Ausstellungen zur Shoah keinen Platz, weder in Jerusalem, Washington noch Berlin oder Paris.

Polian aber hat den Zeugen der „Residenz des Todes“ ein Denkmal gesetzt und zudem einen gewichtigen Beitrag zur internationalen Holocaust-Forschung geleistet.

Info

Briefe aus der Hölle. Die Aufzeichnungen des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz Pavel Polian (Hg.) Roman Richter (Übers.), WBG Theiss 2019, 632 S., 48 €

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