Biermann als Brandstifter

Ein Berliner Vormittag Wie der Bänkelbarde dem Kandidaten Christian Ströbele die Leviten las

Einen Tag vor der Wahl hatten wir Prenzlauer Berg-Bewohner in Berlin Wichtigeres zu tun, als uns über Vergangenes zu ärgern. Die Spatzen pfiffen von den Dächern die alte Leier: Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Der Himmel war ungeheuer oben und bayerisch blau stand Regulus, der Kleine König, im Sternbild Löwe. Die Luft roch nach Weißwurscht mit Sauerkraut, doch wir gingen wie immer hinaus zur bleichen Mutter Kollwitz, unsere Haut zu Markte tragen. Am Morgen kann man noch berlinisch-stolz, mit ´nem jewissen Aweck, durch die Wörtherstraße gehen. Ab Mittag nur noch stumm und gramgebeugt vor dem dialektisch-materialistischen Volksgemurmel der Mir san mir-Migranten. In letzter Minute boten die Wahlkämpfer ihre leicht verderbliche Ware aus deutschen Landen an, doch das störte kaum das Pariser Flair. Es hätte ein vergnüglicher Herbstspaziergang werden können, aber es kam anders. Kaum hatten wir unseren Capuccino auf dem Sonnendeck von Weizmann bestellt, ging Wolf Biermann Arm in Arm mit Frau Birthler übern Markt und die Stimmung war dahin. Einen Moment lang hofften wir, dass der bittere Kelch an uns vorübergeht und er uns nicht die Stasi-Arie singt, und vergruben uns hinter TAZ, Berliner Zeitung und ND. Da setzte der stets nach Publikumsbeute gierende Papiertiger zum Sprung an und stürmte den SPD-Stand. Mit den Sozis hatte der randalige Wanderbursche stets ein Hühnchen zu rupfen. Sie ließen sich ja seit eh und je in die Pfanne des Kapitals hauen. Die Jusos lenkten das Thema geschickt von sich ab und übten Solidarität mit den Grünen. Vor allem mit Ströbele, der Kopf und Kragen für die Demokratie riskierte. Dazu meinte der Berufs-Niedermacher schadenfroh: "Dieser Opportunist gehört ins Krankenhaus, nicht ins Parlament". Biermann muss es wissen, hat er doch seinen Magister auf dem Gebiet des linken Opportunismus gemacht. Als Schoßkind von Margot Honecker konnte ihm in der DDR niemand ernstlich ein Haar krümmen. Erst als das Wölfchen seine von Brecht und Villon abgeschriebenen Verse im Westen verlegte und daraufhin einen Plattenvertrag bei CBS bekam, wurden die Genossen neidisch und warfen ihn aus SED und BAT. Um ihn mit einer größeren Rolle auf den schwankenden Brettern des Weltkommunismus zu ködern, die seiner frankophilen Ader zu Herzen ging - der des agent provocateur. "Ich war wunderbar geschützt auch durch meine Unwissenheit", kokettierte er 1998 bei der Verleihung des Nationalpreises. Wohl wissend, dass seine ungeschützten Parteigänger für ihn aufs Dach des sozialistischen Kulturhäuschens steigen und wie Ikarus abstürzen, ließ er sich 1976 ausbürgern, um im Westen Karriere zu machen. Nebbich, Schnee von gestern, wie die SED-Genossen zu sagen pflegten. Wir ließen uns eine Tüte vom Kellner bringen, um zu kotzen. Doch da war das Subjekt unserer gastritischen Begierde schon weiter gedackelt zur PDS. Dort gab es Kondome und Heftpflaster, aber keine Proletarierinnen, mit denen man sich vereinigen und nachher verarzten lassen konnte. Wolf-Karl der Große mit dem Napoleonischen Gartenzwerg-Komplex schwoll der Kamm. Sandra Brunner, die für die PDS gegen Wolfgang Thierse in Pankow antrat und die DDR nur vom Hörensagen kennt, wurde vom bösen Wolf als naives Rotkäppchen heruntergeputzt. Verzweifelt hielten wir unparteiischen Frauenverehrer nach Sascha "Arschloch" Ausschau, um die billige Anmache des Chauvis mit einem verbalen Faustkampf zu beenden. Doch Andersons Märchen verkaufen sich längst nicht mehr auf dem Kollwitz-Platz. So führt der Stasi-Oberförster seinen Dackel lieber am Mauerpark aus.

Ein Kenner jüdischer Literatur hatte die unkoschere Idee, dem Wolf im Schafspelz eins aufs Fell zu brennen, für die brutale Nachdichtung des Großen Gesangs vom ausgerottenen jüdischen Volk. Wir hielten ihn zurück, denn das tut man nicht, weder am Sabbath noch überhaupt. Die größere Strafe ist es, Wolf Biermann zu sein und niemanden kümmert´s. So tippelte der gute Mensch von Lassan bekümmert zur nächsten Partei. Die FDP hielt sich abseits des bunten Treibens vor der SPAR-Filiale, und so blieb ihr die Standpauke erspart. Wohl auch, weil zu Möllemann selbst Biermann nichts mehr einfällt.

Am gedeckten Tisch von Bündnis 90/Die Grünen stärkte sich unser unritterlicher Wetterer vom Strahl für den Turnierkampf gegen die rot-rote Räterepulik. Mit leichenbitterer Miene beschwor er den Geist des Übervaters Havemann, dessen Name vom missratenen Sohn Florian als Bonus zur PDS-Kandidatur entweiht wird. Dann kam es, wie es kommen musste, der Bänkelbarde zog seine Klampfe aus dem Kasten und spielte uns seine Edelschnulze Enfant perdu. Dem nichtprivilegierten DDR-Geborenen, der gern rübergemacht hätte, ohne Waldheim oder Waldfriedhof zu riskieren, muss damals das Lied von Frankie Havemann goes West den kalten Muckefuck hochgetrieben haben. Perdu, aus und vergessen! Als gegen Mittag die Münchner Großfamilien mit ihren Turbo-Kinderwagen den Kolle-Markt zerstoiberten, um am Käsestand über "Gysis Proll-Partei" und "Schröders Roadshow" zu stänkern, war es Zeit für uns, im Metzer-Eck Bulette mit Röstkartoffeln zu mampfen. Wohin Wolf Biermann mit Frau Birthler essen ging, wissen wir nicht. Vielleicht in die Gauck-Behörde. Dort kann der wichtigste Arbeitgeber der Stasi Mielkes Mitarbeitern, die Leviten lesen. Wer nicht zuhören will, wird entlassen. Ein Glück für uns, dass erst in vier Jahren wieder Wahlen sind!

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00:00 27.09.2002

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