Bikinis in Pergamon

Klassismus Die Berliner Hochkultur fürchtet ein Flussbad zwischen Stadtschloss und Museumsinsel. Dabei wäre das verpönte „Badevergnügen“ der Antike näher, als die Kritiker glauben
Bikinis in Pergamon
So könnte es aussehen, das neue Berliner Flussbad – von der Antike kaum zu unterscheiden

Foto: Flussbad e.V

Das Interesse für Hauptstadtbefindlichkeiten hat Grenzen, doch manchmal sind sie wirklich von allgemeiner Bedeutung. Etwa der erbitterte Widerstand, der nun dem Plan entgegenschlägt, in dem Kanalstück, das zwischen Stadtschloss und Museumsinsel einherdümpelt, ein Flussbad einzurichten. Denn darin zeigt sich, wie recht Ihr Handy hat, wenn es „Klassismus“ partout als „Klassizismus“ verstehen will.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz unkt, da würden Massen auch zum Feiern strömen, wo man „in Kultur baden“ solle. Die Gesellschaft Historisches Berlin ist so pikiert wie der Schlossnachbau-Initiator. Und um die alte Phalanx von Thron, Kunst und Altar zu schließen, schließt sich „der Dom“ den Klagen an: Ein Einklang zwischen der aktiven Kirche in ihrem exquisiten Baudenkmal und einem „Badevergnügen“ sei unmöglich, so ein offener Brief, in dem der Berliner Dom offensiv fordert, das Projekt zu stoppen.

Lakonisch sammelte Niklas Maak jüngst in der FAZ die Phrasen von „Weltkulturerbe“ bis „Wohnzimmer der Stadtgesellschaft“. Aber worum geht es wirklich? Was ist so schlimm an Badenden? Unfreiwillig führt ein Einwand des Berliner Denkmalschutzes auf die Spur: Die Spiegelungen der Brücken im Wasser könnten gestört werden!

Das zeigt die Geschichtsvergessenheit solcher Debatten: Einst waren diese Kanäle ja stark befahren. Kern der falschen Sorge um das „Historische“ scheint eine Angst vor Menschenkörpern zu sein. Vor deren Handlungen, Farben, Gerüchen, Geräuschen – und das schon in zweiter Ableitung. Denn nicht nur das klassizistische Berlin war lebendiger als das, was nun von ihm „bewahrt“ werden soll. Der Klassizismus ist selbst eine Aneignung der Antike, die viel über das 18. und 19. Jahrhundert sagt und wenig über das Zeitalter, das er zitierte und sammelte.

Die Antike hatte nämlich wenig gemein mit dem Klischee jenes philosophierenden Schwebens zwischen weißen Marmorsäulen, das der Klassizismus entwarf. Man muss da nicht einmal auf Ökonomie und Politik des Altertums blicken. Es reicht zu wissen, dass es damals zwischen Säulen und Statuen höchst profan wimmelte – und all diese Dinge quietschbunt waren. Auch der Pergamon-Altar, dessen Kult auf der Museumsinsel jetzt vor Bikinis geschützt werden soll.

Das „weiß man“ heute und wusste es im 19. Jahrhundert, aber es kam nie zu Bewusstsein. Das hochkulturelle Geraune gegen das Flussbad zeigt, wie tief jene Distanz zum ungezwungen Körperlichen und Lebendigen bis heute sitzt. So kann man nicht sehen, dass die öffentliche Badestelle zumindest den antiken Schätzen der Museumsinsel eigentlich angemessener ist als beflissener Kulturtourismus – wenn nicht auch dem Stadtbild der Berliner Mitte, das diesen Schätzen nachempfunden ist.

Der Grund für die Hartnäckigkeit dieser Haltung ist einfach: Der Klassizismus war und ist ein Klassismus – ein mehr einverleibtes als gedachtes Ethos der „Vergeistigung“, in dem sich zu „Bildung“ und Muße befähigte Oberschichten gegen die abgrenzen, die außer Körpern nichts besitzen.

Die Verantwortlichen sollten sich in Sachen Flussbad also nicht beirren lassen. Schon einmal hat ja das lebende Berlin an eben diesem Ort in seiner Mitte der falschen Konservierung ein Schnippchen geschlagen: Der Schlossnachbau, geplant zu Preußens neuer Gloria, brachte als Humboldt-Forum eine Kolonialismusdebatte. In diesem Sinne, Weltgeist, auf ein zweites!

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06:00 24.04.2021

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