Bekifft wie die Donau

Pop Der ur-lässige Barde Nino interessiert sich für Perfektion wenig, und das ist auch gut so

Nino aus Wien ist „ein Zauberer“. Sagt Marco von Wanda. Der Sänger der österreichischen Band berichtete dem Autor einmal davon, wie er vor vielen Jahren auf einer Party die Traute fand, diesen Typen, der da ur-lässig an einer Mauer lehnte und das Geschehen aus der Distanz beobachtete, anzusprechen. Ihn um Feuer zu bitten. Der Nino aus Wien, der mit bürgerlichem Namen Nino Mandl heißt, gab ihm Feuer, und als sich Marco Michael Wanda wieder auf den Rückweg zum Festgeschehen machen wollte, griff er ihm an die Schulter. „Ich bin ein Magier“, sagte er, und auf die Frage, wie er das jetzt wohl genau meine, sagte der eine Sänger zum anderen: „In deiner linken Brusttasche hast du ein gelbes Feuerzeug.“

Marco Michael Wanda hatte in seiner linken Brusttasche tatsächlich ein gelbes Feuerzeug. Es war vorher nicht dort gewesen.

„Perfektion ist für Perfektionisten, Mandl aber interessiert eher die Magie des Augenblicks.“ Diesen Satz schrieb vor ein paar Wochen Karl Fluch im Standard, und er ist nicht nur eine ganz schöne Ergänzung zu obiger Geschichte, sondern ein Leitbild, das sich tatsächlich durch alle Arbeiten des Musikers zieht. Auch das nun erschienene Album Ocker Mond verfolgt die Idee der Unmittelbarkeit. In einer einzigen Nacht wurde es aufgenommen, ohne seine Band, und das hört man. Beziehungsweise: Außer dem Nino aus Wien und seiner Gitarre hört man hier wenig, aber das ist eben eine ganze Menge. Er singt vom Taxifahrer, der ihn durch die Dunkelheit kutschiert, von alten Zeiten schwärmt und neuen Drogen und die Fahrt mit einem „Bist mir sympathisch, bist a guata Bua“ enden lässt. Er berichtet von U-Bahnf-Fahrten (Stella) und aus dem Kaffeehaus (Hawelka), wo er sich am letzten Tisch positioniert, seine Nicoretten kaut, Songs schreibt und den besten Blick auf jeden hat, der die Toilette aufsucht. Interessanter noch sind die Stücke, die das Konkrete verlassen, etwa Unter Fischen, in dem er von den Wellen erzählt und vom Leuchtturm, vom Fliegen und vom Schwimmen, von der Sonne und vom Mond und am Ende eine Anleitung für ein gutes Leben formuliert: „Gib deinem Traum, was er verlangt.“

Sprich langsam

Was bei anderen wie Plattitüde klingt, nimmt man dem 33-Jährigen ab. Das liegt auch daran, wie er seine Worte inszeniert: Kontemplativ und mit viel Gefühl, aber ohne jeden Kitsch spaziert er durch sie hindurch, die Stimme schwillt auf und ab, um sich bisweilen in eine beinahe klerikale Feierlichkeit hinaufzuschwingen. „Alle glauben an bekifft, aber die Sprache, die du sprichst, ist Donaustädterisch“, singt ein Chor in dem zwei Jahre alten Lied Hirschstettner Lebensart. Dazu muss man wissen, dass mit „Donaustadt“ nicht ganz Wien, sondern der 22. Gemeindebezirk gemeint und das Donaustädterische ein Hirschstettner Jugendslang ist, der auch schon ein paar Jahre auf der Uhr hat. „Es ist eine einfache, aber präzise Sprache, die nicht viele Worte braucht und etwas langsam gesprochen wird“, sagt Mandl selbst. Man muss da an Yung Hurn denken, der wie Mandl aus Hirschstetten kommt, es gibt ein Foto von den beiden, auf dem sie Arm in Arm und mit herrlich kleinen Augen in die Kamera schauen.

Einfach. Präzise. Ohne überflüssige Worte. Und ja, schon auch etwas langsam. Klar, dass die sich verstehen. Das Verschleppte teilt sich Mandl mit dem Hiphop-Musiker. Ninos Lieder greifen dabei aber auf eine andere DNA zurück. Sie verbinden die Kunst der großen österreichischen Liedermacher der 1970er und 1980er Jahre mit der Musik, die wir heute hören, wenn wir das Radio anschalten. Sie sind traditionsbewusst, tappen aber nie in Nostalgie-Fallen, allein weil sie in ihren Texten so pointiert von der Gegenwart berichten. Alte Recken wie Wolfgang Ambros, André Heller, Ludwig Hirsch, Willi Resetarits und Georg Danzer winken aus der Vergangenheit. Bilderbuch, Yung Hurn, Pauls Jets, Wanda, auch die Schriftstellerin Stefanie Sargnagel, stehen auf der gegenwärtigen Seite. Mit denen verbindet ihn nicht immer der Sound, aber meistens die Attitüde: Alle umweht sie jenes agile Strizzitum, das Wien ausmacht. Sie berichten einerseits aus dem Bauch der Stadt, andererseits aus ihrem eigenen. Dabei, der Ausdruck sei an dieser Stelle gestattet, scheißen sie sich nix. Wo Derbheit ihrer Kunst hilft – und das ist einer der entscheidenden Unterschiede zu den am Kraftausdruck selten interessierten deutschen Kollegen –, wird sie eingesetzt.

Der Nino sitzt dazwischen, vielleicht Hand in Hand mit Ernst Molden, dem anderen großen Wiener Liedermacher, mit dem er 2015 das hervorragende Coverversionen-Album Unser Österreich aufnahm und eine Vorliebe für Lieder über die punktgenaue Beschreibung von Kaffeehäusern teilt.

Der 33-Jährige fühlt sich in dieser Position offenbar pudelwohl. Er veröffentlichte Großwerke wie die seltsam zerschossene Trennungsballade Du Oasch (2010). In dem Lied, das vielleicht so etwas wie sein ältester dokumentierter Hit ist, gniedelt im Hintergrund ein Saxofon durch, das so traurig wirkt wie ein Rosenverkäufer, der feststellt, dass sie ihm im Großmarkt Löwenzahn in sein sein Blumenpapier gewickelt haben. Oder Coco Bello (2017), einen für den Nino erstaunlich flotten Gruß aus dem etwas außer Mode gekommenen Urlaubsparadies Jesolo. Zählt man Projekte mit anderen Musikern dazu, brachte er in den letzten zwölf Jahren ein Dutzend Alben heraus, die letzten drei erreichten in Österreich die Top Ten.

Dabei lassen sich bei viel Lokalverbundenheit vor allem auch Bande in den britischen Sprachraum ziehen, etwa zu den Kinks oder Pete Doherty: Wie beim Babyshambles-Mann ist hier das Unfertige etwas, aus dem oft die Perfektion erwächst. Bevor du schläfst heißt das beste Lied vom Nino aus Wien (wobei, das müsste man wohl ausdiskutieren, eingangs erwähntes Unter Fischen spielt in einer ähnlichen Liga), es ist eine Ballade, die mit einem Klavier beginnt, das Größe so postuliert, wie es die Anfänge von John Lennons Imagine oder Don’t Look Back in Anger von Oasis tun. Es berichtet aus der Sommernacht bei offenem Fenster und von der Freundschaft und bevorratet nicht nur einen sehr schönen Schlagzeug-Break, sondern schon wieder eine Zeile, die größer ist als die Welt: „Du weißt, es ist nichts gebrochen, sondern nur geprellt.“ Der Nino aus Wien ist ein Zauberer. Man möchte ihn umarmen.

Info

Der Nino aus Wien Ocker Mond Medienmanufaktur Wien, 2020

Jochen Overbeck lebt in Berlin. Er schreibt am liebsten über Popsongs, gute Bücher und gelungenes Design

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06:00 12.06.2020

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