Berlin - Sankt Petersburg

Robinson Josephine und Friedemann unterwegs zu sich selbst

Die Wunden und Schmerzen, die sich die Welt ohne Unterlass selbst zufügt, lässt sie gern von jungen Menschen lindern. Ohne diese Zufuhr von Freundlichkeit und offener Neugier würde sie wohl erstarren und zerfallen. Sie nährt sich davon, dass es immer von Neuem diesen mächtigen Wunsch gibt, an irgendeiner Stelle etwas zu mildern, zu heilen, zu besänftigen. Und etwas zu erfahren und zu verstehen, was längst als festgeschrieben gilt. Junge Leute tun es gegen die Skepsis und Warnungen anderer, auch wenn sie ebenso gut wissen, dass es unendlich ist, was da an Not und an Ungeklärtem vor ihnen liegt. Aber sie tun es.

Josephine und Friedemann sind 20, lieben sich, leben in Berlin, haben das Abitur gemacht und trennen sich für einige Monate, um allein ganz eigene Erfahrungen mit sich selbst zu sammeln. Aber sie streben auch zueinander, sie zählt in Sankt Petersburg die Tage, bis er eintrifft. Er macht sich mit Fahrrad und Zelt auf den langen Weg durch Polen, das Kaliningrader Gebiet, Litauen, Lettland, Estland bis an die Mündung der Newa, wo sie mit behinderten Kindern arbeitet.


Josephine

Noch liegt die Stadt im Dunkeln

Josephine setzt sich ins Abteil, und schon beginnt Russland. Schaffner mit großen Mützen, im Gang dicke Gepäckstücke, Geruch von einem Holzkohleofen im Wagen, die rot bespannten Abteile ausgestattet mit Liegen und Betten. Vater, Mutter, Schwester, zwei Brüder und ihr Freund Friedemann stehen auf dem Bahnsteig in Berlin-Lichtenberg und blicken zu ihr hoch. Zwischen den Regionalbahnen starten hier auch Fernzüge, die weit nach Osten fahren. Noch bevor die Waggons anrollen, ist sie in der anderen Welt, zu der es sie hinzieht. Josephine überlässt sich dem Gefühl: Jetzt fahre ich, alles ist unbekannt. Mit ausgestrecktem Arm knipst sie ein Foto von sich - den Kopf leicht zum Abteilfenster geneigt, draußen Nacht. Das Foto zeigt die Stille.

Nochmals prägt sie sich ein, was diese Reise für sie bedeuten soll: Im Russischen besser werden. Aus dem behüteten Heim ausbrechen. Eine neue Selbstständigkeit erfahren. Die Welt, in der sie lebt, genauer sehen. Eine Kultur irgendwo, wo alles anders ist, verstehen. Austesten, ob sie helfen kann. "In solch einer neuen Situation, die mir ganz unbekannt ist, werde ich mich vielleicht selbst neu kennen lernen", hofft sie. Die kommenden Schwierigkeiten will sie annehmen. "Ich hatte Vorstellungen, dass es sehr schwer wird, vielleicht zu schwer, dass es eine Erfahrung wird, so tief, so dunkel."

Am frühen Morgen fährt der Zug nach 39 Stunden in Sankt Petersburg ein. Es ist der 19. Februar 2005, am 17. war sie aufgebrochen. Draußen gleiten die Stationen der Stadt-Bahn Elektritschka vorbei, die Menschen warten als schattenhafte Silhouetten wie auf Theaterbühnen. Am nächsten Tag schon steht sie selbst an einer Station der Elektritschka und fährt zu dem Heim, ihrem Arbeitsplatz für sieben Monate.

Nach zwei Stunden geht die Mutter wieder

Josephine geht durch das Heim, vier Häuser mit zwei Stockwerken in einem Park. Zimmer für Zimmer durchläuft sie, in jedem stehen dicht 13 Kinderbetten, darin sitzen oder liegen die Kinder, sie schaukeln hin und her, weinen, lallen, schweigen. "So wahnsinnig viele Kinder, kaum noch unterscheidbar, ich fand es so merkwürdig: die Zusammenballung von all diesen Kindern an einem Ort." Sie wird der Gruppe 35 in Haus 4 zugeteilt. Keines der Kinder dieser Gruppe kann laufen. Das Zimmer, das Bett, ist ihr Zuhause.

Vier Pflegerinnen, die Sanitarkas, gehören zu jeder Gruppe und sind jeweils in 24 Stunden-Schichten anwesend. Auf den Gängen stehen Sofas, da können Eltern sitzen und die Schwestern nachts ein wenig schlafen. Die Gruppe 35 hat zusätzlich eine Erzieherin, um die Kinder zu fördern. Die jungen Freiwilligen aus Deutschland oder Russland sollen sie unterstützen.

Ihre Vorgängerin weist sie ein, Josephine hilft ihr, die Kinder zu waschen, zu windeln, ihnen die Zähne zu putzen, die Betten zu machen und das Frühstück zu geben. Dann ist sie ratlos. Das erste Kind, das sie aufnimmt, Ramilja, ein sechsjähriges Mädchen, ist steif wie ein Brett, leicht, dünn und lang. Es "meckert", wenn es auf dem Rücken liegt, und wenn man es auf den Bauch legt, jammert es nach einer Weile wieder. Fine nimmt das Mädchen mit ins Spielzimmer und setzt sich hin, das Kind auf dem Schoß, an ihre Brust angelehnt. Im Spielzimmer, das vom Verein Perspektiven eingerichtet wurde, halten sich auch andere Freiwillige mit Kindern auf. Sie sind insgesamt zehn, vier Deutsche, sechs Russen. Fine bleibt zwei Stunden dort still sitzen, sie fühlt in sich hinein und in das Kind, es wird vollkommen ruhig und weich. So hat sie eine erste Antwort gefunden: Sie lässt sich von ihrer Intuition leiten, sie vertraut darauf.

Wowa, fünf Jahre alt, kann zwar verstehen, aber selbst nur mit den Augen sprechen, und das mit einer Intensität, die Fine bewundert. Er guckt aus dem Fenster mit der dringlichen Aufforderung: Ich will raus gehen. Wenn sie ihm antwortet: Ja, wir gehen spazieren, freut er sich unbändig. "Er kann wunderschön lachen."

Sascha, ein 13-jähriges Mädchen, ist wie Wowa Spastikerin, hat einen sehr schwachen Körper und oft Schmerzen. Josephine empfindet, dass es für sie besonders schwer ist, ihre Lage zu akzeptieren: Sie ist intelligent, hat verstanden, dass ihr Körper nicht zulässt, was sie eigentlich möchte und könnte. Ihr bringt sie das Alphabet bei. "Ich dachte, dass es für sie wichtig ist, lesen zu können, wo doch ihr Körper so schwach ist. Sie kann das Buch nicht halten, man müsste etwas für sie bauen." Aleksa, eine russische Freiwillige, die nach Josephine in die Gruppe kommen wird und die sie am Ende ihrer Zeit zwei Wochen lang einweist, verspricht, sich darum zu bemühen.

Das älteste Mädchen in der Gruppe ist Julia, 15 Jahre alt. Bei ihrer Geburt hatten die Ärzte der Mutter erklärt, ihr Kind sei tot. Julia hatte einen offenen Rücken, ihre Beine sind bis heute gelähmt. Vor zwei Jahren wurde die Mutter gefunden und erfuhr, dass ihr Kind in diesem Heim lebt. Josephine schaudert es bei dem Gedanken, wie wohl eine solche Nachricht verkraftet werden mag. Die Mutter kommt nun alle zwei Wochen, setzt sich ans Bett, aber es fallen nur wenige Worte. Dabei redet Julia gern und fragt viel, auch wenn sie das meiste schnell wieder vergisst. Sie können beide nichts miteinander anfangen. Nach zwei Stunden geht die Mutter.

Josephine ist erfinderisch: Weil Wowa nicht mit den Händen malen kann, kleckst sie ihm Farbe auf die Nasenspitze, und damit malt er auf dem Papier Kreise und Linien. Oder sie schauen zusammen in einen Spiegel, sie führt mit seiner Hand große Bewegungen aus, die er allein nie machen könnte. Da jubelt er. Und sie fühlt, wie gut ihm die raumgreifende, aktive Geste tut. Sie will manchmal nur, dass die Kinder sich selbst spüren.

Saschas Eltern kommen oft, auch die Babuschka, eine starke Frau, wie Josephine findet. Aber Sascha wird trauriger, auch schwächer. Sie weint immer häufiger, oft aus winzigen Anlässen: wenn Licht angeschaltet wird oder eine Musik aus dem Radio kommt, die sie nicht mag. Sie schluchzt bitterlich, wenn Josephine sie nicht versteht, weil sie plötzlich Schwierigkeiten mit der Artikulation hat. Sie zu trösten, ist schwer, Sascha nimmt das nur manchmal an, aber dann fühlt sich Josephine mit ihr wortlos verbunden.

Mit Julia und Sascha sitzt sie nach jeder Mittagspause eine Weile zusammen und redet mit ihnen. Sie werden ihre Freundinnen in der Gruppe, sagt sie.

Josephine fühlt nicht Mitleid, sondern denkt: "Ich bin gekommen und bin für euch da, ich will euch etwas geben." Ihre größte Selbsterkenntnis ist: Sie ist fähig zu helfen. Sie kann es. Hat keine Scheu, muss sich nicht überwinden. Es ist nicht dunkel, nicht fremd, nicht ein Schmerz. Im Gegenteil, etwas ganz anderes offenbart sich: Diese Kinder geben ihr etwas.

"Ohne sie hätte ich da überhaupt nicht so lange sein können. Die Kraft dafür habe ich von ihnen bekommen. Denn es ist unglaublich, unter was für unmöglichen Bedingungen Menschen leben und sogar Freude haben. Ich habe mit den Kindern gelacht, und ich glaube, ich kann sagen, dass ich früher nicht so tief gelacht habe wie mit ihnen. Es sind besondere Menschen - mir scheint, einfachere, harmlosere und unschuldigere Menschen oder Wesen gibt es überhaupt nicht."

Josephine hat ein Zimmer mitten in der Stadt. Sie ist Untermieterin, mehr nicht, man zeigt es ihr gleich. Das ist zu Beginn wie eine kalte Dusche für sie. Zum Heim fährt sie über eine Stunde mit der Elektritschka, sie mag es, schaut raus, beobachtet die Mitfahrer. Petersburg erläuft sie sich ohne Reiseführer, nur mit dem Stadtplan. Eis treibt noch wochenlang auf dem Meer, das malt sie. Am meisten gefällt ihr die Weite. Sie sieht die schöne Architektur, den Prunk, das Zarenhafte, aber die Stadt kommt ihr nicht so greifbar wie Berlin vor, bleibt für sie fassadenhaft. Bis sie mit der russischen Freiwilligen Anja nach Hause in einen Plattenbau am Stadtrand fährt und sieht, dass Anja ihre Siedlung, die Höfe mit den Bänken und Lauben darin liebt.

Endlich fährt die Erzieherin in Urlaub

Mit der Erzieherin Svetlana muss Josephine kämpfen, hat sie doch einigen Kindern beigebracht, selbst zu essen. Svetlana dauert es auf diese Weise zu lange. Die Sanitarkas lassen die Kinder im Bett liegen, stehen mit einem großen Teller voll Brei oder Suppe in der Hand vor ihnen und stecken ihnen den Löffel von oben in den Mund. Es geht im Sekundentakt.

Svetlana ist 40 und verlässt sich auf ihre Routine, die sie für eine unumstößliche Erfahrung hält. Endlich fährt sie in Urlaub, da setzt Josephine die Kinder, die selbst essen können, um den Tisch. Ein wunderbarer Anblick, findet sie. Einige füttert sie auf ihrem Schoß. Und die 15-jährige Julia darf Wowa füttern. Gerade das ist die beste Idee, denn Julia ist stolz und hat viel Geduld mit dem kleinen Spastiker. Er ist glücklich. Aber das duldet Svetlana nicht, als sie nach drei Wochen zurückkehrt, es verletzt ihre Regeln. Josephine kann nachvollziehen, dass es für Svetlana eine Anfechtung ist, die jungen Leute aus Deutschland neben sich zu haben, die für einige Monate auftauchen, mit großem Einsatz helfen und ihre eigenen Vorstellungen mitbringen. Es bleibt Svetlana nicht verborgen, wie freudig und lebhaft die Kinder auf Josephine und die übrigen freiwilligen Helfer reagieren, anders als auf sie. Sie scheint es nicht ohne Eifersucht wahrzunehmen, es zeigt sich, dass auch eine wenig enthusiastische Erzieherin von ihren Zöglingen geliebt werden möchte. Aber statt sich um ihre Zuneigung zu bemühen, baut sie den Rivalinnen Hindernisse auf.

Josephine meint, es sei besonders gut und wichtig, dass auch Freiwillige aus Sankt Petersburg und Umgebung in dem Heim arbeiten. Sie bringen eine neue Haltung mit, sie werden die Kinder lieb gewinnen, "denn das geschieht immer, das bleibt nicht aus, das passiert automatisch", davon ist sie tief überzeugt. Durch die russischen Freiwilligen werde sich langfristig die Einstellung zu den Behinderten in der Gesellschaft ändern.

Aber Josephine ertappt sich selbst dabei, ungeduldig zu werden, wenn ein Kind ohne Unterlass nach ihr ruft. Irgendwann fürchtet sie, es nicht mehr lange auszuhalten: jeden Tag das gleiche Quengeln, das gleiche Geschrei, vor und nach dem Essen, immer das Gefühl, nicht ausreichen zu können. "Ich bin ein bisschen wie die Sanitarkas geworden", gesteht sie sich. Von da an richtet sie ihre ganze Konzentration auf das Kind, mit dem sie gerade beschäftigt ist. Alles andere versucht sie auszublenden. So hat jedes Kind mehr von ihr.

Mit der Erzieherin Svetlana geht es besser, als Josephine aufhört, ihr nur noch mit Misstrauen zu begegnen. Sie beobachtet im Umgang mit den Kindern und den Mitarbeiterinnen, dass Vertrauen große Wirkung haben kann. Während sie Wowa beibringt, allein zu essen, ist sie manchmal gereizt und versteht nicht, warum er den Löffel nicht endlich in den Mund steckt, wenn er doch Hunger hat und es von seinen motorischen Fähigkeiten her kann. Für sie ist es eine wichtige Übung in Geduld, denn ihr wird klar, dass Wowa einfach immer wieder das Vertrauen in seine Fähigkeit verliert. "Wenn er anfing zu weinen, streichelte ich ihm über den Kopf, glaubte selbst fest an seine Lernfähigkeit und sagte es ihm. Es bewirkte Wunder."

In den letzten Tagen malt sie den Kindern eine Sonne und drei Schmetterlinge an die Wand. Eine Ärztin stimmt dem zu, als sie anfängt, will plötzlich eine andere es untersagen. Da lässt sich Josephine nicht mehr aufhalten und malt ihr Bild fertig. Eine Pflegerin wünscht sich, dass sie der Sonne noch ein Lächeln male, wie ihr eigenes Lächeln, das sie nicht vergessen werde. Sascha weint zum Abschied, aber sagt dann unter Schluchzen: Du bist ja jetzt da, du bist die Sonne.

Und dann trifft Friedemann ein. Er ruft an: Ich bin schon bei der Metrostation, gleich um die Ecke. Sie rennt die Treppen runter, er biegt auf dem Rad gerade in die Straße ein, kommt auf sie zugefahren.


Friedemann

Zu den Menschen, nicht zu Steinen

Die Oder hat er hinter sich. Nach über 100 Kilometern auf stillen, asphaltierten polnischen Landstraßen, oft Alleen, ist er erschöpft. Wieder ein kleines Dorf, es ist Abend, er überwindet sich und probiert an einem Opa, den er hinter einem Zaun sieht, den Satz aus, den er eingepaukt hat und auch in Lautschrift mit sich trägt: Dobro wjätschur moschna bikowatsch tutaj? Kann man hier zelten? Von den Sprachen, die auf der Fahrt noch auf ihn zukommen werden, kennt er keine. Er wird oft Leute treffen, die Deutsch sprechen, dieser Umstand wird die Reise stark prägen. Der Alte, den er angesprochen hat, schweigt und mustert ihn, aber plötzlich antwortet er, und es klingt liebevoll, findet Friedemann: Moschna, moschna.

Die Familie sitzt im Hof und grillt. Er bekommt Wurst, Tee, Kuchen. Sein Zelt darf er mitten im Hof aufbauen. Die Tochter spricht ein wenig Deutsch von der Schule her, der Sohn ein wenig Englisch, das hat er in sieben Monaten als Soldat im Irak gelernt. Er holt die Fotos: Seine Kameraden posieren mit "american friends" vor riesigen Panzern, hinter ihnen ein tiefroter Sonnenuntergang in der Wüste. Der 22-Jährige prahlt, er habe 17 "Ali Babas" getötet.

Nur einen Tag zuvor, auf dem letzten Stück in Deutschland, war Friedemann durch die Seelower Höhen an der Oder geradelt. Er hatte versucht, sich vorzustellen, dass sich hier vor erst 60 Jahren Menschen in seinem Alter gegenseitig zu Zehntausenden umbrachten. Und nun dieser Satz! Bei einer so freundlichen Familie, der ersten in Polen, nachdem er so erleichtert ist über die Gastfreundschaft, denn gerade Polen war ihm am wenigsten geheuer: Vor fünf Jahren haben dort ein paar polnische "Glatzen" ihm und einem Freund die Fahrräder abgenommen, sie ausgelacht und gesagt: Für 100 Mark kriegt ihr sie zurück.

Noch am gleichen Abend bringt ihn die Tochter der Familie zu einer Nachbarin. "Die stammt aus der Zeit vor dem Krieg", sagt sie. Die beiden klopfen, die alte Frau ist schon im Nachthemd, aber lässt sie ein. Und nun hört Friedemann eine der Geschichten, wie man sie ihm noch oft erzählen wird: Von der versäumten Flucht, Ankunft der Russen, Erschießung des Vaters vor ihren Augen, Tod der Mutter, von ihrem armseligen Leben als Deutsche in Polen, während es ihren Verwandten in Westdeutschland immer besser ging. Aber sie ist trotzdem "so guter Dinge", empfindet er und bewundert sie dafür. Und sie gibt eine Mahnung an ihn weiter: "So etwas Schreckliches wie den Krieg darf es nie mehr geben. Die Leute fragen, warum Gott das zulässt. Aber es sind doch die Menschen, die sich gegenseitig umbringen."

No bum, no!

"Symbolischer Startpunkt für die Studienreise" soll die Westerplatte bei Danzig sein. Ab dem 1. September 1939 beschoss der deutsche Panzerkreuzer Schleswig-Holstein die Festung an der Weichselmündung. Sieben Tage verteidigten sich die polnischen Soldaten. Riesenbuchstaben vor einer Pappelreihe: NIGDY WIECEJ WOJNY. Er fragt einen jungen Polen, der Miniaturen des Monuments verkauft, was das heißt. "No bum, no", sagt der. Viel mehr erfährt Friedemann nicht, kein gelungener Start für die Studien, scheint ihm. Er zieht weiter, wer mit dem Rad unterwegs ist, kann nie lange bleiben. Er fragt in kleinen Dörfern abseits der Straße nach einem Zeltplatz im Garten, führt radebrechend seine Abendgespräche und nähert sich so Kaliningrad, der russischen Enklave zwischen Litauen und Polen, Jahrzehnte lang ein militärisches Sperrgebiet. Diese Station seiner Reise ist ihm unheimlich. Auch unterwegs warnen ihn alle. Eine Kontaktadresse hat er dort nicht gefunden, aber mit einem jungen Wissenschaftler in Passau telefoniert, der als Dozent ein Jahr an der Universität Kaliningrad war. Der redete so: Mit dem Fahrrad durch Kaliningrad? Ist ja eine lustige Idee - du wirst der Einzige sein - da kannst du dich gleich von deinen Eltern verabschieden - die fahren da wie die allerletzte Sau. Und wortwörtlich: "Da wirst du sterben."

Die Stadt findet er hässlich, heruntergekommene Plattenbauten und Straßen voller Risse und Schlaglöcher. Dass jemand hier gern lebt, kann er sich nicht vorstellen. Er wird erst später etwas über das Leben dort erfahren, was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Von seinem Opa, der aus Königsberg kommt, hat Friedemann von der blühenden Ostseemetropole, der alten Universität, dem Hafen gehört. Er weiß: "Im Krieg wurde die Stadt fast vollkommen dem Erdboden gleichgemacht. Eine neue Stadt wurde hochgezogen, gleich nach Kriegsende, und danach ist nicht mehr viel passiert."

Weiter, weg von hier, am nächsten Morgen fährt er früh los. Es ist der 9. Mai 2005 - Tag des Sieges von 1945. In der Stadt laufen Festvorbereitungen, er lässt das hinter sich und bedauert es später. Vor ihm taucht ein anderer Radfahrer auf, den es hier angeblich gar nicht geben darf. Sie haben fast das gleiche Tempo, überholen sich gegenseitig zwei Mal. Und dann fangen sie an zu reden, mit Geduld in gebrochenem Englisch. "Diesen Tag war ich nicht allein. Wir sind 60 Kilometer zusammen gefahren und haben uns die ganze Zeit unterhalten. Auch über die Vorurteile des Passauers. Mein Begleiter war ein Russe, seit 15 Jahren fährt er diese Strecke an jedem Wochenende. Ende 30 vielleicht, er war Offizier, jetzt ist er Pazifist und Greenpeace-Anhänger. Das war eine meiner Top-Begegnungen!" Sie kommen bis ans offene Meer, an die Ostsee, gegen deren Wind Friedemann unterwegs oft anfahren musste, die er nun zum ersten Mal sieht. An dem 100 Kilometer langen, schmalen Landstreifen der Kurischen Nehrung picknicken sie auf einem ehemaligen sowjetischen Wachturm - alles Militärische ist hier ehemalig. Sie haben einen weiten Blick. "Die Natur ist dort traumhaft, so schlicht, einfach sehr schön." Als er allein weiterfährt, ist er voller Freude über den glücklichen Zufall, "einen Russen getroffen zu haben, der alle Vorurteile über den Haufen geworfen hat".

Mitten auf der schmalen Kurischen Nehrung überquert er die Grenze nach Litauen. Da liegt Nida, deutsch Nidden, in dem Städtchen gibt es ein Thomas-Mann-Kulturzentrum im früheren Sommerhaus des Schriftstellers. Er wird in einen Raum geführt mit 25 Deutschlehrerinnen und einem Lehrer, Litauer und Russen. Sie schauen alle neugierig auf den jungen Radfahrer aus Deutschland. Es ist der letzte Abend eines Seminars über den Umgang mit nationalen Vorurteilen im Unterricht, veranstaltet von der Deutschen Auslandsgesellschaft e.V. Lübeck, finanziert von der Robert-Bosch-Stiftung. Für ihn ist es wie ein Wunder: "Irgendwo am Weg" behandelt eine Gruppe Menschen genau sein Thema. Und wieder trifft er Leute aus Kaliningrad, das er gerade fast fluchtartig verlassen hatte. Nun hört er, warum sie gern in der geschundenen Stadt leben. Eine Deutschlehrerin, eine Turkmenin, erzählt, dass sie in Usbekistan aufgewachsen sei, wo sie immer die Fremde blieb. Als junge Frau ist sie nach Tula in Russland gezogen, aber es wurde nicht besser. Erst seit sie in Kaliningrad lebt, fühlt sie sich als Gleiche unter Gleichen. Denn die meisten kommen aus den verschiedensten Gegenden Russlands. In dieser Stadt sei man tolerant. Und man wolle den offenen Geist der einst blühenden Ostseemetropole wieder erwecken.

Aus versunkenen Zeiten

Weiter, immer weiter. Im litauischen Klaipeda ist das Simon-Dach-Haus Friedemanns Ziel, ein deutsches Kulturinstitut. Er bekommt Tee und wird voll Befremden gefragt, wie er denn auf die abwegige Idee gekommen sei, "so ein Thema" zu verfolgen. Die Deutschen in dem Haus kommen ihm "zu deutsch" vor, er sucht sich bei der Diakoniestation sein Nachtquartier, aber auch da ist eine deutsche Hausmeisterin aus dem Memelland, die kein gutes Wort über Russen und Litauer hat. "Alles nationalmuffig", empfindet er und ist ratlos.

Auch in der lettischen Hauptstadt Riga wird es nicht einfacher. Im Haus der jüdischen Gemeinde, das weiß er schon, gibt es eine Ausstellung "Juden in Lettland", sie zeigt die lange Geschichte in Dokumenten und am Ende die akribischen Aufzeichnungen der Waffen-SS über die Ermordung der hier lebenden Juden. Daneben das Tagebuch eines der Täter. Er sieht, dass auch Letten an den Massakern beteiligt waren. "Dort wurde mir das Unbegreifliche noch unbegreiflicher."

Der Leiter des Museums ist ein Überlebender. Friedemann sieht ihn vorbei gehen, empfindet sofort Sympathie, klopft an seine Tür, will mit ihm sprechen, ohne eigentlich zu wissen, was er ihn fragen könnte. Der Mann schaut ihn freundlich an, dann klingelt das Telefon. Friedemann zieht sich verwirrt zurück, ist auch verlegen: Warum ist er überhaupt zu ihm gegangen? Wollte er nur eine "außergewöhnliche Begegnung nicht verpassen"?, fragt er sich beschämt. An diesem Tag fühlt er sich seiner selbst gewählten Studienaufgabe nicht gewachsen, setzte sich in den Park, grübelt.

Den Höhepunkt des "Nationalmuffs" erlebt er in der estnischen Stadt Tartu, früher Dorpat. Dort begegnet er Veteranen aus dem Klub "Wiking Narva". Sie waren in estnischen Freiwilligenlegionen, die in den Jahren der deutschen Besatzung teils in die Wehrmacht, teils in die SS eingereiht wurden. Nach 1945 waren sie viele Jahre in sibirischen Lagern zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen interniert. Friedemanns Anliegen interpretieren sie seltsam: Sie sind überzeugt, er erfülle auf dieser Reise von Berlin nach Sankt Petersburg "eine Mission", die gleiche Mission, die auch sie, die Veteranen, zu erfüllen hätten. Was sie konkret meinen, bleibt im Dunkeln.

Die Alten erzählen Friedemann von der Tradition ihrer Familien, gegen den Bolschewismus zu kämpfen, Adolf Hitler nennen sie ihren "gemeinsamen obersten Kommandanten", die deutschen Soldaten waren ihre "Kameraden, mit denen sie gegen den jüdischen Bolschewismus gekämpft" haben. Es ist "harte Kost", und Friedemann tröstet sich mit dem Gedanken, dass all das aus "versunkenen Zeiten" stamme. Er empfindet zugleich Nachsicht mit ihnen, die ihn selbst verwundert, sie sind skurril, bei allem martialischen Reden so freundlich, ihr Leben war schwer und verworren. In ihm lagern sich die vielen Erzählungen ab, er erklärt sich die Widersprüche aus den Lebenswegen der Menschen, die von Krieg und Nachkrieg mehrfach überwältigt wurden. Aber - gibt ihm eine Mitarbeiterin des Deutschen Kulturinstituts in Tartu zu bedenken - diese alten Männer könnten wieder gefährlich werden, wenn sie Gehör bei den rechten Organisationen finden, die sich auch in Estland regen.

Bei Narva am gleichnamigen Fluss geht er über die Grenze nach Russland, seit dem 1. Mai 2004 auch die Ostgrenze der Europäischen Union. Noch 147 Kilometer bis Sankt Petersburg.

Seine letzte Aufgabe erwartet ihn hier. Er sieht den Friedhof für die Verhungerten und Erfrorenen aus 900 Tagen Belagerung zwischen 1941 und 1944 und das riesige Denkmal für die Verteidiger der Stadt. Ein Film mit alten Aufnahmen läuft. "Als ich die Bilder der Menschen sah, wie sie mit kleinen Wägelchen Wasser von der Newa holten, wie Bomber über die Stadt flogen, wie Tote auf Schlitten zum Friedhof gezogen wurden, wurde mir schwarz vor Augen. Ich musste mit einer Ohnmacht kämpfen, verließ den Gedenksaal, setzte mich auf eine Treppe und kam langsam wieder zu mir."

Ist Friedemann durch diese Reise zu einer Erkenntnis über den Zweiten Weltkrieg gekommen? Unterwegs hat er vergeblich danach gesucht, ob das Objektive und das Subjektive irgendwann zur Deckung kommen. Sein Studienplan trägt den Untertitel "Bilder der Geschichte", nun fragt er sich, was denn Bilder seien. Von den Leuten, mit denen er sprach, haben viele den Krieg und Nachkrieg dort erlebt, und er sah, dass jeder einzelne sein eigenes Bild von der Geschichte hat. Existiert also ein objektives, allumfassendes Bild von der Geschichte gar nicht? Über die Sowjetzeit haben die einen geschwärmt und die anderen geflucht, und alle hatten ihre Gründe. "Ich konnte alle verstehen."


Monate später

Diese Reise ist noch längst nicht vorbei

Friedemann fällt ein, wie er sich vor einem Jahr zu Silvester gewünscht hatte, dass die große Radtour zustande kommen möge. Ihm wird plötzlich mit Freude bewusst: "Ich habe es ja durchgezogen, ich habe es geschafft." Doch was sich aus den vielen Begegnungen schlussfolgern lässt, bleibt ihm eher unklar. Diese Wochen waren eine Übung in Genauigkeit und Hinhören, aber zu einem Urteil fühlt er sich noch nicht bereit. Da wartet etwas.

Josephine denkt an die Kinder im Heim und fühlt, dass sie da "eine Berührung mit Echtheit" hatte. Und nun nimmt sie wahr, wie selten die ist. Sie hadert mit sich und anderen: "Was man sich alles einbildet, was man alles tut - als wäre man wer weiß was: so viel Falsches." Sie hat Sehnsucht.


Josephine

Sie hat Russisch in der Schule gelernt. Ihre Lehrerin unterstützt den gemeinnützigen Verein "Perspektiven", der seit über zehn Jahren in einem Heim für behinderte Kinder bei Sankt Petersburg ein Hilfsprojekt betreibt. Dabei werden auch ehemalige Straßenkinder betreut und Räume für deren Betreuung in einem Psycho-Neurologischen Internat unterhalten. Dies geschieht gemeinsam mit dem russischen Partnerverein "Perspektivy", den es seit 1999 gibt. Die Arbeit gründet sich auf Spenden und freiwillige Dienste. Ziel ist es, mit den Partnern in Russland Modellprojekte zu entwickeln, bei denen dortige Traditionen mit hiesigen sozialpädagogischen Erfahrungen verbunden werden. (www.Perspektiven-Verein.de)


Friedemann

Er hat für die Reise ein Stipendium ergattert, von einer kleinen privaten Stiftung für Studienreisen in Bonn, die Jugendliche zwischen 16 und 20 bei Studienreisen ins Ausland unterstützt. Die Reisen sollen mindestens vier Wochen dauern und müssen unter einem Thema stehen. Friedemann hat sich für den Zweiten Weltkrieg entschieden - den "Feldzug der Deutschen bis Leningrad". Dafür reichen nicht Gedenkstätten und Museen - die Reisen der Stiftung führen "zu Menschen, nicht zu Steinen". Zur Vorbereitung musste Friedemann Kontakte knüpfen, einen Plan entwickeln und später Rechenschaft ablegen. Seine Tour begann wie eine Inszenierung: durch das Brandenburger Tor, die Linden entlang Richtung Osten am 1. Mai 2005. Sonne. Angst und Vorfreude. "Das Glück ist auf Seiten der Reisenden", meint er im Rückblick auf das ganze Unternehmen.


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00:00 24.02.2006

Ausgabe 25/2021

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