Bastei

Populisten Krise beim Aufbau-Verlag

Alle reden von Suhrkamp. Doch wer redet von Aufbau? Seltsam. Wenn bei dem Frankfurter Verlag ein Sack Reis in der Registratur umfällt, zerbricht sich die Nation den Kopf, ob es bergab geht mit Deutschland. Wenn beim Aufbau-Verlag, wie jetzt angekündigt, die Belegschaft ausgeholzt wird, gilt das niemand als Alarmsignal. Eigentlich verwunderlich. Denn Aufbau war immer Suhrkamps Spiegelbild im Osten. Der große renommierte DDR-Verlag, in dem sich die intellektuelle Elite des zweiten deutschen Staates versammelte. Was den Frankfurtern ihr Hesse, war den Berlinern ihr Feuchtwanger. Von Seghers bis Janka - halb repräsentativer Staats-Verlag, halb widerständiger Geistesolymp. Wo bleibt die Debatte zur Aufbau-Krise?

Der Mauerfall traf beide Verlage ungleich. Aufbau drohte das ökonomische Aus, Suhrkamp kam programmatisch ins Schleudern. Stichwort: Zweite Moderne. Doch was immer man gegen Ulla Berkéwicz einwenden kann, die nach dem Tod von Siegfried Unseld das Ruder in die Hand nahm - die Frankfurter versuchen immerhin den Kopf mit einem intellektuellen Neustart aus der Schlinge zu ziehen. Aufbau dagegen schien und scheint entschlossen, die programmatische Selbstentleibung fortzusetzen.

Sicher: In der umbrechenden Leselandschaft haben mittlere Verlage einen schweren Stand. Doch die Aufbau-Krise ist auch hausgemacht. Ohne den spät berufenen Verleger Bernd F. Lunkewitz, der sein Geld als Immobilienspekulant in Frankfurt machte, gäbe es den Verlag zwar nicht mehr. Unter der Ägide des bekennenden Marxisten wurde er aber auch zum Experimentierfeld für das Missverständnis "linker Populismus". So wie Peter Glotz einst mit Johannes Mario Simmel die kulturelle Hegemonie für die SPD erringen wollte, wollten auch Lunkewitz Kitsch und Politik fusionieren.

Donna Cross´ kirchenkritischer Bestseller Die Päpstin schien diese Strategie noch zu rechtfertigen. Seitdem fehlen die revolutionsfördernden Belege für ihre Validität. Christoph Hein ließ Aufbau zu Suhrkamp ziehen, der abgehalfterte Robert Schneider, ein Freund des Verlegers, wurde auf Händen hereingetragen. Nach seinem missratenen Wiedertäufer-Epos Kristus (Religionsdebatte! Fundamentalisten!) darf er im Herbst erneut den Spitzentitel liefern. Bleibt zu hoffen, dass der Roman wirklich die Offenbarung wird, die der Titel verspricht, und den defizitären Verlag nicht noch näher an den Offenbarungseid führt.

Schneider waren nur die extremsten Blüten dieses Populismus. Schon zuvor waren immer häufiger zwielichtige No-Name-Bestseller ins Programm gehievt worden, die besser zu Random House gepasst hätten. An Werner Bräunigs grandiosen DDR-Roman Rummelplatz dagegen glaubte man im Hause so stark, dass man die Erstauflage erst mal schön niedrig hielt. Andere Traditionspfunde wie die Arnold Zweig-Gesamtausgabe wurden mit lektorischer Nachlässigkeit gestraft. Oder gleich ganz über Bord geworfen wie die Zeitschrift neue deutsche literatur, ein idealer Nährboden für neue Talente. Wann genau hat Aufbau eigentlich der Mut verlassen, zu seinem ganz spezifischen Profil zu stehen? Immer öfter hatte man das Gefühl, das geistige Band, das diesen Verlag zusammenhielt, ist gerissen.

Robert Schneider oder Zoe Jenny blieben nicht die einzigen von Lunkewitz´ good old friends. Nach seinem tiefen Fall in Sachen erotisches Doping durfte auch Michel Friedman Aufbau als Reha-Plattform nutzen. Unvergessen sein von vier Bodyguards abgeschirmter Auftritt auf der Frankfurter Buchmesse, als er als Herausgeber einer läppischen Sachbuchreihe installiert wurde. Der Bedarf an Friedmanns Latte-Macchiato-Publizistik - intellektuelle Allgemeinplätze, werbewirksam aufgeschäumt - hielt sich in engen Grenzen. Währenddessen dümpeln Aufbaus wirklich brisante Sachbücher, Wolfgang Englers visionäre Erkundungen in Sachen Identität Ost und zur Zukunft der Arbeit unter ferner liefen.

Am Anfang stand noch der hoffnungsvolle Start mit den Tagebüchern Victor Klemperers und Briefen von Alfred Kerr. Am Ende stand der Sündenfall Effenberg, dessen "Memoiren" im Aufbau-Imprint Rütten Loening erschienen. Was mit dem Vorsatz links und populär begann, endete als etwas, das man die Bastei-Lübbeisierung Aufbaus nennen könnte. Von dem Blockbusterer aus dem Bergischen kommt Verlagsgeschäftsführer René Strien. Den denkwürdigen Niedergang einer geistigen Institution zur publizistischen Resterampe sollten Linke jeder Provenienz genau studieren, bevor sie sich wieder einmal daran machen, Antonio Gramscis Ideen in die Praxis umzusetzen.


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00:00 20.07.2007

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