Aderlass für Olympia

Japan Es wird die Sommerspiele von Tokio in einer historisch einmaligen Situation geben. Die Pandemie zwingt zum Ausschluss der Zuschauer
Aderlass für Olympia
Das Feuer muss brennen, Athleten müssen rennen, Geschäfte müssen laufen

Foto: Keizo Mori/dpa

In zwei Wochen, am 23. Juli, werden die Olympischen Sommerspiele in Tokio eröffnet. Die Bilder von der Fussball-EM in Europa und der Copa America an anderer Stelle sorgen gerade für einiges Kopfschütteln in Japan. Denn dort führen steigende Infektionszahlen dazu, dass der Notstand für Tokio und andere Regionen verlängert und auf weitere sechs Präfekturen ausgeweitet werden musste. Unter diesen misslichen Umständen wurde nun eine fast schon historische Entscheidung getroffen, es wird Spiele ohne Zuschauer geben. Olympia-Ministerin Tamayo Marskawa sieht dazu keine Alternative und hat das so verfügt.

Maßnahmen zu lasch

Eine hohe Bevölkerungsdichte in den urbanen Zentren, kleine Wohnungen, weite Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die oft überfüllt sind – das sind ausnahmslos keine günstigen Bedingungen, um durch eine Pandemie zu kommen. Allerdings begegnen sich die Japaner als zivilisiertes, extrem höfliches Volk. Man nimmt Rücksicht aufeinander, trägt bei jeder Grippewelle, bei jeder Erkältung eine Maske, ob zu Hause, im Büro, in Bus und Metro, auch auf der Straße. Eine Maskenpflicht braucht es in der Pandemie also nicht. Gezeter über notwendige Hygienemaßnahmen gibt es so wenig wie Querdenker-Aufläufe, stattdessen Proteste gegen zu lasche und zu späte Maßnahmen der Regierung, dazu viel Ressentiment gegenüber den bereits einmal verschobenen Olympischen Spielen.

Japan konnte erst im Februar 2021 mit dem Impfen beginnen. Die Regierung hatte auch dann noch auf eigene Vakzine gesetzt, als bereits hochwirksame Impfstoffe auf dem Markt waren. Zu zögerlich wurden Bestellungen bei Pharmaunternehmen in Europa und in den USA ausgelöst. Daher war die Sorge absolut begründet, die Spiele könnten einer vierten Welle der Pandemie zuträglich sein. Neun Gouverneure von Präfekturen, in denen olympische Wettkämpfe stattfinden sollen, hatten sich deshalb für eine Absage beziehungsweise erneute Verschiebung ausgesprochen. Das Gesundheitsrisiko sei einfach zu groß, mitten im Hochsommer, wenn es in Japan unerträglich heiß und schwül sein kann. Im Mai wurde Tokios Gouverneurin Yuriko Koike eine Petition mit mehr als 350.000 Unterschriften überreicht, in der es hieß, der Schutz von Leben und Gesundheit sei wichtiger als ein sportliches Großereignis. Umfragen zeigen zudem, dass eine klare Mehrheit der Japaner den Spielen gegenwärtig nicht viel abgewinnen kann. Besagte Petition wird mittlerweile in drei Sprachen im Netz verbreitet und findet weltweit Anklang. Mehrere Städte und Gemeinden in Japan haben erklärt, ihre Pflichten als Gastgeber unter den gegebenen Umständen nicht erfüllen zu können.

Das IOC hat darauf gedrängt, dass nur geimpfte Athleten und Medienleute zu den Spielen reisen dürfen. Dies werde man erreichen, da bereits mehr als 80 Prozent der Beteiligten immunisiert seien, so IOC-Präsident Thomas Bach. Zuschauer aus dem Ausland dürfen ohnehin nicht einreisen, so die IOC-Entscheidung vom März, die zusammen mit den Gastgebern getroffen wurde. Und die Spiele um ein paar Monate verschieben? In den Herbst hinein, wenn die Temperaturen wie die Luftfeuchtigkeit allemal angenehmer sind für Zuschauer wie Sportler?

Vermutlich wäre dann der Rückstand in der japanischen Impfkampagne abgebaut und das Ansteckungsrisiko erheblich reduziert. Ein solches Ansinnen scheitert jedoch am Veto der USA, wo für den Herbst andere Sportveranstaltungen geplant und organisiert sind, sodass die Sportkonzerne viel Geld verlieren würden, müssten sie mit Olympia konkurrieren. Oder gar die Spiele ganz absagen? Kommt nicht in Frage, tönt die IOC-Exekutive. Nur sie könnte das entscheiden, denn dem IOC gehören die Spiele, Olympia ist sein Eigentum.

Im Vertrag mit der Stadt Tokio als Gastgeber ist nur an einer Stelle von einer möglichen Absage die Rede. Dort heißt es, nur das IOC könne die Spiele absagen, falls es Krieg gibt oder Unruhen – oder falls das IOC aus gutem Grund vermuten kann, dass die Sicherheit der Teilnehmer ernsthaft bedroht wäre. Ist das mit der Coronapandemie nicht der Fall? Wird das IOC mit der Olympischen Charta nicht dazu verpflichtet, die Gesundheit der Athleten zu schützen und für einen sicheren Sport zu sorgen?

Gesetzt den Fall, dass Japan die Spiele absagt, würden alle Kosten auf sein Nationales Olympisches Komitee sowie den japanischen Staat zurückfallen. Es geht um ein Budget von gut 30 Milliarden Dollar, das auch etwas mit der Verschiebung um ein Jahr zu tun hat, wenn etwa die Käufer von Apartments im Olympischen Dorf warten und entschädigt werden müssen. Ganz abgesehen von Milliarden Dollar, die internationale Medienkonzerne für die Übertragungsrechte der Spiele kassieren. Das IOC finanziert sich nun einmal in der Hauptsache durch den Verkauf von Fernsehrechten. Schließlich käme eine Absage nicht zuletzt internationale Versicherungskonzerne teuer zu stehen. Die Sponsoren, die Medien- und Werbeindustrie, der gesamte hochkommerzialisierte Sportbetrieb, sie alle würden heftig verlieren.

Entschädigungen sind Peanuts

Die Regierung von Premierminister Yoshihide Saga lässt nun keinen Zweifel mehr, dass die Spiele unter einem Quasi-Notstand ablaufen werden. Inzwischen hält auch das IOC die nunmehr anstehenden Geisterspiele ganz ohne Zuschauer für die beste Lösung hält. Hauptsache, die Spiele finden statt. Zwar waren schon weit mehr Tickets für die Wettkämpfe verkauft, als Plätze unter Coronabedingungen an den Austragungsorten zur Verfügung standen, aber die paar Millionen für eine Entschädigung lassen sich verschmerzen, das sind Peanuts.

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06:00 12.07.2021

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