Bei Rosa Luxemburg

Gedenktag in Berlin Hier halten die Linken einander aus

Dass am Sonntag wieder Zehntausende in Berlin zum Grab von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gepilgert sind, weiß nun die Öffentlichkeit, soweit sie Abendnachrichten gesehen hat. Allerdings wurde in den Berichten die Zahl der Leute stark verkleinert und waren die Kameras mehr auf Egon Krenz und die PDS-Prominenz gerichtet als auf die Leute, die da ab neun Uhr morgens in immer dichterer Menge als Paare oder Einzelne, als Familien oder Freundesgruppen den Kreis um das Grabmal drehten und rote Nelken hinlegten. Es war eine zielgerichtete Bewegung, aber es gab auch das Verweilen: Viele blieben auf dem Platz vor der Gedenkstätte, die in den zwanziger Jahren von Mies van der Rohe entworfen und von den Nazis zerstört worden war. Für ein Ritual aus DDR-Zeiten halten viele Beobachter diesen eigentümlichen Sonntag im Januar, dabei ist er 1990 neu erschaffen worden, als ein einfaches Gehen, fast privat, ohne Ansprachen, ohne zentrale Struktur, quasi ohne Besitzanspruch. Gerade das Interessanteste bleibt so in den Berichten ausgespart. Diese Leute und ihre Motive werden von den Medien nicht für die Gesellschaft gespiegelt. Auch wenn die PDS eine deutliche Rolle spielt - sie hält dieses kleine Friedhofsrondell instand, meldet den Menschenauflauf bei der Polizei an - ist es doch nicht ihre Veranstaltung: die Leute kommen seit 13 Jahren aus unterschiedlichen Kreisen. Auffällig viele Ältere waren wieder da, sie vertraten größtenteils den Osten - sicher war es ihnen auch wichtig, von den jungen Leuten wahrgenommen zu werden, die sich nicht nach Ost und West unterschieden. An diesem historischen Stichtag hatten sie alle Berührung miteinander. Später schob sich eine lange Demonstration durch die Menge auf dem Vorplatz zum breiten Eingang der Gedenkstätte hin. Hier war die ganze bunte Linke zu begutachten: ein Wald von Transparenten gegen soziale Demontage und gegen Krieg. Manchmal eine Musikgruppe, und die Internationale ist zu hören. Aussprüche von Rosa Luxemburg wie Sozialismus oder Barbarei. Rote Fahnen mit diversen Parteiensymbolen, selbst die alte Ikonenreihe Marx-Engels-Lenin-Stalin-Mao auf rotem Tuch trug eine Gruppe junger, irgendwie entschlossen blickender Leute im Zug mit. Alle durften hier dabei sein. Niemand maßte sich Distanzierungen an, niemand pochte auf political correctness. Die Konflikte waren nur zu ahnen, die wohl auch hier unterirdisch ausgetragen wurden. Ein Mann aus der PDS, der zu den erbitterten Kritikern der Regierungsbeteiligung in Berlin gehört, äußerte: Wieder mal sind den Berliner PDS-Senatoren in ihrer Entschlossenheit, sich der Vernunft des bestehenden Systems "sozial ausgewogen" zu bedienen, nicht die Hände abgefallen, als sie Blumen bei Rosa Luxemburg niederlegten. Ebenso sinnlos seien aber auch alle Versuche, neue revolutionäre Parteien zu gründen. Die gesellschaftlichen Veränderungen würden nicht von ihnen ausgehen. Weder machten sich an diesem Tag Parteistrategen bemerkbar, noch waren resignierte Leute zu besichtigen, die zu Rosa Luxemburg schlichen und ihre Wunden leckten. Eher war erhöhte Gesprächsbereitschaft zu bemerken. Was von alldem bei den sozialistischen und kommunistischen Parteien ankommen wird, die am gleichen Tag die Gründung einer europäischen Linkspartei vereinbart haben (s. Seite 2), wird sich erst erweisen. Sie versammelten sich in demselben Gebäude, im ehemaligen Preußischen Abgeordnetenhaus, wo Liebknecht und Luxemburg 1919 kurz vor ihrer Ermordung die KPD gründeten. Eine Besucherin sagt auf dem Vorplatz mit Blick auf die vielen miteinander redenden Leute: Sieh mal, hier ist eine narrative Gemeinschaftlichkeit entstanden. Es ist kein Zufall, dass es bei Rosa Luxemburg möglich ist. Zwar sind die heutigen Probleme unsere Verantwortung, aber sie sind alt und haben mit ihr zu tun. Ich glaube, die Menschen hat das Bedürfnis hergeführt, wenigstens kurz und mit anderen gemeinsam einen verlässlichen trigonometrischen Punkt einzunehmen, um die eigene Denklandschaft zu vermessen.

00:00 16.01.2004

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