Ausfallhonorar

Linsbündig Oder Al Capone in kurzen Hosen

Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen. Das letzte Hemd hat keine Taschen. Zieht den Bayern die Lederhosen aus! - Zwei Weisheiten und eine Forderung, alle dem vollen Leben entnommen. Wenn dem FC Bayern die Hose ausgezogen würde, stünde er nackt da, dann hätte er nichts mehr, wäre ökonomisch tot, und also könne man den Rekordmeister des deutschen Fußballs da suchen, wo sonst nur Uli Hoeneß´ verschossener Elfmeter vom 76er EM-Finale liegt: auf dem Tribünendach der Fußballgeschichte.

Seit bekannt wurde, dass Bayern München vom damals noch solventen Kirchkonzern etwa 40 Millionen Mark erhielt, um sich innerhalb der Deutschen Fußballliga für eine Zentralvermarktung stark zu machen, scheint die Chance so gut wie nie, den Bayern die Lederhose auszuziehen. Lizenzentzug und Zwangsabstieg werden gefordert, ja, gar die Rückgabe der Meistertitel.

Zentrale Vermarktung der Fernsehrechte an der Fußballbundesliga bedeutet, dass ein Verbund die Sache in die Hand nimmt, und für alle Profiklubs die Rechte, ihre Spiele im Fernsehen zu übertragen, verkauft. Fußball ist ein teures Gut, und so, wie der zahlen muss, der mit einem Kamerateam in eine Konzerthalle will, um wahlweise einen Auftritt der Rolling Stones oder der Berliner Sinfoniker zu übertragen, so muss es auch der im Stadion.

Bayern München hatte sich lange gegen die Zentralvermarktung gesträubt, denn, wenn der Verein, der ja so etwas wie das Markenzeichen des deutschen Fußballs, wenn nicht gar Deutschlands in der Welt darstellt, sich selbst vermarktet - man hatte in den vergangenen Jahren gar schon an eine eigene TV-Anstalt gedacht - könnte er höhere Einnahmen realisieren, als wenn er sich an einem Schlüssel beteiligt, der auch Vereine wie Energie Cottbus oder VfL Wolfsburg berücksichtigt.

Der Kirch-Konzern, zu dem der Bundesliga-Rechteinhaber Sat1 ebenso gehörte wie Premiere, das die Spiele im Pay-TV live zeigt, wollte die Fernsehrechte zentral vermarktet wissen, damit er beziehungsweise ein Sender seines Imperiums, sie günstiger einkaufen kann. Außerdem: Sonst verhandelte jeder Klub mit einem anderen Sender, und das Gesamtpaket Fußball-Bundesliga verlöre an Attraktivität. Die aber übertrüge sich auf die reichen und erfolgreichen Klubs, die dann bei den großen Fernsehsendern unterkämen: Bayern München, Borussia Dortmund, Schalke 04, vielleicht noch Bayer Leverkusen und Hertha BSC wären für die großen TV-Sender attraktiv. Für den Rest blieben die Dritten oder das defizitäre DSF.

Bayern München erhielt nun also vom Kirch-Konzern zwanzig Millionen Euro dafür, dass es gegen sein Interesse an einer Eigenvermarktung votierte und sich für eine Zentralvermarktung stark machte. Eine Art Ausfallhonorar also.

Was bleibt, ist die Aufregung, man habe einen neuen Bundesligaskandal, die Glaubwürdigkeit des so bedeutenden Spiels sei erschüttert und es handele sich eventuell "um verdeckte Schmiergeld-Zahlungen", wie es ein aufgeregter Berliner Rechtsanwalt, der prompt Strafanzeige erstattete, formuliert.

Die Aufregung aber kommt interessanterweise vor allem von einer Seite: dem konkurrierenden Großklub Borussia Dortmund, der derzeit als einziger deutscher Fußballverein ökonomisch mit den Bayern auf Augenhöhe steht und dem dieses Geld nicht angeboten wurde. Keine Empörung findet sich bei den kleinen Klubs, etwa dem VfL Wolfsburg, Hannover 96, Energie Cottbus oder Hansa Rostock. Die Verantwortlichen dort wissen sehr genau, dass die Millionen, die Bayern dazu bewegten, der Zentralvermarktung zuzustimmen, ihnen selbst die Möglichkeit eröffneten, am großen Fußballfernsehkuchen zu partizipieren. Wer sich natürlich auch aufregt, sind die guten und linksliberalen Bayern-Hasser, die große Mächte nicht mögen. Sie wittern das Al-Capone-Syndrom. Der amerikanische Schwerverbrecher strauchelte nicht wegen der von ihm begangenen und befohlenen Morde, sondern weil man ihn der Steuerhinterziehung überführte.

So hoffen nun viele, dass der Klub Bayern München, dem sportlich nicht beizukommen ist, doch über diese Affäre stürzt, was er natürlich nicht tut. Denn der Fußball hält für diese Gesellschaft zwei ganz große Lehren bereit: Grau ist alle Theorie, maßgebend ist auf´m Platz. Und: Zieht den Bayern die Lederhosen aus!

00:00 28.02.2003

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