Außen weich, innen hart

Pontifex Maximus Papst Franziskus ist reformerisch, pragmatisch und sehr populär. Aber ein dogmatischer Konservativer ist er auch
Außen weich, innen hart

Foto: Vincenzo Pinto / AFP / Getty

Die fliegenden Händler auf dem römischen Petersplatz sind übrigens große Anhänger von Papst Franziskus – und zwar nicht unbedingt wegen seiner Theologie. Eher, weil der Mann aus Argentinien nach zwei Jahren, in denen sowohl das Pontifikat als auch ihre Geschäfte schlecht liefen, die Massen und damit auch die Kunden zurückgebracht hat.

„Franziskus hat sich als ein sehr guter Mann erwiesen, der nicht nur richtige Sachen sagt. Er sagt sie auch in einer Sprache, die die Leute verstehen“, sagt Manuel, der mit Franziskus-Kühlschrankmagneten sein Geld verdient.

Seit dem ersten Auftritt auf dem Balkon des Petersdoms, das war Mitte März, hat sich der frühere Kardinal Jorge Bergoglio der Welt laut und deutlich durch eine Reihe Aufmerksamkeit weckender Schritte vorgestellt, die mit der Tradition brachen und ihm bei den Gläubigen und Säkularen Sympathien einbrachten. Er hat die päpstliche Lebenshaltung drastisch vereinfacht und sich der Pracht, mit der sich seine Vorgänger schmückten, entledigt. Er hat Vatikan-Vertreter immer wieder durch spontane Witze und indem er unvorhergesehene Dinge sagte, ins Schleudern gebracht.

Seit Montag ist das erste außereuropäische Oberhaupt der katholischen Kirche nun auf seine erste große Auslandsreise nach Lateinamerika geflogen. In jenen Kontinent also, aus dem er stammt. Und anstatt durch Rio de Janeiro im kugelsicheren Papstmobil zu fahren, hat er einen offenen Wagen mit Vierradantrieb gewählt, aus dem er problemlos aussteigen und Leute treffen kann. Hunderttausende Menschen werden dort zur Feier des Weltjugendtags erwartet.

Eine Frage des Stils

Die Wirkung seines Images geht so weit, dass Suzy Menkes, die berühmteste Modekritikerin der Welt, in der International Herald Tribune die Frage stellte, ob seine „Bescheidenheit und Enthaltung“ auch jene neuen ästhetischen Modebotschaften beeinflusst habe, die sie im Moment in den Kollektionen italienischer Designer zu sehen glaubt.

Viele Beobachter vertreten die Ansicht, dass ein neuer Stil nicht schlecht sei. Zudem sind bei Franziskus die Mittel die Botschaft. „Er ist eher ein Mann der Gesten als der wortgewandten Reden“, urteilt Tina Beattie. Sie ist Professorin für Katholische Studien an der Londoner University of Roehampton und eine bekannte liberale Theologin. „Das Papsttum hat sehr viel mit Stil zu tun. Daher denke ich, dass ein fundamentaler Stilwandel sehr tiefe Bedeutung hat.“

Als jemand, der seit seiner Kindheit Armut aus nächster Nähe kennt, hat der 76-jährige Argentinier die Menschen am untersten Ende der gesellschaftlichen Hierarchie ganz oben auf seine Agenda gesetzt. Nicht zufällig unternahm er seine erste Reise außerhalb Roms auf die Insel Lampedusa, an deren Küsten jedes Jahr Tausende afrikanische Migranten nach einer lebensgefährlichen Fahrt übers Meer landen. Dieser Sinn für Solidarität reicht aus, dass sich auch jene Leute für Franziskus interessieren, die von einem ansonsten konservativen Papst nicht unbedingt begeistert wären.

Benedikt war ein hochfliegender Intellektueller und hat die Menschen häufig befremdet. In Fragen der Doktrin ist der 265. Petrus-Nachfolger Franziskus aber kein Liberaler. Er ist klar gegen Abtreibung und die Priesterordination von Frauen; er ist für das priesterliche Zölibat und gegen die Homo-Ehe. Im April bestätigte er die Kritik des Vatikans an einer der größten Nonnenvereinigungen in den USA, die durch einen „radikalen“ feministischen Ansatz und eine sanfte Haltung in Fragen wie Geburtenkontrolle und Homosexualität Schaden genommen habe. Dennoch stimmt es einige Liberale zuversichtlich, dass Franziskus sich im Gegensatz zu Benedikt offen für Dialog gezeigt hat. Konservativ, aber pragmatisch. „Ob er selbst konservativen Doktrinen anhängt oder nicht: Er ist erstens nicht so interessiert an akademischen theologischen Fragen wie es Papst Benedikt war. Und zweitens scheint er bereit, in der Kirche mehr Raum für Dialog über einige der schwierigeren doktrinären Themen zu erlauben“, sagt Beattie.

All das ist natürlich der äußere Teil von Franziskus’ Jobbeschreibung. Er ist nichts im Vergleich zu dem, was intern ansteht: die Reform der römischen Kurie. In Folge der sehr imageschädigenden „Vatileaks“-Affäre waren die Probleme innerhalb der Kurie bei den Treffen vor der Konklave zur Papstwahl ein sehr brisantes Thema gewesen. Nach einem Monat im Amt kündigte Franziskus eine Revolution der Kirchenführung an, indem er acht Kardinäle in eine Reformkommission berief. Das war ein mutiger Schritt, der Veränderungen ankündigte.

Der Kontrolle entzogen

„An jenem Tag, an dem er verkündete, dass er im Gästehaus Domus Sanctae Marthae wohnen bleiben würde, setzte er das deutlichste Signal. Die Mitglieder der Kurie wussten sofort: Dieser Papst wird viel weniger stark von uns kontrolliert werden können“, ist John Thavis überzeugt. Er beobachtet den Papst seit Langem und ist Autor des Bestsellers The Vatican Diaries.

Aber kann dieser Papst wirklich erfolgreich sein? Der Schlüssel wird sein, die richtigen Leute zu ernennen, die ihm helfen, „durch schwierige Gewässer zu steuern“, sagt Thavis. Die wichtigste Ernennung, die des Kardinalstaatssekretärs, steht noch aus. „Wir haben eine Reihe von Päpsten gesehen, die die Dinge im Vatikan verändern wollten, aber nicht die Geduld oder die Energie aufbrachten“, so Thavis. „Und jetzt ist da ein Papst, der nicht nur das Gefühl hat, er habe ein Mandat für den Wandel. Er weiß auch, dass er diese Veränderungen durchsetzen kann.“

Lizzy Davies berichtet für den Guardian aus dem Vatikan. Übersetzung: Carola Torti Franziskus ist nicht so sehr an den Fragen der heiligen Lehre interessiert wie sein Vorgänger Benedikt

06:00 25.07.2013

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