Ausländer rein!

Perspektiven Die deutsche Einwanderungsdebatte ist verzerrt und ängstlich. Aber auch andere Länder sehen in der Migration zu sehr Belastungen statt Chancen
Redaktion | Ausgabe 04/2015

Am Ende war der Druck zu groß. Mehr als 5.000 Menschen haben eine Petition unterschrieben, um zu verhindern, dass Flüchtlinge im Dresdner Hotel „Prinz Eugen“ untergebracht werden. Das Gebäude wurde mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert, der Eigentümer im Internet bedroht. Daraufhin zog er sein Angebot zurück, 94 Asylbewerber dort aufzunehmen. Nun hat die Stadt Dresden ein Problem mehr.

„Prinz Eugen“ ist ein Symbol dafür, in welche Richtung der angsterfüllte Diskurs um Flüchtlinge und Einwanderung zurzeit in Deutschland läuft. Pegida vergiftet nicht nur mit dumpfen Ressentiments jede Debatte über Migration – nein, der rechte Protest hat bereits konkrete Folgen für das Leben von Flüchtlingen.

Klar ist ja: Probleme mit Integration gibt es immer – und wird es immer geben. Wenn Menschen zusammenleben, die sich zunächst einander fremd sind, läuft das nie völlig reibungslos. Doch sich in ein imaginiertes Abendland zurückzuziehen und die Grenzen dicht zu machen, ist keine Option in einer globalisierten Welt. Es gibt kein Land ohne Ein- und Auswanderung, Menschen überqueren Staatsgrenzen seit Tausenden von Jahren und werden das auch künftig tun. In der Bundesrepublik leben 6,8 Millionen Ausländer, das ist jeder zwölfte Einwohner.

Deutschland sollte deshalb mutig sein und mehr Einwanderung zulassen – um Menschen in Notsituationen zu helfen, aber auch, um hierzulande die fremdenfeindliche Stimmung zu bekämpfen. Wer Ausländer kennenlernt, baut Vorurteile ab. Statistisch kann man nachweisen, dass in Landkreisen mit höherem Ausländeranteil die Akzeptanz Fremder höher ist. Aber ist Deutschland nicht schon hinter den USA das Land, das die meisten Einwanderer anzieht? Die Berichterstattung über eine OECD-Studie ließ das vor Kurzem vermuten. Diese Interpretation der Studie ist aber falsch. Erstens wurden nur die Mitgliedsstaaten der OECD erfasst, also Industrienationen. Länder wie Pakistan, Iran oder Libanon waren nicht dabei. Und zweitens sagen die absoluten Einwanderungszahlen nicht viel über die Aufnahmebereitschaft eines Staates aus.

Die SPD will jetzt über ein Einwanderungsgesetz diskutieren. Das heißt aber nur: Die deutsche Wirtschaft braucht qualifizierte Arbeitskräfte. Unterdessen sterben im Mittelmeer weiter Flüchtlinge, weil Deutschland und die EU sich nicht an Seenotrettungseinsätzen beteiligen wollen. Dagegen protestieren keine Massen auf den Straßen.

Felix Werdermann

Afghanische Kinder in einem Camp bei Peschawar

Foto: AFP/Getty Images

Pakistan

Bevölkerung: 182,1 Millionen
Migration 2010 – 2014: plus 1,63 Millionen

Pakistan ist der Hauptzufluchtsort für Menschen aus Afghanistan. Die meisten flohen bereits 1979 zu Beginn der sowjetischen Invasion. Da der Krieg seitdem praktisch kein Ende genommen hat, folgten aber immer neue Wellen. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben gegenwärtig 1,6 Millionen Afghanen im Land, über drei Millionen kehrten über die Jahre zurück. Laut Regierung befindet sich aber eine weitere Million afghanischer Flüchtlinge unregistriert im Land. Viele leben in Gebieten, wo sie starke ethnische Verbindungen zur einheimischen Bevölkerung haben.

Sanaa Alimia, die sich als Sozialwissenschaftlerin mit afghanischen Flüchtlingen beschäftigt, hat in den vergangenen Jahren allerdings eine wachsende Feindseligkeit seitens der Behörden festgestellt. So würden Flüchtlinge gezielt verhaftet und gegängelt, um sie dazu „anzuregen“, in ihre Heimat zurückzukehren.

Homa Khaleeli

Zaun der spanischen Exklave Melilla vor Marokko

Foto: AFP/Getty Images

Spanien

Bevölkerung: 46,5 Millionen
Migration 2010 – 2014: plus 600.000

In Spanien wird die Debatte über Einwanderung zurzeit von der großen Zahl junger Menschen überschattet, die auf der Suche nach Arbeit dem Land den Rücken kehren. Während Zuwanderer aus Ecuador, Bolivien, Rumänien und Marokko den Ausländeranteil zwischen 1999 und 2009 von zwei auf zwölf Prozent erhöhten, kehren angesichts einer Arbeitslosenquote von 24 Prozent zurzeit viele wieder in ihre Heimat zurück. Außerdem suchen viele Spanier im Ausland ihr Glück. Seit 2010 verlassen mehr Menschen das Land als kommen.

„Die Wirtschaftskrise hat dazu geführt, dass die traditionell große Zahl der Einwanderer aus Lateinamerika merklich zurückgegangen ist“, sagt der Madrider Soziologe Joaquín Arango. Ihren Platz nähmen zunehmend Menschen aus China ein, die in der Krise eine Chance erblickten. Verglichen mit anderen europäischen Ländern würden Migranten in Spanien weit weniger Ablehnung erfahren. „Selbst sieben Jahre Wirtschaftskrise haben daran bislang nichts geändert“, betont Arango. Er erklärt es damit, dass das Land jahrzehntelang unter der faschistischen Diktatur gelitten hat. Die Erinnerung daran sei sehr lebendig. „Die Werte, die man in Spanien mit der Demokratie in Verbindung bringt – Antirassismus und Gleichheit –, sind deshalb sehr tief in der Gesellschaft verwurzelt.“

Menschen, die mit Flüchtlingen arbeiten, befürchten allerdings, dass diese Einstellung zunehmend verschwinden könnte – etwa Mikel Araguás von einer NGO, die Migranten bei der Integration unterstützt. In Anbetracht der harschen Sparmaßnahmen würden Einwanderer und Asylbewerber zunehmend als Konkurrenz betrachtet, sagt Araguás. „Wir erleben die ersten öffentlichen Versuche, Einwanderer zu kriminalisieren. In einigen Medien wird die Frage aufgeworfen, ob sie Steuern zahlen oder sich Sozialleistungen erschleichen.“ Im ganzen Land sind von rechtsextremen Gruppen organisierte Lebensmitteltafeln aus dem Boden geschossen, die Nahrungsmittel nur an bedürftige Spanier ausgeben. Und im Baskenland hat der Bürgermeister von Vitoria, der Hauptstadt der autonomen Region, kürzlich Algerier und Marokkaner pauschal beschuldigt, Sozialleistungen zu erschleichen.

Im September hat Araguás’ NGO eine Kampagne gestartet, um diesen Schmähungen entgegenzuwirken. „Schluss mit den Gerüchten“ lautet ihr Slogan. Auf ihrer Website versuchen die Aktivisten seitdem, mit Videos und Statistiken gegen die gängigsten Vorurteile anzugehen: Einwanderer wären eine Last für das Gesundheits- und Sozialsystem, sie nähmen den Einheimischen die Jobs weg und so weiter. Bereits über 300 Menschen haben sich für Workshops angemeldet, in denen vermittelt werden soll, wie man gegen diese Ressentiments argumentativ ankämpft.

Die Vorurteile hätten auch deshalb stark zugenommen, weil öffentlich nur wenig über Einwanderung gesprochen werde, kritisiert Araguás. Stattdessen konzentriere sich die Debatte auf die Grenzen in den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, wo Migranten oft monatelang im Freien schlafen, weil sie hoffen, es eines Tages über den Zaun zu schaffen, der Marokko von Spanien trennt. „Der Zaun spielt in der Debatte eine sehr große Rolle“, sagt Araguás. „Die Migrationsproblematik im Land wird dadurch völlig verzerrt dargestellt.“

2013 hätten gerade einmal 14.000 Menschen versucht, den Zaun zu überwinden. Nur 2.000 hätten es geschafft. Das ist ein verschwindend geringer Teil der 4,6 Millionen Zuwanderer, die in Spanien leben. Dennoch sind die Zäune zum Kristallisationspunkt der Debatte über Migration geworden. Menschenrechtsorganisationen, die EU und die Vereinten Nationen äußern Bedenken über das Vorgehen der spanischen Behörden, während die Regierung in Madrid den Dreifachzaun immer unüberwindbarer machen will und mit Klettterschutzdraht nachrüstet. Es sei eine völlig unsinnige Debatte in einem Land, das insgesamt mehr Menschen verließen als einreisten, bedauert Mikel Araguás.

Ashifa Kassam

Nepalesin auf Jobsuche

Foto: AFP/Getty Images

China

Bevölkerung: 1,35 Milliarden
Migration 2010 – 2014: minus 1,5 Millionen

„Zuwanderung ist in China gar kein Thema“, sagt Wang Huiyao, Präsident eines einflussreichen Pekinger Thinktanks. Ein viel drängenderes Problem als massenhafter Zuzug sei die große Zahl von Menschen, die das Land verlasse. Seit Anfang der 80er Jahre hat China fast 8,5 Millionen Menschen durch Abwanderung verloren. Die Führung versuche nun, dem Problem zu begegnen, sagt Wang: „China hält es mittlerweile für wichtiger, Talente zu rekrutieren als Investitionen anzuziehen.“

Gemessen an der Gesamtbevölkerung ist die Zahl an Ausländern in der Volksrepublik in der Tat sehr gering. Einer Statistik von 2012 zufolge leben nicht mehr als 633.000 Ausländer länger als drei Monate in der Volksrepublik. Die bei weitem größte Gruppe – ungefähr ein Fünftel – kommt dabei aus Südkorea. Auch aus den USA und Japan gibt es größere Gruppen. Der Rest verteilt sich auf Burma, Vietnam, Kanada, Frankreich, Indien, Deutschland und Australien.

Sich langfristig in China niederzulassen, ist ohnehin schwierig. 2010 erhielten gerade einmal 1.448 Ausländer die chinesische Staatsbürgerschaft, 2012 hatten chinesischen Medien zufolge lediglich 1.300 Ausländer ihre Greencards im Zuge einer Kampagne zur Rekrutierung ausländischer Wissenschaftler erhalten, für die zuvor laut getrommelt worden war. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete vergangenen Sommer, die Regierung denke nun darüber nach, „flexiblere Kriterien für die Vergabe von Greencards“ einzuführen.

„Verglichen mit westlichen Ländern steht die chinesische Gesellschaft Einwanderung sehr offen gegenüber“, sagt Wang. Die Neuankömmlinge seien aber auch deshalb willkommen, weil die meisten von ihnen gut ausgebildet seien. Wo die illegale Einwanderung ein gewisses Maß überschreite, werde die Haltung schnell weniger freundlich, fügt er hinzu. In manchen Gegenden gehe die Polizei hart gegen Einwanderer vor, besonders in Teilen von Guangzhou, wo viele Afrikaner leben. Afrikanische Händler und Geschäftsleute beklagen sich dort über willkürliche Razzien.

Im Zentrum der chinesischen Migrationsdebatte stehen aber die über 160 Millionen Arbeitsmigranten, die innerhalb Chinas vom Land in die Städte gezogen sind. Ihr Zugang zu Sozialleistungen wird durch das Haushaltsregistrierungssystem Hukou beschränkt, das die Bürger in Land- und Stadtbewohner mit unterschiedlichen Rechten teilt. Die Regierung hat zwar Reformen angekündigt, Experten erwarten aber nicht, dass sich schnell etwas ändert. Zu groß ist die Angst vor der Reaktion der alteingesessenen Stadtbevölkerung. Ein nicht kleiner Teil von ihr lehnt die Idee, den Landarbeitern mehr Rechte einzuräumen, rigoros ab. Die Argumente sind die gleichen, wie man sie aus europäischen Migrationsdebatten kennt: Die Schulen wären mit zusätzlichen Schülern überfordert, die Neuen würden die Kultur in den Wohnquartieren verändern.

Tania Branigan
Zusätzliche Recherche von Luna Lin

Flüchtlinge aus Myanmar vor der australischen Küste

Foto: Junai Di Hanafiah/Reuters

Australien

Bevölkerung: 23,7 Millionen
Migration 2010 – 2014: plus 750.000

Die Menschen kommen über das Wasser. Über nichts definiert sich Australien mehr, nichts hat seine Geschichte stärker geprägt – und nichts ist heute so umstritten. Premierminister Tony Abbott betont, die Ankunft der First Fleet sei der bestimmende Moment in der Historie des Landes gewesen. Gleichzeitig gewann er die Wahlen mit dem Versprechen, alle Flüchtlingsboote zu stoppen.

Australiens Haltung gegenüber Migranten ist zutiefst widersprüchlich: einladend und feindselig zugleich. Das hängt davon ab, auf welche Art die Fremden ins Land kommen. Grundsätzlich ist man stolz darauf, eine Nation von Einwanderern zu sein. Jeder vierte Australier wurde im Ausland geboren, und in fast 20 Prozent aller Haushalte wird eine andere Sprache als Englisch gesprochen. Die Nettozuwanderung wird nach Prognosen der Regierung bis 2017 weiter steigen. Die meisten Neu-Bürger kommen aus Indien und Großbritannien.

Und die Bevölkerungsstatistik erzählt von den historischen Einwanderungswellen: die australischen Ureinwohner, die vor 40.000 bis 60.000 Jahren aus Afrika über Asien ins Land kamen; die Strafgefangenen der First Fleet von 1788; die später immer weiter aufgeweichte Idee eines „weißen Australien“; die Nachkriegsgenerationen, die unter dem Motto: das Hinterland „bevölkern oder untergehen“ angeworben wurden; die ersten „illegalen“ Bootsflüchtlinge in den 1970ern.

Im 21. Jahrhundert spricht in Australien allerdings kaum noch jemand von Einwanderung. In regelmäßigen Abständen gibt es Debatten darüber, ob der trockenste Kontinent der Erde irgendwann 35 Millionen Einwohner ernähren könne. Von Arbeitsmigration spricht kaum noch jemand. Im Grunde ist nur noch von Asylbewerbern und Flüchtlingen die Rede. Die Haltung gegenüber Asylsuchenden ist dabei zweigeteilt: Diejenigen, die im Rahmen des Regierungsprogramms aus humanitären Gründen im Land angesiedelt werden, gelten als „rechtmäßige“ Flüchtlinge. Sie werden willkommen geheißen und unterstützt. Diejenigen, die unangemeldet auf Booten ankommen, werden als „Illegale“ und „Vordrängler“ denunziert.

Gleichzeitig mit der Einführung der Praxis, Flüchtlingsboote auf offener See aufzubringen, abzudrängen und dahin zurückzuschicken, wo sie hergekommen sind, hat Australien sein jährliches Aufnahmekontingent an Flüchtlingen von 20.000 auf 13.750 reduziert. Die Regierung erklärt, ihre harte Linie gegenüber Bootsflüchtlingen sei durch die Sorge um das Wohl der Betroffenen motiviert: Man wolle verhindern, dass Menschen auf dem Meer umkommen, dem „Geschäftsmodell der Menschenhändler“ die Grundlage entziehen und Australien gegen Bedrohungen seiner nationalen Sicherheit beschützen. Dabei sind, das zeigen Untersuchungen von Hilfsorganisationen, 90 Prozent der Bootsflüchtlinge politisch verfolgt und schutzbedürftig. Die Abschottungspolitik ist aber insofern erfolgreich, dass mittlerweile keine Boote mehr ankommen.

Damit ist Australien eines von nur fünf Ländern weltweit, die die Boote von Asylsuchenden abdrängen oder mit Gewalt wieder ins Meer zurückstoßen. Wer es schafft, an der Küstenwache vorbeizukommen, wird wieder außer Landes gebracht und in Internierungslagern in Papua-Neuguinea und Nauru festgehalten, wo Krankheiten, Gewalt und sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung sind. Im Durchschnitt werden die Menschen hier 426 Tage interniert. Auch die Kinder von Asylbewerbern werden eingesperrt. Gegenwärtig befinden sich über 600 Kinder in Haft.

Ben Doherty

Wagah, indisch-pakistanische Grenze

Foto: AFP/Getty Images

Indien

Bevölkerung: 1,2 Milliarden
Migration 2010 – 2014: minus 2,294 Millionen

An einem nebligen Morgen im vergangenen November riss ein Selbstmordattentäter in Wagah, dem einzigen Grenzübergang zwischen Indien und Pakistan, 61 Menschen mit sich in den Tod. Aufgrund der strengen Sicherheitsvorkehrungen schaffte es der Attentäter zwar nicht, von der pakistanischen Seite durch mehrere Absperrungen bis zum letzten Grenztor vorzudringen. Doch der Anschlag machte einmal mehr deutlich, wie wenig man gegen diese Attacken tun kann. Fragen der nationalen Sicherheit und Terrorabwehr haben die indische Einwanderungspolitik von Anfang an dominiert. Die 2.300 Kilometer lange Grenze zu Pakistan ist mit einem Zaun gesichert und so hell beleuchtet, dass sie aus dem All zu sehen ist. Zunehmend spielen aber auch illegale Einwanderung und der demografische Druck in Indien eine größere Rolle.

Im Osten, entlang der 3.360 Kilometer langen Grenze zu Bangladesch, ist es den Grenzbeamten mit den orangefarbenen Turbanen erlaubt, Menschen, die illegal ins Land kommen wollen, einfach zu erschießen. Human Rights Watch schätzt, dass seit der Jahrtausendwende mindestens 1.000 Menschen, unter ihnen viele Kinder, von indischen Grenzposten getötet wurden. Die meisten der Opfer sind arme Bauern, die auf ein geringfügig besseres Leben auf der anderen Seite der Grenze hoffen.

Die Migrationsbewegungen in Indien werden größtenteils nicht dokumentiert. Während die offiziellen Zahlen der Weltbank nahelegen, dass mehr Menschen das Land aus ökonomischen Gründen verlassen als zuziehen, reichen Schätzungen über die Zahl illegaler Einwanderer von drei bis 20 Millionen. Und Migration wird in Indien immer stärker zum religiös und politisch aufgeladenen Thema. Während des Wahlkampfs 2014 erklärte der jetzige Premierminister von den Hindu-Nationalisten, Narendra Modi, im Fall seines Siegs sollten „die Bangladescher besser schon mal die Koffer packen“. Mittlerweile spricht er davon, es müsse Platz für jene Hindus geschaffen werden, die vergessen wurden, als die Briten den Subkontinent 1947 aufteilten. Damals flohen Hindus nach Indien, Muslime nach Ost- und West-Pakistan. Eine Million Menschen kamen ums Leben. Ost-Pakistan – das heutige Bangladesch – wurde 1971 im Zuge eines weiteren blutigen Konflikts unabhängig. Seit diesen Teilungen ist Migration in der Region ein äußerst heikles und sehr emotionales Thema.

Indien hat die aus den Nachwirkungen des Kolonialismus entstehenden Probleme Jahrzehnte lang ignoriert. Man ging davon aus, sie würden sich irgendwann von selbst erledigen. Die Einwanderungspolitik des Landes leidet an Kurzsichtigkeit. Man hält es für eine Lösung, Menschen einfach auszusperren. Doch Armut und Klimawandel könnten dazu führen, dass in Zukunft Millionen Menschen, insbesondere aus Bangladesch, in Indien Zuflucht suchen werden. Spätestens dann dürfte der Punkt erreicht sein, an dem Neu-Delhi nach anderen Lösungen suchen muss als Stacheldraht und Gewehrkugeln.

Anu Anand

Ein Camp für illegale Einwanderer in Moskau

Foto: dpa

Russland

Bevölkerung: 144 Millionen
Migration 2010 – 2014: plus 1,1 Millionen

Egal, ob man in Moskau in eine U-Bahn steigt oder in einer größeren russischen Stadt einen Markt besucht – überall trifft man auf Gesichter aus Zentralasien und dem Kaukasus. In der Russischen Föderation leben elf Millionen Ausländer, viele von ihnen ohne Aufenthaltserlaubnis. Ein großer Teil von ihnen kommt aus ehemaligen Sowjetrepubliken, in denen mit dem politischen auch das wirtschaftliche System zusammengebrochen ist. Aus den Bergdörfern Tadschikistans verschwindet im Sommer die halbe Bevölkerung. Die Männer ziehen zu Hunderttausenden nach Russland, um dort auf Baustellen zu arbeiten oder andere harte Jobs zu übernehmen.

Weil viele nur auf Zeit im Land bleiben, und weil die Regierung einer solchen Entwicklung aktiv entgegenwirkt, haben sich in Moskau trotz des großen Anteils an Migranten aber nie Stadtteile herausgebildet, die von einer bestimmten Gruppe dominiert werden. Hier gibt es kein Neukölln oder Chinatown, und man geht auch nicht in einen bestimmten Stadtteil, um zentralasiatische Pilaw zu essen. Die Einwanderer sind über die gesamte Stadt verteilt. Die große Mehrheit bleibt aber in selbstgebauten Hütten auf Baustellen oder in billigen Hostels völlig unter sich. Ihr niedriger Lebensstandard sowie die bürokratischen Hürden, die es vielen Migranten unmöglich machen, an Arbeit zu kommen, ohne Bestechungsgelder zu bezahlen, führen oft zu Spannungen mit der einheimischen Bevölkerung. Vergangenen Sommer zeigte etwa eine Umfrage, dass 76 Prozent der Russen eine Beschränkung der Zuwanderung befürworten.

Gelegentlich entladen sich die Spannungen in Gewalt. So war es 2013 in einem Moskauer Vorort zu schweren Unruhen gekommen, nachdem ein russischer Fußballfan von einem Mann aus Aserbaidschan erstochen worden war. Die Regierung versucht, den russischen Nationalismus für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, muss aber aufpassen, dass er nicht aus dem Ruder läuft. Anstrengungen, die Situation der ungelernten Arbeitsmigranten zu verbessern, unternimmt sie nur selten. Als der nationalistische Politiker Dmitri Rogosin 2005 ein Wahlkampf-Video mit dem Slogan „Lasst uns Moskau von Unrat säubern“ veröffentlichte, war klar, dass mit „Unrat“ die Arbeitsmigranten gemeint waren, die in dem Clip schlecht Russisch sprachen und einer blonden Frau anzügliche Blicke zuwarfen. Das Video war sehr umstritten. Man kann aber nicht behaupten, dass es Rogosins Karriere geschadet hätte – er ist heute Vize-Premierminister.

Shaun Walker

Somalier in Scarborough

Foto: AFP/Getty Images

Südafrika

Bevölkerung: 51,8 Millionen
Migration 2010 – 2014: minus 100.000

Obwohl Südafrika zu den Ländern zählt, die weltweit proportional zur Bevölkerung am meisten Flüchtlinge aufnehmen, spielt das Thema in der öffentlichen Debatte eine überraschend kleine Rolle. Als Präsident Jacob Zuma vergangenen Juni seine Rede zur Lage der Nation hielt, erwähnte er die Einwanderung mit keinem Wort. Das kann in Anbetracht einer offiziellen Arbeitslosenquote von 25 Prozent, den Vorwürfen, Asylbewerber seien in Gewahrsam misshandelt worden, und manchen Ausbrüchen fremdenfeindlicher Gewalt durchaus verwundern. 2008 kamen 62 Menschen bei fremdenfeindlichen Ausschreitungen ums Leben, über 150.000 wurden vertrieben.

Wie so oft sind auch am Kap die Einwanderungszahlen chronisch ungenau. Der Zensus von 2011 geht von 3,3 Prozent oder ungefähr 1,7 Millionen Nicht-Südafrikanern unter der Gesamtbevölkerung von 52 Millionen aus. Zahlen von Weltbank und Vereinten Nationen sprechen von 1,86 Millionen Migranten.

2013 stellte die Regierung 108.000 vorübergehende oder dauerhafte Aufenthaltsgenehmigungen aus. Zwei Drittel davon wurden von Menschen aus Simbabwe, Nigeria, China, Indien, Pakistan, dem Vereinigten Königreich, Lesotho und Angola gestellt. „Die meisten dieser Menschen bringen Know-how mit ins Land“, erklärte Pali Lehohla vom Amt für Statistik im vergangenen Jahr.

Die harten Einreisekontrollen entzünden aber immer wieder Debatten. Der Zeitungseigentümer Trevor Ncube twitterte, nachdem er während einer Geschäftsreise auf einem Flughafen schikaniert worden war: „Es ist Zeit, dass die südafrikanischen Einwanderungsbehörden aufhören, jeden dunkelhäutigen Afrikaner, der ins Land kommt, wie einen Kriminellen zu behandeln.“

Die meisten Migranten kommen aus dem Nachbarland Simbabwe, wo die politischen und ökonomischen Verhältnisse in den vergangenen zehn Jahren immer instabiler geworden sind. Schätzungen zufolge leben zwischen 1,5 und drei Millionen Simbabwer im Land. Da Simbabwe die höchste Alphabetisierungsquote in ganz Afrika aufweist und die Simbabwer sich auch mit niedrigeren Löhnen zufriedengeben, stehen ihre Chancen gut, bei südafrikanischen Arbeitgebern als Kindermädchen, Wachmänner und Kellner eingestellt zu werden. Einige Südafrikaner werfen ihnen deshalb vor, ihnen die Jobs wegzunehmen.

Somalier, die vor dem seit 20 Jahren andauernden Bürgerkrieg in ihrer Heimat nach Südafrika geflohen sind, haben sich hingegen einen Ruf als Händler und Geschäftsleute erworben. 2012 führte ein Zeitungsbericht zu Ausschreitungen, der Bewohner einer Township in der Nähe von Kapstadt dahingehend zitierte, dass Läden von Somaliern billiger, freundlicher und länger geöffnet seien. Einheimische Ladenbesitzer sahen ihr Geschäft bedroht und randalierten auf den Straßen.

Doch weit entfernt davon, aus dieser Wut politisches Kapital zu schlagen, kritisierte Präsident Zuma seine Landsleute unlängst dafür, dass sie es am Unternehmergeist der Einwanderer fehlen ließen. „Unsere Leute warten auf die Regierung“, sagte er bei einer Pressekonferenz in Pretoria. „Sie sind es nicht gewohnt, aufzustehen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Jene, die zu uns kommen, erwarten hingegen nicht, dass die Regierung ihnen hilft. Sie kommen her, sehen die Möglichkeiten, die sich bieten, und nutzen sie. So haben sie bei uns das Kleingewerbe übernommen.“

„Wenn ich Journalist wäre“, fügte Zuma noch hinzu, „würde ich mich an die Südafrikaner wenden und sie auffordern, endlich aufzuwachen.“

David Smith

Übersetzung aller Guardian-Texte: Holger Hutt

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06:00 04.03.2015

Ausgabe 39/2020

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